Die letzten 100 Kilometer des Jakobswegs: Bedeutung, Regeln und alle Startorte
Die letzten 100 Kilometer sind die berühmteste Etappe des Jakobswegs – die Mindeststrecke für die Compostela. Was dahintersteckt, welche Regeln gelten und wo du sie beginnen kannst.
2. Juli 202616 Min. Lesezeit
„Die letzten 100 Kilometer“ – kaum ein Begriff fällt so oft, wenn es um den Jakobsweg geht. Für die einen sind sie der Einstieg ins Pilgern, für die anderen die Krönung einer langen Reise. Denn diese letzten 100 Kilometer bis Santiago de Compostela sind die Mindeststrecke, die man zu Fuß zurücklegen muss, um die Compostela zu erhalten – die offizielle Pilgerurkunde der Kathedrale.
Das macht sie zur berühmtesten und mit Abstand meistbegangenen Etappe des gesamten Wegenetzes. In diesem Beitrag erklären wir, was es mit den letzten 100 Kilometern auf sich hat, welche Regeln gelten – und beschreiben alle neun typischen Startorte ausführlich, damit du die für dich richtige Wahl treffen kannst.
Warum ausgerechnet 100 Kilometer?
Die Zahl geht auf die Regeln des Pilgerbüros (Oficina del Peregrino) in Santiago zurück. Wer die Compostela möchte, muss mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuß oder zu Pferd zurücklegen – oder die letzten 200 Kilometer mit dem Fahrrad. Die Strecke muss zusammenhängend sein und in Santiago de Compostela enden.
Weil 100 Kilometer die magische Untergrenze sind, haben sich rund um Galicien feste Startpunkte etabliert, die knapp über dieser Marke liegen. Der bekannteste ist Sarria auf dem Camino Francés – von dort sind es rund 114 Kilometer. Wer auf Nummer sicher gehen will, startet ein kleines Stück weiter draußen, um etwas Puffer zu haben.
Die Regeln für die Compostela
Damit die letzten 100 Kilometer wirklich für die Urkunde zählen, solltest du ein paar Dinge beachten:
Pilgerausweis (Credencial): Du brauchst den Pilgerausweis, in den du unterwegs Stempel sammelst. Er ist der Nachweis deiner Pilgerreise.
Zwei Stempel pro Tag: Auf den letzten 100 Kilometern (bzw. 200 km mit dem Rad) verlangt das Pilgerbüro seit 2025 zwei Stempel pro Tag – einen zu Beginn und einen am Ende jeder Etappe. Stempel gibt es in Herbergen, Bars, Kirchen und bei vielen Gemeinden.
Zu Fuß oder mit dem Rad: 100 km zu Fuß oder zu Pferd, 200 km mit dem Fahrrad. Die Strecke muss zusammenhängend sein und mit einer Schlussetappe direkt nach Santiago führen.
Motivation: Für die religiös-spirituelle Compostela gibst du ein religiöses oder spirituelles Motiv an. Wer aus rein sportlichen oder kulturellen Gründen pilgert, erhält stattdessen das Certificado, ein Distanz-Zertifikat.
Distanz-Zertifikat (optional): Zusätzlich kannst du gegen eine kleine Gebühr ein Zertifikat mit deinem Startort und der zurückgelegten Distanz erwerben – ein schönes Andenken.
Tipp: Nimm dir am Ende in Santiago etwas Geduld – in der Hochsaison bilden sich am Pilgerbüro lange Schlangen.
Sarria: der Klassiker – und seine Schattenseite
Sarria ist mit Abstand der beliebteste Startpunkt. Rund 31 Prozent aller Pilger, die die Compostela erhalten, beginnen hier ihren Weg – das entspricht allein 2025 über 165.000 Menschen. Von hier bis Santiago sind es rund 114 Kilometer über den Camino Francés, den meistbegangenen Pilgerweg der Welt – in etwa fünf bis sechs Etappen. Sanfte grüne Hügel, Granitdörfer, Eukalyptuswälder und eine perfekte Infrastruktur machen den Weg besonders für Einsteiger attraktiv.
