Orte

Etappenort am Jakobsweg

Santo Domingo de la Calzada

La Rioja, Spain

Unterkünfte
33
Caminos
2
Höhe
639 m

Santo Domingo de la Calzada trägt den Namen eines Mannes, der für Pilger Brücke, Hospital und Straße baute. In seiner Kathedrale leben ein weißer Hahn und eine Henne, Zeugen einer Wunderlegende. Ein Nachmittag reicht, und die große Herberge seiner Bruderschaft loben Pilger fast einhellig.

Aktuell in Santo Domingo de la Calzada (Stand: Oktober 2026)

  • Winterpause: Die Herberge der Abadía Cisterciense ist vom 1. November bis Ende Februar geschlossen. Die Herberge der Cofradía del Santo bleibt ganzjährig offen.
  • Später einchecken: Von November bis Februar öffnet die Herberge der Cofradía erst um 13 Uhr statt um 11 Uhr.
  • Neuer Betreiber: Die Herberge der Abadía Cisterciense hat seit Juni 2026 eine neue Leitung.

Wie lange bleiben?

Ein Nachmittag reicht. Fast alles, was du sehen willst, liegt an einer einzigen Straße, der Calle Mayor: die Kathedrale mit dem Grab des Heiligen und dem Hühnerstall, der freistehende Turm, das alte Pilgerhospital und die Herbergen. Danach bleibt Zeit für die Reste der Stadtmauer und einen Abend im Garten der Herberge. Einen ganzen Ruhetag füllt die kleine Stadt nicht.

Santo Domingo in Ninja-Zahlen

  • Rund 565 Kilometer sind es laut Camino Ninja von hier bis Santiago. Fast drei Viertel des Camino Francés liegen also noch vor dir.
  • Seit 1350 ist belegt, dass in der Kathedrale lebende Hühner gehalten werden. In jenem Jahr erlaubte eine Bulle von Papst Clemens VI. den Brauch.
  • Alle 15 Tage werden Hahn und Henne ausgetauscht (Stand: 2024). Die Tiere kommen aus der Zucht der Bruderschaft im Garten der Pilgerherberge.
  • Fast 70 Meter hoch ist der freistehende Turm der Kathedrale, der höchste in La Rioja.
  • Rund 202 Kilometer lang ist laut Camino Ninja der Camino Vasco del Interior von Irún, der hier auf den Camino Francés trifft.

Ankommen: auf der Straße des Heiligen

Von Nájera kommst du auf dem Camino Francés nach laut Camino Ninja knapp 21 Kilometern an. Hinter Azofra passierst du einen steinernen Gerichtspfahl aus dem sechzehnten Jahrhundert, vor Cirueña dann eine Golfsiedlung, die 2013 mitten auf die historische Trasse gebaut wurde. Hinter Cirueña siehst du von einer Anhöhe aus Santo Domingo liegen, bis zur Kathedrale sind es dann noch etwa 40 Minuten. Es folgt eine lange, betonierte Abfahrt an Kartoffellagern vorbei.

In die Stadt kommst du über die Avenida de Torrecilla und gehst dann ohne abzubiegen die Calle Mayor entlang. Sie führt von Osten nach Westen durch die Altstadt, an beiden Pilgerherbergen vorbei, bis zur Kathedrale. Wer über den Camino Vasco del Interior aus Richtung Haro kommt, hat hier das Ende seines Weges erreicht und geht ab morgen auf dem Camino Francés weiter.

Kurz erzählt: eine Stadt, die einem Wegebauer gehört

Domingo García lebte von etwa 1019 bis 1109 und widmete sein Leben den Pilgern. Er baute eine Brücke über den Río Oja, ein Hospital und befestigte den Weg zwischen Nájera und Redecilla. Daher sein Beiname „de la Calzada“, von der Straße. Um sein Grab wuchs die Stadt. 1158 begann man mit dem Bau der heutigen Kirche, nach 1232 wurde sie Kathedrale.

König Alfons VIII. verlieh der Stadt 1187 und 1207 ihre Stadtrechte. Um 1367 bis 1369 ließ König Pedro I. eine Mauer bauen, von der heute noch Türme und Abschnitte stehen. Sein Halbbruder und Rivale, König Heinrich II., starb 1379 in Santo Domingo. Man nennt die Stadt auch die „Compostela der Rioja“.

Hahn, Henne und ein Gehängter

Der berühmteste Satz über die Stadt lautet: „Santo Domingo de la Calzada, donde cantó la gallina después de asada.“ Santo Domingo, wo die Henne sang, nachdem sie gebraten war. Dahinter steht eine Legende. Eine deutsche Pilgerfamilie übernachtet hier mit ihrem Sohn Hugonell. Die Tochter des Wirts verliebt sich in ihn, wird abgewiesen und versteckt aus Rache einen silbernen Becher in seinem Gepäck. Der junge Mann wird als Dieb gehängt. Als die Eltern zum Galgen kommen, lebt er, gestützt vom Heiligen. Sie eilen zum Richter, der gerade beim Essen sitzt. Der spottet, ihr Sohn sei so lebendig wie die Hühner auf seinem Teller, und die springen auf und krähen.

Fast dieselbe Geschichte erzählt man in Barcelos in Portugal, wo der Hahn zum Symbol ganz Portugals geworden ist. In Santo Domingo aber krähen die Hühner bis heute. In einem gotischen Steinkäfig in der Kathedrale, gebaut um 1460, leben ein weißer Hahn und eine weiße Henne. Sie gilt als einzige Kathedrale, in der Tiere wohnen dürfen.

Entlang der Calle Mayor: was du sehen solltest

Alles liegt an oder nahe der Calle Mayor, du brauchst keinen Stadtplan. Folge einfach der Straße, auf der du ohnehin gekommen bist.

