Orte

Etappenort am Jakobsweg

Estella

Navarra, Spain

Unterkünfte
19
Camino
1
Höhe
424 m

Estella trägt den Stern im Namen: König Sancho Ramírez gründete die Stadt um 1090 am Jakobsweg, und schon der Codex Calixtinus lobte ihr Brot, ihren Wein und den Fluss Ega. Romanische Kirchen und ein Königspalast säumen den Camino. Ein Nachmittag reicht, und morgen fließt in Irache Wein aus dem Brunnen.

Aktuell in Estella (Stand: Oktober 2026)

  • Herbergen gehen in die Winterpause: Die Pfarrherberge San Miguel hat bis 31. Oktober offen, die Herberge der Stiftung ANFAS ist schon seit September zu. Das Hostel Ágora schließt am 12. November, Alda am 12. Dezember, Capuchinos Rocamador am 18. Dezember.
  • Städtische Herberge: Sie bleibt im Winter offen, macht aber von Mitte Dezember bis Mitte Januar Pause. Laut Pilgerportal Gronze vom 14. Dezember 2026 bis 18. Januar 2027.
  • Pilger-Infostelle: Der Orientierungsdienst für Pilger in der Calle Curtidores 33 hat nur von Mitte April bis Mitte Oktober offen und ist jetzt geschlossen.

Wie lange bleiben?

Ein Nachmittag reicht. Estella ist kompakt, und das Schönste liegt direkt am Weg: das Portal von Santo Sepulcro, der Königspalast und die Treppe hinauf nach San Pedro de la Rúa. Wenn du über den Ega hinübergehst, kommen die Plaza de los Fueros und San Miguel dazu. Öffnungszeiten der Kirchen haben wir nicht verlässlich gefunden, frag in der Touristinfo neben dem Palast. Für einen ganzen Ruhetag ist Estella eher zu klein.

Estella in Ninja-Zahlen

  • Rund 112 Kilometer hast du laut Camino Ninja seit Saint-Jean-Pied-de-Port hinter dir. Noch 664 bis Santiago, du hast also gerade erst angefangen.
  • 13.400 Pilger übernachteten 2024 allein in der städtischen Herberge. Durch die Stadt gingen nach einer Schätzung rund 80.000.
  • 6 Pilgerhospitäler hatte Estella im Jahr 1354. Heute sind es Herbergen, aber die Idee ist dieselbe.
  • Gut 10 Kilometer ohne Bar, Laden oder Herberge erwarten dich morgen zwischen Villamayor de Monjardín und Los Arcos.

Ankommen: am Ega entlang zum Stern

Von Puente la Reina sind es laut Camino Ninja knapp 22 Kilometer. Nach Villatuerta führt dich der Weg am Ufer des Ega in die Stadt. Gleich hinter der ersten Herberge gibt es öffentliche Toiletten und einen Trinkbrunnen. Dann stehst du vor der Iglesia del Santo Sepulcro: Links neben der Treppe zum gotischen Portal steht Santiago als Pilger, verwittert, aber unverkennbar. Er begrüßt dich in Estella.

Die städtische Herberge liegt in der Calle La Rúa, direkt am Camino. Weiter vorn führt der Camino zwischen dem Königspalast und der Treppe von San Pedro de la Rúa hindurch. Die Plaza de los Fueros und das Viertel San Miguel liegen auf der anderen Seite des Flusses.

Kurz erzählt: eine Stadt, die für Pilger gegründet wurde

Um 1090 gründete König Sancho Ramírez von Navarra die Stadt neben dem älteren Dorf Lizarra, und er holte mit einem eigenen Stadtrecht fränkische Kaufleute hierher. Vorher lief der Jakobsweg südlich am Ort vorbei. Estella kommt vom lateinischen stella, Stern. Lizarra ist baskisch und kommt von lizar, der Esche. Die Stadt wuchs mit den Pilgern: 1354 gab es sechs Hospitäler. Daneben lebte hier eine der größten jüdischen Gemeinden Navarras, bis sie im vierzehnten Jahrhundert verfolgt und 1498 vertrieben wurde.

Im neunzehnten Jahrhundert war Estella zweimal der Sitz des karlistischen Thronanwärters, in den Kriegen um die spanische Krone. Wegen ihrer vielen Kirchen und Paläste nennt man sie bis heute das „Toledo des Nordens“.

Der Stern über der Stadt

Die Legende erzählt, dass Hirten aus dem Nachbardorf Abárzuza in der Nacht zum 25. Mai 1085 Sterne auf einen Hügel fallen sahen. In einer Höhle fanden sie ein Marienbild. Weil es sich nicht ins Tal bringen ließ, baute man oben eine Kapelle. Das ist die Virgen del Puy, die Schutzpatronin der Stadt, gefeiert am 25. Mai. Manche sagen, die Geschichte sei ein Einfall der Kaufleute gewesen, um noch mehr Pilger anzulocken. Wenn das stimmt, hat es funktioniert.

Die heutige Basilika del Puy oben über der Stadt ist von 1951, die Madonnenfigur darin aus dem vierzehnten Jahrhundert. Wenn du noch Kraft hast, steig hinauf: Du blickst über das Tal des Ega. Und du bist unterwegs nach Compostela, das viele als „Sternenfeld“ deuten.

Am Camino entlang: was du sehen solltest

Fast alles liegt an der alten Pilgerstraße oder ein paar Schritte daneben. Du musst keinen Umweg gehen, nur genauer hinschauen.