Die Kehrseite: In den Sommermonaten wird es sehr voll. Vor den städtischen Herbergen bilden sich mancherorts schon am Vormittag Schlangen, und der stille, meditative Charakter des Weges leidet unter dem Andrang. Wer die letzten 100 Kilometer bewusst ruhiger erleben möchte, hat aber viele Alternativen.
Die letzten 100 Kilometer – was die Zahlen sagen
Wie verbreitet ist das Pilgern auf den letzten 100 Kilometern wirklich? Die Daten der Oficina del Peregrino sprechen eine klare Sprache. 2025 haben insgesamt 530.919 Menschen die Compostela erhalten – so viele wie nie zuvor in der Geschichte des Jakobswegs. Davon starteten rund 51 Prozent auf einem der klassischen 100-Kilometer-Abschnitte, also in Sarria, Tui/Valença, Ferrol oder Vigo. Mehr als jeder Dritte begann allein in Sarria.
Sarria (Camino Francés, ~114 km): ~31 % aller Pilger – mit Abstand der meistgenutzte Startpunkt
Tui und Valença do Minho (Camino Portugués Zentralroute, ~119 km): zusammen ~10 %
Ferrol (Camino Inglés, ~113 km): ~5 %
Vigo (Camino Portugués Küste, ~102 km): ~2 %
Weitere 100-km-Startorte (Lugo, Ourense, Chantada, Baamonde, Lires): zusammen ~3 %
Zum Vergleich: 2019, dem letzten normalen Jahr vor der Pandemie, starteten rund 44 Prozent aller Pilger auf 100-Kilometer-Abschnitten – Sarria allein lag damals bei 28 Prozent. Der Anteil hat seitdem stetig zugenommen. Ob die Verschärfung der Compostela-Regeln ab 2025 (zwei Stempel täglich statt einem) diesen Trend bremst oder umkehrt, werden die kommenden Jahre zeigen.
Alle neun Startorte im Detail
Die 100-Kilometer-Regel gilt für jeden offiziell anerkannten Camino – nicht nur für den Camino Francés. Rund um Galicien gibt es neun bewährte Startorte, von denen aus du die Compostela erlaufen kannst. Hier findest du für jeden Ort eine ausführliche Charakteristik und die wichtigsten Anreiseinformationen – damit du nicht nur weißt, dass es diese Möglichkeit gibt, sondern auch wie du dorthin kommst und was dich erwartet.
Sarria – Camino Francés (~114 km)
Sarria liegt in der Region Lugo, an einem Hang über dem gleichnamigen Fluss. Die Stadt ist klein, aber pilgerfreundlich bis ins Mark: Herbergen, Ausrüstungsläden, Restaurants und Credencial-Ausgabestellen reihen sich entlang der Calle Mayor. Von hier aus folgt der Weg dem klassischen Camino Francés durch das Herz Galiciens – eine Landschaft aus sanften Hügeln, Eukalyptushainen, Granitdörfern und alten Steinbrücken, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Der Weg ist breit, bestens markiert und hat alle hundert Meter einen gelben Pfeil.
Die Etappen zwischen Sarria und Santiago sind die am dichtesten besiedelten des gesamten Jakobswegs. Nirgendwo sonst begegnet man so vielen Menschen gleichzeitig – Pilger aus aller Welt, Schulklassen, ältere Ehepaare, Solopilger mit Jahrzehnten Lebenserfahrung im Gepäck. Das kann inspirierend sein, und für viele ist genau diese menschliche Dichte ein Teil des Erlebnisses. Gleichzeitig: Wer Stille sucht, sollte entweder früh starten oder auf eine ruhigere Route ausweichen.
Die klassische Einteilung in fünf bis sechs Etappen: Sarria → Portomarín (22 km), Portomarín → Palas de Rei (25 km), Palas de Rei → Arzúa (29 km), Arzúa → O Pedrouzo (19 km), O Pedrouzo → Santiago (20 km). Wer die letzte Etappe in zwei Tage teilt, kann in Lavacolla oder Monte do Gozo übernachten – mit dem Vorteil, am letzten Tag ausgeruht und ohne Zeitdruck in der Kathedrale anzukommen. Herbergen sind reichlich vorhanden, aber in der Hochsaison (Juli/August) sollte man vorab reservieren.