  • Catedral del Salvador: Der Bau begann 1158 über dem Grab von Santo Domingo. Unter seinem Mausoleum liegt eine Krypta mit den Reliquien, am Grab hängt eine Sichel, die an eines seiner Wunder erinnert. Im Querschiff steht der gotische Hühnerstall. Auch ein Stück Holz vom Galgen aus der Legende soll hier ausgestellt sein. Ein Blick lohnt auf den Hochaltar von Damián Forment aus der Renaissance, der seit seiner Restaurierung 1994 im nördlichen Querschiff steht. Pilger zahlen mit Credencial weniger, 2024 waren es 3 €. Aktuelle Öffnungszeiten und Preise haben wir nicht verlässlich gefunden, frag in der Herberge oder in der Touristinfo.
  • Torre exenta: Der Turm steht allein auf der anderen Straßenseite, weil ein früherer Turm an der Kirche Probleme mit dem Fundament hatte. Martín de Beratúa baute ihn ab 1762, fast 70 Meter hoch. Er ist für Besucher geöffnet, einen aktuellen Preis haben wir nicht gefunden.
  • Das alte Pilgerhospital: An der Plaza del Santo steht das Hospital, das auf Santo Domingo zurückgeht. Bis 1965 schliefen hier Pilger, heute ist es ein Parador, ein staatliches Hotel.
  • Stadtmauer: König Pedro I. ließ sie im vierzehnten Jahrhundert bauen. Zwölf Türme und mehrere Abschnitte sind erhalten, sie gilt als bedeutendste Stadtmauer der Rioja.
  • Monasterio de Nuestra Señora de la Anunciación: Im Kloster der Zisterzienserinnen an der Ecke zur Calle de las Monjas steht ein großer Barockaltar mit der Verkündigung und das Alabastergrab von drei Bischöfen, darunter der Gründer des Klosters, Pedro Manso de Zúñiga.

Essen und Trinken

Die meisten Restaurants liegen an der Calle Mayor. Typisch für die Rioja sind patatas a la riojana, Kartoffeln mit Chorizo, und bacalao a la riojana, Stockfisch in Tomatensauce. Das Gebäck der Stadt heißt ahorcaditos, „kleine Gehängte“, nach der Legende: Gebäck in Muschelform mit Mandelcreme. Die Zisterzienserinnen verkaufen in ihrem Gästehaus außerdem borrachuelos.

Ehrlich gesagt

  • Der Einzug ist kein Genuss. Erst die Golfsiedlung auf der alten Trasse, dann eine lange Betonpiste ohne Erdstreifen daneben.
  • Die große Herberge hat wenige Steckdosen. Mehrere Pilger berichten, dass es am Bett keine Steckdose gibt. Lade dein Handy in den Aufenthaltsräumen.
  • Die zweite Herberge ist ein Fragezeichen. Die Herberge der Abadía Cisterciense bekam 2025 in Camino Ninja schlechte Bewertungen, Pilger fanden sie heruntergekommen. Seit Juni 2026 gibt es eine neue Leitung, wie es jetzt ist, wissen wir noch nicht.
  • Morgen gibt es wenig Schatten. Die nächste Etappe führt lange neben der Nationalstraße N-120 und einer Autobahnbaustelle entlang, ohne Schatten und ohne Rastplätze bis Grañón.

Wo Pilger schlafen

  • Albergue de Peregrinos Cofradía del Santo: die Herberge der Bruderschaft des Heiligen an der Calle Mayor 38–42, mitten in der Altstadt. 13 € inklusive Einwegbettwäsche (Stand: Oktober 2026), ganzjährig offen, nur für Pilger mit Credencial, Reservierung möglich. Sie ist sehr groß, mit vielen Schlafsälen, Aufzug, großen Aufenthaltsräumen und einem Garten mit Fußbecken. In der Küche gibt es eine Mikrowelle, aber keinen Herd. Die Bruderschaft beherbergt hier seit 1968 Pilger, die heutige Herberge wurde 2009 eröffnet. Eine Credencial bekommst du hier auch.
  • Albergue de Peregrinos Abadía Cisterciense: an der Calle Mayor 29, in einem Gebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert. 40 Betten in kleinen Zimmern mit zwei bis vier Plätzen, 13 bis 15 €, Frühstück 5 € (Stand: Oktober 2026). Reservierung möglich, geöffnet vom 1. März bis 31. Oktober.

Private Zimmer in Pensionen und kleinen Hostels gibt es ab rund 40 € für zwei (Stand: Oktober 2026).

Ninja-Tipps

  • Die Hühner der Kathedrale wohnen bei dir: Im Garten der Herberge der Bruderschaft züchtet man die weißen Hühner, die abwechselnd in der Kathedrale sitzen. Schau beim Wäscheaufhängen in den Hof.
  • Füße ins kalte Wasser: Im Garten der Cofradía gibt es Fußbecken. Nach 21 Kilometern ist das die beste Viertelstunde des Tages.
  • Früh da sein lohnt sich: In der großen Herberge werden zuerst die unteren Betten vergeben, wer früh kommt, muss nicht nach oben klettern.
  • Ladekabel ins Wohnzimmer: Steckdosen findest du an den Sofas im ersten Stock, nicht am Bett.
  • Credencial zeigen: In der Kathedrale zahlst du mit Credencial weniger.
  • Ein kurzer Tag nach Grañón: Wer morgen nur 6,7 Kilometer gehen will, findet in Grañón eine Pfarrherberge mit Matratzen auf dem Boden, gemeinsamem Abendessen und Frühstück gegen Spende. Reservieren geht dort nicht, einen Schlafsack brauchst du.

Praktische Tipps für Pilger

  • Touristinfo: an der Calle Mayor 3. Von Mai bis November täglich 10 bis 14 und 16 bis 19 Uhr, sonst Dienstag bis Sonntag vormittags, samstags auch nachmittags, montags geschlossen (Stand: Mai 2026).
  • Einkaufen: Geldautomat, Apotheke, Arzt, Supermarkt, Bäckerei und Metzgerei gibt es im Ort.
  • Fiestas del Santo: Im Mai feiert die Stadt ihren Heiligen, auch mit nächtlichen Prozessionen.

Weiter: über die Grenze nach Kastilien

Du verlässt die Stadt auf der Calle Mayor und überquerst den Río Oja auf einer Brücke, die auf dem Vorgängerbau von Santo Domingo steht. Daneben steht die Ermita del Puente von 1917. Dann geht es auf Pisten neben der N-120 nach Grañón, laut Camino Ninja 6,7 Kilometer. Etwa zwei Kilometer dahinter verlässt du La Rioja und kommst nach Castilla y León. Über Redecilla del Camino (10,3 km) und Viloria de Rioja (14,0 km) führt der Weg bis Belorado, laut Camino Ninja 22,2 Kilometer.