  • Iglesia del Santo Sepulcro: Die Kirche wird 1123 zum ersten Mal erwähnt und wurde nie fertig gebaut. Ihr gotisches Portal aus dem frühen vierzehnten Jahrhundert wurde 2025 restauriert. Im Bogenfeld siehst du das Abendmahl, die drei Marien am Grab und die Kreuzigung, darüber eine Reihe Apostel. Für dich wichtig ist die Figur links der Treppe: der Apostel Jakobus als Pilger. Seit 1881 ist die Kirche geschlossen, das Portal siehst du nur von außen.
  • Palacio de los Reyes de Navarra: Der Palast aus der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts ist das einzige erhaltene weltliche Gebäude der Romanik in Navarra. Schau dir das Kapitell an der linken Seite der Fassade an. Es zeigt den Kampf Rolands gegen den Riesen Ferragut, und es ist von einem Martinus aus Logroño signiert. Roland kennst du vielleicht schon aus Roncesvalles. Seit 1991 ist im Palast das Museum des Malers Gustavo de Maeztu untergebracht. Die Touristinfo ist gleich daneben.
  • San Pedro de la Rúa: Die älteste Kirche der Stadt steht über dem Camino auf einem Felsen, eine lange Treppe führt hinauf. Ihr romanischer Kreuzgang gilt als einer der schönsten Navarras, obwohl nur zwei seiner vier Flügel stehen. Die anderen zerstörte 1572 der Abriss der Burg darüber. Die Kapitelle erzählen vom Leben Christi und der Heiligen. In einer Kapelle wird eine Reliquie des Apostels Andreas verehrt, um die sich eine Pilgerlegende rankt (mehr im Deep Dive). Öffnungszeiten und Eintritt haben wir nicht gefunden.
  • San Miguel: Auf der anderen Flussseite steht die Kirche auf einem Felsen, den die Einheimischen La Mota nennen. Sie wurde um 1187 bis 1196 gebaut, ihr romanisches Portal ist stark verwittert. Von hier ist es nicht weit zur Plaza de los Fueros.

Essen und Trinken

Schon im zwölften Jahrhundert schrieb der Pilgerführer des Codex Calixtinus, Estella sei „fruchtbar an gutem Brot und vorzüglichem Wein, an Fleisch und Fisch“. Bei den Bäckern findest du heute zwei Spezialitäten: die alpargatas de Estella, Blätterteig mit Mandelcreme, und die Torta txantxigorri mit Grieben und Schweineschmalz. Dazu kommen die Gerichte Navarras wie Lamm in chilindrón-Sauce und Käse aus der Sierra de Urbasa. Abends gibt es in den Bars der Altstadt Pintxos.

Ehrlich gesagt

  • Die Kirchen sieht man oft nur von außen. Santo Sepulcro ist seit 1881 geschlossen, und für San Pedro und San Miguel haben wir keine verlässlichen Öffnungszeiten gefunden. Frag gleich nach der Ankunft in der Touristinfo, statt später vor verschlossenen Türen zu stehen.
  • Im Spätherbst schrumpft das Angebot. Ab November ist ein Teil der Herbergen geschlossen, ab Mitte Dezember auch die städtische (siehe Kasten). Wer im Winter geht, sollte vorher prüfen, was offen ist.
  • Die städtische Herberge ist groß und hat wenige Duschen. Pilger in der App loben Küche, Innenhof und Preis, klagen aber mehrfach über zu wenige Duschen für so viele Betten. Wer früh ankommt, ist im Vorteil.

Wo Pilger schlafen

  • Albergue de peregrinos de Estella: die städtische Herberge in der Calle La Rúa 50, direkt am Camino. Sie gehört der Stadt, geführt wird sie vom örtlichen Verein der Freunde des Jakobswegs. 78 Plätze in fünf Schlafsälen, 8 € pro Nacht (Stand: Oktober 2026). Bis zu 20 Plätze kannst du per E-Mail reservieren, sie werden bis 15 Uhr gehalten, der Rest wird nach Ankunft vergeben. Einlass ab 12 Uhr, im Winter ab 13 Uhr, Schluss um 22 Uhr. Hier bekommst du auch eine Credencial.
  • Albergue Parroquial San Miguel: die Pfarrherberge, etwa 300 Meter von der Plaza de los Fueros. Sie arbeitet auf donativo-Basis, Pilger in der App berichten von Abendessen und Frühstück und von freundlichen Freiwilligen. Geöffnet von Ende März bis 31. Oktober.
  • Albergue de la fundación ANFAS: Die Herberge gehört einer Stiftung für Menschen mit geistiger Behinderung, die hier mitarbeiten. 12 € pro Nacht, geöffnet von Ende März bis September, im August geschlossen.
  • Albergue Capuchinos Rocamador: am Stadtausgang am Camino, etwa 900 Meter von der Plaza de los Fueros. Schlafsaal 15 €, geöffnet bis 18. Dezember. Laut App frisch renoviert und ruhig, Abendessen gibt es dort keins.

Daneben gibt es private Herbergen und Hostels mit Schlafsälen, meist zwischen 12 und 23 € pro Nacht, die sich über Buchungsportale reservieren lassen. Sind alle Betten belegt, gibt es knapp zwei Kilometer weiter in Ayegui eine Herberge in der Sporthalle.

