Ort am Jakobsweg
Faro
Portugal
- Unterkünfte
- 131
- Camino
- 1
- Höhe
- 3 m
Faro ist der Anfang ganz unten: An der Kathedrale der Algarve-Hauptstadt beginnt der Camino de Faro, und bis Santiago liegen knapp 980 Kilometer vor dir. Pilgerherberge und Credencial gibt es hier nicht. Halt vor dem Aufbruch kurz inne, so wie es die Knochenkapelle des Carmo verlangt.
Wie lange bleiben?
Ein Nachmittag reicht. Faro ist für die meisten der Ort, an dem sie aus dem Flugzeug oder dem Zug steigen und am nächsten Morgen losgehen. Die Nacht brauchst du ohnehin. Für die Kathedrale, an der dein Weg beginnt, und die Knochenkapelle der Karmeliterkirche reicht der Nachmittag. Wer einen ganzen Tag hat, findet vor der Stadt die Lagune der Ria Formosa. Wichtiger als jede Besichtigung ist hier aber die Vorbereitung: Credencial, Track, Wasser, Unterkünfte der ersten Tage.
Faro in Ninja-Zahlen
- Knapp 980 Kilometer sind es von der Kathedrale in Faro bis Santiago: gut 436 bis Porto de Muge am Tejo, dann noch 541,5 auf dem Camino Portugués Central.
- 23 Kilometer misst deine erste Etappe nach Loulé, mit rund 440 Metern Anstieg.
- 1.245 Schädel zählt die Knochenkapelle des Carmo, Gebeine von mehr als tausend Mönchen.
- 1249 wurde Faro als letzte Stadt der Algarve für Portugal erobert. Vermutlich mit dabei: der Großmeister des Santiago-Ordens.
Ankommen: ein Anfang ohne Anlauf
Nach Faro kommt man nicht zu Fuß, man landet hier. Vom Flughafen der Algarve fährt ein Stadtbus ins Zentrum (die Linie prüfst du vor Ort). Aus Lissabon und Porto kommst du mit den Fernzügen der portugiesischen Bahn CP. Einen Jakobsweg, der nach Faro hineinführt, gibt es nicht. Hier beginnt alles.
Dein Startpunkt ist die Sé, die Kathedrale von Faro. Von hier führt der Camino de Faro nach Norden, über Montenegro und Santa Bárbara de Nexe in die Kalkhügel des Barrocal. In der Ninja-Datenbank heißt er Caminho Português Central do Sul, so nannten ihn die Freiwilligen, die ihn ab 2016 markiert haben.
Kurz erzählt: Santa Maria vom Rand
Schon in der Antike lag hier ein Hafen namens Ossonoba. Unter den Mauren hieß die Stadt Santa Maria, im elften Jahrhundert Santa Maria Ibn Harun, und daraus wurde wohl der Name Faro. 1249 eroberte König Afonso III. die Stadt. Damit war die Algarve portugiesisch.
1487 druckte Samuel Gacon in Faro den Pentateuch auf Hebräisch, das erste Buch, das in Portugal gedruckt wurde. Im sechzehnten Jahrhundert wurde Faro Stadt und Bischofssitz. Ende des Jahrhunderts plünderten englische Kaperfahrer unter dem Grafen von Essex die Stadt. Das Erdbeben von 1755 verwüstete die Algarve, doch die Sandbänke der Ria Formosa bewahrten Faro vor dem Tsunami. Ein Jahr später wurde es Hauptstadt der Algarve. Heute leben in der Stadt gut 46.000 Menschen.
Halt an: zwei Orte zum Innehalten
Bevor du 980 Kilometer gehst, lohnt es sich, einen Moment stehen zu bleiben. Faro hat dafür zwei Orte, und beide haben mit dem Tod zu tun, ohne düster zu sein.
Der erste ist die Knochenkapelle hinter der Karmeliterkirche. Über ihrem Eingang steht ein Satz, den du dir für die nächsten Wochen mitnehmen kannst: „Pára aqui a considerar que a este estado hás-de chegar.“ Bleib hier stehen und bedenke, dass du in diesen Zustand kommen wirst. Das klingt hart. Für jemanden, der gerade aufbricht, ist es aber eine ehrliche Frage: Wofür gehst du los, wenn die Zeit begrenzt ist?
Der zweite ist kleiner und liegt an deinem Startpunkt. An der Kathedrale steht im Freien ein Altar aus Knochen, ein Ossuarium. Wer hier seinen ersten Schritt macht, geht also an derselben Mahnung vorbei, nur leiser. Dann drehst du dich um und gehst los.
Am Startpunkt: was du sehen solltest
Faro ist für Pilger kein Ort mit langer Besichtigungsliste. Öffnungszeiten und Eintrittspreise haben wir für beide nicht verlässlich gefunden, frag vor Ort.
- Sé de Faro: Die Kathedrale ist dein Startpunkt. Ihre Geschichte beginnt Mitte des dreizehnten Jahrhunderts: Nach der Eroberung 1249 wurde der Überlieferung nach die Moschee zur Kirche. Ende des dreizehnten Jahrhunderts wurde sie der Jungfrau Maria geweiht. Im sechzehnten Jahrhundert wurde sie Kathedrale, als der Bischofssitz der Algarve von Silves nach Faro kam, und Ende des Jahrhunderts verwüsteten die Engländer unter dem Grafen von Essex den Bau. Was du heute siehst, mischt Gotik, Barock und den schlichten portugiesischen Stil. Im Inneren steht eine Orgel aus dem achtzehnten Jahrhundert von Johann Heinrich Hulenkampf, draußen der Knochenaltar. Hier beginnt dein Weg. Frag nach einem ersten Stempel, eine Liste der Stempelstellen gibt es auf diesem Weg nicht.
- Capela dos Ossos im Carmo: Hinter der Karmeliterkirche Nossa Senhora do Carmo aus dem achtzehnten Jahrhundert liegt die Knochenkapelle, 1816 geweiht. In ihr liegen die Gebeine von mehr als tausend Karmelitermönchen, 1.245 Schädel. Über der Tür steht die Mahnung, die oben zitiert ist. Für einen Pilger ist das der richtige Ort, um vor dem Aufbruch eine Viertelstunde still zu sein.
