Vigo ist die größte Stadt Galiciens und lebt vom Meer: Hafen, Austern aus der Ría und ein Schatz, der seit 1702 im Wasser liegen soll. Von hier sind es laut Camino Ninja 103 Kilometer bis Santiago, genug für die Compostela. Nur gelbe Pfeile gibt es in der Stadt keine, du brauchst also eine Karte.
Aktuell in Vigo (Stand: Oktober 2026)
- Keine offizielle Wegmarkierung: Die Stadt verweigert dem Camino bis heute offizielle Wegsteine und Pfeile, zuletzt bestätigt im Juli 2026. Im Juni 2026 ging die Regionalregierung aus Protest zu Fuß von Vigo nach Redondela. Bis sich etwas ändert, hilft nur die Karte in der App.
- Öffentliche Herberge: Sie ist das ganze Jahr geöffnet. Im Juli 2026 begrüßte sie ihren 50.000. Gast seit der Eröffnung 2021.
Wie lange bleiben?
Ein Nachmittag reicht, außer du willst auf die Inseln. Die Altstadt am Hafen, die Austerngasse und der Blick vom Monte do Castro passen gut in einen Nachmittag nach der Ankunft. Für einen Regentag gibt es zwei Museen mit freiem Eintritt und das Meeresmuseum der Xunta. Ein ganzer Ruhetag lohnt sich vor allem für eine Bootsfahrt zu den Illas Cíes am Eingang der Ría. Die Boote fahren aber nur in der Saison, und du brauchst eine Genehmigung der Xunta. Im Herbst und Winter gehst du deshalb besser am nächsten Morgen weiter.
Vigo in Ninja-Zahlen
- 103 Kilometer sind es laut Camino Ninja von Vigo bis Santiago. Wer hier startet, kommt also gerade über die 100 Kilometer, die man für die Compostela braucht.
- Mehr als 57.700 Pilger gingen 2026 bis Ende Juli durch Vigo und holten sich danach in Santiago ihre Compostela. Das waren 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Acht von zehn kamen aus dem Ausland.
- 50.000 Gäste hatte die öffentliche Herberge im Juli 2026 seit ihrer Eröffnung im Juli 2021 empfangen.
- Null offizielle Wegsteine: Seit 2018 lehnt der Bürgermeister sie für die Stadt ab.
Ankommen: eine Großstadt ohne gelbe Pfeile
Von Baiona sind es laut Camino Ninja gut 26 Kilometer bis Vigo, auf der Senda Litoral, der Küstenvariante des Portugiesischen Küstenwegs. In A Ramallosa teilt sich der Weg. Die offizielle Route mit gelben Pfeilen geht ins Landesinnere, meist über Asphalt und Gehwege. Sie führt am Río Lagares entlang und durch den Parque de Castrelos, steigt dann durch das Viertel San Roque zur Rúa Urzáiz hinauf und endet an der Igrexa dos Picos. Die Küstenvariante mit grünen Pfeilen führt über Panxón, Canido und den Stadtstrand Samil. Pilger im Forum finden sie schöner, und sie ist direkter, wenn du in der Altstadt schläfst. Hinter Samil hören die grünen Pfeile allerdings auf.
Egal, wofür du dich entscheidest: Die Einfahrt in die Stadt ist lang und städtisch, und Vigo ist laut Xunta die einzige Stadt an einem Jakobsweg in Europa ohne offiziell markierte Route. Statt Wegsteinen kleben in den Schaufenstern von Bars und Läden Aufkleber mit Muschel oder Pfeil. Das reicht oft nicht, und jeden Tag irren Pilger durch die Straßen. Die öffentliche Herberge liegt unten am Hafen, im alten Fischerviertel Ribeira do Berbés. Gib sie als Ziel in die Karte ein, bevor du in die Stadt kommst.
Kurz erzählt: vom Dorf zur größten Stadt Galiciens
Am Monte do Castro, über dem heutigen Zentrum, lag schon vor über 2.000 Jahren eine Siedlung. Der Name Vigo kommt wohl vom lateinischen „vicus“, das Dorf. Ein Dorf blieb Vigo lange. Im zwölften Jahrhundert war Santiago de Vigo die Hauptpfarrei des Orts. 1589 plünderte Francis Drake die Stadt, im Jahr 1656 bekam sie Mauern und eine Festung.
Groß wurde Vigo erst mit dem Hafen. Ab 1855 fuhren Schiffe regelmäßig nach Amerika, die Mauern wurden abgerissen, die Bahn kam, und überall entstanden Konservenfabriken. Für viele Auswanderer war Vigo der letzte Blick auf Galicien. 1900 hatte die Stadt gut 23.000 Einwohner, heute sind es fast 294.000. Damit ist Vigo die größte Gemeinde Galiciens, ohne Provinzhauptstadt zu sein.
Der Schatz in der Ría
Am 23. Oktober 1702 lag in der Ría von Vigo eine spanische Silberflotte aus Amerika, beladen mit Gold, Silber und Juwelen. Im Spanischen Erbfolgekrieg griff eine englisch-holländische Flotte sie in der Meerenge von Rande an, gleich vor Redondela, und versenkte sie. Ob die Schätze damals noch an Bord waren oder schon an Land gebracht, ist bis heute umstritten. Hunderte Expeditionen haben in der Ría gesucht, 2011 wurden sechs weitere Wracks der Schlacht identifiziert.
Jules Verne machte daraus Literatur. In „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ fährt Kapitän Nemo mit der Nautilus in die Bucht von Vigo und holt das Gold von Rande vom Meeresgrund. Verne selbst kam am 1. Juni 1878 mit seiner Yacht nach Vigo, auf der Flucht vor einem Sturm, und sechs Jahre später noch einmal. Am Hafen steht seit 2005 eine Statue von ihm. Für dich heißt das: Morgen gehst du mit Blick über diese Ría nach Redondela, ans innere Ende der Bucht.
Am Hafen und auf dem Castro: was du sehen solltest
Die Altstadt, der Casco Vello, zieht sich vom Hafen den Hang hinauf. Von der Herberge aus erreichst du die Austerngasse und die Concatedral zu Fuß. Für den Monte do Castro musst du bergauf, der Weg ist aber nicht steil.
- Rúa da Pescadería, die „Austerngasse“: In Vigo heißt sie nur Calle de las Ostras. Hier verkaufen die Ostreiras jeden Tag frische Austern. Sie kommen aus Arcade, wo man seit der Römerzeit Austern züchtet, und werden jeden Morgen hergebracht. Für dich ist das ein Gruß vom Weg: An Arcade kommst du morgen oder übermorgen vorbei.
- Concatedral de Santa María: Die Leute nennen sie „A Colegiata“. Die heutige Kirche wurde von 1816 bis 1836 gebaut, an einem Ort, an dem schon im Mittelalter eine Kirche stand. Verehrt wird hier der Cristo da Vitoria. Die Öffnungs- und Messzeiten haben wir nicht gefunden.