Anreise: Sarria ist per Zug gut erreichbar. Die Linie Santiago – Lugo – Sarria bedient den Bahnhof mehrmals täglich; von Santiago sind es etwa zwei Stunden Fahrzeit. Wer über den Flughafen Santiago de Compostela (SCQ) anreist, nimmt den Flughafenbus bis Santiago Centro und von dort den Zug Richtung Lugo. Direktbusse betreibt unter anderem ALSA von Santiago nach Sarria (ca. 2 Stunden). Auch aus Madrid gibt es Zugverbindungen über Lugo (Alvia, ca. 5 Stunden).
Tui – Camino Portugués, Zentralroute (~119 km)
Tui liegt direkt an der spanisch-portugiesischen Grenze, getrennt von der portugiesischen Stadt Valença lediglich durch eine alte Eisenbahnbrücke über den Fluss Minho. Die Altstadt von Tui ist außerordentlich: eine Kathedrale, die wie eine Festung gebaut ist, schmale mittelalterliche Gassen, und von der Stadtmauer aus blickt man hinunter auf den grünen Minho und die Weinberge des Albariño-Gebiets. Dieser Einstieg gehört zu den schönsten unter allen 100-km-Startorten.
Die Route ab Tui folgt dem Camino Portugués durch das galicische Weinbaugebiet Rías Baixas – sanfte Hügel mit Rebstöcken, Feldwege zwischen alten Steinmauern, immer wieder kleine Kapellen und Cruceiros (steinerne Wegkreuze). Man trifft auf Pilger aus Portugal, die bereits Tage unterwegs sind; das verleiht dem Start eine andere Energie als das reine Einsteigen aus dem Bus. Die Infrastruktur ist gut ausgebaut, Herbergen sind verlässlich vorhanden, und die Etappen sind kürzer und ruhiger als auf dem Francés.
Typische Etappeneinteilung: Tui → O Porriño (14 km, flach und gut zu gehen), O Porriño → Redondela (16 km), Redondela → Pontevedra (18 km, mit Blick auf die Ría), Pontevedra → Caldas de Reis (22 km), Caldas de Reis → Padrón (20 km), Padrón → Santiago (25 km). Padrón – Geburtsort der galicischen Dichterin Rosalía de Castro – ist ein lohnender Abstecher. Hinweis: Wer knapp 100 km bevorzugt, kann auch in O Porriño (101 km) starten.
Anreise: Von Vigo nach Tui fährt die Regionalbahn in etwa 20 Minuten, mehrmals täglich. Vigo ist per AVE aus Madrid in knapp 2,5 Stunden erreichbar. Der Flughafen Porto (OPO) in Portugal ist für den Camino Portugués oft die günstigste Option: Von Porto fährt der Regionalzug über Valença (direkt gegenüber von Tui) in etwa zwei bis drei Stunden – man kann direkt in Valença aussteigen und zu Fuß über die Brücke nach Tui gehen. Alternativ ALSA-Bus von Santiago nach Tui (ca. 1,5 Stunden).
Vigo – Camino Portugués, Küstenroute (~102 km)
Der Camino Portugués da Costa – die Küstenroute – beginnt ab Vigo mit einer der eindrucksvollsten Kulissen des gesamten Jakobswegs: Die Stadt liegt an der tief eingeschnittenen Ría de Vigo, einem Fjord-ähnlichen Meeresarm, und wer zum Hafen hinuntergeht, sieht die Cíes-Inseln am Horizont – ein Naturschutzgebiet, das regelmäßig zu den schönsten Stränden Europas gezählt wird. Die Route führt entlang der Küste nach Norden: Felstrände, Fischerdörfer mit Granitkhäusern, Austernbänke direkt am Weg und immer wieder der Geruch von Salz und Atlantik.
Die Küstenroute ist die malerischere, aber auch etwas anspruchsvollere Alternative zur Zentralroute. Die Beschilderung ist weniger dicht, die Herbergen-Infrastruktur etwas schlanker. Wer einen stillen, ursprünglicheren Weg sucht und Meer mag, ist hier richtig. Etwa in Redondela treffen Küsten- und Zentralroute aufeinander – ab dort teilen sich beide Wege die gemeinsamen Etappen nach Santiago. Wer mehr als 102 km laufen möchte, startet in Baiona (ca. 124 km), einer charmanten historischen Küstenstadt mit schöner erster Etappe entlang der Atlantikküste.