Ninja-Tipps

  • Ein Schluck für morgen: Rund vier Kilometer hinter Estella fließt am Kloster Irache seit 1991 Wein aus einem Brunnen der Bodegas Irache, aus dem zweiten Hahn kommt Wasser. Am Hahn steht: Wer mit Kraft nach Santiago kommen will, soll einen Schluck nehmen und auf das Glück anstoßen. Es ist ein Schluck, keine Weinprobe. Die Angaben zur Uhrzeit widersprechen sich, am Vormittag bist du auf der sicheren Seite.
  • Wasser auffüllen in Villamayor: Nach Villamayor de Monjardín kommt bis Los Arcos nur noch ein einziger Brunnen. Füll deine Flaschen, und mach dort lieber eine größere Pause.
  • Reservieren in der städtischen Herberge: Ein Teil der Betten lässt sich per E-Mail vorab sichern. Wenn du spät ankommst, nutze das, denn der Rest geht nach Ankunft weg.
  • Gemeinsam essen: Mehrere Pilger erzählen in der App von gemeinsamen Abendessen, mit Wein, in der städtischen Herberge. Frag beim Einchecken, ob es heute eins gibt.
  • Donnerstag ist Markttag: Dann ist die Plaza de los Fueros voller Stände. Ein guter Moment für den Einkauf für morgen.

Praktische Tipps für Pilger

  • Touristinfo: Calle San Nicolás 1, neben dem Königspalast, Telefon +34 948 556 301. Hier gibt es Stadtpläne und Infos zu Öffnungszeiten.
  • Credencial und Stempel: Eine Credencial bekommst du in der städtischen Herberge.
  • Einkaufen: Apotheke, Geldautomaten, Supermärkte und Bäcker gibt es in der Stadt.
  • An- und Abreise: Busse verbinden Estella mit Pamplona und Logroño.

Weiter: über Irache nach Los Arcos

Du verlässt Estella über die Calle San Nicolás, vorbei am Königspalast, und gehst durch eine Grünanlage nach Ayegui, laut Camino Ninja knapp zwei Kilometer entfernt. Gut vier Kilometer hinter Estella kommst du am Kloster Irache und am Weinbrunnen vorbei. Danach teilt sich der Weg: Der traditionelle Camino Francés führt über Azqueta nach Villamayor de Monjardín (gut 9 Kilometer ab Estella), eine Variante geht über Luquin. Bis Los Arcos sind es laut Camino Ninja rund 21,5 Kilometer.

Morgen erwartet dich

Ein Schluck Wein am Klosterbrunnen, ein kurzer Anstieg nach Villamayor de Monjardín und dann eine lange Strecke ohne Schatten. Am Ende wartet Los Arcos mit der Kirche Santa María, deren Nordportal von 1591 wie ein Altaraufsatz aus Stein gearbeitet ist. Dahinter liegt ein Kreuzgang in flammender Spätgotik. Den hast du dir nach den zehn Kilometern ohne Bar verdient.

Tiefer eintauchen: Eine Stadt, gebaut für den Weg

Ein langer Text, falls du noch mehr über Estella erfahren willst. Etwa zwanzig Minuten Lesezeit.

Ein Heiliger mit Hut am Stadteingang

Wenn du am Ufer des Ega in die Stadt kommst, steht da eine Kirche, die nie fertig wurde. Die Iglesia del Santo Sepulcro hat ein großes gotisches Portal, aber dahinter fehlt fast alles, was eine Kirche ausmacht. Und links neben der Treppe, verwittert und doch unverkennbar, steht ein Mann im Pilgergewand: der Apostel Jakobus, gekleidet wie einer, der auf dem Weg nach Santiago ist. Er ist der erste, der dich in Estella begrüßt.

Das ist kein Zufall. Diese Kirche stand am Anfang der alten Pilgerstraße, der Rúa de los Peregrinos, die heute Calle Curtidores heißt. Am anderen Ende der Straße stand die Kirche San Nicolás, dort, wo der Weg nach Kastilien die Stadt verließ. Wer im Mittelalter hier ankam, ging also von einem Heiligen zum nächsten, quer durch ein Viertel, das für ihn gebaut worden war.

Estella ist nämlich keine Stadt, die einfach gewachsen ist. Sie wurde gegründet, mit einem Plan und einer Absicht. Und die Absicht warst, im Grunde, du.

Der Weg wird verlegt

Vor rund tausend Jahren lief der Jakobsweg nicht durch diese Stadt. Im Jahr 1077 zog er südlich vorbei, von Villatuerta den Hang des Montejurra hinauf, am Kloster Zarapuz entlang. Unten am Ega lag ein Dorf namens Lizarra. Es wird schon 958 in den Urkunden des nahen Klosters Irache erwähnt und hatte eine Burg und eine Kirche, die dem heiligen Petrus geweiht war.

Dann griff ein König ein. Sancho Ramírez, König von Navarra und Aragón, wollte seine Länder beleben, und er wusste, wie das ging: mit Fremden, die Handel trieben, und mit Pilgern, die Geld ausgaben. Zwischen 1076 und 1084 gab er den Leuten der neuen Siedlung am Fuß der Burg ein eigenes Stadtrecht. Es garantierte Eigentum, freien Handel und einen eigenen Rat. Das Original ist verloren. Als Vorbild diente das Recht von Jaca. Um 1090 gilt Estella als gegründet, und der Pilgerweg führte nun mitten hindurch.