- Ria Formosa: Faro liegt an einer Lagune, die seit 1978 Naturpark ist, rund 170 Quadratkilometer groß, mit Inseln und Sandbänken. Jedes Jahr ziehen hier rund 30.000 Vögel durch, im Frühling und im Herbst ist sie Rastplatz für Zugvögel. Die Sandbänke haben Faro 1755 vor dem Tsunami geschützt. Wer einen freien Tag hat, schaut sich die Lagune an, bevor er ins Landesinnere aufbricht.
Essen und Trinken
Faro liegt am Meer und an der Lagune, und das bestimmt die Küche: Fisch und Meeresfrüchte. Für Pilger wichtiger: Kauf für die erste Etappe in Faro ein. Was dich unterwegs in den Dörfern erwartet, ist auf diesem Weg nie sicher. Auf dem ganzen Camino de Faro gibt es Strecken, wo Cafés mittags schließen oder ganz fehlen.
Ehrlich gesagt
- Keine Pilgerherberge, keine Credencial. Eine Pilgerherberge haben wir in Faro nicht gefunden, und der Träger des Weges gibt hier keine Credenciales aus. Bestell deinen Pilgerausweis vorher online, sonst startest du ohne.
- Die Pfeile sind nicht verlässlich. Die gelben Pfeile fehlen laut Berichten von 2026 stellenweise. Ohne Offline-Track solltest du hier nicht starten.
- Der erste Tag ist kein Einrollen. Nach Loulé sind es 23 Kilometer und gut 400 Höhenmeter hinauf in den Barrocal, und am zweiten und dritten Tag geht es weiter in die Serra do Caldeirão. Gut 40 Prozent aller Höhenmeter des Weges liegen in den ersten 90 Kilometern.
- Du wirst allein sein. Ein Pilger, der 2021 von Santiago do Cacém an den Tejo lief, schrieb: „never saw one walker until Santarém“. Genieß die Stille oder such dir vorher Begleitung.
- Der Sommer ist zu heiß. Von Juni bis September ist der Weg durch den Alentejo nicht zu empfehlen. Geh zwischen Oktober und Mai.
Wo Pilger schlafen
Eine Pilgerherberge haben wir in Faro nicht gefunden. Du schläfst in einem Hostel oder einer Pension in der Innenstadt. Am besten buchst du vorab und wählst eine Unterkunft in Laufweite zur Kathedrale, damit du am Morgen direkt am Startpunkt bist. Auch auf dem Rest des Weges sind echte Pilgerherbergen die Ausnahme. Plane die ersten Nächte schon in Faro.
Ninja-Tipps
- Vom Flughafen zu Fuß in die Stadt: Vom Flughafen gehst du in etwa einer Stunde in die Altstadt. Die zweite Hälfte führt über die erste Etappe, nur rückwärts, und ist ein durchaus schönes Stück Weg. So lernst du deinen Camino schon am Ankunftstag kennen.
- Credencial vorab bestellen: Die Associação Espaço Jacobeus (AEJ) verschickt den Pilgerausweis online für 3,20 € plus Versand (Stand: September 2026). Am Weg geben ihn Pfarreien und die Kathedralen von Évora, Beja, Santarém und Portalegre aus, keine davon in Faro.
- Stempel sammeln, wo es geht: Eine Liste der Stempelstellen gibt es nicht. Frag in Kirchen, bei den Gemeindeverwaltungen (Juntas de Freguesia) und in den Touristinformationen.
- Track offline laden: Lade die Etappen in der Camino-Ninja-App, bevor du losgehst. Wo die gelben Pfeile fehlen, ist sie dein Wegweiser.
- Die Junta anrufen: Auf späteren Etappen gibt es Orte, an denen nur die Gemeindeverwaltung ein Dach vermitteln kann. Ruf zwei Tage vorher an. Die Telefonnummern notierst du dir am besten schon in Faro.
- Die Wahl an der Algarve: Rund 28 Kilometer östlich beginnt in Tavira die Via Nascente, ein zweiter Weg nach Norden. Die beiden teilen keinen Meter Strecke. Entscheide dich vor dem Start.
- Ein Satz für den Weg: Fotografier die Inschrift über der Knochenkapelle. Vielleicht denkst du an einem langen, leeren Tag im Alentejo an sie.
Praktische Tipps für Pilger
- Anreise: Flughafen Faro mit Stadtbus ins Zentrum, Fernzüge der CP aus Lissabon und Porto.
- Beste Reisezeit: Oktober bis Mai, ideal ist der Frühling. Im Dezember kann Faro sonnig und mild sein, ein Pilger meldete einmal 19 Grad.
- Einkauf: Deck dich in Faro mit Proviant und Wasser für den ersten Tag ein.
- Kürzer gehen: Viele gehen nur bis Alcácer do Sal und fahren von dort nach Lissabon, um auf dem Camino Portugués Central weiterzugehen. Das ist legitim, aber ein anderer Weg.
Weiter: in den Barrocal
Von der Kathedrale gehst du nach Norden aus der Stadt. Nach 3 Kilometern erreichst du Montenegro, nach knapp 14 Kilometern Santa Bárbara de Nexe, dann geht es durch die Kalkhügel des Barrocal hinauf nach Loulé (23 km). Am zweiten Tag folgt Salir mit seiner Burg aus der Almohadenzeit, dann die Serra do Caldeirão mit dem höchsten Punkt des ganzen Weges, 406 Meter. Bei Porto de Muge am Tejo, nach gut 436 Kilometern, mündet dein Weg in den Camino Portugués Central aus Lissabon.
Morgen erwartet dich
Loulé ist dein erstes Etappenziel. Dort steht die Kirche São Clemente, gotisch aus dem dreizehnten Jahrhundert, und ihr Glockenturm war früher ein Minarett. Von Faro, das praktisch auf Meereshöhe liegt, steigst du dafür rund 440 Meter in eine Landschaft aus Kalkhügeln. Ein guter erster Tag, um zu merken, wie dein Rucksack sitzt.