Morgen erwartet dich

Morgen gehst du durch die Heimat deines Heiligen. Santo Domingo wird auch Domingo de Viloria genannt, nach Viloria de Rioja, durch das du nach 14 Kilometern kommst. Vorher lohnt in Redecilla ein Blick auf das romanische Taufbecken der Kirche, auch wenn es nicht immer an seinem Platz steht. Am Ende des Tages wartet Belorado, dein erster Etappenort in Kastilien.

Tiefer eintauchen: Der Mann, der Straßen baute

Ein langer Text, falls du noch mehr über Santo Domingo de la Calzada erfahren willst. Etwa fünfundzwanzig Minuten Lesezeit.

Eine Straße, die eine Stadt bekam

Wenn du auf der Calle Mayor stehst, stehst du mitten in der Geschichte dieser Stadt. Die Straße, auf der du gekommen bist, ist nicht irgendeine Hauptstraße. Sie ist der Grund, warum es hier überhaupt Häuser gibt. Calzada heißt auf Spanisch die befestigte, gepflasterte Straße, und Santo Domingo de la Calzada ist der heilige Dominikus von der Straße. Die meisten Städte bekommen irgendwann eine Straße. Hier war es umgekehrt: Eine Straße hat eine Stadt bekommen.

Am Anfang steht ein Mann, der Pilgern das Leben leichter machen wollte. Er rodete einen Wald, baute eine Brücke, ein Hospital, einen Brunnen und eine Kirche. Als er starb, wurde er neben seiner Straße begraben, und um sein Grab wuchsen eine Kathedrale, eine Bruderschaft und eine Stadt mit Mauern und Türmen. Dazu kommt eine der seltsamsten Legenden des ganzen Jakobswegs, eine Geschichte von einem Gehängten, einem spöttischen Richter und zwei gebratenen Hühnern. Ihretwegen leben bis heute ein weißer Hahn und eine weiße Henne in der Kathedrale.

Dieser Text erzählt beides: das, was man über Domingo und seine Stadt weiß, und das, was man sich über ihn erzählt. Die Grenze zwischen beidem ist hier oft dünn. Wir sagen dir jeweils, auf welcher Seite du gerade stehst.

Ein Hirte, den keiner wollte

Domingo García wurde der Überlieferung nach im Jahr 1019 geboren, in Viloria, einem kleinen Dorf, durch das du morgen nach 14 Kilometern kommst. Ein Magazin, das 2019 über das Jubiläum der Stadt berichtete, nennt sogar den Tag, den 25. April. Ganz sicher ist der Geburtsort nicht, die spanische Wikipedia versieht ihn mit einem Fragezeichen. Seine Eltern hießen, so überliefern es die Lebensbeschreibungen, Ximeno García und Orodulce. Der Vater war Bauer, und Domingo hütete als junger Mann Vieh.

Nach dem Tod seiner Eltern wollte er Mönch werden. Er klopfte bei den Benediktinern an, zuerst im Kloster Valvanera, dann in San Millán de la Cogolla, einem der großen Klöster der Rioja. Beide Male wurde er abgewiesen. Warum, sagen die Quellen nicht. Man kann sich trotzdem vorstellen, was das für einen jungen Mann bedeutet: Er will sein Leben Gott geben, und zweimal sagt man ihm, dass man ihn nicht braucht.

Domingo ging in den Wald. In einem Steineichenwald nahe dem Río Oja, den die Quellen Ayuela nennen, lebte er als Einsiedler, bis etwa zum Jahr 1039. Wo heute die Stadt steht, war damals Wald. Durch diesen Wald zogen schon Pilger nach Santiago, und am Oja mussten sie über den Fluss.

Ein Gesandter des Papstes und eine Brücke aus Holz

Um 1039 kam ein Mann in die Gegend, der Domingos Leben veränderte. Gregor von Ostia war als Gesandter des Papstes nach Calahorra geschickt worden, um gegen eine Heuschreckenplage zu helfen. Er weihte Domingo zum Priester, und die beiden arbeiteten zusammen. Gemeinsam bauten sie eine erste Brücke über den Oja, noch aus Holz, damit die Pilger trocken hinüberkamen.

Gregor starb 1044. Domingo kehrte in seinen Wald zurück und fing an, ihn zu verwandeln. Er fällte Bäume, machte Land urbar und legte eine gepflasterte Straße an, zwischen Nájera und Redecilla del Camino. Das ist genau der Abschnitt, den du heute von Nájera her gegangen bist und morgen bis Redecilla weitergehst. Seine Straße wurde zur Hauptroute der Pilger in diesem Teil der Rioja, und sie gab ihm den Namen, unter dem ihn bis heute alle kennen.

Wie er den Wald gerodet haben soll, darüber erzählt man eine eigene Legende. Der Chronist José González de Tejada schrieb im Jahr 1702: „Con una hoz de segar espigas desmontó el Monte todo.“ Mit einer Sichel, mit der man Ähren schneidet, habe er den ganzen Wald niedergelegt. Tejada nannte das ein seltenes Wunder, das man nur von diesem Heiligen erzähle, und berichtete, die Sichel werde in der Kapelle des Heiligen mit großer Verehrung aufbewahrt. Ein Baum und eine Sichel waren lange das Wappen der Stadt. Erst später kamen ein Hahn und eine Henne dazu.

Brücke, Hospital, Brunnen und Kirche

Rund um seine Einsiedelei baute Domingo, was Pilger brauchten. Die hölzerne Brücke ersetzte er durch eine aus Stein. Daneben entstand ein Hospital für Arme und Pilger, ein Brunnen und eine Kirche. Nach der Überlieferung stand das Hospital auf den Resten eines Jagdschlosses der Könige von Navarra. Eine andere Fassung sagt, der Graf von Nájera, Diego Díaz López de Haro, habe Domingo seinen Jagdpavillon überlassen. Welche stimmt, wissen wir nicht. Beide erzählen dasselbe: Ein Haus der Mächtigen wurde ein Haus für Fremde.