Die Menschen, die das Stadtrecht anlockte, nannte man Franken. Gemeint waren Kaufleute und Handwerker von jenseits der Pyrenäen. Sie siedelten zuerst im Viertel San Martín, rund um die Kirche San Pedro de la Rúa, die um 1090 eine ältere Kapelle des heiligen Martin von Tours ersetzte. Bald wuchs die Stadt über den Fluss. Auf der anderen Seite entstand das Viertel San Miguel, dann San Salvador del Arenal, das später aufgegeben wurde, und San Juan, angelegt auf einem königlichen Weinberg. San Juan und San Salvador bekamen 1187 und 1188 dasselbe Recht wie San Pedro.

Drei Viertel, drei Kirchen, drei Räte, und oft auch drei Meinungen. Erst 1266 schuf König Theobald der Zweite einen gemeinsamen Rat, in dem jedes Viertel vertreten sein sollte.

Stern oder Esche

Die Stadt hat zwei Namen, und beide sind alt. Den Namen Estella findest du zum ersten Mal 1072: Da wird ein gewisser Lope Arnalt als königlicher Verwalter „in Stella“ genannt. Fünf Jahre später heißt die Siedlung am Fuß der Burg schon Stella. Das ist Latein und heißt Stern. Der Stern mit acht Zacken steht bis heute im Wappen der Stadt.

Lizarra ist der baskische Name, und er kommt von lizar, der Esche. Heute stehen oft beide Namen nebeneinander: Estella-Lizarra. Du gehst also in einen Ort, der zugleich nach einem Baum und nach einem Himmelskörper heißt. Für eine Stadt am Weg zum Sternenfeld, wie viele den Namen Compostela deuten, ist das kein schlechter Anfang.

Die Nacht der fallenden Sterne

Natürlich gibt es auch eine Legende, und sie handelt von Sternen. Um das Jahr 1085, so erzählt man, sahen Hirten aus dem Nachbardorf Abárzuza in einer Nacht im Mai Sterne auf einen Hügel über dem Fluss fallen. Sie gingen hinauf und fanden in einer Höhle ein Bild der Muttergottes mit dem Kind. Es sei dort versteckt worden, heißt es, als die Mauren die Halbinsel eroberten. König Sancho Ramírez wollte die Figur in die Kirche San Pedro bringen lassen, aber sie ließ sich nicht bewegen. Also ließ er an der Fundstelle eine Kapelle bauen.

Das ist die Virgen del Puy, die Jungfrau vom Hügel, bis heute Patronin der Stadt. Ihr Fest ist am 25. Mai. Die Figur, die du heute oben siehst, ist aus Holz und mit Silber überzogen, und sie stammt aus dem späten dreizehnten oder frühen vierzehnten Jahrhundert. Die Basilika um sie herum ist modern. Der Architekt Víctor Eusa aus Pamplona hat sie entworfen, gebaut wurde sie bis 1951. Ihr Grundriss und ihr Schmuck folgen dem achtzackigen Stern aus dem Wappen.

Und dann gibt es den Verdacht, den auch Reiseführer offen aussprechen: Manche sagen, die Kaufleute der jungen Stadt hätten die Geschichte erfunden, um noch mehr Pilger anzulocken. Beweisen lässt sich das nicht, widerlegen auch nicht. Fest steht nur, dass Legende und Gründung fast im selben Jahrzehnt liegen.

Brot, Wein und gutes Wasser

Wie gut der Plan aufging, kannst du im ältesten Pilgerführer der Welt nachlesen. Im zwölften Jahrhundert beschrieb ein Geistlicher aus Frankreich, den die Überlieferung Aymeric Picaud nennt, den Weg nach Santiago. Sein Text ist heute das fünfte Buch des Codex Calixtinus. Er teilt die Strecke durch Navarra in Tagesetappen ein, und eine davon führt von Pamplona bis Estella. Die nächste, schreibt er, geht von Estella bis Nájera, und er fügt trocken hinzu: zu Pferd, versteht sich.

Über Estella selbst schreibt er, sie sei „fértil en buen pan y excelente vino“, fruchtbar an gutem Brot und vorzüglichem Wein, an Fleisch und Fisch, und mit allen Gütern versorgt. Auch den Fluss lobt er. Durch Estella fließe der Ega, mit süßem, gesundem und außergewöhnlichem Wasser.

Das Lob hatte einen Hintergrund. Derselbe Autor warnt kurz vorher vor dem Fluss bei Lorca, den du heute auf dem Weg hierher gekreuzt hast. Er nennt ihn tödlich und erzählt, wie zwei Einheimische am Ufer saßen und ihre Messer schärften. Sie versicherten ihm, das Wasser sei trinkbar. Zwei Pferde tranken und starben sofort, und die beiden Männer zogen ihnen gleich die Haut ab. Nach so einer Erfahrung war ein Fluss mit gutem Wasser eine Erwähnung wert. Wenn du am Ega entlang in die Stadt gekommen bist, bist du an genau diesem Wasser entlanggegangen.

Händler, Wechsler und sechs Hospitäler

Estella lebte vom Weg, und der Weg brachte vor allem zwei Gruppen von Händlern: Franken und Juden. Im dreizehnten Jahrhundert war die Stadt für ihren Geldwechseltisch bekannt, an dem Münzen aus aller Herren Länder getauscht wurden. Kein Wunder an einem Weg, auf dem Menschen aus vielen Ländern mit fremdem Geld unterwegs waren.

Für die Pilger selbst gab es Betten. Im Jahr 1354 hatte Estella sechs Hospitäler. Eines der wichtigsten war San Lázaro. Im Jahr 1524 legte man die kleinen Häuser zu einem großen Allgemeinen Hospital zusammen. Das war die übliche Entwicklung in jener Zeit: weniger kleine Herbergen, mehr Verwaltung.

