Ort am Jakobsweg
Bolzano
Italy
- Unterkünfte
- 0
- Caminos
- 2
- Höhe
- 254 m
Bozen ist eine Kreuzung: Jakobsweg und Romweg kommen gemeinsam vom Ritten herab und trennen sich hier, der eine nach Westen Richtung Müstair, der andere nach Süden Richtung Rom. Seit dem zwölften Jahrhundert handelt die Stadt unter ihren Lauben zwischen Nord und Süd, und im Museum liegt Ötzi, der vor 5.300 Jahren über die Alpen ging.
Aktuell in Bozen (Stand: Oktober 2026)
- Christkindlmarkt: Vom 26. November 2026 bis zum 6. Januar 2027 stehen die Buden auf dem Waltherplatz direkt vor dem Dom und in mehreren Altstadtgassen. Am 25. Dezember ist der Markt geschlossen.
Wie lange bleiben?
Einen Pausentag wert, nur nicht am Montag. Bozen hat drei große Kirchen aus dem Mittelalter, die du alle ohne Eintritt besuchen kannst, dazu die Lauben, den Merkantilpalast und Ötzi, den berühmtesten Toten der Alpen. Das Archäologiemuseum ist montags geschlossen, außer im Juli und August. Und die Etappe vom Ritten über Bozen nach Eppan ist auf dem Jakobsweg Südtirol 35,7 Kilometer lang. Wer in Bozen übernachtet, teilt sie und hat am Nachmittag die Altstadt für sich.
Bozen in Ninja-Zahlen
- 141,9 Kilometer sind es laut Camino Ninja von Bozen auf dem Jakobsweg Südtirol bis zum Kloster Müstair. Gut die Hälfte des Wegs liegt hinter dir.
- 914,7 Kilometer sind es laut Camino Ninja auf der Via Romea Germanica von hier bis Rom. Santiago ist von Bozen aus nicht die einzige Richtung.
- 18 Jahre bauten zwei schwäbische Baumeister am Domturm, von 1501 bis 1519. Er ist 65 Meter hoch.
- 92,56 Meter lag Ötzi auf italienischem Boden, als er im September 1991 gefunden wurde. Darum liegt er heute in Bozen und nicht in Innsbruck.
- 277.754 Menschen standen 2025 vor seinem kleinen Fenster im Archäologiemuseum.
Ankommen: vom Ritten an die Kreuzung
Auf dem Jakobsweg Südtirol kommst du von Unterinn über die Rittner Hochfläche und Oberbozen, laut Camino Ninja 19,2 Kilometer vor Bozen. Dann geht es steil hinunter über den Virgl, den Hügel über der Stadt, wo Eisack und Etsch zusammenkommen. Auf dem Virgl steht die Vigiliuskirche, die älteste erhaltene Kirche im Bozner Raum. Von dort sind es laut Camino Ninja noch 1,4 Kilometer bis in die Stadt.
Auf der Via Romea Germanica gehst du von Neustift bis Bozen dieselbe Trasse und kommst über Klobenstein, laut Camino Ninja 17,6 Kilometer vor Bozen. Bei Klobenstein steht die Kommende Lengmoos, in der schon vor 1211 ein Hospiz an der Straße über den Ritten lag. Ab 1235 führte es der Deutsche Orden für Reisende und Pilger.
Wem der Ritten zu viel ist: Zwischen Klausen und Bozen fährt die Bahn in einer halben Stunde durchs Tal.
Kurz erzählt: ein Markt unter Lauben
Die Römer nannten eine Straßenstation in der Gegend Pons Drusi, Drususbrücke, wo genau sie lag, weiß man nicht. Im achten Jahrhundert taucht der Name Bauzanum auf. 1027 gab Kaiser Konrad der Zweite das Gebiet den Bischöfen von Trient, und die gründeten um 1170 oder 1180 die Marktsiedlung mit der Laubengasse. Bozen lag an der Handelsstraße von Augsburg über den Brenner nach Venedig, Messen sind ab 1202 belegt. 1635 schuf die Regentin Claudia de' Medici den Merkantilmagistrat, ein Handelsgericht, in dem deutsche und italienische Kaufleute gemeinsam saßen.
1277 eroberte Graf Meinhard der Zweite von Tirol die Stadt, 1363 kam Tirol an die Habsburger. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel Bozen an Italien. Die Faschisten siedelten italienische Zuwanderer an und bauten eine Neustadt und ein Industriegebiet. Heute gehören in Bozen rund drei Viertel der Menschen zur italienischen Sprachgruppe, ein Viertel zur deutschen. Seit 1964 wohnt hier der Bischof der Diözese Bozen-Brixen.