Auch die Mächtigen selbst wurden aufmerksam. König Alfons der Sechste von Kastilien eroberte die Rioja 1076, besuchte Domingo 1090 und unterstützte seine Arbeit am Weg. 1098 schenkte er ihm Land für eine Kirche, geweiht dem Erlöser und der heiligen Maria. Bischof Pedro Nazar von Calahorra weihte sie 1106. Domingo selbst wählte sein Grab nicht in der Kirche, sondern draußen, an ihrer Mauer.

Am 12. Mai 1109 starb Domingo, es war ein Samstag. Er wurde dort begraben, wo er es wollte, an der Kirche, neben seiner Straße. Um sein Grab, sein Hospital und seine Brücke wuchs nun die Siedlung, die seinen Namen trägt. Wie sehr Brücke und Hospital auch danach noch auf die Hilfe vieler angewiesen waren, zeigt eine Urkunde von 1191. Bischof García versprach darin einen Ablass allen, die Geld für die Kirche, das Hospital und die Brücke gaben, oder die ihre Ochsen liehen, um Steine heranzufahren.

Die Brücke über den Oja, über die du morgen die Stadt verlässt, ist heute 148 Meter lang und hat 16 Bögen. Ob in ihr noch Steine aus Domingos Zeit stecken, sagen die Quellen unterschiedlich. Sicher ist nur, dass sie dort steht, wo er seine Brücke baute.

Der Codex Calixtinus kennt ihn schon

Wie wenig wir über Domingos Leben sicher wissen, sollte man ehrlich sagen. Der Rechtshistoriker Ignacio Cremades schreibt, dass seine Lebensgeschichte aus der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts keine verlässliche Dokumentation hat. Vieles stammt aus Lebensbeschreibungen, die Jahrhunderte später entstanden, etwa der Geschichte des Heiligen von Fray Luis de la Vega aus dem Jahr 1606 oder der von González de Tejada aus dem Jahr 1702.

Umso schöner ist ein Zeugnis, das recht früh ist. Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts entstand der Codex Calixtinus, das große Buch über den Jakobusweg, dessen fünfter Teil oft der erste Pilgerführer Europas genannt wird. Dort werden die Orte zwischen Logroño und Burgos aufgezählt: Nájera, Santo Domingo, Redecilla, Belorado. Und in dem Kapitel über die Heiligengräber, die ein Pilger unterwegs besuchen soll, heißt es, man müsse den Leib des heiligen Domingo besuchen, eines Bekenners, der das Stück Straße baute, an dem er ruht, zwischen der Stadt Nájera und Redecilla del Camino.

Das ist ein bemerkenswerter Satz. Wenige Jahrzehnte nach seinem Tod kannte ein Pilgerführer Domingo nicht als Wundertäter und nicht als Prediger, sondern als den Mann, der die Straße gebaut hat. Und er ruht an ihr. Wer zu seinem Grab geht, geht auf seinem Werk.

Ein Schüler namens Juan

Domingo arbeitete nicht allein. Sein bekanntester Helfer war ein junger Mann aus Quintanaortuño bei Burgos, geboren 1080, den man später San Juan de Ortega nannte. Er gilt als Schüler Domingos und half ihm beim Bau der Steinbrücke, beim Hospital und bei der Kirche.

Nach dem Tod seines Lehrers brach Juan um 1112 selbst als Pilger nach Jerusalem auf. Auf der Rückreise erlitt er Schiffbruch. Der Überlieferung nach rief er den heiligen Nikolaus von Bari an und versprach ihm eine Kapelle, falls er überlebe. Er überlebte und hielt Wort. In den Montes de Oca, einem Waldgebirge östlich von Burgos, baute er eine Kapelle und eine Herberge für Pilger. Daraus wurde um 1138 ein Kloster, und um das Kloster herum entstand der Ort San Juan de Ortega, durch den du in wenigen Tagen kommen wirst.

Die Tradition schreibt ihm zu, er habe Domingos Straße bis nach Burgos vollendet und Brücken gebaut, darunter in Logroño, in Nájera, in Santo Domingo selbst und in Belorado. Juan starb am 2. Juni 1163 in seinem Kloster. In seiner Kirche erzählt man sich bis heute vom Wunder des Lichts: An den Tagundnachtgleichen fällt am späten Nachmittag ein Sonnenstrahl durch ein Fenster auf ein Kapitell mit der Verkündigung an Maria.

Die beiden Männer sind heute so etwas wie die Schutzheiligen des Bauens in Spanien. Domingo ist Patron der spanischen Bauingenieure. Juan wurde 1953 von einem Institut für Bautechnik zum Patron erklärt und ist seit 1971 Patron der Bautechniker Spaniens. Es ist eine schöne Fügung: Der Lehrer und sein Schüler, die beide nichts Großes geschrieben haben, werden von Menschen verehrt, die Brücken und Häuser bauen.

Vom Grab zur Kathedrale

Bei der Kirche, die Domingo begonnen hatte, blieb es nicht. Um 1158 begann man mit dem heutigen Bau, die Annalen von Compostela nennen dieses Jahr. Der Baumeister hieß Garçion. Er behielt Teile der älteren Kirche und plante etwas Großes: einen Chor mit Umgang, an dem drei Kapellen liegen sollten. Erhalten ist von ihnen nur die mittlere. Im selben Jahr wurde die Kirche zur Kollegiatkirche, mit einem Kapitel von Geistlichen.

Dann kam ein großer Sprung. 1232 erhoben päpstliche Bullen die Kirche zur Kathedrale, und der Bischof von Calahorra verlegte seinen Sitz hierher. Seitdem teilen sich Calahorra und Santo Domingo die Würde eines Bischofssitzes, und die Diözese trägt beide Namen. Ein Ort, der knapp zwei Jahrhunderte vorher noch Wald gewesen war, hatte nun eine Kathedrale. Und diese Kathedrale war um ein Grab herum gebaut, das an einer Pilgerstraße lag.

Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert entstanden die gotischen Schiffe, eine befestigte Vorhalle und das Westportal. Der ursprüngliche Plan war größer, er wurde vereinfacht. Was du heute siehst, ist eine Mischung: romanisch im Chor, gotisch in den Schiffen, barock am Turm, der auf der anderen Straßenseite steht.