Die Stadt wurde wichtig. In den Ständeversammlungen Navarras saß Estella direkt nach Pamplona und vor Tudela, und über diese Reihenfolge stritt man sich gern. Im Jahr 1274 starb hier König Heinrich der Erste nach einem Sturz von der Burgmauer, so berichtet es die Stadtgeschichte. Seine Tochter Johanna erbte den Thron und heiratete Philipp den Vierten von Frankreich. Damit ging die Krone Navarras an das französische Königshaus der Kapetinger. Ein Sturz in Estella hat also ein Stück europäischer Geschichte verschoben.

Noch im sechzehnten Jahrhundert war Estella ein Ort der Bücher und der Gelehrsamkeit. 1546 richtete der Drucker Miguel de Eguía hier eine Druckerei ein, die 1568 nach Pamplona zog. Und ein Franziskaner, der den Namen der Stadt trug, Diego de Estella, lebte von 1524 bis 1578 und wurde als geistlicher Schriftsteller bekannt.

Die Kirche auf dem Felsen

Die wichtigste Kirche der Stadt steht nicht in der Ebene, sondern auf einem Felsen über dem Weg. San Pedro de la Rúa war die Pfarrkirche der Franken, als Pfarrei belegt seit 1174, vermutlich aber älter. 1256 wurde sie zur Hauptkirche von Estella. Unten führt der Camino vorbei, oben thront die Kirche, und dazwischen liegt eine lange Treppe. Wer hinaufsteigt, sieht den Weg von oben, den er gerade gegangen ist.

Das Hauptportal stammt aus der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Sein Rand ist in Bögen gelappt, wie eine Blüte. Kunsthistoriker sehen darin eine enge Verwandtschaft mit den Portalen von San Román in Cirauqui und der Santiagokirche in Puente la Reina, beides Orte, durch die du gerade gekommen bist. Die Bildhauer gingen offenbar denselben Weg wie die Pilger. An den Türpfosten tummeln sich Figuren, die man an einer Kirche nicht erwarten würde: eine Sirene, ein Kentaur, Harpyien und Greifen, teils mit derben Anspielungen.

Drinnen ist das Älteste das Taufbecken aus dem zwölften Jahrhundert, der einzige liturgische Gegenstand, der aus dem ursprünglichen Bau erhalten ist. Die Apsis entstand im letzten Viertel des zwölften Jahrhunderts, die Schiffe im dreizehnten, die Gewölbe erst im sechzehnten und siebzehnten. In einem Altar aus dem siebzehnten Jahrhundert hängt ein romanischer Gekreuzigter aus dem dreizehnten Jahrhundert. Im Altarraum steht eine Muttergottes aus dem späten dreizehnten Jahrhundert, die Virgen de Belén. Sie stand früher in der Kirche Santo Sepulcro am Stadteingang und kam hierher, als jene Kirche 1881 schloss.

Hier, in dieser Kirche, schwor 1523 Kaiser Karl der Fünfte, als König von Spanien Karl der Erste, die alten Rechte der Stadt zu achten. Er war auf dem Weg nach Fuenterrabía. 1592 kam Philipp der Zweite durch Estella, krank, und leistete den Schwur erst am folgenden Tag.

Ein Kreuzgang mit zwei Flügeln

Das Schönste an San Pedro ist der Kreuzgang, und er ist ein Torso. Er entstand um 1170, auf quadratischem Grundriss. Heute stehen nur noch zwei Flügel, der westliche und der nördliche. Die beiden anderen gingen 1572 verloren, als auf Befehl des Vizekönigs Vespasiano Gonzaga die Burg oberhalb der Kirche abgerissen wurde. Die Trümmer stürzten herab und zerschlugen den halben Kreuzgang.

Was blieb, gilt als Bildhauerei ersten Ranges, gearbeitet von mehreren Meistern. Die Kapitelle erzählen vom Leben Christi, von der Verkündigung bis zur Auferstehung, und vom Leben der Heiligen, darunter des Apostels Andreas. Dazwischen siehst du Harpyien, geflügelte Sirenen und Sphingen. Und an einer Stelle sind die Säulen ineinander verdreht, als hätte jemand den Stein ausgewrungen.

Nahe dieser Burg, die man Zalatambor nannte, lag einst das jüdische Viertel von Estella. Davon gleich mehr.

Der Bischof, den niemand kannte

Andreas ist nicht zufällig im Kreuzgang. Die Stadt hat zwei Schutzheilige, die Virgen del Puy und den Apostel Andreas, und Andreas kam als Pilger. So jedenfalls erzählt es die Legende, die man auf das Jahr 1270 datiert.

Ein Bischof aus Patras in Griechenland, der Stadt, in der Andreas der Überlieferung nach gestorben war, machte sich auf den Weg nach Santiago. In seinem Gepäck trug er eine Reliquie, ein Stück vom Schulterblatt des Apostels. In Estella starb er. Niemand wusste, wer er war, und so begrub man ihn wie einen gewöhnlichen Pilger im Kreuzgang von San Pedro. Dann sah der Sakristan Nacht für Nacht Lichter über dem Grab. Man öffnete es, fand die Reliquie und erfuhr, wen man da begraben hatte.