- Monte do Castro: Der Hügel über der Stadt ist ein Park mit dem besten Blick über die Ría. Hier liegen die Reste der Castro-Siedlung, aus der Vigo entstand, und die Mauern der Festung aus dem siebzehnten Jahrhundert. Das Denkmal der Galeonen von Rande zeigt drei große Anker aus der Meerenge und fünf Kanonen der versenkten Schiffe. Die Castro-Grabung kannst du kostenlos mit Führung besuchen, im Winterhalbjahr nur an wenigen Tagen pro Woche.
- Igrexa de Santiago de Vigo: Die Jakobuskirche der Stadt steht in der Rúa García Barbón. Sie entstand nach einem Entwurf von 1896 im neugotischen Stil, und weil das Geld ausging, wurden ihre beiden Türme niedriger als geplant. Sie trägt den Namen der alten Hauptpfarrei aus dem zwölften Jahrhundert.
- Pazo Quiñones de León im Parque de Castrelos: Wenn du die offizielle Route nimmst, gehst du direkt durch den Park. Der Herrensitz ist seit 1937 das städtische Museum, mit europäischer Malerei und Funden vom Monte do Castro. Der Eintritt ist frei, montags ist geschlossen. Der Garten im französischen Stil ist eine Pause wert, bevor es in die Stadt geht.
- Verne-Statue: Am Muelle del Comercio, nahe beim Sporthafen, sitzt Jules Verne in Bronze. Der Bildhauer José Molares aus Vigo hat sie 2005 geschaffen, hundert Jahre nach Vernes Tod.
Essen und Trinken
Iss Austern in der Rúa da Pescadería, das ist das Erlebnis, für das Vigo bekannt ist. Dazu gehören in Galicien Pulpo und ein Glas Albariño. Abends sitzt man auf den Terrassen unter den Arkaden der Praza da Constitución in der Altstadt. Draußen in der Ría siehst du die Muschelflöße, die Bateas.
Ehrlich gesagt
- Du wirst dich verlaufen. Ohne offizielle Pfeile ist der Weg durch Vigo hinein und wieder hinaus schwer zu finden. Nimm die Karte in der App und folge ihr, statt nach Aufklebern zu suchen.
- Die Einfahrt zieht sich. Ob über Castrelos oder über Samil, die letzten Kilometer sind Stadt. Von Baiona sind es laut Camino Ninja gut 26 Kilometer, und das Ende ist Asphalt. Teil dir die Kraft ein.
- Die Herberge ist gut, aber die Küche leer. Mehrere Camino-Ninja-Pilger schreiben, dass es in der Küche nur eine Mikrowelle gibt, kein Geschirr, kein Besteck, keinen Wasserkocher. Wer selbst kochen wollte, isst auswärts.
- Die Cíes sind kein Spontanausflug. Ohne Genehmigung und außerhalb der Saison kommst du nicht auf die Inseln.
Wo Pilger schlafen
- Albergue de peregrinos Juan Manuel López-Chaves: die öffentliche Herberge der Xunta, seit Juli 2021 in restaurierten Häusern der Ribeira do Berbés, am Hafen und am Rand der Altstadt. Sie hat 93 Plätze, kostet 10 € pro Nacht mit Einwegbettwäsche und nimmt keine Reservierungen an (Stand: August 2026). Einlass ist von 13:30 bis 22 Uhr, danach bleibt die Tür zu, und morgens musst du vor 8 Uhr gehen. Sie ist das ganze Jahr geöffnet. Pilger in der App loben die Waschküche mit mehreren Maschinen und Trocknern.
Daneben gibt es in Vigo einige private Hostels mit Schlafsälen, die du reservieren kannst. Sie sind teurer als die öffentliche Herberge.
Ninja-Tipps
- Ziel in die Karte, nicht in den Kopf: Gib vor der Stadt die Herberge in der Ribeira do Berbés als Ziel ein. Auf Pfeile kannst du dich in Vigo nicht verlassen.
- Die Küste ist schöner: Ab A Ramallosa führt die Variante mit grünen Pfeilen über Panxón, Canido und Samil am Wasser entlang. Wenn du links Richtung Strand abbiegen kannst, tu es. Ab Samil brauchst du dann die Karte.
- Bring etwas für die Mikrowelle mit: Die Herbergsküche hat nur eine Mikrowelle, kein Geschirr und keinen Wasserkocher. Pilger in der App raten, Essen mitzubringen, das man darin warm machen kann.
- Raus aus der Stadt über die Rúa Urzáiz: Folge der Rúa Urzáiz bergauf und nimm nach dem Markt Mercado do Calvario die vierte Straße links. Ab der Rúa de Toledo tauchen die gelben Pfeile wieder auf.
- Austern zum Abschied: Die Austern in der Pescadería kommen aus Arcade. Wenn du morgen durch Arcade gehst, weißt du, woher sie stammen.
Wenn es regnet
Und das tut es in Vigo reichlich: Am Flughafen über der Stadt fallen im Jahr rund 1.700 Millimeter Regen an etwa 130 Tagen, unten in der Stadt etwas weniger.
- MARCO, Museum für zeitgenössische Kunst: in der Fußgängerzone Rúa Príncipe, Eintritt frei, dienstags bis samstags 11 bis 14:30 und 17 bis 21 Uhr, sonntags vormittags, montags geschlossen.
- Museo do Mar de Galicia: Das Meeresmuseum der Xunta in Alcabre steht auf dem Gelände einer alten Konservenfabrik und hat ein kleines Aquarium mit der Unterwasserwelt zwischen Hafen und Cíes. Im Winterhalbjahr ist es dienstags bis freitags von 10 bis 14 und 16 bis 19 Uhr geöffnet, am Wochenende mit eigenen Zeiten, montags geschlossen (Stand: Saison 2025/26). Den Eintrittspreis haben wir nicht gefunden.
- Museo Quiñones de León: im Parque de Castrelos, Eintritt frei, montags geschlossen. Prüf die Öffnungszeiten vorher, wir haben nur ältere Angaben gefunden.
Praktische Tipps für Pilger
- Start in Vigo: Mit 103 Kilometern bis Santiago reicht Vigo als Startort für die Compostela. Ab hier brauchst du zwei Stempel pro Tag.
- Herbergszeiten: Einlass ab 13:30 Uhr, um 22 Uhr wird abgeschlossen. Plane den Abend in der Altstadt entsprechend.
- Illas Cíes: Für die Bootsfahrt zu den Inseln brauchst du eine Genehmigung der Xunta und ein Ticket. Die Boote fahren nur in der Saison, etwa von Frühjahr bis Oktober.
Weiter: über der Ría nach Redondela
Du verlässt Vigo über die steile Rúa Urzáiz, an der Igrexa dos Picos vorbei und durch die Rúa Cantabria. Dann beginnt der Camiño da Traída das Augas, der Weg der Wasserleitung, auf dem sich Erde und Asphalt abwechseln. Er gilt als einer der schönsten Ausblicke über die Ría von Vigo, und du gehst an einem kleinen Wasserfall vorbei. Nach Cedeira folgt ein steiler Abstieg auf dem Camiño das Cardosas, dann ein Stück am Seitenstreifen der N-550, bevor du Redondela erreichst. Laut Camino Ninja sind es 16 Kilometer. Wer weitergehen will, schafft es bis Arcade, gut 25 Kilometer.