Tiefer eintauchen: Der Anfang am Ende des Landes
Ein langer Text, falls du noch mehr über Faro erfahren willst. Etwa fünfundzwanzig Minuten Lesezeit.
Vor der Sé, am Anfang von allem
Wenn du in Faro vor der Kathedrale stehst, stehst du an einem merkwürdigen Punkt. Hinter dir liegt die Lagune der Ria Formosa, dahinter kommen Sandbänke und der Atlantik. Viel weiter nach Süden geht es in Portugal nicht. Vor dir liegen knapp tausend Kilometer bis zu einem Grab in Galicien. Die meisten Pilger beginnen ihren Weg irgendwo in der Mitte einer Geschichte, in einer Stadt, die seit Jahrhunderten Pilger kommen und gehen sieht. Du beginnst ihn an einem Ort, an dem es so etwas nie gab.
Faro ist keine alte Pilgerstadt. Wir haben keine Quelle gefunden, die von mittelalterlichen Jakobspilgern erzählt, die hier aufgebrochen wären, kein Pilgerhospital, keine Jakobusbruderschaft. Der Weg, auf den du gleich gehst, ist jung, kaum zehn Jahre alt. Und doch ist diese Stadt auf seltsame Weise mit Santiago verbunden: durch einen Bischof, der in der Spätantike einen Mann, der wohl aus Galicien stammte, vor Gericht brachte, durch einen Ritterorden, der den Namen des Apostels trug und die Stadt eroberte, und durch eine Kathedrale, deren Bischof von Fremden beraubt wurde. Seine Bücher stehen bis heute in Oxford.
Diese Geschichten gehören dir, bevor du losgehst. Sie erzählen von einem Rand, der immer wieder zum Anfang wurde.
Ossonoba, eine Stadt mit Bischof
Lange bevor es Faro gab, gab es Ossonoba. Die ersten Siedlungen reichen in die Zeit zurück, als phönizische Seefahrer die Küsten des Mittelmeers und des Atlantiks besiedelten. Ossonoba wurde das wichtigste Zentrum im Süden des heutigen Portugal, ein Hafen, über den Getreide, Fisch und Erze gehandelt wurden. In römischer Zeit gehörte die Stadt zur Provinz Lusitanien. Nach den Römern kamen Byzantiner und Westgoten. Von den Byzantinern zeugen noch heute Türme in der Stadtmauer.
Früh war Ossonoba christlich, und früh hatte es einen Bischof. Für das Jahr 306 ist ein Bischof namens Vincentius bezeugt. Nach ihm reihen sich Namen aus drei Jahrhunderten: ein Petrus im Jahr 589, ein Saturninus 653, ein Exarnus 666, ein Belitus 683, zuletzt ein Agrippius am Ende des siebten Jahrhunderts. Dann bricht die Reihe ab. Mit der Ankunft der Muslime erlosch das Bistum, und es sollte fast neunhundert Jahre dauern, bis wieder ein Bischof in dieser Stadt residierte.
Einer aus dieser Reihe aber hat sich in die Kirchengeschichte eingeschrieben, und zwar nicht zum Guten. Und er führt dich, auf einem Umweg, nach Galicien.
Ithacius und der Mann aus Galicien
Im vierten Jahrhundert war Ithacius Bischof von Ossonoba. Zur selben Zeit sammelte ein gebildeter Mann aus vornehmer Familie Anhänger um sich, geboren wohl in Gallaecia, dem Land, das heute Galicien und den Norden Portugals umfasst. Er hieß Priscillian und predigte ein strenges, asketisches Christentum. Seine Anhänger wuchsen, und er wurde Bischof von Ávila. Andere Bischöfe hielten ihn für einen Ketzer. Eine Synode in Saragossa verurteilte im Jahr 380 seine Anführer.
Ithacius wurde sein erbittertster Gegner. Als die Beschlüsse der Kirche nichts bewirkten, wandte er sich an die weltliche Macht und erwirkte ein kaiserliches Edikt. Am Ende stand ein Prozess in Trier, am Hof des Kaisers Maximus, und Ithacius war der Hauptankläger. Die Anklage lautete nicht mehr auf Irrlehre, sondern auf Zauberei, ein Verbrechen, auf das der Tod stand. Im Jahr 385 wurden Priscillian und mehrere seiner Gefährten mit dem Schwert hingerichtet. Historiker sehen darin den ersten Fall, in dem Christen einen anderen Christen wegen Ketzerei töten ließen.
Schon die Zeitgenossen waren entsetzt. Martin von Tours, der berühmte Bischof, hatte gegen ein weltliches Gericht in einer Glaubenssache protestiert. Auch Ambrosius von Mailand und der Papst verurteilten das Vorgehen. Gallische Bischöfe brachen die Gemeinschaft mit Ithacius ab, und eine Synode spanischer Bischöfe setzte ihn ab. Der Mann aus Ossonoba hatte gesiegt und alles verloren.
Und hier wird es für dich interessant. Priscillians Leichnam wurde aus Trier zurück nach Hispanien gebracht, und in Gallaecia verehrte man ihn als Märtyrer. Der englische Kirchenhistoriker Henry Chadwick hat es deshalb für möglich gehalten, dass im Grab von Santiago de Compostela am Ende nicht Jakobus liegt, sondern Priscillian. Beweisen lässt sich das so wenig wie das Gegenteil. Es ist eine Vermutung, mehr nicht. Aber es ist eine merkwürdige Vorstellung: Du brichst in der Stadt jenes Bischofs auf, der Priscillian den Tod brachte, und gehst zu einem Grab, in dem manche den Toten von damals vermuten.