Seit 1706 hat Andreas in San Pedro eine eigene barocke Kapelle, mit einem Altar im Stil des Rokoko aus dem späten achtzehnten Jahrhundert. Zum Stadtfest im August werden bis heute Messen für die Jungfrau und für Andreas gefeiert. Man muss die Legende nicht glauben, um sie zu mögen. Sie erzählt von einem Pilger, der nie ankam, und von einer Stadt, die ihn trotzdem nicht vergessen hat.

Roland gegen den Riesen

Gegenüber der Treppe von San Pedro, an der Ecke zur Calle San Nicolás, dem alten Pilgereingang, steht ein Bau, den es in Navarra kein zweites Mal gibt: der Palacio de los Reyes de Navarra, das einzige erhaltene weltliche Gebäude der Romanik im Land. Er stammt aus der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts. Unten öffnet sich eine Galerie aus vier Bögen, oben liegen vier große Fenster, jeweils durch schlanke Säulchen geteilt. Das dritte Stockwerk aus Ziegeln kam erst im achtzehnten Jahrhundert dazu.

Schau dir unten links das Kapitell auf Straßenhöhe an. Auf dem Stein stehen die Namen „Pheragut“ und „Rollan“, dazu „Martinus me fecit“ und „de Logroño“: Martinus aus Logroño hat mich gemacht.

Das Kapitell erzählt eine Geschichte aus dem Sagenkreis um Karl den Großen, die auch im Codex Calixtinus vorkommt. Bei Nájera, ein paar Tagesetappen westlich von hier, trifft der Ritter Roland auf den Riesen Ferragut. In einer Kampfpause reden die beiden über den Glauben, über die Dreifaltigkeit, die Auferstehung und die Jungfräulichkeit Marias. Mit einer List erfährt Roland, wo der Riese verwundbar ist: am Nabel. Als der Kampf weitergeht, wirft Ferragut ihn zu Boden, doch Roland sticht ihm in den Nabel und entkommt. Am Ende des Kapitells liegt der abgeschlagene Kopf des Riesen. Nach Angaben des Museums folgt die Darstellung im Detail nicht genau dem Text im Codex. Rechts am Palast zeigen andere Kapitelle den Hochmut, die Strafen der Hölle und die Wollust, Predigten in Stein, wenn man so will.

Wenn du in Roncesvalles warst, kennst du Roland schon. Dort soll er gefallen sein. Hier in Estella siehst du ihn noch siegen.

Ein Palast, der vielleicht keiner war

Der Name klingt eindeutig: Palast der Könige von Navarra. Nach gängiger Darstellung wohnten hier vom späten zwölften bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Könige, wenn sie in Estella waren. Doch so sicher ist das nicht. Tomás Biurrun meinte, das Haus sei gar kein Königspalast gewesen, sondern der Versammlungsort der Franken von San Martín. Professor Lacarra dagegen verband es mit dem großen Palast, der in den Rechnungsbüchern des dreizehnten Jahrhunderts erwähnt wird. Das Museum, das heute darin sitzt, lässt die Frage offen.

Ein Königspalast oder ein Rathaus der Kaufleute, das ist mehr als eine Fußnote. Im einen Fall wäre es ein Haus der Macht, im anderen ein Haus der Bürger, die diese Stadt erst groß gemacht haben. Vielleicht passt das zweite sogar besser zu Estella.

Vom achtzehnten Jahrhundert an wurde das Gebäude bewohnt. 1729 verlieh Philipp der Fünfte den Titel eines Herzogs von Granada de Ega, und nach diesen Herzögen hieß der Bau eine Zeit lang. Am 17. Dezember 1868 wurde er für 4.500 Escudos an die Verwaltung des Bezirksgefängnisses verkauft. Man mauerte viele Öffnungen zu, und bis 1954 saßen hier Häftlinge. Dann kaufte die Regierung Navarras das Haus und gab ihm sein altes Gesicht zurück. Seit dem 14. Juni 1991 zeigt es Werke des Malers Gustavo de Maeztu, geboren 1887 in Vitoria, gestorben 1947, einer der wichtigen Figuren der baskischen Malerei seiner Zeit. Aus einem Palast, der vielleicht keiner war, wurde ein Gefängnis und aus dem Gefängnis ein Museum.

Das Portal, das du nicht übersehen darfst

Zurück zum Anfang, zum Santo Sepulcro, der Kirche vom Heiligen Grab. Sie wird 1123 zum ersten Mal erwähnt, als Sitz einer Bruderschaft vom Heiligen Grab. Später kamen weitere Bruderschaften dazu, eine des heiligen Julian von Le Mans, eine der Jungfrau von Betlehem und eine der Jungfrau vom Pfeiler. Gebaut wurde in Schüben vom zwölften bis ins sechzehnte Jahrhundert. Geplant waren drei Schiffe. Fertig wurde nur die romanische Seitenapsis im Norden, vor allem weil das Geld fehlte.

Das Prunkstück ist das Portal aus dem frühen vierzehnten Jahrhundert. Zwölf Bögen staffeln sich nach innen, und aus den Scheitelsteinen schauen sechs Engel. Einer bläst eine Posaune, die anderen halten die Werkzeuge der Passion. Das Bogenfeld liest du von unten nach oben wie ein Buch. Ganz unten das Abendmahl, aus einem einzigen Steinblock gehauen. Darüber die drei Frauen am leeren Grab, der Abstieg Christi in die Unterwelt und die Szene, in der Maria Magdalena dem Auferstandenen begegnet und er zu ihr sagt: Halte mich nicht fest. Ganz oben die Kreuzigung, mit Maria und Johannes, mit dem Soldaten, der die Lanze hält, und dem, der das Rohr mit Essig reicht. Links und rechts stehen in zwei Gruppen die Apostel in ihren Nischen.