Typische Etappen: Vigo → Redondela (ca. 20 km, wahlweise mit Fähre über die Ría), Redondela → Pontevedra (18 km), Pontevedra → Caldas de Reis (22 km), Caldas de Reis → Padrón (20 km), Padrón → Santiago (25 km). Der erste Abschnitt Vigo – Redondela ist stadtgepägt; wer das überspringen möchte, kann die kleine Fähre von Vigo nach Cangas oder Moaña nehmen und die Route dort aufnehmen.
Anreise: Vigo hat einen eigenen Flughafen (VGO) mit Verbindungen aus Madrid, Barcelona und einigen weiteren europäischen Städten. Der Bahnhof Vigo-Urzáiz ist exzellent angebunden: AVE/Alvia aus Madrid in knapp 2,5 Stunden, Regionalzüge aus Porto (Portugal) in etwa einer Stunde. Der Flughafen Porto (OPO) ist ebenfalls eine gute Option – von dort fährt man per Bus oder Zug in etwa 1,5 Stunden nach Vigo.
Ferrol – Camino Inglés (~113 km)
Der Camino Inglés ist historisch einer der ältesten Zugangswege nach Santiago. Im Mittelalter kamen Pilger aus England, Irland und Schottland per Schiff nach Ferrol oder A Coruña und wanderten die verbleibenden Kilometer zu Fuß. Heute beginnt der Weg am Hafen von Ferrol – einer Marinegarnisonsstadt mit kolonialer Altstadt und einer Ría, die sich tief ins Land schneidet. Die erste Begegnung mit dem Weg ist unännspruchsvoll; aber schon nach wenigen Kilometern öffnet sich eine überraschend abwechslungsreiche Landschaft: Ría-Panoramen, Eichen- und Kiefernwälder, Weinberge, mittelalterliche Dörfer.
Der Camino Inglés ist der ruhigste unter den bekannten 100-km-Routen. Wer Stille sucht und trotzdem eine gute Infrastruktur haben möchte, findet hier das beste Gleichgewicht. Ein wichtiger Hinweis: Ab A Coruña sind es nur ca. 75 km bis Santiago – das reicht nicht für die Compostela, wenn man rein zu Fuß einreist. Die Mindestlänge von 100 km erfordert den Start in Ferrol.
Typische Etappeneinteilung in fünf bis sechs Tagen: Ferrol → Neda (ca. 12 km, kurze erste Etappe) oder direkt bis Pontedeume (ca. 27 km), Pontedeume → Betanzos (17 km), Betanzos → Bruma (25 km, der härteste Tag), Bruma → Sigüeiro (ca. 25 km), Sigüeiro → Santiago (ca. 15 km). Die Markierung ist gut, aber weniger omnipäsent als auf dem Francés – eine Offline-GPS-App ist empfehlenswert.
Anreise: Von A Coruña nach Ferrol fährt der Regionalzug (cercanías) in etwa 50 Minuten, mehrmals täglich. A Coruña ist per AVE aus Madrid in ca. 3,5 Stunden erreichbar. Der Flughafen A Coruña (LCG) hat Verbindungen nach Madrid; für internationale Flüge ist Santiago de Compostela (SCQ) die bessere Option. Von SCQ per Bus nach A Coruña (ca. 1 Stunde), dann Regionalzug nach Ferrol (50 Minuten).
Lugo – Camino Primitivo (~100 km)
Wer in Lugo startet, beginnt seinen Camino an einem der beeindruckendsten Monumente Europas: der vollständig erhaltenen römischen Stadtmauer aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., die die gesamte Altstadt umschließt und zum UNESCO-Welterbe gehört. Ein Spaziergang auf der Mauerkrone am Abend vor dem Start ist Pflicht. Von Lugo aus führt der Camino Primitivo – der „Ursprungsweg“, angeblich der älteste Pilgerweg überhaupt – durch das wildeste und ursprünglichste Galicien: weitläufige Hochebenen, dichte Eichen- und Kastanienwälder, alte Steindörfer, in denen die Zeit langsam geht.