Santa Maria, am Rand des Westens
Im Jahr 713 kamen die Mauren, und Ossonoba blieb noch lange das bedeutendste Zentrum im Südwesten der Halbinsel. Im neunten Jahrhundert erhob sich ein Mann namens Yahia Ben Bakr, später sein Sohn Bakr Ben Yahia, und für kurze Zeit entstand hier ein eigenes kleines Fürstentum mit einer Befestigungsmauer. Im zehnten Jahrhundert taucht der Name Santa Maria auf. Er war älter als die Mauren: Schon unter den Westgoten hieß die christliche Stadt Santa Maria de Ossonoba, und auch unter muslimischer Herrschaft blieb ihr der Name der Mutter Jesu. Im elften Jahrhundert hieß die Stadt dann Santa Maria Ibn Harun, nach der Familie der Banu Harun, die hier ein eigenes Kleinkönigreich regierte, die Taifa von Santa Maria im Gharb, im Westen von al-Andalus.
Aus Ibn Harun wurde nach der christlichen Eroberung Santa Maria de Faaron, daraus Farom, Farão und schließlich Faro. So jedenfalls erklärt es die Gemeinde von Faro selbst, und so berichtet es die Lokalzeitung Postal im Sommer 2026.
Von dieser Zeit kannst du noch etwas sehen. Wenn du durch den Arco da Vila in die Altstadt gehst, liegt rechts ein Hufeisenbogen, der dem elften Jahrhundert zugeschrieben wird. Er war eines der Tore der islamischen Stadt, wurde bei Bauarbeiten 1992 wieder freigelegt und ist der einzige Hufeisenbogen der Algarve, der noch an seinem ursprünglichen Platz steht. Durch dieses Tor gingen die Menschen von Santa Maria Ibn Harun.
Ruhig war diese Zeit nicht. 1147 plünderte eine Schar des Zweiten Kreuzzugs die maurische Stadt. 1217 kam eine friesische Flotte, unterwegs zum Fünften Kreuzzug, und plünderte und brannte Faro erneut nieder. Für die Bewohner am Rand des Gharb waren die Männer mit dem Kreuz zunächst einmal Räuber vom Meer.
März 1249: eine Stadt ergibt sich
Die eigentliche Eroberung kam ohne große Schlacht. Mitte des dreizehnten Jahrhunderts schoben die Portugiesen ihre Grenze Schritt für Schritt nach Süden, durch das Tal des Guadiana und in die östliche Algarve. Mértola war gefallen, Tavira, Ayamonte, Cacela, und 1248 sogar das große Sevilla, an die Kastilier. Der Herr der Gegend um Faro, Ibn Mahfuz, Herrscher der Taifa von Niebla, war isoliert. Hilfe konnte Faro von nirgendwo mehr erwarten.
Im März 1249 stand ein portugiesisches Heer vor der Stadt, unter König Afonso dem Dritten. Belegt ist das durch eine Schenkungsurkunde, die der König im März 1249 in Faro ausstellte. Im Februar war er noch in Ourém gewesen. Die Truppe war wohl klein, aber diszipliniert. Die meisten Männer waren nachgeborene Söhne und uneheliche Kinder des Adels, und einige von ihnen wurden reich belohnt. Aus ihnen gingen Familien hervor, die Portugal noch im vierzehnten Jahrhundert prägten. Faro ergab sich. Muslimische Quellen sagen, die Stadt sei übergeben worden. Wenig später fielen Albufeira, Porches und einige kleinere Orte. Damit war die portugiesische Eroberung der Algarve abgeschlossen.
Kastilien sah das anders und beanspruchte die Algarve für sich. Erst im Vertrag von Alcañices 1297, unter Vermittlung des Papstes, wurde der portugiesische Besitz endgültig anerkannt. Die Stadt aber blühte auf. Der sichere Hafen und der Handel mit Salz brachten Wohlstand, und mit dem Niedergang von Silves übernahm Faro die Verwaltung der Algarve.
Der Meister aus Barcelos
Bei der Eroberung von Faro war, so berichten es die Quellen zur Belagerung, ein Mann dabei, dem du auf diesem Weg immer wieder begegnen wirst, ohne seinen Namen auf einem Schild zu lesen: Paio Peres Correia, Meister des Ordens von Santiago. Neben den Rittern des Apostels kämpften auch die Ritter des Ordens von Avis.
Paio Peres Correia wurde um 1205 in Monte de Fralães bei Barcelos geboren, im Norden Portugals, an der Strecke, auf der heute Pilger von Porto nach Santiago gehen. Früh ging er nach Uclés in Kastilien, an den Hauptsitz des Ordens. Später führte er von Alcácer do Sal aus die portugiesischen Ritter. Im Spätherbst 1242 wählten ihn die Brüder in Mérida, an der Vía de la Plata, zum Großmeister des ganzen Ordens, auf Lebenszeit.
Was folgt, liest sich wie eine Landkarte des Südens. Im Westen war er an den Eroberungen von Mértola, Ayamonte, Cacela und Tavira beteiligt. Im Osten folgten Chinchilla und Montemolín, Cartagena, Lorca und Mula, und 1248 die Eroberung von Sevilla im Dienst Ferdinands des Dritten von Kastilien. Paio Peres Correia diente zwei Königreichen, Portugal und Kastilien, unter dem Zeichen desselben Apostels. Er starb 1275. 1511 ließen die Katholischen Könige seine Gebeine in das Kloster Tentudía in der Extremadura bringen, das er selbst 1240 als kleine Kapelle gegründet hatte.
Der Orden von Santiago war schon 1172 nach Portugal gekommen. 1217 eroberte er Alcácer do Sal und machte die Burg bis 1235 zu seinem Hauptsitz. Santiago do Cacém, das den Apostel im Namen trägt, war ab 1186 sein erster Vorposten im Süden. Wenn du also von Faro nach Norden gehst, gehst du rückwärts durch die Geschichte dieser Ritter: von ihrem letzten Sieg an der Küste zu ihren frühen Burgen im Alentejo. Das Schwert des Apostels hat diesen Weg gebahnt, lange bevor jemand mit einem Rucksack und einer Muschel kam. Man kann das bewundern oder befremdlich finden. Es lohnt sich, beides zu kennen.