Und unten an der Treppe die beiden großen Figuren. Links Jakobus als Pilger. Rechts ein Bischof mit Mitra und Stab, bei dem man bis heute nicht sicher weiß, wer er ist: vielleicht Julian von Le Mans, vielleicht Saturnin von Toulouse, vielleicht Martin von Tours.

1821 machte man einen Teil der Kirche zur Pfarrkirche. 1881 war Schluss: Das Viertel hatte sich geleert, und die Kirche wurde geschlossen. Ihre Schätze kamen nach San Pedro. Im Jahr 2025 wurde das Portal restauriert. Das Innere bleibt verschlossen, aber das, wofür man herkommt, steht ohnehin draußen.

Über den Fluss: San Miguel

Auf der anderen Seite des Ega steht San Miguel auf einem Felsen, den die Einheimischen La Mota nennen. Eine Pfarrei des Erzengels Michael gibt es hier seit 1145. Die ältesten erhaltenen Teile stammen aus den Jahren um 1187 bis 1196. Die Apsis staffelt sich in fünf kleinen Rundapsiden, die drei gotischen Schiffe kamen in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts dazu. Fachleute halten das Nordportal für den künstlerisch und inhaltlich bedeutendsten Teil der Kirche. Selbst verwittert lohnt der Blick.

Hinter der Apsis steht eine kleine Kapelle des heiligen Georg. Die Figur des Reiters dort wurde 2018 von Laien restauriert, und das Ergebnis war heftig umstritten. Auch das gehört zur Geschichte alter Kirchen: Nicht jede Rettung ist eine.

Die Nacht im März 1328

Estella war nicht nur eine Stadt der Pilger und Kaufleute, sondern auch eine Stadt der Juden. Belegt sind sie seit dem späten elften Jahrhundert, also fast seit der Gründung. Ihr Viertel lag in San Pedro de la Rúa, nahe der Burg Zalatambor. Im dreizehnten Jahrhundert erreichte die Gemeinde ihren Höhepunkt, mit rund 110 Familien, etwa einem Zehntel der Einwohner. Sie gilt als die drittgrößte des Königreichs nach Tudela und Pamplona.

In der Nacht vom 5. auf den 6. März 1328 wurde das jüdische Viertel überfallen. Angestachelt hatte die Menge ein Franziskaner namens Pedro de Ollogoyen. Die Bewohner wurden erschlagen oder vertrieben. Unter den Opfern war die Familie eines Mannes, der später als Rabbiner und Dichter bekannt wurde: Menahem ben Aarón ibn Zerah. Danach wurden fünf Angreifer gehängt und den Beteiligten hohe Geldstrafen auferlegt, zusammen 10.000 Pfund. 1366 zählte die Gemeinde noch 89 Familien. 1498 mussten die Juden Navarra verlassen, die meisten waren da schon getauft. Ihre Synagoge wurde zur Kirche Santa María Jus del Castillo.

Es ist eine Seite der Geschichte, die auf einer Pilgerseite leicht verschwindet. Aber dieselbe Stadt, die Fremde aufnahm, hat in jener Nacht ihre eigenen Nachbarn erschlagen. Wenn du an San Pedro vorbeigehst, gehst du auch an diesem Viertel vorbei.

Ein Kloster mit einem Brunnen

Morgen früh kommst du nach rund vier Kilometern am Kloster Irache vorbei, und es ist älter als Estella. Erstmals erwähnt wird es 958. Von 1056 bis 1098 war hier Veremundo Abt, der heute als Heiliger verehrt wird. Die Legende erzählt, er habe heimlich Essen unter seiner Kutte zu den Pilgern getragen. Als man ihn zur Rede stellte, habe sich das Brot in Blumen oder Brennholz verwandelt.

Schon zwischen 1052 und 1054 ließ König García Sánchez der Dritte an diesem Kloster ein Hospital für Pilger bauen, das erste im Königreich. Es blieb wichtig bis 1090, also bis zu dem Jahr, in dem man die Gründung Estellas ansetzt. Man darf vermuten, dass die junge Stadt dem Kloster einen Teil seiner Aufgabe abgenommen hat.

Die Klosterkirche entstand im zwölften und dreizehnten Jahrhundert, mit einer romanischen Apsis. Den Kreuzgang im Stil der Renaissance schuf im sechzehnten Jahrhundert der Baumeister Martín de Oyarzábal. Von 1569 bis 1824 gab es hier eine Universität, die erste in Navarra. In den Kriegen des neunzehnten Jahrhunderts wurde das Kloster Lazarett, für die Armee Napoleons und für die Karlisten. Später lebten und lehrten hier die Piaristen, bis 1984. Dazwischen liegt ein dunkles Kapitel: Zwischen 1937 und 1939 nutzten die Truppen Francos das Gebäude als Lager für gefangene Republikaner. Seit 1986 gehört Irache der Regierung Navarras. Ein Plan, hier ein staatliches Hotel einzurichten, ist gescheitert.

Und dann ist da der Brunnen. Seit 1991 fließt am Platz vor dem Kloster aus einem Hahn Wein der Bodegas Irache, aus dem anderen Wasser. Darüber steht, sinngemäß: Pilger, wenn du mit Kraft nach Santiago kommen willst, nimm einen Schluck von diesem großen Wein und stoße auf das Glück an. Man kann das für Werbung halten, und es ist auch Werbung. Aber es steht in einer langen Tradition. Schon vor fast tausend Jahren fanden Pilger an diesem Ort ein Bett.