Schau dir, wenn du Zeit hast, den Chorumgang an. An den Kapitellen und Konsolen sitzt romanische Bildhauerei aus der ersten Bauzeit, stark verwittert. Man erkennt die Flucht nach Ägypten und den heiligen Martin, der seinen Mantel teilt. Ein Heiliger, der mit einem Bettler teilt, in einer Kirche, die um das Grab eines Pilgerhelfers gebaut wurde: Das passt.

1508 brach ein Pfeiler im Chor. Der Baumeister Juan de Rasines baute zwischen 1529 und 1531 die Hauptkapelle und die Vierung neu und überwölbte sie mit einem Sterngewölbe. Im sechzehnten Jahrhundert erhöhte man auch das südliche Querschiff, damit das Grab des Heiligen würdigen Platz bekam. In den Jahren 1520 bis 1530 schnitzten Andrés de Nájera, Guillén de Holanda und andere das Chorgestühl im Stil der frühen Renaissance. Das Südportal, durch das Besucher heute meist hineingehen, kam erst im achtzehnten Jahrhundert dazu. Darauf stehen Santo Domingo und die beiden Märtyrer Emeterio und Celedonio aus Calahorra.

Am Grab des Heiligen

Im südlichen Querschiff liegt Domingo. Sein Grab ist ein Bauwerk aus drei Zeiten. Ganz unten liegt eine romanische Grabplatte mit der Figur des liegenden Heiligen. Darüber steht ein gotischer Tisch mit Darstellungen seiner Wunder. Und darüber erhebt sich ein spätgotischer Baldachin aus Alabaster. Ihn fertigte Juan de Rasines im Jahr 1513 nach einem Entwurf des Bildhauers Felipe Bigarny. Der Zugang zur Krypta liegt nahe der Vierung, dort ruhen die Reliquien des Heiligen.

Achte auf das Gitter um die liegende Figur. Zum Fest des Heiligen im Mai segnet die Bruderschaft in der Kathedrale Zweige von Steineichen, und Bewohner und Besucher binden sie an das Gitter. Ein Magazin beschrieb diesen Brauch 2019 als einen, der seit dem Mittelalter Tiere fernhalten soll. Es sind Zweige jener Bäume, aus denen der Wald bestand, den Domingo gerodet haben soll.

In der Kathedrale erzählen neun bemalte Tafeln, was man dem Heiligen zuschrieb: Er soll einen französischen Ritter von einem Dämon befreit, einem blinden Normannen das Augenlicht wiedergegeben und im fünfzehnten Jahrhundert einen deutschen Pilger namens Bernhard von einer Augenentzündung geheilt haben. Alle drei waren Fremde, Menschen, die von weit her kamen.

Gegenüber dem Grab, in der Wand desselben Querschiffs, hörst du vielleicht schon ein Krähen. Dazu kommen wir gleich.

Das letzte Werk des Damián Forment

Im nördlichen Querschiff steht das größte Kunstwerk der Kathedrale, ein Altar von 13 Metern Höhe und 9 Metern Breite. Geschaffen hat ihn Damián Forment, einer der bedeutendsten Bildhauer der spanischen Renaissance. Forment stammte aus Aragón und hatte schon die großen Altäre in der Basilika del Pilar in Zaragoza, in der Kathedrale von Huesca und im Kloster Poblet geschaffen. 1537 schloss er den Vertrag für Santo Domingo.

Es wurde seine letzte Arbeit. Forment starb 1540 in Santo Domingo de la Calzada, während er noch an diesem Altar arbeitete. Er hinterließ ihn fast vollendet. Der Sockel ist aus Alabaster, der Rest aus Holz. Die Bemalung übernahm Andrés de Melgar.

Wenn du genau hinschaust, entdeckst du etwas Überraschendes. Zwischen den Heiligen und den Szenen aus dem Leben Christi tummeln sich Wesen aus der antiken Mythologie: Tritonen, Satyrn, Nereiden und Zentauren. Die Renaissance hatte die Antike wiederentdeckt, und Forment scheute sich nicht, Meeresgötter und Pferdemenschen in einen Hochaltar zu setzen.

Ursprünglich stand der Altar im Osten der Kirche, in der Hauptkapelle. 1994 baute man ihn für die Restaurierung ab. Dabei kamen hinter ihm romanische Reliefs des Chorumgangs zum Vorschein, die jahrhundertelang verdeckt gewesen waren. Der Altar kehrte nicht an seinen alten Platz zurück, sondern kam ins nördliche Querschiff. Der Umzug hatte seinen Preis: Ältere Teile wurden zerstört oder versetzt, ein gotischer Steinbalkon verschwand, ein neues Fenster wurde eingesetzt. Dafür ist der romanische Chor wieder zu sehen. Nach der Erneuerung des Bodens 2009 bekam der Altar einen Bildschirm, an dem Forment selbst in einer Inszenierung die Geschichte seines Werks erzählt.

Die Geschichte vom Gehängten

Jetzt aber zu den Hühnern. Die Legende, die man in Santo Domingo erzählt, geht so, wobei die Einzelheiten von Fassung zu Fassung wechseln.

Eine deutsche Pilgerfamilie, Vater, Mutter und ihr Sohn, ist auf dem Weg nach Santiago. Der Sohn heißt in den meisten Fassungen Hugonell, er ist etwa achtzehn Jahre alt. Die Familie übernachtet in einem Gasthaus in Santo Domingo. Die Tochter des Wirts verliebt sich in den jungen Mann, doch er weist sie ab. Gekränkt versteckt sie einen silbernen Becher in seinem Pilgerbeutel und meldet einen Diebstahl. Soldaten finden den Becher, und der Sohn wird als Dieb zum Tod am Galgen verurteilt, nach den Gesetzen König Alfons des Zehnten, wie eine Fassung genau angibt.

Die Eltern ziehen weiter nach Santiago, so erzählen es viele Fassungen, und kehren auf dem Rückweg an den Galgen zurück. Dort hängt ihr Sohn noch immer. Aber er lebt. Er ruft ihnen zu, der heilige Domingo habe ihn die ganze Zeit gestützt. Die Eltern laufen zum Richter, dem Corregidor der Stadt. Der sitzt gerade beim Essen, vor sich einen gebratenen Hahn und eine gebratene Henne. Er lacht die Eltern aus. Ihr Sohn sei so lebendig wie die Hühner auf seinem Teller. In diesem Moment, so die Legende, stehen Hahn und Henne auf, plustern ihre Federn und fangen an zu singen.