An der Kreuzung: zwei Wege, zwei Sprachen
In Bozen trafen sich schon immer Wege. Die Römerstraße Via Claudia Augusta über den Reschen und die Straße über den Brenner liefen hier zusammen, und die Kaufleute aus dem Norden und dem Süden machten in Bozen ihre Geschäfte, viermal im Jahr zur Messe.
Für dich ist Bozen genauso eine Kreuzung. Bis hierher bist du vom Kloster Neustift auf einer Spur gegangen, die sich der Jakobsweg Südtirol und die Via Romea Germanica teilen. In Bozen trennen sie sich. Der Jakobsweg biegt nach Westen ab, über Frangart und Eppan in den Vinschgau und nach Müstair in der Schweiz, auf das Grab des Apostels in Santiago zu. Der Romweg zieht nach Süden, über die Weinstraße nach Trient und weiter nach Rom.
Auch die Sprache ist eine Kreuzung. Jeder Ort hat zwei Namen, beide stehen auf den Schildern: Bozen und Bolzano, Eppan und Appiano, Trient und Trento. Wer Deutsch spricht, kommt hier durch, wer ein paar Wörter Italienisch kann, kommt weiter.
Durch Lauben und Kreuzgänge: was du sehen solltest
Die Altstadt ist klein. Dom, Dominikanerkirche, Franziskanerkloster, Lauben und Museum liegen nahe beieinander, und für die Kirchen zahlst du nichts.
- Der Dom Mariä Himmelfahrt: Er steht auf den Resten einer frühchristlichen Basilika aus dem sechsten Jahrhundert, eine romanische Pfarrkirche wurde hier 1180 geweiht, um 1300 begann der gotische Neubau aus rotem und gelbem Sandstein. Der Turm mit seinem durchbrochenen Helm ist 65 Meter hoch. Hinter dem Hochaltar liegt die Gnadenkapelle mit „Unserer Lieben Frau im Moos“, einer Marienfigur aus dem zwölften Jahrhundert, die der Überlieferung nach ein Fuhrmann im Sumpf am Eisack fand. Der Dom bewahrt Reliquien des Pilgers Heinrich von Bozen, der 1315 in Treviso starb. Zum Waltherplatz hin öffnet sich das Leitacher Törl, das Weinportal. Der Dom ist täglich offen, der Eintritt ist frei (Stand: Oktober 2026).
- Die Dominikanerkirche und die Johanneskapelle: Die Dominikaner kamen 1272 nach Bozen. Der Pilger Felix Fabri aus Ulm übernachtete im April 1483 in ihrem Kloster, als die Stadt nach einem Großbrand noch rauchte. Die Johanneskapelle ließ die Familie de' Rossi, die aus Florenz stammte, um 1330 von Malern aus dem Veneto ausmalen, die von Giottos Fresken in Padua beeinflusst waren. Im Kreuzgang malte Friedrich Pacher ab 1496. Die Kapelle ist Montag bis Samstag von 9.30 bis 17 Uhr offen, sonntags von 12 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei.
- Das Franziskanerkloster: Die Franziskaner sind seit 1221 in Bozen. Im Chor steht der Flügelaltar mit der Geburt Christi, den Hans Klocker aus Brixen um 1500 schnitzte. Er lag jahrhundertelang auf dem Dachboden, bis die Brüder ihn im neunzehnten Jahrhundert zurückholten. Der Kreuzgang trägt Fresken aus der Giotto-Schule. Montag bis Samstag 10 bis 17.30 Uhr, sonntags 14.30 bis 17.30 Uhr, Eintritt frei (Stand: Oktober 2026).
- Ötzi im Archäologiemuseum: Der Mann aus dem Eis starb vor rund 5.300 Jahren am Tisenjoch, an einem Pfeil in der Schulter. Er war unterwegs über die Alpen wie du, mit Kupferbeil, Bogen, Fellmantel und gefütterten Schuhen. Er liegt in einer Kühlzelle bei minus 6 Grad, du siehst ihn durch ein kleines Fenster. Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, letzter Einlass 17.30 Uhr, montags geschlossen außer im Juli und August. Erwachsene zahlen 13 €, ermäßigt 10 € (Stand: Oktober 2026). Museumstraße 43.
- Die Laubengasse und der Merkantilpalast: Über 300 Meter lang ziehen sich die Lauben von Ost nach West, gebaut im zwölften Jahrhundert für den Markt der Bischöfe. Nach dem Stadtbrand von 1224 baute man sie aus Stein. Im Merkantilpalast, 1708 bis 1727 von Francesco Perotti aus Verona gebaut, tagte das Handelsgericht. Heute zeigt dort das Merkantilmuseum Urkunden, Bilder und Möbel der Kaufleute. Öffnungszeiten haben wir nicht verlässlich gefunden.
