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Ort am Jakobsweg

Stollberg/Erzgebirge

Germany

Unterkünfte
4
Camino
1
Höhe
410 m

Stollberg ist eine kleine Stadt im Erzgebirgsvorland mit zwei Kirchen am Weg und einer Burg, in der die DDR rund 24.000 Frauen einsperrte. Wer hier zu Fuß durchkommt, geht in Freiheit an Hoheneck vorbei, heute eine Gedenkstätte. Bis Hof sind es noch 123 Kilometer, ein Nachmittag reicht.

Übernachten in Stollberg/Erzgebirge4

Wie lange bleiben?

Ein Nachmittag reicht, oder eine lange Pause, wenn du aus Jahnsdorf kommst. Die Etappenpläne für diesen Weg enden in Jahnsdorf mit seiner Pilgerherberge. Von dort erreichst du Stollberg am nächsten Vormittag nach knapp acht Kilometern. Dann lohnt eine Pause von ein, zwei Stunden für die Marienkirche und die Gedenkstätte Hoheneck. Kommst du von Chemnitz, ist Stollberg nach gut 25 Kilometern ein Etappenziel mit einem Pilgerbett. Plane deinen Tag so, dass du an einem Mittwoch bis Samstag hier bist, denn nur dann ist die Gedenkstätte offen.

Stollberg in Ninja-Zahlen

  • 184,9 Kilometer ab Bautzen, 123,1 bis Hof (laut Camino Ninja). Die Halbzeit von Chemnitz liegt hinter dir, das Vogtland noch vor dir.
  • 7,7 Kilometer von der Pilgerherberge in Jahnsdorf, 8,2 Kilometer bis Oelsnitz/Erzgebirge. Stollberg liegt mitten in einer Etappe, nicht am Ende.
  • Rund 24.000 Frauen saßen zwischen 1950 und 1989 im Gefängnis Hoheneck, etwa 8.000 von ihnen aus politischen Gründen.
  • 0 Euro kostet der Eintritt in die Gedenkstätte (Stand: August 2026).

Ankommen: über die Talsperre zum Markt

Von Jahnsdorf her führt der Sächsische Jakobsweg über die Tabakstanne und durch den Bürgerwald. An der Talsperre Stollberg vorbei kommst du in die Stadt und an der Jakobikirche im Zentrum an, am Hauptmarkt. Die Marienkirche, die älteste Kirche der Stadt, liegt direkt am Weg. Die Burg Hoheneck siehst du schon von weitem.

Kurz erzählt: eine Stadt um eine Burg

Stollberg wuchs um eine Burg, die in alten Urkunden „Stal(e)burc“ heißt. Ab 1320 gehörte der Ort den Herren von Schönburg, 1343 bekam er erstmals Markt- und Stadtrecht. 1473 kaufte der Bischof von Meißen die Stadt, 1564 Kurfürst August von Sachsen, für 74.222 Gulden. Im Dreißigjährigen Krieg brannten Stadt und Burg 1633 nieder. 1704 taucht für die Burg zum ersten Mal der Name Hoheneck auf. Am 4. September 1809 verschlang ein Feuer in vier Stunden den größten Teil der Stadt samt Rathaus.

Ab 1855 baute der Strumpffabrikant F. E. Woller große Fabrikhallen, und 1864 wurde die Burg Hoheneck zum Gefängnis. Das blieb sie bis 2001.

Hinter Mauern, vor dem Tor

Im Februar 1950 brachte man rund 1.000 Frauen und 30 Kinder aus dem sowjetischen Speziallager Sachsenhausen nach Hoheneck. Sowjetische Militärtribunale hatten sie verurteilt, jetzt übernahm die DDR. Es folgten Gewalt, Hunger, Kälte und Zellen mit mehr als 40 Frauen. Bis Mitte der 1950er-Jahre gab es Kübel statt Toiletten. Politische Gefangene wurden mit Schwerverbrecherinnen zusammengelegt, um sie zu demütigen. 1953 traten fast alle Gefangenen in einen Hungerstreik, um ihre Urteile überprüfen zu lassen.