Der Richter eilt zum Galgen, lässt den jungen Mann frei, und es gibt eine Prozession. Aus diesem Moment stammt der Satz, den in Spanien fast jeder kennt: „Santo Domingo de la Calzada, donde cantó la gallina después de asada.“ Santo Domingo, wo die Henne sang, nachdem sie gebraten war.

Es gibt Orte in der Stadt, die an diese Geschichte gebunden sind. Die Casa del Corregidor gilt als der Ort, an dem der Richter aß. Fray Luis de la Vega berichtete 1606, das Haus, in dem das Wunder geschah, sei 1439 von einem Kloster der Hieronymiten als Gästehaus gekauft worden, und eine Inschrift habe daran erinnert: In diesem Haus geschah das Wunder vom Hahn und der Henne. Am 13. Oktober zieht man in einer Wallfahrt zur Ermita de la Mesa del Santo, und diese Wallfahrt erinnert an das Wunder. Und in der Konditorei kannst du die Legende essen: Die ahorcaditos, die kleinen Gehängten, sind Blätterteiggebäck mit Mandelcreme, und die milagros del santo, die Wunder des Heiligen, sind Kekse in Hühnerform.

Woher die Hühner kommen

Die Geschichte ist älter als ihre Hühner, und sie ist nicht in Santo Domingo zur Welt gekommen. Die früheste Fassung, die wir kennen, steht im Codex Calixtinus, im Buch der Wunder des Jakobus. Dort spielt sie in Toulouse, im Jahr 1090. Deutsche Pilger übernachten bei einem reichen, geizigen Wirt. Der versteckt einen Silberbecher in ihrem Gepäck, um sie zu beschuldigen. Vater und Sohn werden verurteilt, und der Sohn bietet an, an Stelle des Vaters zu sterben. Er wird gehängt und hängt 36 Tage am Galgen, und er lebt. Nicht Domingo, sondern Jakobus selbst hat ihn gehalten. Hühner kommen in dieser Fassung nicht vor. Der Codex schließt mit einer klaren Lehre: Betrüge keine Pilger, sondern nimm sie freundlich auf.

Später erzählten auch Vinzenz von Beauvais, Jacobus de Voragine in seiner Legenda aurea, der Dichter Gonzalo de Berceo und König Alfons der Zehnte Geschichten vom geretteten Gehängten. Bei ihnen rettet Jakobus oder Maria, und der Ort ist, wenn er genannt wird, Toulouse. In einer Handschrift aus Santo Domingo selbst, die der Historiker Tomás Ramírez Pascual ins frühe zwölfte Jahrhundert setzt, ist der Gehängte ein junger Engländer namens Hugonell, und er hängt in Triacastela in Galicien.

Irgendwann wanderte die Geschichte nach Santo Domingo, wechselte den Retter und bekam ihre Hühner. Ramírez Pascual meint, um das Jahr 1300 sei das Wunder hier schon fest verortet gewesen. Ein Pilgerabzeichen aus Blei und Zinn, das ins dreizehnte oder vierzehnte Jahrhundert datiert wird, zeigt Santo Domingo mit einem Hahn und einer Henne in den Armen. Es liegt heute im Musée de Cluny in Paris. Die erste schriftliche Erzählung beider Wunder zusammen, Gehängter und Hühner, in Santo Domingo und dem Heiligen zugeschrieben, findet sich laut Cremades im Reisebericht des französischen Adligen Nompar de Caumont, der 1417 nach Santiago pilgerte.

Seither wechseln die Einzelheiten weiter. Fray Luis de la Vega machte 1606 aus der deutschen eine französische Familie. Spätere Fassungen lassen die Familie aus Xanten am Niederrhein kommen, andere aus Winnenden in Schwaben. Tejada setzte das Geschehen 1702 auf etwa das Jahr 1400, ungefähr, wie er selbst schreibt. Und in Barcelos in Portugal erzählt man eine Schwestergeschichte, in der ein gebratener Hahn kräht, um einen unschuldigen Pilger zu retten. Dort wurde der Hahn zum Symbol eines ganzen Landes. Das Paar aus Hahn und Henne, das vom Teller aufsteht und singt, gehört aber zu Santo Domingo.

Ein Hühnerstall mit Erlaubnis des Papstes

Und dann ist da das Erstaunlichste: Die Hühner gibt es wirklich. Am 6. Oktober 1350 stellte Papst Clemens der Sechste in Avignon eine Bulle für die Kirche von Santo Domingo aus. Darin gewährt er einen Ablass allen, die dem Gottesdienst helfen, an den Feiern teilnehmen oder den Hahn und die Henne anschauen, die sich in dieser Kirche befinden. Auf Latein heißt es: „Et omnes videntes gallum et gallinam ibidem existentes.“ Das ist das früheste Schriftstück, das die lebenden Vögel in der Kirche nennt. Schon vor bald siebenhundert Jahren also krähte es hier.

Um 1460 baute man den Tieren ein eigenes Haus, den gallinero, einen gotischen Käfig aus bemaltem Stein in der Wand des südlichen Querschiffs, dem Grab des Heiligen gegenüber. Heute schützt ihn eine Glasscheibe, damit die Vögel nicht erschrecken. Darin leben ein weißer Hahn und eine weiße Henne. Sie werden regelmäßig ausgetauscht. Wie oft, darüber sind sich die Quellen nicht einig, die Angaben reichen von einer Woche bis zu einem Monat. Die Tiere kommen aus der Zucht der Bruderschaft des Heiligen. Wenn du in ihrer Herberge schläfst, kannst du ihre Kollegen im Garten sehen.

Im Querschiff ist außerdem ein Stück Holz ausgestellt, das vom Galgen der Legende stammen soll. Eine Quelle nennt für die kleine Nische, in der es liegt, das Jahr 1445. Ältere Pilgerberichte erwähnen auch das Hemd des Gehängten, das in der Kirche gezeigt worden sei. Es gilt als verloren.