- St. Georg in Weggenstein: Der Deutsche Orden kam 1202 nach Bozen und baute am Zusammenfluss von Etsch und Eisack ein Hospital, entlang der Brennerstraße folgten weitere Herbergen. Seine Kirche St. Georg in der Weggensteinstraße stammt von 1392 und gehört bis heute dem Orden. Geöffnet täglich ab 8 Uhr, sonntags ab 10 Uhr, bis 18 Uhr, Eintritt frei.
Essen und Trinken
Belegte Pilgertipps zu einzelnen Lokalen haben wir nicht gefunden. Schon Felix Fabri lobte 1483 den Bozner Wein und das süße Obst. Im Stadtteil Gries wird der Lagrein angebaut, und der Obstmarkt entstand nach dem Abbruch der Stadtmauer 1277 am alten Stadtgraben. Fürs Einkaufen gilt: Südtirol ist kein billiges Pilgerland, rechne mit 55 bis 85 € am Tag (Stand: September 2026).
Ehrlich gesagt
- Bozen hat keine Pilgerherberge. Einen Schlafsaal nach spanischem Muster gibt es nicht, und auch in der Camino-Ninja-Datenbank steht für Bozen noch keine Unterkunft. Plane die Nacht vorher.
- Der Abstieg vom Virgl ist steil. Nach langen Kilometern auf dem Ritten kommt das härteste Stück am Schluss. Wer schlechte Knie hat, nimmt es langsam.
- Ohne Halt in Bozen wird die Etappe zu lang. Von Unterinn bis St. Pauls in Eppan sind es auf dem Jakobsweg 35,7 Kilometer. In Bozen zu teilen ist die vernünftige Lösung.
- Ötzi will geplant sein. Am Montag ist außer im Sommer zu, und in der Saison wird es voll. Reservier vorher online.
Wo Pilger schlafen
Eine Pilgerherberge gibt es in Bozen nicht, und in der Camino-Ninja-Datenbank ist für Bozen noch keine Unterkunft eingetragen. Die günstigste Möglichkeit ist die Jugendherberge:
- Jugendherberge Bozen: Rittnerstraße 23, geführt vom Verein Jugendhaus Kassianeum. Reservierung über bozen@jugendherberge.it oder +39 0471 300 865. Preise haben wir nicht gefunden.
Sonst bleiben Privatzimmer und Pensionen. Unter 50 € die Nacht ist in Südtirol realistisch. Auf dem Jakobsweg liegt St. Pauls in Eppan laut Camino Ninja 10,2 Kilometer weiter.
Ninja-Tipps
- Das Glockenspiel hören: Im Domturm hängt seit 2010 ein Glockenspiel mit 25 Glocken aus Innsbruck. Es spielt samstags und sonntags um 11 Uhr.
- Den Pilger im Dom suchen: Heinrich von Bozen war ein armer Mann, der als Pilger nach Treviso ging und dort 1315 starb. Seine Reliquien sind im Dom. Er ist der Pilgerheilige deiner Stadt für eine Nacht.
- Bei Fabri schlafen, wenigstens im Kopf: Geh in den Kreuzgang der Dominikaner. Hier fand 1483 ein Jerusalempilger aus Ulm Bett und Frühmesse, bevor er nach Süden weiterzog.
- Ötzi am Vormittag: Reservier online und komm unter der Woche früh, dann ist die Schlange vor dem Fenster kurz.
- Die Bahn als Joker: Bozen hat einen Bahnhof an der Brennerbahn. Wer einen Tag aussetzen muss, fährt nach Klausen, Brixen oder Meran und steigt dort wieder ein.
- Zweisprachig planen: Auf den Schildern stehen beide Namen. Wenn die App Bolzano sagt und der Wegweiser Bozen, meinen beide dasselbe.
Praktische Tipps für Pilger
- Stempel: Eine feste Stempelstelle in Bozen haben wir nicht gefunden. Frag in der Dompfarre am Pfarrplatz 27 (info@dompfarre.bz.it).
- Pilgerausweis und Pilgergruppen: Die Pilgergemeinschaft Südtirol sitzt bei der Katholischen Männerbewegung in der Südtiroler Straße 28 (pilgern.suedtirol@gmail.com, pilgern.it). Am 11. April 2026 lud sie zum Sternpilgern nach Bozen mit einem Pilgergottesdienst im Dom.
- Messen: Im Dom sonntags um 10 Uhr auf Deutsch und um 19 Uhr auf Italienisch, bei den Franziskanern sonntags um 8 Uhr, im Sommer um 9 Uhr, auf Deutsch, in St. Georg sonntags um 19 Uhr auf Deutsch.