Die heilige Stadt der Karlisten

Im neunzehnten Jahrhundert wurde Estella zur Hauptstadt einer verlorenen Sache. In Spanien stritten zwei Linien des Königshauses um die Krone, und die Anhänger des Thronanwärters Don Carlos, die Karlisten, hatten in Navarra ihre Hochburg. 1833 wurde in Estella der General Tomás de Zumalacárregui zum Befehlshaber der navarresischen Truppen ernannt. 1835 zog der Thronanwärter selbst ein, und die Stadt bekam den Ehrennamen „Wiege der Restauration“.

Dann kam der Bruch im eigenen Lager. Im Februar 1839 ließ der karlistische General Rafael Maroto hinter dem Heiligtum des Puy mehrere Anführer der eigenen Seite erschießen, die gegen ihn standen. Wenige Monate später schloss er Frieden mit der Gegenseite. Ausgerechnet der Hügel der Sterne wurde so zum Ort einer Hinrichtung.

Im dritten Karlistenkrieg ab 1872 richtete der nächste Thronanwärter, Karl der Siebte, wie ihn seine Anhänger nannten, seinen Hof in Estella ein. Die Stadt hieß nun die „Heilige Stadt des Karlismus“. Im Kloster Irache führte seine Frau Margarita von Bourbon-Parma ein Lazarett. Im Februar 1876 siegten die Regierungstruppen am Montejurra, dem Berg, über den einst der Jakobsweg führte, und am Tag danach nahmen sie Estella ein. Am 4. März 1876 kam König Alfons der Zwölfte in die Stadt.

Auch das zwanzigste Jahrhundert ging nicht spurlos vorbei. 1931 beschloss eine Versammlung in Estella einen Entwurf für ein gemeinsames Autonomiestatut des Baskenlands und Navarras. 1936, nach dem Militärputsch, wurde der Bürgermeister Fortunato Aguirre verhaftet und am 29. September erschossen. Estella war oft dort, wo Spanien um sich selbst rang.

Estella die Schöne

Vielleicht hast du gelesen, dass schon der Codex Calixtinus die Stadt „Estella la bella“ genannt habe, Estella die Schöne. Das klingt gut, aber im Text steht es so nicht. Der Pilgerführer lobt Brot, Wein, Fleisch, Fisch und den Fluss, also das, was ein müder Reisender braucht. Von Schönheit spricht er nicht. Den Beinamen Estella la bella trug die Stadt nach Angaben des Pilgerportals alberguescaminosantiago im fünfzehnten Jahrhundert, wer ihn erfand, ist nicht überliefert.

Später kam ein zweiter Beiname dazu: das Toledo des Nordens, wegen der vielen romanischen Kirchen, Paläste, Klöster und Brücken. Der Historiker Julio Caro Baroja nannte Estella die Hauptstadt der navarresischen Romanik. Das sind große Worte für eine Stadt mit nicht einmal fünfzehntausend Einwohnern. Aber wenn du am Abend vom Puy hinunterschaust, verstehst du, warum man sie gewählt hat.

Dass der Codex vor allem das Essen lobt, ist übrigens keine schlechte Nachricht. Es heißt, dass die Pilger des zwölften Jahrhunderts hier vor allem eins fanden: das, was sie brauchten.

Pilger heute

Der Weg hat Estella geschaffen, und er hält die Stadt bis heute lebendig. Allein in der städtischen Herberge übernachteten 2024 rund 13.400 Pilger, und nach einer Schätzung gingen insgesamt etwa 80.000 durch die Stadt. Die Herberge gehört der Stadt, geführt wird sie vom örtlichen Verein der Freunde des Jakobswegs, also von Menschen, die selbst gegangen sind. Daneben gibt es eine Pfarrherberge, die auf Spendenbasis arbeitet, und eine Herberge, in der Menschen mit geistiger Behinderung mitarbeiten.

Die sechs Hospitäler von 1354 gibt es nicht mehr. Aber die Idee dahinter, dass eine Stadt Fremde aufnimmt, weil sie von ihnen lebt und weil es sich so gehört, die hat überlebt.

Was Estella dir mitgibt

Du bist erst wenige Tage unterwegs. Über sechshundert Kilometer liegen noch vor dir. Estella zeigt dir, wie ernst der Weg schon vor tausend Jahren genommen wurde. Ein König verlegte ihn, um eine Stadt zu gründen. Die Stadt unterhielt sechs Hospitäler, ein Steinmetz signierte seine Arbeit mit seinem Namen, und mit einem fremden Bischof, den niemand kannte, kam ihr Schutzheiliger.

Vielleicht nimmst du von hier ein Bild mit: den verwitterten Jakobus am Stadteingang, der seit rund siebenhundert Jahren dasteht, im Pilgergewand, und alle grüßt, die kommen. Er weiß nicht, wer du bist, und er fragt auch nicht. Er steht einfach da, wo der Weg in die Stadt führt. Morgen früh gehst du an einem Brunnen vorbei, aus dem Wein fließt. Ob du einen Schluck nimmst oder nur Wasser, ist deine Sache. Anstoßen darfst du in jedem Fall: auf den Weg, der hinter dir liegt, und auf den, der noch kommt.

Übernachten in Estella

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Angebote in Estella

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Quelle: © OpenStreetMap contributors · aktualisiert November 2025

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