Ab Lugo sind es rund 100 Kilometer bis Santiago – die Mindestlänge, also ohne Puffer. Wer sicher gehen will, dass sämtliche Stempel anerkannt werden, startet einen Ort weiter östlich. Die Route ist anspruchsvoller als der Francés: längere Etappen, weniger dichte Infrastruktur, streckenweise schmalere Pfade. Das ist kein Nachteil, sondern der Kern des Primitivo. Bei Melide trifft der Weg auf den Camino Francés; die letzten 55 Kilometer teilt man sich dann mit den Francés-Pilgern.
Typische Etappeneinteilung: Lugo → Ferreira (ca. 18 km), Ferreira → Castroverde (ca. 14 km), Castroverde → A Fonsagrada (ca. 22 km, anspruchsvoll), weiter in mehreren Etappen nach Melide (Lugo bis Melide ca. 45 km), dann Melide → Arzúa → O Pedrouzo → Santiago. Insgesamt fünf bis sieben Tage, je nach Schritttempo. Herbergen gibt es, aber vorab reservieren – besonders auf den ersten Etappen nach Lugo.
Anreise: Lugo liegt an der Hauptbahnstrecke Madrid – A Coruña. Von Santiago nach Lugo fährt der Regionalzug in ca. 1,5 Stunden, mehrmals täglich. Von Madrid gibt es Alvia-Verbindungen in etwa vier Stunden. Per Bus ist Lugo von Santiago in einer Stunde erreichbar (mehrere tägliche Verbindungen). Der Flughafen Santiago de Compostela (SCQ) liegt rund 100 km entfernt; Lugo hat keinen eigenen Flughafen.
Baamonde – Camino del Norte (~101 km)
Der Camino del Norte – der Nordweg – kommt vom Baskenland entlang der rauen Kantabrischen Küste durch Asturien bis ins galicische Hinterland. Wer ab Baamonde startet, steigt in eine Route ein, auf der andere bereits wochenlang unterwegs waren. Baamonde selbst ist ein kleines Dorf ohne viel Stadtflair, dafür mit einer der ältesten Pilgerherbergen Galiciens und einer ruhigen, fast meditativ wirkenden Waldlandschaft. Der Weg führt durch dichte Wälder aus Eiche, Birke und Eukalyptus, vorbei an winzigen Weilern, auf Pfaden, die man werktags oft für sich allein hat.
Der Camino del Norte ab Baamonde ist einer der am wenigsten begangenen Abschnitte innerhalb der 100-km-Zone. Keine Menschenmassen, keine Wartelisten vor Herbergen – und eine Begegnung mit dem Weg, die viele als tiefer und echter empfinden als die überfüllten Abschnitte des Francés. Die erste Etappe von Baamonde bis Sobrado dos Monxes ist lang (ca. 40 km) und lässt sich über den Ort Miraz aufteilen, wo ein kleines Kloster eine einfache Herberge betreibt. Das Benediktinerkloster Sobrado dos Monxes ist ein unvergängliches Ziel: Man übernachtet inmitten einer mittelalterlichen Klosteranlage.
Typische Etappeneinteilung: Baamonde → Miraz (ca. 23 km), Miraz → Sobrado dos Monxes (ca. 22 km), Sobrado → Arzúa (ca. 22 km, hier trifft der Norte auf den Francés), Arzúa → O Pedrouzo (19 km), O Pedrouzo → Santiago (20 km). Ab Arzúa teilt man die letzten 40 km mit den Francés-Pilgern – ein schöner Übergang vom Einsamkeitsweg zum Gemeinschaftserlebnis.
Anreise: Baamonde hat einen eigenen Bahnhof – das ist selten für einen 100-km-Startpunkt. Die Linie A Coruña – Lugo hält in Baamonde; von Lugo sind es ca. 20 Minuten, von A Coruña ca. eine Stunde. Alternativ per Bus oder Taxi von Lugo (ca. 25 km). Der nächste internationale Flughafen ist A Coruña (LCG, ca. 70 km) oder Santiago de Compostela (SCQ, ca. 80 km). Von beiden ist Lugo gut erreichbar, von wo die Weiterfahrt nach Baamonde unkompliziert ist.