Morgen erwartet dich
In Redondela mündet dein Küstenweg in den Camino Portugués Central. Ab dort gehst du nicht mehr nur mit den Pilgern von der Küste, sondern auch mit allen, die über Tui gekommen sind. Die Stadt heißt „Vila dos Viadutos“, weil zwei Eisenbahnviadukte aus dem neunzehnten Jahrhundert sie überqueren. Vor der Stadt liegt die kleine Insel San Simón, auf der der Legende nach der Drache wohnte, den Redondela jedes Jahr zu Fronleichnam besiegt.
Tiefer eintauchen: Eine Stadt, die vom Meer lebt
Ein langer Text, falls du noch mehr über Vigo erfahren willst. Etwa fünfundzwanzig Minuten Lesezeit.
Am Hafen, wo die Fischer wohnten
Wenn du in der Pilgerherberge schläfst, schläfst du im Berbés. So heißt das alte Fischerviertel unten am Hafen, die Ribeira do Berbés. Hier legten über Jahrhunderte die Boote an, hier stand eines der sieben Tore der alten Stadtmauer, und aus diesem Viertel kam ein alter Seemann, den alle nur Carolo nannten. Mit ihm beginnt eine der Geschichten, die Vigo bis heute jedes Jahr auf der Straße nachspielt. Du wirst ihm in diesem Text noch begegnen.
Vigo ist keine Stadt, die man auf einem Jakobsweg erwartet. Seit Tagen gehst du an der Küste entlang, durch Fischerorte, an Stränden vorbei, über Felsen. Dann kommen Häuser, Straßen, der Hafen und der Verkehr. Fast 294.000 Menschen leben hier, mehr als in jeder anderen Gemeinde Galiciens. Und doch ist diese Großstadt aus demselben Stoff gemacht wie die Dörfer, durch die du gekommen bist: aus Salz, Fisch und Meer. Fast alles, was in Vigo geschehen ist, kam übers Wasser. Römische Händler und Piraten aus dem Norden, Francis Drake und eine Silberflotte aus Amerika, ein Schriftsteller auf der Flucht vor einem Sturm, Dampfer voller Auswanderer, Fischer mit Kühlschiffen. Und seit ein paar Jahren auch Menschen wie du, auf einem Weg, der an der Küste entlang nach Norden führt.
Dieser Text erzählt ihre Geschichten. Er beginnt auf einem Hügel über der Stadt und endet morgen früh, wenn du Vigo wieder verlässt.
Ein Dorf auf dem Hügel
Über dem heutigen Zentrum erhebt sich der Monte do Castro. Auf seinem Westhang lag die größte von sechsundzwanzig Siedlungen aus der Eisenzeit, die Archäologen im Gemeindegebiet von Vigo gefunden haben. In Galicien nennt man solche Siedlungen Castros: runde Steinhäuser hinter Wällen, eng an den Hang gebaut. Der Castro von Vigo war vom zweiten Jahrhundert vor Christus bis ins dritte Jahrhundert nach Christus bewohnt. Dann verließen die Menschen ihn, allem Anschein nach friedlich, und zogen hinunter in die Gegend am Ufer, die heute Areal heißt, näher ans Wasser. Drei Häuser hat man auf dem Hügel wieder aufgebaut: ein rundes Wohnhaus mit Vorraum, einen Speicher und ein eckiges Haus aus der Zeit nach der römischen Eroberung. An diesem eckigen Haus siehst du, wie weit die neue Herrschaft reichte, bis in die Art, wie die Leute ihre Wände setzten.
Die Römer schätzten die Bucht. Nach Lugo hat Vigo die meisten römischen Funde Galiciens: Anlagen, in denen Fisch eingesalzen wurde, ein Gräberfeld, Landhäuser in Alcabre und Toralla. Auch der Name der Stadt kommt nach der verbreitetsten Deutung aus dem Lateinischen, von vicus, Dorf oder Weiler. Andere halten Vigo für die römische Hafenstadt Burbida, wieder andere leiten den Namen von einem nordischen Wort für Bucht ab. Einig sind sich die Historiker nicht. Aber das Dorf ist geblieben, im Namen der größten Stadt Galiciens.
Auch die Inseln draußen vor der Ría tauchen schon in der Antike auf. Mehrere Autoren, darunter der Geograf Strabon und der Astronom Ptolemäus, sprechen von Insulae Deorum, den Inseln der Götter, und meist bezieht man das auf die Cíes. Der Geschichtsschreiber Cassius Dio erzählt, Julius Caesar habe dort Lusitaner verfolgt, die sich auf die Inseln geflüchtet hatten, und sie belagert, bis sie am Strand von Rodas aufgaben. Nach der Überlieferung geschah das im Jahr 60 vor Christus.
Wellen, die eine Frage hören
Über das frühe Mittelalter in Vigo weiß man wenig. Germanische Einfälle und Piraten aus dem Norden trieben die Menschen offenbar wieder hinauf auf den Castro. Erst ab dem Jahr 1024 sind romanische Kirchen im heutigen Stadtgebiet belegt. Drei davon stehen noch, und eine trägt den Namen des Apostels, zu dem du unterwegs bist: Santiago de Bembrive. Im zwölften Jahrhundert wuchs der Ort wieder, und die wichtigste Pfarrei war Santiago de Vigo, neben dem Viertel um Santa María. Groß wurde Vigo trotzdem nicht. Das Recht, Seehandel zu treiben, gab die Krone dem Nachbarn Baiona, und das Land ringsum stand unter dem Einfluss des Zisterzienserklosters Melón im Hinterland.
Aus dieser stillen Zeit stammt das schönste Zeugnis, das Vigo besitzt. Vermutlich um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts lebte hier ein Spielmann namens Martín Codax. Über sein Leben ist nichts überliefert, nicht einmal sicher, dass er aus Vigo stammte. Erhalten sind sieben Lieder, Cantigas de amigo, Freundeslieder. In ihnen spricht eine junge Frau, die auf ihren Geliebten wartet, und das Meer, an dem sie wartet, ist das Meer von Vigo. Das berühmteste Lied beginnt mit einer Frage an die Wellen: „Ondas do mar de Vigo, se vistes meu amigo?“ Wellen des Meeres von Vigo, habt ihr meinen Freund gesehen? In einem anderen Lied bittet sie ihre Schwester, mit ihr zur Kirche von Vigo zu gehen und die Wellen anzuschauen. Welche Kirche das war, wissen wir nicht.
Dass wir diese Lieder samt ihren Melodien kennen, verdanken wir einem Zufall. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg fand der Madrider Antiquar Pedro Vindel ein altes Pergament, das jemand als Einband für eine Ausgabe von Ciceros Buch über die Pflichten benutzt hatte. Darauf standen die sieben Lieder des Martín Codax, und bei sechs davon auch die Noten. Von keinem anderen Freundeslied dieser Art ist die Musik erhalten. Das Blatt liegt heute in der Morgan Library in New York. Im Winter 2017 auf 2018 kehrte es für ein paar Monate zurück und lag im Meeresmuseum von Vigo, wenige Schritte von der Küste, die es besingt.