Ein Buch, gedruckt am 30. Juni 1487
Unter den Mauren und unter den christlichen Königen lebten in Faro Juden. Schon in maurischer Zeit schrieben jüdische Gelehrte hier Abschriften der hebräischen Bibel, und im vierzehnten Jahrhundert wuchs die Bedeutung der Gemeinde. Ihr Viertel lag in der Vila Adentro, der Stadt innerhalb der Mauern, in der auch die Kathedrale steht.
Am 30. Juni 1487 vollendete in Faro ein Mann namens Samuel Gacon den Druck der fünf Bücher Mose auf Hebräisch. Es ist das erste datierte Buch, das in Portugal gedruckt wurde, und das erste hebräische Buch des Landes. Mit ihm beginnt die Geschichte des portugiesischen Buchdrucks. Gacon druckte es auf Pergament, zweispaltig, mit Vokalzeichen, 110 Blätter. Erhalten ist ein einziges Exemplar.
Neun Jahre später war diese Welt zu Ende. 1496 verfügte König Manuel der Erste, dass alle Juden, die sich nicht taufen ließen, das Land verlassen mussten. An der Stelle des jüdischen Viertels entstand das Kloster Nossa Senhora da Assunção. Derselbe König förderte Faro mit einem Hospital, der Kirche der Misericórdia, einem Zollhaus und einem Schlachthaus am Ufer. So nah beieinander liegen in dieser Stadt Fürsorge und Vertreibung.
Wie Faro Bischofsstadt wurde
Nach der christlichen Rückeroberung des Südens hatte die Algarve wieder einen Bischof, aber nicht in Faro, sondern in Silves, der alten maurischen Hauptstadt im Westen. Das Bistum war schon Ende des zwölften Jahrhunderts errichtet worden, als die Christen Silves für kurze Zeit eroberten, blieb dann aber bis 1253 ohne Bischof. Silves verlor im Lauf der Jahrhunderte an Bedeutung, Faro gewann.
1540 erhob König Johann der Dritte Faro zur Stadt. Wann der Bischofssitz kam, wird in den Quellen unterschiedlich angegeben, und die Erklärung ist einfach: Beschlossen wurde die Verlegung schon 1539 und 1540, vollzogen aber erst am 30. März 1577, unter Bischof Jerónimo Osório. Seither ist die Kirche Santa Maria in Faro die Kathedrale der Algarve. Damit kehrte nach fast neunhundert Jahren ein Bischof in die Stadt zurück, in der schon Vincentius und Ithacius gesessen hatten.
Kaum zwanzig Jahre später kamen die Engländer.
Die Sé: eine Kirche aus sieben Jahrhunderten
Bevor wir zu ihnen kommen, schau dir die Kirche an, vor der du stehst. Die Überlieferung sagt, hier habe schon eine frühchristliche Basilika gestanden, archäologisch belegt ist das nicht. Ebenso erzählt man, die Mauren hätten an dieser Stelle eine Moschee gehabt, die nach der Eroberung von 1249 zur Kirche wurde. Sicher ist, dass zwei Jahre nach der Eroberung, im Jahr 1251, der Bau der Hauptkirche begann, und dass gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts ein Erzbischof von Braga sie der Jungfrau Maria weihte. Santa Maria hieß die Stadt unter den Mauren, Santa Maria heißt ihre Kirche bis heute.
Vom ersten Bau ist nicht viel geblieben. Brände und Erdbeben haben ihn mehrfach beschädigt, die Engländer haben ihn 1596 angezündet, die Beben von 1722 und 1755 erzwangen große Wiederaufbauten. Was überdauert hat, siehst du gleich beim Hineingehen: den Turm und das gotische Hauptportal aus dem dreizehnten Jahrhundert. Der Turm ruht auf einer Vorhalle mit drei großen Bögen. Seit mehr als siebenhundert Jahren gehen Menschen durch diese Bögen, und jetzt gehst du hindurch.
Innen erwartet dich kein gotischer Raum, sondern eine Kirche mit drei Schiffen, getrennt von schlichten Säulen toskanischer Ordnung. Die Architektur ist schlicht. Den Reichtum haben die Kapellen an den Seiten. Was du heute siehst, ist eine Mischung aus Gotik, Renaissance, Barock und jenem schlichten portugiesischen Stil, den man Estilo Chão nennt, den schlichten Stil. Die Kathedrale ist ein Nationaldenkmal Portugals.
Was du in der Kathedrale siehst
Geh langsam, im Uhrzeigersinn, und du gehst durch die Jahrhunderte. Zwei Kapellen stammen noch aus dem dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert und gehörten zur ursprünglichen Kirche Santa Maria. In der einen steht eine gotische Marienfigur aus dem fünfzehnten Jahrhundert unter einem originalen gotischen Gewölbe. In der anderen, der Kapelle des heiligen Dominikus, liegt das Grab eines Adligen namens Ruy Valente, ebenfalls aus dem fünfzehnten Jahrhundert.
Die Hauptkapelle wurde zwischen 1630 und 1640 neu gebaut. Ihr Altaraufsatz ist ganz vergoldet und trägt Figuren aus dem sechzehnten Jahrhundert: Maria, Petrus und Paulus, darüber ein Gemälde der Krönung Mariens. Das Chorgestühl wurde 1704 vollendet. In der Kapelle des Rosenkranzes, 1690 neu errichtet, erzählen Fliesenbilder die Flucht nach Ägypten und den zwölfjährigen Jesus im Tempel. Figuren schwarzer Knaben erinnern an eine Bruderschaft, die hier schon 1554 bestand. In der Kapelle der Seelen von 1722 tragen zwei Engel einen Schädel und Knochen. Die Kapelle des heiligen Blasius, um 1750 entstanden, ist mit Holz und Gold aus Brasilien geschmückt, und die Kapelle Nossa Senhora dos Prazeres, 1752 vollendet, gilt als Meisterwerk des portugiesischen Barock in der Algarve.