Die Pilger des Mittelalters liebten diese Vögel. Der deutsche Pilger Hermann Künig, der im fünfzehnten Jahrhundert einen Pilgerführer für Deutsche verfasste, behauptete, er habe den Raum gesehen, in dem die Hühner sangen und tanzten. Pilger steckten sich Federn der Vögel an den Hut, und Tejada berichtete 1702, dass Pilger Federn aus dem Käfig mitnahmen. Ein anderer Glaube besagte, wenn die Hühner Brotkrumen vom Pilgerstab eines Wanderers fräßen, komme er sicher in Compostela an. Ein Heimatforscher schrieb 2014, die Spuren am Sims des Käfigs stammten von Schlägen mit Pilgerstäben. Schau sie dir an und entscheide selbst.

Man liest oft, dies sei die einzige Kathedrale der Welt, in der Tiere wohnen. Prüfen konnten wir das nicht. Selten ist es allemal.

Hat es Hugonell gegeben?

Viele Pilger fragen hier: Ist das passiert? Die ehrliche Antwort hat zwei Teile.

Für das Wunder selbst gibt es keinen historischen Beleg. Die Geschichte vom geretteten Gehängten erzählte man im Mittelalter an vielen Orten, mit verschiedenen Rettern und verschiedenen Opfern. Ihr ältester greifbarer Schauplatz ist Toulouse, nicht die Rioja, und ihr ältester Retter ist Jakobus, nicht Domingo. Die Hühner kamen später dazu. Der Name Hugonell taucht zuerst für einen Engländer in Galicien auf. Es spricht viel dafür, dass Santo Domingo eine wandernde Geschichte zu sich geholt und mit seinem Heiligen verbunden hat, so wie andere Orte es auch taten. Cremades beschreibt, dass solche Wundergeschichten in Predigten verwendet wurden und von Spielleuten und blinden Sängern weitergetragen wurden.

Und doch steckt in der Geschichte etwas, das sehr real ist. Cremades, ein Rechtshistoriker, hat einen langen Aufsatz über das Recht des Jakobswegs am Beispiel des gehängten Pilgers geschrieben. Pilger waren im Mittelalter verletzlich. Sie waren fremd, und wer ihnen etwas anhängte, hatte leichtes Spiel. Könige erließen deshalb Schutzbriefe für Pilger nach Santiago. Der Codex Calixtinus endet seine Fassung nicht zufällig mit einer Warnung an Wirte. Die Legende erzählt von einer echten Angst und von einem echten Schutzbedürfnis. Dass ein Heiliger, der sein Leben Fremden gewidmet hat, in ihr den Fremden rettet, passt genau.

Wenn du also vor dem Hühnerstall stehst, musst du nicht an gebratene Vögel glauben, die aufstehen. Du kannst auch einfach sehen, dass eine Stadt seit fast siebenhundert Jahren zwei lebende Tiere in ihre Kathedrale setzt, damit niemand vergisst, wie man mit Pilgern umgeht.

Mauern, Könige und ein Turm für sich

Die Stadt um das Grab wuchs. 1141 erhielt sie ein Siedlungsprivileg, und König Alfons der Achte verlieh ihr 1187 und 1207 Stadtrechte, die weitere Siedler anzogen. Das Recht von 1187 erwähnt schon ein Haus für Aussätzige, ein Hospital des heiligen Lazarus. 1250 ging die Stadt aus der Herrschaft der Kirche an die Krone über.

Im vierzehnten Jahrhundert wurde sie in einen Bruderkrieg hineingezogen. König Pedro der Erste von Kastilien kämpfte gegen seinen Halbbruder Heinrich von Trastámara um den Thron. Um 1367 bis 1369 ließ Pedro die Stadt mit Mauern umgeben, 1.670 Meter lang, mit 38 Türmen und sieben Toren. Teile davon stehen noch. Sie gelten als größte erhaltene Stadtmauer der Rioja. Pedro verlor den Krieg und 1369 sein Leben. Sein Halbbruder wurde als Heinrich der Zweite König, und er starb 1379 in Santo Domingo, in dem Haus, das heute Casa de Trastámara heißt.

Im sechzehnten Jahrhundert erreichte die Stadt ihre größte Blüte mit etwa 3.000 Einwohnern. Fray Bernardo de Fresneda, Beichtvater Kaiser Karls des Fünften und König Philipps des Zweiten, ließ ein Franziskanerkloster bauen, in dem er auch begraben liegt. 1610 holte Bischof Pedro Manso de Zúñiga Zisterzienserinnen aus Palencia in die Stadt. Zu ihrem Kloster gehört heute die zweite Pilgerherberge der Stadt, im alten Haus des Kaplans.

Und dann ist da der Turm, der allein auf der anderen Straßenseite steht. Die Kathedrale hatte vor ihm schon andere. Der romanische Turm brannte 1450 ab, der gotische wurde abgetragen, als er einzustürzen drohte. In den 1760er Jahren baute Martín de Beratúa unter Bischof Andrés Porras den heutigen barocken Turm, rund 70 Meter hoch, den höchsten der Rioja. Die genauen Baujahre schwanken in den Quellen. Warum steht er getrennt? Der Überlieferung nach war der Boden neben der Kirche zu sandig. Man erzählt, für das Fundament habe man Hirsch- und Kuhhörner verwendet, um es zu festigen. Das ist eine Geschichte, wie sie sich um Türme gern rankt. Belegt ist, dass freistehende Türme in Spanien selten sind und dieser einer der wenigen ist.

Das Hospital an der Plaza del Santo

Das Hospital, das Domingo gegründet hatte, stand an dem Platz vor der Kathedrale, der heute Plaza del Santo heißt. Als Domingo 1109 starb, hinterließ er es als Hospital für Arme und Pilger. Der Historiker Eduardo Azofra zeigt es in seiner Darstellung der Siedlung um 1125 neben den ersten Häusern, nahe der Kirche. Zwischen 1181 und 1212, so Azofra, erlebten die Spenden an die Wohltätigkeitseinrichtungen des Weges ihre größte Zeit.

Über Jahrhunderte nahm das Haus Arme und Pilger auf. Im neunzehnten Jahrhundert änderte sich das. Nach der Säkularisierung kirchlicher Güter zog das Hospital 1840 in das ehemalige Franziskanerkloster um, wo es die Vinzentinerinnen führten. Das alte Gebäude auf dem Platz wurde 1965 restauriert und ist seither ein Parador, eines der staatlichen Hotels Spaniens. Ob danach noch Pilger dort schliefen und wie lange, darüber sind sich unsere Quellen nicht einig.