Santa María, die Kirche am Hang
Mitten in der Altstadt, an der Praza da Igrexa, steht die Kirche, die in Vigo alle A Colegiata nennen, die Stiftskirche. Offiziell ist sie eine Konkathedrale: Das Bistum, zu dem Vigo gehört, hat seinen Bischofssitz in zwei Kirchen, hier und in der Kathedrale von Tui, die Pilger auf dem Camino Portugués Central kennen. Seit 2020 trägt Santa María außerdem den Titel einer Basilika, verliehen vom Vatikan.
Eine Kirche der Muttergottes ist an dieser Stelle schon im zwölften Jahrhundert belegt, in einer Urkunde von 1156, die die Pfarreien des Bistums Tui aufteilt. Am Ende des vierzehnten Jahrhunderts ersetzte man sie durch eine gotische Kirche, die 1403 fertig war und Teile des Vorgängerbaus bewahrte. Am 11. Juni 1497 wurde sie zur Stiftskirche erhoben, mit einem Prior namens Jaime González de Pedroso an der Spitze. Daher kommt der Name, der bis heute geblieben ist.
Von dieser gotischen Kirche weiß man noch, welche Seitenkapellen sie hatte. Eine war der heiligen Anna geweiht, eine dem Rosenkranz, eine dem heiligen Martin, eine dem Schutzengel, und eine gleich drei Aposteln: Bartholomäus, Johannes und Jakobus. Das ist der einzige Jakobusbezug in der Geschichte dieser Kirche, den wir belegt gefunden haben. Für die heutige Kirche haben wir kein Jakobusbild und keine Pilgertradition gefunden. Der Apostel hat in Vigo seine eigene Pfarrei, die Kirche Santiago de Vigo, die heute als neugotischer Bau in der Rúa García Barbón steht.
Die gotische Kirche hatte kein ruhiges Leben. Bei den Überfällen des Engländers Francis Drake wurde sie geplündert. Den schwersten Schlag bekam sie 1809, im Krieg gegen Napoleon: Oben in der Festung auf dem Castro flog ein Pulvermagazin in die Luft, und die Kirche wurde so schwer beschädigt, dass man eine neue bauen musste.
Eine Kirche, die auch Festung sein konnte
Den Entwurf lieferte Melchor de Prado y Mariño, Mitglied der königlichen Kunstakademie von San Fernando in Madrid. 1811 legte er seine Pläne vor, mitten im Krieg. Erst 1816 konnte man beginnen, und in den 1830er Jahren war die Kirche mit Tabernakel und Seitenaltären fertig. Die genauen Jahreszahlen schwanken je nach Quelle. Beim Bau spielte ein ungewöhnlicher Gedanke mit: Nach den Erfahrungen des Krieges sollte das Gebäude so solide sein, dass es im Notfall als Festung dienen konnte.
Das siehst du ihm an. Die Kirche ist klassizistisch, schlicht, beinahe streng, und gilt als eines der besten Beispiele dieses Stils in Galicien. Die Fassade ist symmetrisch, mit einem einzigen breiten Portal unter einem Dreiecksgiebel. Nur die beiden Türme fallen aus der Reihe. Sie sind barock und stehen in bewusstem Gegensatz zur Nüchternheit des übrigen Baus. Rechts an der Fassade sitzt eine Sonnenuhr, die Juan Agustín Domínguez 1837 entworfen hat. Sie hat eine Eigenheit, die Kenner bemerken: Sie zeigt nicht nach Süden.
Drinnen tragen zwölf schlichte Säulen die Tonnengewölbe von drei Schiffen. Ein einziger Bogen trennt den Altarraum vom Kirchenschiff. Hinter dem Hauptaltar erhebt sich ein üppiger Altaraufsatz im churrigueresken Stil, einer besonders prunkvollen Spielart des spanischen Barock. Um den Altarraum ziehen sich große Mosaiken des Künstlers Santiago Padrós. Sie zeigen Engel mit den Gesetzestafeln und den Evangelien, dazu Ansichten von Istanbul und Rom, mit dem Kolosseum und der Cestius-Pyramide. Draußen ist Vigo laut und schnell. Hier drinnen stehst du in einem Raum, der für die Ewigkeit gebaut sein wollte und notfalls auch für eine Belagerung.
Der Christus aus dem Salz
Das wichtigste Bild der Kirche ist älter als das Gebäude. Es ist ein Gekreuzigter, den man in Vigo den Cristo da Vitoria nennt, den Christus des Sieges. Geschnitzt wurde er im siebzehnten Jahrhundert, und Fachleute schreiben ihn dem Bildhauer Sebastián Ucete aus Toro zu, der von 1568 bis 1621 lebte. Die erste bekannte Erwähnung stammt von 1740. Die Stadt Vigo nennt als Stifter Marcó del Pont, einen katalanischen Unternehmer, der in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Vigo lebte. Wie das mit der frühen Erwähnung zusammenpasst, haben wir nicht klären können.
Um die Figur rankt sich eine Legende, und es gibt sie in mehreren Fassungen. Der Christus soll ins Meer geraten sein, durch einen Sturm oder weil man ihn vor englischen Piraten verbergen wollte. Ein Handelsschiff mit einer Ladung Salz fischte ihn nahe den Cíes aus dem Wasser. Deshalb hieß er lange Cristo da Sal, der Christus des Salzes.
Seinen heutigen Namen bekam er 1809. Als die Menschen in Vigo die französischen Besatzer vertrieben hatten, schrieben sie den Sieg diesem Christus zu. Seither ist er der Christus des Sieges. Am ersten Sonntag im August verlässt er die Kirche und wird in einer Prozession getragen, dem größten religiösen Ereignis der Stadt. Am Tag davor nimmt man die Figur in einem eigenen Ritual vom Kreuz ab, dem Descendimiento. Eine Bruderschaft kümmert sich um beides, und sie hütet auch kleine Geschichten. Die drei ursprünglichen Nägel der Figur wurden irgendwann durch praktischere ersetzt und an drei verdiente Mitglieder der Bruderschaft gegeben. Einer davon gehört heute jemandem in Vigo, der ihn vom Vater geerbt hat und als Glücksbringer aufbewahrt.
Piraten vor der Tür
Im sechzehnten Jahrhundert war eine Stadt am offenen Atlantik eine Stadt in Gefahr. 1585 versuchte Francis Drake, der englische Seefahrer, den man in Spanien einen Piraten nannte, Vigo einzunehmen. Die Bewohner wehrten ihn ab. Vier Jahre später kam er wieder, diesmal mit Erfolg, und große Teile des Ortes gingen in Flammen auf. Die Cíes nutzte er als Stützpunkt, um seine Schiffe auszubessern und Vorräte aufzunehmen. 1617 versuchten türkische Piraten einen Überfall, und wieder hielten die Bewohner stand.