Dreh dich vor dem Gehen um und schau nach oben, links über dem Haupteingang. Dort hängt eine Barockorgel aus dem achtzehnten Jahrhundert, gebaut von Johann Heinrich Hulenkampf und bemalt mit chinesischen Motiven. Sie ist gut erhalten und wird zu besonderen Anlässen gespielt. Auch klassische Konzerte finden zu solchen Anlässen statt. Im ersten Stock liegt das Museum der Kathedrale mit liturgischen Geräten, Gewändern und Statuen, und über 68 Stufen kommst du auf den Turm. Von oben siehst du über Faro und hinaus auf die Ria Formosa.
Draußen im Hof steht noch etwas, das du nicht übersehen solltest: ein kleiner Altar aus Schädeln und Knochen, ein Beinhaus, am rechten Ende des Hofes. Daneben liegt die Kapelle des heiligen Michael mit Holzfiguren aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Die Knochen im Hof sind ein Vorgeschmack auf das, was dich in der Karmeliterkirche erwartet.
Eines solltest du ehrlich wissen: Einen Jakobusaltar, eine Pilgerfigur oder eine Jakobusbruderschaft haben wir für die Kathedrale von Faro nicht gefunden. Die Kirche, an der dein Weg beginnt, ist Maria geweiht, nicht dem Apostel. Vielleicht passt das. Die Stadt hieß schon Santa Maria, als niemand hier an Santiago dachte.
Juli 1596: Essex kommt
Im Sommer 1596 war Portugal nicht unabhängig. Seit 1580 regierte der spanische König auch in Lissabon, und England lag mit Spanien im Krieg. Am 1. Juli 1596 griff eine englisch-niederländische Flotte Cádiz an. Die Befehlshaber waren Robert Devereux, Graf von Essex, und Lord Howard von Effingham. Auch Walter Raleigh war dabei. Sechzehn Tage blieben sie in Cádiz. Auf dem Heimweg beschlossen sie, an der Küste der Algarve Proviant zu holen.
Am späten Nachmittag des 23. Juli 1596 landeten die Truppen westlich von Faro, wahrscheinlich bei Farrobilhas. Am nächsten Morgen griffen sie die Stadt an. Widerstand gab es kaum. Der Bischof war nicht in der Stadt, er hatte die wehrfähigen Männer nach Lagos geführt. Die übrigen Bewohner waren mit allem, was sie tragen konnten, geflohen. Es gab wenig zu plündern. Trupps der Angreifer zogen ins Hinterland, bis nach São Brás de Alportel, wo Einheimische sie am 25. Juli zurückschlugen. Andere trafen bei Loulé und Tavira auf Bürgerwehren und kehrten um. Am 27. Juli zogen die Engländer ab, und hinter ihnen brannte die Stadt. Mauern, Kirchen, Häuser und die Kathedrale waren beschädigt. In Lissabon kam die Nachricht am Tag darauf an.
Der Bischof hieß Fernão Martins Mascarenhas. Er stammte aus Montemor-o-Novo im Alentejo, hatte in Évora und Coimbra studiert, war Rektor der Universität Coimbra gewesen und erst seit 1595 Bischof der Algarve. Er besaß eine Bibliothek, und seine Bände trugen sein Wappen, in Gold auf den Einband geprägt. Die Engländer nahmen sie mit.
Acht Jahre später schrieb Mascarenhas in der Widmung eines Buches über den Überfall, den er selbst nicht miterlebt hatte: „as mulheres lamentam-se, as crianças choram“, die Frauen klagen, die Kinder weinen. Als Bischof half er während einer Pest in der Algarve und verteilte bei einer Hungersnot in Portimão sein Getreide. 1616 wurde er Generalinquisitor Portugals, und er baute seine Bibliothek wieder auf, zum Teil mit Büchern, die die Inquisition beschlagnahmt hatte und die er zu sich umleitete. Auch das gehört zu ihm.
Die Bücher des Bischofs: eine umstrittene Frage
Was wurde aus den Büchern? Im Jahr 1600 schenkte der Graf von Essex einen Stapel Bücher einem Mann, der in Oxford gerade die alte Universitätsbibliothek neu gründete: Thomas Bodley. Die Schenkung umfasste 176 Titel in 215 Bänden. Mindestens 65 Titel in 91 Bänden tragen das Wappen von Mascarenhas und stammen sicher aus Faro, einige andere vermutlich auch. Die Bodleian Library, eine der berühmtesten Bibliotheken der Welt, hat also unter ihren frühesten Beständen die Beute aus einem Überfall auf die Algarve. Ein englischer Seefahrer, der dabei gewesen war, William Monson, schrieb Jahrzehnte später ganz unbefangen: „which Library was brought into England by us“.
Seither gibt es eine Frage, die nicht verstummt: Gehören die Bücher nach Faro zurück? Im Dezember 2013 beschloss ein Verein in Faro, der sich nach dem Jahr der Stadterhebung Faro 1540 nennt, die Rückgabe zu fordern. In England setzten sich Einzelne bei Abgeordneten und beim Bibliothekar dafür ein. Die Bibliothek antwortete, Rückgaben seien selten, die Bücher gehörten zu einem europäischen Erbe, das gut gepflegt und für alle zugänglich sein solle. Der Historiker Peter Booker von der British Historical Society of Portugal hält die Forderung für aussichtslos und widerspricht ihrer Grundannahme: „The erroneous premise is to suppose that the books were stolen from the city of Faro“. Die Bücher waren Privatbesitz des Bischofs. Einen Anspruch hätten, wenn überhaupt, seine Erben, nicht die Stadt und nicht das Bistum.
Und dann ist da noch eine hartnäckige Geschichte, die du in vielen Texten über Faro liest, auch in der englischen Wikipedia: Unter den geraubten Büchern sei auch der hebräische Pentateuch von Samuel Gacon gewesen, das erste Buch Portugals, und er stehe heute in Oxford. Ein genauer Blick zeigt, dass das so nicht stimmt. Ein Aufsatz in der Fachzeitschrift Sephardic Horizons verfolgt den Weg des einzigen erhaltenen Exemplars. Schon bald nach dem Druck gehörte es vermutlich einem Besitzer in Norditalien, dann im sechzehnten Jahrhundert einem Rabbi Nissim in Mantua, später dem Sammler Giuseppe Almanzi in Padua und kam 1868 an das British Museum. Heute liegt es in der British Library in London, nicht in Oxford. Und die Schenkung von Essex an Bodley enthält überhaupt keine hebräischen Bücher. Das erste Buch Portugals hat Faro also schon lange vor den Engländern verlassen. Wie es nach Italien kam, weiß niemand.