Die Frauen arbeiteten in drei Schichten mit hohen Normen. Sie nähten Bettwäsche und Strümpfe für westliche Firmen, manche davon lagen später bei Aldi im Regal. Hoheneck war das größte Frauengefängnis der DDR. Am 11. und 12. Juli 2024 wurde hier eine Gedenkstätte eröffnet.

Du kommst zu Fuß an und gehst morgen weiter, wohin du willst. Niemand zählt deine Schritte, niemand schreibt dir die Etappe vor. Für die Frauen hinter diesen Mauern war genau das unerreichbar. Wenn du in Stollberg nur eine Sache anschaust, dann diese.

Zwischen Kirche und Burg: was du sehen solltest

Für alle drei zusammen reicht ein Nachmittag. Den Anfang macht der Ort, den du nicht verpassen solltest.

  • Gedenkstätte Hoheneck: In der früheren Burg erzählen Zeitzeuginnen, warum sie hier eingesperrt waren und was sie erlebt haben. Als Pilger gehst du jeden Tag in Freiheit. Hier siehst du, was es heißt, sie nicht zu haben. Geöffnet mittwochs bis samstags von 10 bis 17 Uhr, der Eintritt ist frei (Stand: August 2026), Adresse An der Stalburg 6. Nimm dir Zeit dafür.
  • Marienkirche: Laut Stadt das älteste Gebäude Stollbergs, eine kleine romanische Kirche. Sie ist das Wahrzeichen der Stadt und steht im Wappen und im Stadtsiegel, dessen Vorbild seit dem frühen 15. Jahrhundert verwendet wird. Die Deckenmalereien hält die Stadt für einzigartig in Sachsen. Nach ihrer Restaurierung weihte Bischof Joachim Reinelt sie 1993 neu, seitdem ist sie wieder eine katholische Kapelle. Die katholische Gemeinde, die hier Pilger aufnimmt, trägt ihren Namen. Öffnungszeiten haben wir nicht gefunden.
  • Jakobikirche: Die evangelische Stadtkirche am Markt trägt den Namen deines Apostels. Die erste Jakobikirche entstand 1440. Im August 1633 brannte sie nieder, 1635 wurde der Grundstein für die heutige gelegt, am 5. April 1659 wurde sie eingeweiht. Die Orgel spielt seit 1842, der Turm wurde 1878 und 1879 gebaut. Hier treffen sich die Samstagspilger des Vereins am Ende ihrer Etappe ab Jahnsdorf. Öffnungszeiten und einen Pilgerstempel haben wir nicht gefunden.

Ehrlich gesagt

  • Die Gedenkstätte hat feste Ruhetage. Sonntag bis Dienstag ist sie zu. Wer an diesen Tagen durchkommt, sieht Hoheneck nur von außen.
  • Die Ausstellung ist klein. 2024 war sie auf ein Stockwerk im Westflügel beschränkt, und die früheren Gefangenen wünschten sich mehr, auch den Gefängnishof. Erwarte kein großes Museum, sondern Stimmen.
  • Nur ein Pilgerbett. In Stollberg nimmt nur die katholische Gemeinde gezielt Pilger auf. Ruf vorher an, sonst bleiben Pensionen.
  • Viel Straße. Zwischen Chemnitz und Zwickau läuft der Hauptweg lange an Straßen entlang. Der Verein empfiehlt deshalb ab Jahnsdorf den Pilgerweg St. Anna in den Wald. Er führt über die St.-Anna-Kapelle bei Zwönitz nach Lößnitz. Wer ihn nimmt, lässt den Stollberger Markt aus.

Wo Pilger schlafen

Die Pilgerherberge in Jahnsdorf liegt 7,7 Kilometer zurück. Dazu kommen Pensionen und Ferienwohnungen in der Stadt. Sie stehen in der App unter Stollberg.