Danach bekam Vigo, was ihm lange gefehlt hatte. 1656 begann man mit einer Stadtmauer und der Festung San Sebastián, die mit einer zweiten Burg oben auf dem Castro zusammenwirkte. Sieben Tore hatte die Mauer, und ihre Namen klingen bis heute durch die Altstadt: A Laxe, Berbés, Gamboa, Falperra, Mar, Placer und Sol. Die Porta do Sol ist heute ein Platz, auf dem die Figur des Sireno steht. Und durch das Tor der Gamboa wird in diesem Text noch jemand mit einer Axt kommen.
Eine Kette über der Meerenge
Im Herbst 1702 tobte in Europa der Spanische Erbfolgekrieg. Spanien hatte einen neuen König aus dem Haus Bourbon, Philipp den Fünften, einen Enkel des französischen Königs, und England und die Niederlande führten Krieg gegen ihn. Mitten in diesen Krieg segelte die spanische Silberflotte aus Amerika. Sie bestand aus drei Kriegsgaleonen, vierzehn Handelsgaleonen und einigen kleineren Schiffen, begleitet von fünfzehn französischen Linienschiffen unter dem Grafen Châteaurenault. Spanischer Befehlshaber war Manuel de Velasco. Eigentlich hätte die Flotte nach Sevilla gemusst, denn Sevilla hatte das Monopol auf den Amerikahandel. Doch der Weg dorthin war zu gefährlich. Am 22. September 1702 lief sie in die Ría von Vigo ein.
Die Schiffe zogen sich tief in die Bucht zurück, in die Ensenada de San Simón vor Redondela. Davor, an der Meerenge von Rande, spannten die Verteidiger eine Sperre aus Holz und Ketten von Ufer zu Ufer. Am Südende stand das Fort von Rande, ein steinerner Turm mit Batterie, am Nordende eine zweite Batterie. Kanonen holte man dafür von den Schiffen. Der Fürst von Barbançon, Statthalter Galiciens, ließ Milizen aufbieten.
Im Oktober erschien die englisch-holländische Flotte unter Admiral George Rooke, mit mehr als doppelt so vielen Männern und Kanonen wie die Verteidiger. Am 23. Oktober griff sie an. Der Herzog von Ormonde ging mit etwa 2.000 Mann bei Teis an Land und marschierte auf das Fort von Rande. Grenadiere stürmten die äußere Mauer, rund 300 Verteidiger hielten sich noch eine Weile im Turm, dann fiel auch er. Auf dem Wasser führte Vizeadmiral Thomas Hopsonn den Angriff mit seinem Schiff, der Torbay. Sie brach durch die Sperre und trieb hindurch. Dann flaute der Wind ab, und die anderen konnten nicht folgen. Die Franzosen schickten ein Brandschiff längsseits, und die Torbay fing Feuer. Was dann geschah, klingt wie erfunden und steht doch in den Berichten: Das Brandschiff war mit Schnupftabak beladen. Als es explodierte, legte sich eine Wolke aus Tabakstaub über die Torbay und half der Mannschaft, die Flammen zu ersticken. Trotzdem ertranken nach Rookes Tagebuch 53 Männer.
Als die Sperre gebrochen und die Forts gefallen waren, gaben die Verteidiger auf. Ein spanischer Bericht von Chacón hält fest, der französische Graf habe Befehl gegeben, alle Schiffe zu verbrennen, damit sie nicht in die Hände des Feindes fielen. Die Mannschaften steckten ihre eigenen Schiffe in Brand und flohen an Land. Nach etwa zehn Stunden war alles vorbei. Kein einziges der fünfzehn französischen Linienschiffe entkam. Sechs wurden erobert, die anderen verbrannt oder versenkt. Von den spanischen Schiffen nahmen die Sieger einige mit, der Rest ging unter oder brannte aus. Die Verluste der Verteidiger waren weit höher als die der Angreifer. Danach plünderten die Sieger Redondela und die Insel San Simón. Am 30. Oktober segelte Rooke mit seiner Beute ab. Auf dem Rückweg, so heißt es, sank eine der eroberten Galeonen nahe den Cíes.
In London erinnert bis heute die Vigo Street an diesen Sieg. Als dieser Text entstand, im Oktober 2026, war die Schlacht auf den Tag genau 324 Jahre her.
Wo ist das Silber?
Seit jenem Tag stellt sich Vigo eine Frage: Liegt der Schatz noch in der Ría? Die Flotte hatte Gold, Silber und Juwelen aus Amerika geladen, nach Angaben der Stadt den größten Schatz, der je den Atlantik überquert hat. Wenn die Schiffe gesunken sind, so die einfache Rechnung, dann muss er unten im Schlamm liegen.
Die Historiker erzählen eine andere Geschichte. Zwischen der Ankunft der Flotte im September und dem Angriff im Oktober lag ein ganzer Monat. Nach einer Version begann man schon am 27. September mit dem Entladen, auf Befehl des Indienrats. Das Silber hatte Vorrang. Es ging ins Landesinnere nach Lugo und später in die Burg von Segovia. Der galicische Historiker Xosé Ramón Barreiro beschreibt einen Zug von rund 1.000 Ochsenkarren, der unter dem Fürsten von Barbançon nach Madrid aufbrach, und erwähnt, dass das Domkapitel von Lugo Geld bereitstellte, um die Karren unterzubringen. Sein trockener Schluss: „Seguramente, la plata viajaría en los bueyes.“ Wahrscheinlich reiste das Silber auf den Ochsen.
Auch die Sieger fanden weniger, als sie gehofft hatten. Isaac Newton, damals Leiter der königlichen Münze in London, meldete im Juni 1703, er habe gut 2.000 Kilogramm Silber und rund dreieinhalb Kilogramm Gold aus der Beute erhalten, im Wert von etwa 14.000 Pfund. Daraus prägte man Münzen mit dem Wort VIGO unter dem Bild der Königin Anna. Sie sind heute selten und begehrt. Der eigentliche Gewinner aber war ausgerechnet der König, dessen Flotte vernichtet worden war. Philipp der Fünfte beschlagnahmte im Februar 1703 rund vier Millionen Pesos, die englischen und holländischen Kaufleuten gehörten, und lieh sich zwei weitere Millionen von spanischen Händlern. Am Ende behielt er fast sieben Millionen Pesos, mehr als die Hälfte des Silbers der Flotte. Die großen Verlierer waren private Händler, deren Pfeffer, Cochenille, Kakao, Schnupftabak, Indigo und Häute mit den Schiffen verbrannten.