Wir erzählen dir das so ausführlich, weil es ein gutes Beispiel ist für das, was dir auf dem Camino ständig begegnen wird: Geschichten, die zu schön sind, um sie nicht weiterzuerzählen, und die doch nicht ganz stimmen. Manchmal ist die wahre Fassung die bessere.
Gold aus Brasilien: die Igreja do Carmo
Ein paar Straßen nördlich der Altstadt steht eine Kirche, die von einer ganz anderen Zeit erzählt. Die Igreja do Carmo, eigentlich die Kirche des Dritten Ordens Unserer Lieben Frau vom Berg Karmel, wurde 1713 auf Betreiben von Bischof António Pereira da Silva gegründet, nach Plänen von Frei Manuel da Conceição. Ab 1747 wurde sie unter dem Baumeister Diogo Tavares erweitert. Die Arbeiten dauerten bis 1755, bis zum Jahr des großen Erdbebens. Die Kirche überstand es.
Es war die Zeit König Johanns des Fünften, und gebaut wurde mit Gold aus Brasilien. Innen erwartet dich ein einziges Schiff mit vier Seitenkapellen, Fliesen, geschnitzten Holzdecken und vergoldetem Schnitzwerk von Gaspar Martins, Manuel Martins und Miguel Nobre. Die beiden Türme sind jünger, der eine wurde Anfang des neunzehnten Jahrhunderts fertig, der andere erst 1878, mit einem Glockenspiel aus neun Glocken.
Man kann in dieser Kirche stehen und staunen. Man kann auch daran denken, woher das Gold kam und wer es aus der Erde geholt hat. Beides ist wahr. Der Weg, auf den du gehst, wird dir noch viele solcher Kirchen zeigen.
Die Kapelle der Knochen
Hinter der Kirche liegt ein Raum von etwa vier mal sechs Metern. Seine Wände, Säulen, Bögen und der kleine Altar sind mit Knochen verkleidet: Oberschenkel, Schienbeine, Rippen, und 1.245 Schädel. Am Gewölbe sind Skelette gemalt, im Boden liegen Grabplatten, und hinter Glas, in einer Nische des Altars, hängt ein gekreuzigter Christus.
Die Kapelle entstand 1816. Die Friedhöfe der Stadt waren voll, und der Orden ließ die Gebeine aus seinem alten Friedhof neben der Kirche ausgraben. Es sind, so heißt es, die Knochen von mehr als tausend Karmelitern. Aus ihnen entstand ein Raum, der etwas sagt, und was er sagt, steht über der Tür: „Pára aqui a considerar que a este estado hás-de chegar.“ Bleib hier stehen und bedenke, dass du in diesen Zustand kommen wirst.
Knochenkapellen gibt es in Portugal mehrere, die bekannteste steht in Évora. Sie gehören zu einer alten christlichen Übung, dem Memento mori, dem Gedenken an den eigenen Tod. Man soll sich daran erinnern, dass das Leben endlich ist, und für die Toten beten. Für Menschen des neunzehnten Jahrhunderts war das selbstverständlicher als für uns. Für dich, der du gerade aufbrichst, kann es eine schlichte Frage sein, ganz ohne Frömmigkeit: Wenn die Zeit begrenzt ist, wofür willst du sie verwenden? Ein Pilgerweg ist eine der wenigen Gelegenheiten im Leben, bei denen man diese Frage wochenlang mit sich herumtragen darf.
1755: die Sandbänke und ein neues Tor
Am 1. November 1755, an Allerheiligen, bebte die Erde vor der Küste Portugals. Lissabon wurde zerstört, und auch an der Algarve richtete das Beben schwere Schäden an. In Faro trafen die Erschütterungen Kirchen und Klöster, das Franziskanerkloster und das Kloster Santa Clara, den Bischofspalast, Mauern, Türme und Häuser. Die Kathedrale, schon 1722 von einem Beben beschädigt, musste erneut wieder aufgebaut werden.
Dann kam die Flutwelle. Sie verwüstete die Orte entlang der Küste. Faro aber blieb weitgehend verschont. Die Sandbänke und Inseln der Ria Formosa fingen die Welle ab. Lagos dagegen, seit 1577 die Hauptstadt der Algarve, war zerstört. 1756 wurde Faro Sitz der Verwaltung der ganzen Region.
Faro verdankt seinen Rang also nicht nur Königen und Bischöfen, sondern auch einem Streifen Sand. Das ist eine bescheidene Lehre, die zu einem Pilgerweg passt.
Nach dem Beben baute Faro neu, und ein Bischof drückte der Stadt dabei seinen Stempel auf: Francisco Gomes do Avelar. Er holte den Architekten Francisco Xavier Fabri aus Genua in die Algarve, und Fabri baute ihm das Tor, durch das du heute in die Altstadt gehst, den Arco da Vila. 1812 wurde es eingeweiht. Zwei Säulen, ein Rundbogen, darüber ein Glockenturm mit Uhr, und in einer Nische eine Marmorfigur aus Italien: der heilige Thomas von Aquin, seit mindestens 1620 Schutzpatron der Stadt.
Über ihn erzählt man in Faro zwei Geschichten. Die erste: Der Heilige habe die Pest von der Stadt ferngehalten. Die zweite ist schöner. Als die Arbeiter die schwere Statue an ihren Platz heben wollten, habe sie sich nicht bewegen lassen. Erst als der Bischof ihr etwas ins Ohr flüsterte, sei sie leicht geworden. Was er geflüstert hat, erzählt die Legende nicht. Der Platz vor dem Tor trägt heute den Namen des Bischofs, Praça de Dom Francisco Gomes.