Ourense – Camino Sanabrés / Vía de la Plata (~107 km)
Ourense ist eine der lebendigsten Städte Galiciens und für Pilger ein außergewöhnlicher Startort: Direkt am Stadtrand sprudeln heiße Thermalquellen aus dem Boden – die Caldas de Ourense sind kostenlos zugänglich und ein perfektes Ritual am Vorabend des Aufbruchs. Die Altstadt mit ihrer romanischen Kathedrale, den engen Gassen und der mittelalterlichen Ponte Vella über den Miño ist eine der authentischsten Galiciens. Von hier aus führt der Camino Sanabrés durch das südliche Galicien – wilder, einsamer und ursprünglicher als der Norden.
Der Camino Sanabrés ist Teil einer der längsten Jakobswegstrecken Spaniens – wer in Sevilla startet, hat über 1.000 km vor sich. Ab Ourense sind es die letzten 107 km, die trotzdem viel Charakter haben: Weinberge des Ribeiro, die Serra do Faro, lange Hochflächen und eine Landschaft, die noch keine touristische Überformung kennt. Wer hier startet, trifft auf Pilger, die monatelang unterwegs waren – das verleiht dem Weg eine eigene, ruhige Intensität.
Typische Etappeneinteilung: Ourense → Cea (ca. 32 km, sehr lang – aufteilen möglich über Paderne), Cea → Lalín (ca. 29 km), Lalín → A Laxe (ca. 21 km), A Laxe → Santiago (ca. 25 km). Alternativ teilt man die erste Etappe und übernachtet in Seixalbo oder Paderne. Ab Lalín trifft der Sanabrés auf den Camino de Invierno – die letzten Etappen nach Santiago werden gemeinsam gegangen.
Anreise: Ourense ist seit der Eröffnung der AVE-Strecke 2021 der am besten per Bahn erreichbare 100-km-Startpunkt überhaupt. Von Santiago de Compostela ist man per Hochgeschwindigkeitszug in nur ca. 30 Minuten in Ourense. Von Madrid fährt der AVE in etwa zwei Stunden. Der Flughafen Santiago de Compostela (SCQ) liegt somit faktisch nur eine halbe Stunde entfernt. Ourense ist auch per Regionalzug aus Vigo und Pontevedra gut erreichbar.
Chantada – Camino de Invierno, Winterweg (~103 km)
Der Camino de Invierno – der Winterweg – wurde im Mittelalter als Alternative zum schneebedeckten O Cebreiro entwickelt. Er führt von Ponferrada im Bierzo-Tal durch das südliche Galicien und ist einer der am wenigsten bekannten offiziellen Jakobswege. Ab Chantada (103 km) geht es durch eine Landschaft, die das 21. Jahrhundert kaum berührt hat: terrazzierte Weinberge, Granitdörfer ohne Gästehaus, alte Steinbrücken über galicische Flüsse. Streckenweise ist man der einzige Mensch weit und breit.
Der Invierno ist wegen seiner Einsamkeit beliebt bei erfahrenen Pilgern, die den Francés bereits kennen. Die Beschilderung ist weniger dicht – eine gute Pilgerapps oder GPS-Karte ist keine Luxus, sondern Notwendigkeit. Herbergen sind rar; vorab reservieren ist Pflicht. Eine Alternative zum Start in Chantada ist Monforte de Lemos (ebenfalls ca. 103 km), eine mittelalterlich geprägte Stadt mit imposanter Burg hoch über dem Lemos-Tal. Ab Lalín trifft der Invierno auf den Sanabrés, die letzten Etappen nach Santiago werden gemeinsam gegangen.
Typische Etappeneinteilung: Chantada → Rodeiro (ca. 24 km), Rodeiro → Lalín (ca. 21 km), Lalín → A Laxe (ca. 21 km), A Laxe → Santiago (ca. 25 km). Wer in Monforte de Lemos startet, fügt eine erste Etappe nach Chantada (ca. 25 km) hinzu.