Ganz leer ist die Ría trotzdem nicht. Auf ihrem Grund liegen Wracks, und an ihnen haben sich Generationen von Schatzsuchern versucht. 1728 zog der Franzose Alexandre Goubert ein Schiff fast vollständig an Land und musste feststellen, dass es ein französisches Kriegsschiff ohne Schatz war. 1825 tauchte der Engländer William Evans mit einer Taucherglocke und holte ein Jahr lang ein wenig Silber, Kanonenkugeln und anderes herauf. Eine amerikanische Gesellschaft riss bei einem missglückten Bergungsversuch ein Schiff auseinander. 1990 fand man mit einem Tauchroboter das Wrack der Santo Cristo de Maracaibo in 79 Metern Tiefe vor den Cíes. 2007 bot eine Firma namens San Simon der galicischen Regierung 310 Millionen Euro für das Recht, die Wracks zu erforschen und drei Galeonen an Museen in Moskau, Berlin und Rostock auszuleihen. Eine Inspektion der Regierung fand an den Wracks keine Spur von Münzen. 2011 wurden sechs weitere Wracks der Schlacht identifiziert. Das größte Hindernis ist bis heute der Schlamm, der jedes Wrack meterhoch bedeckt.
Wer hat also recht? Ehrlich gesagt sprechen die Quellen dafür, dass der größte Teil des Silbers nie auf dem Meeresgrund lag. Ob nicht doch etwas unten blieb, kann niemand ausschließen. Barreiro hat den Streit in einem Satz zusammengefasst: „El mito sobre el tesoro es precioso.“ Der Mythos vom Schatz ist wunderschön. Und niemand hat mehr für diesen Mythos getan als ein Franzose, der nie in der Ría getaucht ist.
Kapitän Nemo in der Bucht
Jules Verne schrieb an seinem Roman „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ in den Jahren zwischen 1866 und 1870. Vigo war damals in den Zeitungen, denn um die Bergungsrechte am Schatz von Rande gab es einen Finanzskandal, und in ganz Europa kauften Anleger Anteile an Bergungsgesellschaften. Nach dem Journalisten und Verne-Kenner Eduardo Rolland hat Verne aus den Berichten über die Bergungskampagne eines gewissen Hipólito Magen zwei Erfindungen in seinen Roman übernommen, eine elektrische Lampe und ein Atemgerät für Taucher.
Im Roman ist es der 18. Februar 1868. Der Erzähler, Professor Aronnax, will in dieser Nacht mit dem Harpunier Ned Land von der Nautilus fliehen. Doch Kapitän Nemo bittet ihn in den Salon, öffnet die Fenster, und draußen, im Licht der Scheinwerfer, liegen die Wracks der Galeonen. Taucher der Nautilus sammeln Barren, Münzen und Juwelen aus verrotteten Fässern und Kisten. Nemo erklärt, wo sie sind: in der Bucht von Vigo. Dann sagt er einen Satz, der die ganze Figur erklärt: Er brauche nur aufzuheben, was andere Menschen verloren haben. Bei Verne wurde der Schatz nie entladen. Der König habe auf Drängen der Kaufleute von Cádiz befohlen, die Flotte unentladen in Vigo festzuhalten, und so sei alles mit den Schiffen gesunken. Mit diesem Gold finanziert Nemo sein Unterseeboot.
Verne kannte Vigo damals nur aus Büchern und Zeitungen. Am 1. Juni 1878 kam er selbst, mit seiner Yacht Saint Michel III, auf der Flucht vor einem Sturm. 1884 kam er noch einmal, diesmal brauchte die Yacht eine Reparatur, die eine Werkstatt am Hafen namens La Industriosa übernahm. Bei diesem Besuch wollte er die Ensenada de San Simón sehen, die Bucht der Schlacht, die er Jahre zuvor beschrieben hatte. Seit 2005, hundert Jahre nach seinem Tod, sitzt er in Bronze am Muelle del Comercio, geschaffen vom Bildhauer José Molares aus Vigo.
Es hat etwas Schönes, dass ausgerechnet ein Roman den Schatz dorthin gelegt hat, wo ihn die Historiker nicht mehr finden. Kapitän Nemo ist der einzige Schatzsucher von Vigo, der wirklich fündig wurde.
Eine Axt an der Porta da Gamboa
Im Januar 1809 fiel Vigo an Napoleon. Die britische Armee unter John Moore hatte sich aus Galicien nach England zurückgezogen, und die Franzosen nahmen eine Stadt nach der anderen: A Coruña, Santiago, Pontevedra, Ferrol, schließlich Vigo. Militärgouverneur wurde Oberst Antoine Chalot. Nach dem Forscher Ricardo Troncoso hatte er beim Sturm auf die Bastille gedient, bei Austerlitz und Jena gekämpft und Napoleon nach Ägypten begleitet. Kein Mann, der leicht aufgab.
Doch rund um Vigo formierte sich Widerstand, und es kamen sehr verschiedene Leute zusammen. Einer von ihnen war Bernardo González del Valle, ein Hauptmann aus Pereiro de Aguiar bei Ourense, den alle nach seiner Heimatpfarrei Cachamuíña nannten. Ein portugiesischer Offizier, Juan Bautista Almeida de Sousa, kam mit einer kleinen Truppe über die Grenze. Ein katalanischer Ordensbruder, Andrés Villageliú, griff im Kloster San Francisco zu den Waffen. Draußen in der Ría lagen zwei britische Fregatten, die Lively und die Venus, und blockierten den Hafen. In der Bucht ankerte außerdem seit Monaten eine russische Fregatte, die Spitzbergen, die sich von ihrem Geschwader getrennt hatte. Als die Belagerung enger wurde, bat Chalot die Russen um Lebensmittel.
Am 27. März 1809 kam es zu einer Szene, die zeigt, wie sehr Krieg auch Formsache ist. Chalot wollte sich nur einem Befehlshaber im Rang eines Obersten ergeben. Also riefen die Belagerer einen der ihren, den 34-jährigen Pablo Morillo, kurzerhand zum Oberst aus. In der Nacht stürmten sie die Mauern. Am Tor der Gamboa ging ein alter Seemann aus dem Berbés mit einer Axt auf das Holz los: Carolo. Die Franzosen schossen von der Mauer, und Carolo fiel. Morillo schrieb später in seinem Bericht: „Se admiró la valerosa serenidad de un anciano que murió de un balazo haciéndola astillas.“ Man bewunderte die tapfere Gelassenheit eines alten Mannes, der von einer Kugel getroffen starb, während er das Tor in Stücke schlug. Wer Carolo wirklich war, weiß niemand. In den Sterbebüchern der Pfarrei taucht er nicht auf. Auch Cachamuíña wurde am Tor von mehreren Kugeln getroffen.
Gegen zehn Uhr abends schlugen die französischen Trommeln das Zeichen zur Verhandlung. Am Morgen des 28. März um acht Uhr übergaben die Franzosen Stadt und Burgen. Chalot unterschrieb die Kapitulation an Bord eines britischen Schiffs, die beiden Kapitäne bürgten dafür. Mit ihm gingen 45 Offiziere und über 1.200 Soldaten in Gefangenschaft, und Morillo nahm die französische Kasse an sich, rund 150.000 Goldfranken. Wie viele Angreifer starben, ist bis heute unklar. Morillo nennt sieben Tote allein am Tor der Gamboa, ein anderer Chronist, Pardo de Andrade, zwölf an allen Mauern. Man muss hinzufügen, dass Morillo seinen Bericht auch schrieb, um die eigene Tapferkeit herauszustellen.