Wenn du durch den Arco da Vila gehst, gehst du durch drei Zeiten auf einmal: durch das Barocktor des Bischofs, vorbei am Hufeisenbogen der Mauren, hinein in die Stadt, in der einmal Ossonoba lag.
Die Lagune vor der Stadt
Was Faro vor der Flutwelle schützte, ist heute einer der großen Naturschätze Portugals. Die Ria Formosa ist eine Lagune hinter einer Kette von Sandinseln, Armona, Barreta, Culatra, Tavira und andere, mit sechs Durchlässen zum Meer. Fünf davon hat das Meer selbst geschaffen, einen der Mensch, für den Hafen von Faro, fertig 1952. Am 2. Mai 1978 wurde die Lagune unter Schutz gestellt, seit 1980 ist sie ein international geschütztes Feuchtgebiet, und 2010 wählten die Portugiesen sie mit 656.356 Stimmen zu einem der sieben Naturwunder ihres Landes.
Rund 30.000 Vögel ziehen jedes Jahr hier durch. Die Lagune ist ein Korridor für Zugvögel, und du kannst Flamingos, Seeschwalben und Säbelschnäbler sehen. In den flachen Becken werden Muscheln gezüchtet und geerntet. Die Vögel, die hier im Frühjahr und Herbst Rast machen, sind auf ihre Weise auch Pilger: Sie kommen von weit her, bleiben kurz und ziehen weiter. Wenn du einen freien Tag hast, schau ihnen zu, bevor du selbst nach Norden aufbrichst.
Ein junger Weg
Bleibt die Frage, warum hier überhaupt ein Jakobsweg beginnt. Die Antwort ist überraschend jung. 2016 begannen Freiwillige, gelbe Pfeile von Faro nach Norden zu malen, unterstützt von der Associação Espaço Jacobeus, einer katholischen Pilgervereinigung mit Sitz in Braga. Hinter der Arbeit stand eine Masterarbeit an der Universität der Algarve: Die Studentin Susana Sousa erkundete mit einer Gruppe von Freiwilligen die Strecke, betreut von Luís Filipe Oliveira, der damals in Tavira über die Rolle des Santiago-Ordens bei der Eroberung des Südens sprach. Seit dem 5. März 2017 sind die Etappen von Faro bis Almodôvar im Gelände anerkannt und mit gelben Pfeilen markiert, über die Serra do Caldeirão hinweg bis jenseits der Grenze zum Alentejo. Unterstützt hatten das unter anderem die Gemeinde Loulé, das Dorf Ameixial und die Franziskaner-Laien von Faro. Susana Sousa sagte damals einen Satz, der viel über diesen Weg verrät: Unterkünfte über 15 Euro seien für Pilger teuer.
Ab Ameixial läuft der Weg heute auf dem Caminho Português de Santiago Central durch den Alentejo und das Ribatejo, den die Tourismusbehörde der Region mit sechzehn Gemeinden trägt. 2021 wurde er der erste staatlich zertifizierte Jakobsweg Portugals. Er führt dich an Orte, deren Namen du nach diesem Text anders hören wirst: am Schlachtfeld von Ourique vorbei, wo Afonso Henriques am 25. Juli 1139, dem Jakobustag, die Mauren besiegte und danach erster König von Portugal wurde. Nach Santiago do Cacém, dem ersten Vorposten der Ritter. Nach Alcácer do Sal, ihrem alten Hauptsitz, wo in der Igreja de Santiago vierzehn Fliesenbilder das Leben des Apostels erzählen. Und bis Samora Correia in der Ebene des Tejo, dessen Kommende Paio Peres Correia gründete, der Mann, der bei der Eroberung von Faro dabei war.
Der Weg ist also neu, aber die Spur, der er folgt, ist alt. Er zieht eine Linie durch das Land, das die Ritter des Apostels im Namen von Santiago erobert haben, und er macht aus dieser Linie etwas anderes: einen Weg, den man allein, langsam und unbewaffnet geht. Wer ihn heute geht, ist meistens allein. Ein Pilger schrieb 2021 über die Strecke bis zum Tejo, er habe bis Santarém keinen einzigen anderen Wanderer gesehen.
Was Faro dir mitgibt
Faro gibt dir keinen großen Abschied. Es gibt hier keine Pilgerherberge, keinen Stempel mit Tradition, keinen Jakobus am Portal. Die Kathedrale, an der du losgehst, gehört Maria, und die Stadt hat die meisten ihrer Jahrhunderte gelebt, ohne an Santiago zu denken.
Aber sie gibt dir etwas anderes mit. Sie zeigt dir, wie Geschichten sich über Jahrhunderte verschieben: wie aus Ossonoba Santa Maria wurde und aus Ibn Harun Faro, wie aus einem Bischof, der einen Ketzer verklagte, eine Fußnote in der Frage nach dem Grab von Santiago wurde, wie aus der Beute eines Überfalls der Grundstock einer berühmten Bibliothek wurde und aus einem verlorenen Buch eine Legende, die nicht stimmt. Sie zeigt dir, dass ein Streifen Sand eine Stadt retten kann. Und sie gibt dir einen Satz, über einer Tür aus Knochen, den du nicht vergessen wirst.
Bleib hier stehen und bedenke, dass du in diesen Zustand kommen wirst. Man kann diesen Satz als Drohung lesen. Man kann ihn auch als Einladung lesen, die Zeit, die man hat, nicht zu verschwenden. Du hast fast tausend Kilometer vor dir. Du wirst viel allein sein, durch Korkeichenwälder und Getreidesteppen gehen, an Burgen der Ritter des Apostels vorbeikommen und abends in Orten ankommen, in denen niemand auf dich wartet. Vielleicht kommt dir der Satz aus Faro an einem dieser Tage wieder in den Sinn. Dann weißt du, wo du angefangen hast.
Übernachten in Faro
Unterkünfte in Faro.
GeöffnetReservierung möglichFaro Coast Guest House
GeöffnetReservierung möglichPlaza Inn Hostel & Rooms
GeöffnetReservierung möglichMelaya Private Rooms