Ninja-Tipps

  • Mittwoch bis Samstag: Leg deine Etappen so, dass du an einem dieser Tage durch Stollberg kommst. Sonst bleibt Hoheneck zu.
  • Mit der Citybahn ins Bett: Die Citybahn fährt ohne Umsteigen von Stollberg durchs Würschnitztal in die Chemnitzer Innenstadt, mit Halt in Jahnsdorf. Wenn du in Chemnitz oder Jahnsdorf schläfst, kannst du ohne Rucksack bis Stollberg gehen und zurückfahren.
  • Treffpunkt katholische Kirche: Die Samstagspilger des Vereins starteten 2026 ihre Etappe Richtung Zwickau an der katholischen Kirche in Stollberg. Wenn du jemanden zum Mitgehen suchst, frag beim Verein nach den Terminen für 2027.

Weiter: ins alte Kohlerevier

Hinter Stollberg geht es über Oberwürschnitz (km 189,4) nach Oelsnitz/Erzgebirge (km 193,1), nur 8,2 Kilometer. Bis Zwickau sind es 29,2 Kilometer. Im Etappenvorschlag auf unserer Wegseite ist Stollberg deshalb ein Zwischenhalt: Die Etappe geht von Jahnsdorf bis Oelsnitz/Erzgebirge.

Morgen erwartet dich

Oelsnitz/Erzgebirge im früheren Steinkohlenrevier um Oelsnitz und Lugau. Nach der Stadt der Burg kommst du in eine Gegend, die von der Kohle lebte. Danach führt der Weg über Reinsdorf, wo der Verein für diesen Jakobsweg gegründet wurde, nach Zwickau.

Tiefer eintauchen: Die Burg, aus der man nicht weitergehen durfte

Ein kurzer Text, falls du noch mehr über Stollberg erfahren willst. Etwa drei Minuten Lesezeit.

Eine Burg wird ein Gefängnis

Die Burg über Stollberg ist älter als ihr Name. In den alten Urkunden heißt sie Stalburg, und um sie herum wuchs im dreizehnten Jahrhundert die Stadt. Erst im Jahr 1704 nennt man sie Hoheneck. Im Jahr 1864 wurde aus der Burg ein Gefängnis, und das blieb sie fast eineinhalb Jahrhunderte lang, bis zum Jahr 2001.

Die Frauen von Hoheneck

Im Februar 1950 kamen rund tausend Frauen und dreißig Kinder aus dem sowjetischen Speziallager Sachsenhausen hierher. Sowjetische Militärtribunale hatten sie verurteilt. Von da an war Hoheneck das größte Frauengefängnis der DDR. Bis 1989 saßen hier etwa vierundzwanzigtausend Frauen, rund achttausend von ihnen aus politischen Gründen. Manche wurden von ihren Kindern getrennt, und einige dieser Kinder kamen in Heime der DDR.

Die Frauen arbeiteten in drei Schichten. Sie nähten Bettwäsche und Strümpfe, die westliche Firmen kauften. Ein Teil davon lag später in westdeutschen Supermärkten. Die Bundesrepublik wiederum kaufte politische Gefangene aus der DDR frei, insgesamt für mehr als drei Milliarden Mark. Das Gefängnis war also nicht nur ein Ort der Strafe, sondern auch ein Geschäft.

Erinnern, spät

Erst im Juli 2024 wurde in Hoheneck eine Gedenkstätte eröffnet. Bei der Eröffnung war eine Frau dabei, die schon 1950 hier eingesperrt worden war. Die sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Nancy Aris, sagte im selben Jahr, ohne Hoheneck hätte man eine weitgehend männliche Sicht auf die Geschichte. Als dieser Text entstand, im Herbst 2026, war die Gedenkstätte mittwochs bis samstags geöffnet, der Eintritt war frei.

Was Stollberg dir mitgibt

Pilgern heißt, frei zu gehen. Du entscheidest, wann du aufbrichst, wo du rastest und wie weit du heute kommst. In Hoheneck hatten Frauen jahrelang nicht einmal eine Toilette, nur einen Kübel in einer überfüllten Zelle. Wenn du morgen früh aus Stollberg hinausgehst, nimm diesen Gedanken ein Stück mit. Er wiegt nichts, aber er trägt sich nicht leicht.

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