In Vigo sagt man gern, die Stadt sei die erste in Europa gewesen, die die Franzosen aus eigener Kraft vertrieb. König Ferdinand der Siebte verlieh ihr 1810 den Titel „fiel, leal y valerosa“, treu, loyal und tapfer. Zwei Straßen heißen seither Victoria und Reconquista. Und jedes Jahr am ersten Wochenende nach dem 28. März spielt die Altstadt den Aufstand nach, mit Kostümen, Musik und Marktständen. Der Umzug beginnt am Platz im Berbés, in dem Viertel, aus dem Carolo kam und in dem du heute schläfst.
Sardinen, Dampf und Blech
Groß wurde Vigo nicht durch Schlachten, sondern durch Handel. 1778 hob König Karl der Dritte das Monopol auf den Amerikahandel auf, und plötzlich durften auch Häfen wie Vigo direkt mit den Kolonien handeln. In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts kamen katalanische Kaufleute, angeführt von Buenaventura Marcó del Pont, und mit ihnen Fabriken für Seife, Pökelfisch, Leder und Leinen.
Ab 1855 fuhren Linienschiffe regelmäßig von Vigo nach Buenos Aires, Havanna und Puerto Rico. Die Banco de España eröffnete eine Filiale, ein neuer Kai aus Stein entstand, und der Stadtrat ließ die Mauern abreißen, damit die Stadt wachsen konnte. Etwa ein Jahrzehnt später begann der Bau der Eisenbahn, und man schüttete Teile der Ría auf, um Platz für den Hafen zu schaffen. 1881 fuhr der erste Zug nach Ourense.
Im Viertel Areal, wo sich einst die Menschen vom Castro angesiedelt hatten, baute Antonio Alonso Santodomingo um 1860 eine einfache Fabrik mit einem Kessel, einer Dampfmaschine und einem Ofen, in dem Sardinen geröstet wurden. Daraus wurde eine der großen Konservenfabriken Galiciens. In den 1920er Jahren gehörte sie mit Massó, Albo und Curbera zu den vier größten Spaniens. Abhängig war die Branche vom Blech für die Dosen. Als es 1890 knapp wurde, standen die Fabriken still, und im April gingen die Menschen auf die Straße. Das Meeresmuseum der Xunta in Alcabre steht heute auf dem Gelände einer solchen Konservenfabrik aus dem neunzehnten Jahrhundert.
1898 kamen die Verwundeten aus dem Krieg auf Kuba im Hafen von Vigo an, und die Stadt kümmerte sich um sie. Seither trägt sie in ihrem Wahlspruch auch den Titel „Siempre Benéfica“, immer wohltätig. Die Bevölkerung verdoppelte sich in etwa einem Jahrzehnt, 1910 lebten über 30.000 Menschen hier. 1914 fuhr die erste Straßenbahn, 1947 wurde die Freihandelszone gegründet. Das zwanzigste Jahrhundert hatte auch dunkle Kapitel. Im Juli 1936 kämpfte man nach dem Militärputsch zehn Tage um die Stadt, danach folgte die Repression, und unter den Opfern war auch der Bürgermeister Emilio Martínez Garrido.
Nach dem Krieg wurde Vigo zur Industriestadt. Werften wie Barreras und Vulcano wuchsen, in den 1950er Jahren kam Citroën. Am 23. Juni 1960 gründete José Fernández López mit seinen Brüdern die Firma Pescanova. Ihr erstes Schiff, die Lemos, gebaut 1961 auf der Werft ASCON in Moaña auf der anderen Seite der Ría, konnte 250 Tonnen Fisch an Bord tiefgefrieren und brachte ihren ersten Fang nach Vigo. In Vigo hört man oft, die Lemos sei das erste Gefrierschiff der Welt gewesen. Das stimmt nicht ganz: Acht Jahre zuvor lief im schottischen Aberdeen die Fairtry vom Stapel. Aber für Vigo war es der Anfang einer neuen Fischerei auf den fernen Meeren. Heute sind im Hafen mehr als 660 Fischereifahrzeuge gemeldet, jedes Jahr werden rund 800.000 Tonnen frischer Fisch umgeschlagen, und mehr als 20.000 Menschen arbeiten direkt in der Fischerei. Vigo ist einer der wichtigsten Märkte für frischen Fisch auf der Welt.
Der letzte Blick auf Galicien
Für Zehntausende Galicier war Vigo nicht der Anfang einer Pilgerreise, sondern das Ende ihres alten Lebens. Vom neunzehnten bis weit ins zwanzigste Jahrhundert verließen sie über die Häfen von A Coruña und Vigo ihre Heimat, um in Amerika Arbeit zu finden: in Argentinien, Uruguay, Kuba, Brasilien, Venezuela. In diesen Ländern nannte man bald jeden Spanier einen Gallego.
Wie viele es allein über Vigo waren, lässt sich für einzelne Jahre genau nachlesen. Der Historiker Hilario Rodríguez Ferreiro hat die Passagierlisten der Jahre 1900 bis 1904 ausgewertet. Er schätzt, dass in diesen fünf Jahren mehr als 32.000 Menschen von Vigo nach Amerika aufbrachen, etwa 6.500 im Jahr, und fast 30.000 zurückkamen. Wo das Ziel bekannt war, fuhren fast zwei Drittel an den Río de la Plata, die übrigen nach Brasilien und Kuba. Etwa ein Drittel waren Frauen. Die meisten stammten aus den Provinzen Pontevedra und Ourense. Abfahrten gab es vor allem im Herbst und Winter, die Heimkehrer kamen im Sommer. Die Schiffe gehörten englischen, deutschen, französischen und spanischen Reedereien.
Hinter diesen Zahlen stehen Familien. Am 14. Februar 1925 ging in Vigo die Familie von Cándido Moure und Elena Rodríguez mit mehreren Kindern an Bord des Dampfers Groix. Sie kamen aus A Touza, einem Dorf bei Chantada in der Provinz Lugo. Der älteste Sohn, Manuel, war 1920 vorausgefahren. Am 15. März 1925 erreichten sie Buenos Aires. Ein Enkel hat die Geschichte hundert Jahre später aufgeschrieben. Er erzählt, wie die Briefe nach Hause oft verloren gingen oder zu spät ankamen, und wie sein Vater auf den Horizont schaute und auf ein Schiff hoffte, das ihn zurück ins Dorf bringen würde.
An der Praza de América steht ein Denkmal für diese Menschen, die Porta do Atlántico, das Tor zum Atlantik, nach einem Entwurf des Bildhauers Silverio Rivas von 1990. Es ist 14 Meter hoch, wiegt 427 Tonnen, und sein Granit stammt aus einem Steinbruch in Porriño. Das Tor hat zwei Türen, eine für Amerika und eine für Europa. Du gehst hier in die andere Richtung als die Auswanderer, vom Hafen ins Land hinein, und du weißt, dass du zurückkommst.