Anreise: Monforte de Lemos ist per Regionalzug von Santiago in etwa einer Stunde erreichbar (Linie über Ourense) – deutlich besser angebunden als Chantada selbst. Von Ourense nach Monforte fährt der Zug in ca. 30 Minuten. Chantada ist per Bus erreichbar (Monbus, ca. 1,5 Stunden ab Santiago). Wer über den AVE-Bahnhof Ourense einreist, hat von dort eine unkomplizierte Weiterfahrt nach Monforte.
Lires – Camino Finisterre, rückwärts (~100 km)
Der Camino Finisterre führt normalerweise von Santiago ans „Ende der Welt“ – zum Kap Finisterre und weiter nach Muxía, wo der Atlantik gegen die Felsen schlägt. Als 100-km-Compostela-Route wird er in umgekehrter Richtung gegangen: von Lires, einem kleinen Dorf nahe Muxía, zurück nach Santiago. Die Landschaft ist die atlantischste aller Jakobswege: wilde Felsenküste, endlose Wälder aus Eukalyptus und Kiefer, Fischerdörfer am Horizont, der Geruch von Salzluft und nassem Erdreich nach Regen.
Die rückwärtige Route ist die einsamste unter den Compostela-qualifizierten Wegen. Man begegnet kaum anderen Pilgern – ein paar wenige, die nach ihrer Compostela ans Meer gewandert sind und nun zurüclaufen, und gelegentlich Pilger, die bewusst diesen Weg als Einstieg wählen. Der Weg ist gut markiert, und die Landschaft entschädigt für alle Einsamkeit. Wichtiger Hinweis: Ab Finisterre sind es nur ca. 90 km bis Santiago – das reicht formal nicht für die Compostela. Der Startpunkt muss Lires (oder ein Ort, der die 100 km sicherstellt) sein.
Typische Etappeneinteilung: Lires → Dumbría (ca. 17 km), Dumbría → Corcubión/Cee (ca. 24 km), Corcubión → Olveiroa (ca. 15 km), Olveiroa → Negreira (ca. 33 km, aufteilen möglich über Hospital), Negreira → Santiago (ca. 22 km). Der Weg hat streckenweise wenig Infrastruktur; vorab reservieren und Proviant einplanen.
Anreise: Lires ist der am schwierigsten erreichbare der neun Startorte. Von Santiago fährt ein Linienbus der Monbus nach Cee (ca. 1,5 Stunden), von Cee nach Lires sind es noch ca. 15 km – ein Taxi kostet etwa 15 –20 Euro. Alternativ: Bus von Santiago nach Muxía (ca. 2 Stunden), von Muxía nach Lires sind es ca. 5 km zu Fuß oder per Taxi. Wer von weiter weg anreist, fliegt am besten nach Santiago de Compostela (SCQ) und plant dort eine Übernachtung ein, bevor es am nächsten Morgen mit dem frühen Bus losgeht.
Wann und wie du am besten startest
Frühjahr (April/Mai) und Früherbst (September/Oktober) gelten als die schönsten Zeiten: mildes Wetter, grünes Galicien und überschaubare Pilgerzahlen. Der Hochsommer bringt volle Herbergen, Warteschlangen und Hitze, besonders auf dem Francés ab Sarria.
Wer flexibel bleiben möchte, reserviert in der Hochsaison zumindest die ersten Nächte vorab oder weicht auf eine der ruhigeren Routen aus. Und ganz wichtig: Vergiss den Pilgerausweis nicht – ohne ihn und ohne Stempel gibt es keine Compostela.
Lohnt sich eine so kurze Strecke?
Für manche Puristen sind die letzten 100 Kilometer „zu kurz“ für einen echten Camino. Doch Pilgern misst sich nicht in Kilometern. Fünf bis sechs Tage reichen, um in den Rhythmus des Gehens zu finden, Menschen aus aller Welt zu treffen und die besondere Atmosphäre der Ankunft in Santiago zu erleben. Für viele ist es der erste Schritt – und der Beginn einer lebenslangen Liebe zum Weg.
Plane deine Etappen im Reiseplaner und entdecke alle Jakobswege mit der Camino-Ninja-App.