Die gotische Halle mit ihren breiten Pfeilern und Spitzbögen ist erhalten, heute stehen dort Sofas. Es lohnt sich, daran zu denken, wenn du über den Platz gehst: Dieses Haus wurde für Arme und Pilger gebaut, für Menschen wie dich.

Die älteste Bruderschaft am Weg

Das Hospital hätte ohne Menschen, die es trugen, nicht überlebt. Diese Menschen waren die Cofradía del Santo, die Bruderschaft des Heiligen. Sie gilt als die älteste karitative Bruderschaft am Jakobsweg. Vielleicht wurde sie noch zu Domingos Lebzeiten gegründet, gemeinsam mit Bischof Pedro von Calahorra und Nájera. Eine Urkunde von 1120 berichtet, wie das Haus der Bruderschaft mit allem, was dazugehörte, dem Bischof von Nájera übergeben wurde. Die Bruderschaft kümmerte sich um das Hospital und um die Versorgung der Armen und Pilger. Azofra nennt das ein echtes Modell sozialer Sicherheit, in einer Zeit, die solche Dinge fast unbeachtet ließ. Und er schreibt, die Bruderschaft habe ununterbrochen bis heute bestanden.

Wenn das stimmt, dann hat diese Gemeinschaft rund neunhundert Jahre lang Pilger versorgt. Ihr Haus steht an der Calle Mayor. Es ist ein Renaissancebau aus dem sechzehnten Jahrhundert, gebaut von der Familie Samaniego und im achtzehnten Jahrhundert umgebaut. Seit 1968 ist es Pilgerherberge und Sitz der Bruderschaft. 2009 eröffnete sie die heutige, große Herberge in mehreren verbundenen Gebäuden. Wenn du dort schläfst, schläfst du in einer der ältesten durchgehenden Traditionen der Gastfreundschaft am ganzen Weg. Ehrenamtliche der Bruderschaft empfangen dich, und im Garten leben die Hühner, die abwechselnd in die Kathedrale ziehen.

Am deutlichsten siehst du die Bruderschaft beim Fest des Heiligen im Mai. Zu Beginn der Festtage zieht die Prozession der Prioras durch die Stadt. Prioras nennt man die Frauen, die das ganze Jahr über ehrenamtlich die Pilger betreuen. Bei der Prozession der Doncellas tragen junge Frauen in Körben auf dem Kopf das Pan del Santo, das Brot des Heiligen, ein weiches Brötchen. Es steht für Domingos Fürsorge für die Hungrigen und für all die namenlosen Menschen, die in den Jahrhunderten nach ihm dasselbe taten. Am großen Tag, dem 12. Mai, Domingos Todestag, verteilt die Bruderschaft beim Almuerzo del Santo Kichererbsen mit Fleisch und Gemüse. Es ist ein Fest, das sich um Brot und Essen dreht, in einer Stadt, die um ein Hospital herum entstanden ist.

Tausend Jahre nach seiner Geburt

Die Neuzeit war nicht immer gut zu Santo Domingo. Das siebzehnte Jahrhundert brachte Unsicherheit und Krisen, wie überall in Spanien. Im neunzehnten Jahrhundert verlor die Kirche viel von ihrem Besitz, und das Hospital musste umziehen.

Mit dem zwanzigsten Jahrhundert kam die Wende. 1931 wurde die Kathedrale zum nationalen Kulturdenkmal erklärt, 1973 die Altstadt zum historischen Ensemble. Bei der Restaurierung von 1984 bis 1987 befreite man den Kreuzgang von späteren Kapelleneinbauten, und 1992 kam im Kapitelsaal eine Holzdecke im Mudéjarstil aus dem fünfzehnten Jahrhundert ans Licht. 1968 öffnete die Bruderschaft ihr Haus für Pilger. 1988 wurden die Fiestas del Santo zum Fest von nationalem touristischem Interesse erklärt.

2019 feierte die Stadt tausend Jahre seit der Geburt ihres Gründers. Es war ein Jubiläumsjahr mit einer eigenen Heiligen Pforte, der Puerta del Perdón. Sie war vom 25. April 2019 bis zum 12. Januar 2020 geöffnet. Ihre Türflügel aus Holz und Bronze zeigen das Gleichnis vom verlorenen Sohn, eine Geschichte vom Heimkommen, von der offenen Tür und vom Vater, der dem Ankommenden entgegenläuft. Für eine Pilgerstadt hätte man kaum ein passenderes Bild wählen können.

Als dieser Text entstand, im Herbst 2026, bot die Bruderschaft in ihrer Herberge weiter Betten für Pilger an, das ganze Jahr über. Im gotischen Käfig der Kathedrale saßen weiter ein weißer Hahn und eine weiße Henne. Und jeden Tag kamen Pilger über die Avenida de Torrecilla in die Stadt und die Calle Mayor entlang zum Grab des Mannes, der hier vor fast tausend Jahren den Weg befestigt hat.

Was Santo Domingo dir mitgibt

Von Domingo kennt man keine Schriften, keine Predigten, keine Schlachten. Zwei Klöster wollten ihn nicht haben. Er hat dann einfach getan, was vor ihm lag: Bäume gefällt, Steine gesetzt, eine Brücke gebaut, ein Dach für Fremde. Der erste Pilgerführer Europas nennt ihn den Mann, der die Straße baute. Mehr wollte er vielleicht auch gar nicht sein.

Sein Schüler Juan hat das weitergetragen, ein paar Tagesetappen weiter, in den Wäldern der Montes de Oca. Die Bruderschaft hat es weitergetragen, neunhundert Jahre lang. Und vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der Hühner in der Kathedrale: dass Unrecht an Fremden nicht das letzte Wort hat und dass eine ganze Stadt sich daran erinnern lässt, jeden Tag, von einem Hahn, der kräht.

Morgen früh gehst du über die Brücke am Oja hinaus. Du gehst über das, was ein abgewiesener Hirte gebaut hat, damit andere leichter gehen. Vielleicht nimmst du dir von hier eine kleine Frage mit, ganz gleich, woran du glaubst: Wo kannst du heute einem anderen den Weg ein Stück leichter machen?

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Quelle: © OpenStreetMap contributors · aktualisiert November 2025