Die Inseln der Götter
Draußen vor der Ría liegen die Cíes, drei Inseln: die Nordinsel Monteagudo, die mittlere Insel do Faro und die Südinsel San Martín. Die beiden nördlichen verbindet eine Sandbank, die Praia de Rodas, gut einen Kilometer lang. Im Februar 2007 wählte die britische Zeitung The Guardian sie zum schönsten Strand der Welt.
Die Inseln gehören zur Gemeinde Vigo, und sie haben eine lange, raue Geschichte. Vom neunten bis zum elften Jahrhundert lebten dort Mönche, mit Klöstern, die dem heiligen Stephanus und dem heiligen Martin geweiht waren. Chroniken berichten von Überfällen der Normannen und Araber. Im sechzehnten Jahrhundert ankerte Drake hier. 1840 entstanden zwei Fabriken zum Einsalzen von Fisch, eine Taverne und ein Leuchtturm. Danach wurde die Bevölkerung immer kleiner, bis um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts der Tourismus kam.
Die Inseln haben auch gelitten. 1970 lief der Tanker Polycommander vor Monteagudo auf Grund und verlor rund 15.000 Tonnen Rohöl. Am 13. November 2002 sank vor der galicischen Küste der Tanker Prestige, und rund 30 Prozent der Küste der Cíes wurden verschmutzt. Im selben Jahr wurden die Inseln Teil des neuen Nationalparks der Atlantischen Inseln Galiciens. Heute kommen in der Hochsaison fast 3.000 Besucher am Tag. Ohne Genehmigung der Xunta und ein Ticket für das Boot kommst du nicht hin, und die Boote fahren nur in der Saison.
Für Pilger haben die Cíes noch eine andere Bedeutung. In ihrer Nähe soll das Salzschiff den Christus des Sieges aus dem Meer gezogen haben. Und vor den Inseln liegt in 79 Metern Tiefe die Santo Cristo de Maracaibo, eine der Galeonen von Rande.
Pilger an einer Küste ohne Pfeile
Und die Pilger? Ehrlich gesagt: Über Pilger im mittelalterlichen Vigo haben wir kaum etwas Belastbares gefunden. Die meisten Pilger aus Portugal überquerten den Miño in Tui, wo es lange die einzige Brücke gab. Die berühmteste von ihnen, Königin Isabel von Portugal, pilgerte 1325 und 1335 nach Santiago und legte ihre Krone am Grab des Apostels nieder, nach heutiger Zuordnung aber auf dem Weg durchs Landesinnere. An der Küste weiter südlich soll der Überlieferung nach Thomas Becket, der Erzbischof von Canterbury, im Kloster von Oia übernachtet haben. Belegt ist auch das nicht.
Dafür hat Vigo eine eigene Legende, und sie handelt von dem Zeichen, das du am Rucksack trägst. Man erzählt sie in mehreren Fassungen. In der Fassung, die man in Vigo erzählt, wurde an der Küste von Bouzas, heute ein Stadtteil von Vigo, ein Edelmann von einer Lanze getroffen und versank im Meer. Als das Boot mit dem Leichnam des Apostels vorüberfuhr, kehrte er ins Leben zurück und stieg auf seinem Pferd aus dem Wasser, über und über mit Jakobsmuscheln bedeckt. Seit 2010 fährt jedes Jahr eine kleine Flotte von Booten auf der Ruta Marítima von Bouzas aus nach Santiago, die sich nach ihm nennt: O Cabaleiro das Cunchas, der Ritter der Muscheln.
Der Weg, auf dem du gekommen bist, ist jung. 1984 begann eine Vereinigung, die Amigos dos Pazos, mit Grato Amor und Carlos del Río Bouzas, den Weg an der Küste zu erforschen, sie markierte erste Abschnitte und organisierte eine erste Pilgerfahrt. In A Guarda malten Gemeindeleute die ersten Pfeile. Ob dieser Weg historisch ist, darüber wurde lange gestritten. Für eine offizielle Anerkennung, so ein Fürsprecher, brauche es ein Pilgerhospital, die Verehrung des Apostels und eine alte Straße, und am Ende sei die Anerkennung eine politische Entscheidung. Im Mai 2016 fiel sie: Seitdem ist der Portugiesische Küstenweg ein offizieller Jakobsweg. 2025 wuchs er stärker als jede andere Route nach Santiago. Mehr als 350.000 Menschen sind ihn bis zum Sommer 2026 gegangen, und allein von Januar bis Ende Juli 2026 kamen mehr als 57.700 Pilger durch Vigo und holten sich danach ihre Compostela.
Im Juli 2021 eröffnete die Xunta im Berbés die erste öffentliche Pilgerherberge der Altstadt, aus restaurierten Häusern, für 1,8 Millionen Euro. Im Juli 2026 begrüßte sie ihren 50.000. Gast, einen Mann aus Viana do Castelo, der in Porto losgegangen war.
Und doch hat Vigo bis heute keine offiziellen Wegsteine. Der Bürgermeister lehnt sie seit 2018 ab, die Regionalregierung, mit der er politisch über Kreuz liegt, wirft ihm vor, die Pilger im Stich zu lassen. Fast 300 Bars und Läden haben stattdessen Aufkleber mit Muschel oder Pfeil ins Fenster geklebt. Im Juni 2026 gingen Vertreter der Xunta aus Protest zu Fuß von Vigo nach Redondela. Wer hier recht hat, musst du nicht entscheiden. Für dich ist es vor allem ein Grund, die Karte in der Hand zu behalten, und vielleicht einer, in der Bar mit der Muschel im Fenster einen Kaffee zu trinken.
Was Vigo dir mitgibt
Morgen früh verlässt du die Stadt über die steile Rúa Urzáiz. Nach ein paar Kilometern kommst du durch Teis, wo im Oktober 1702 der Herzog von Ormonde seine Soldaten an Land setzte. Dann gehst du auf dem Weg der alten Wasserleitung hoch über der Ría, mit Blick über die Ría, und steigst hinunter nach Redondela, an das innere Ende der Bucht. Hinter Redondela liegt Arcade, wo die Austern herkommen, die in der Rúa da Pescadería verkauft werden.
Vigo putzt sich für Pilger nicht heraus. Die Stadt arbeitet. Aber wenn du ihre Geschichten kennst, siehst du, dass sie immer aufs Meer geschaut hat: auf Schiffe, die mit Silber kamen, auf Auswanderer, die gingen, auf Fischer, die zurückkehrten, auf ein Mädchen, das die Wellen nach ihrem Freund fragt. Vielleicht nimmst du von hier vor allem das mit: dass der größte Schatz von Vigo wahrscheinlich nie auf dem Meeresgrund lag, und dass die Stadt ihn trotzdem seit über 300 Jahren erzählt. Manche Dinge sind wertvoll, weil man sie sucht, nicht weil man sie findet. Den Rest des Weges gehst du ja auch nicht, um anzukommen. Oder nicht nur.
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Quelle: © OpenStreetMap contributors · aktualisiert April 2026
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