- Geld: Euro, wie auf dem ganzen Weg bis zur Schweizer Grenze bei Müstair. Ab dort zahlst du in Franken.
- An- und Abreise: Bozen liegt an der Brennerbahn zwischen Innsbruck und Verona. Die Vinschgerbahn verbindet Bozen über Meran mit Mals im Vinschgau, durch den der Jakobsweg nach Westen weitergeht.
Weiter: nach Westen oder nach Süden
Auf dem Jakobsweg Südtirol verlässt du Bozen nach Westen, über Frangart, laut Camino Ninja 5,1 Kilometer, und Girlan nach St. Pauls in Eppan, 10,2 Kilometer. Danach geht es durchs Tisner Mittelgebirge nach Grissian, 26 Kilometer ab Bozen. Dort steht die Jakobskirche, die Bischof Hartmann von Brixen am 12. Mai 1142 weihte, mit Fresken um 1200. Bis Müstair sind es laut Camino Ninja 141,9 Kilometer.
Auf der Via Romea Germanica gehst du nach Süden, über Montiggl und am Kalterer See vorbei in die Weinstraße nach Tramin, laut Camino Ninja 24,5 Kilometer. Nach Trient sind es 72,1 Kilometer, nach Rom 914,7.
Tiefer eintauchen: Kaufleute, Pilger und ein Mann aus dem Eis
Ein langer Text, falls du noch mehr über Bozen erfahren willst. Etwa fünfundzwanzig Minuten Lesezeit.
Wo zwei Flüsse und zwei Wege zusammenkommen
Wenn du vom Ritten herunterkommst, siehst du Bozen lange, bevor du es erreichst. Die Stadt liegt in einem Becken, und die letzten Meter sind die steilsten: über den Virgl, einen Hügel, an dessen Fuß der Eisack und die Etsch zusammenfließen. Oben steht eine kleine Kirche, die dem heiligen Vigilius geweiht ist, dem Bischof von Trient. Sie gilt als die älteste erhaltene Kirche im Bozner Raum. Hier oben haben Menschen vermutlich schon gesiedelt, als die Täler in den unruhigen Jahrhunderten nach dem Ende Roms zu gefährlich waren.
Du bist bis hierher auf einer Spur gegangen, die zwei Pilgerwege gemeinsam benutzen. Seit dem Kloster Neustift bei Brixen laufen der Jakobsweg Südtirol und die Via Romea Germanica nebeneinander her, über Klausen, über die Hänge von Barbian, über die Rittner Hochfläche. In Bozen trennen sie sich. Der eine führt nach Westen in den Vinschgau und nach Müstair, auf das Grab des Apostels Jakobus in Santiago zu. Der andere zieht nach Süden, über Trient, Padua und Ravenna nach Rom, zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus.
Dass sich ausgerechnet hier zwei Pilgerwege trennen, passt zu dieser Stadt. Bozen war immer ein Ort, an dem sich etwas kreuzte: zwei Flüsse, zwei große Straßen über die Alpen, zwei Sprachen, zwei Arten zu handeln und zu glauben. Dieser Text erzählt davon. Er beginnt bei den Römern und den Bischöfen, führt dich in die Lauben der Kaufleute und durch den Dom, begleitet einen Pilger aus Ulm durch eine brennende Stadt, stellt dir einen Bozner vor, der als Bettler in Treviso starb, und endet bei dem ältesten Wanderer, den du in den Alpen treffen kannst. Er liegt nur ein paar Straßen vom Dom entfernt.
Eine Brücke des Drusus und ein Name aus dem achten Jahrhundert
Im Jahr 15 vor Christus eroberte der römische Feldherr Drusus die Alpentäler. Die Römer bauten eine Straßenstation, die nach ihm Pons Drusi hieß, Drususbrücke. Wo genau sie lag, weiß bis heute niemand. Nahe dem heutigen Dom bestand eine Siedlung romanisierter Räter, und sie hieß vermutlich schon Bauzanum. Im achten Jahrhundert ist dieser Name schriftlich überliefert, und aus ihm wurden Bozen und Bolzano.
Als das Römische Reich zerfiel, zogen die Menschen aus der Talsohle auf befestigte Höhen, vermutlich auch auf den Virgl. Im Jahr 680 erwähnt der Geschichtsschreiber Paulus Diaconus einen bairischen Grafen von Bozen. Und 769 traf Herzog Tassilo der Dritte von Baiern hier eine Entscheidung, die auch mit deinem Weg zu tun hat. In Bozen beschloss er, im Pustertal ein Kloster zu gründen, das Stift Innichen. Wenn du den Jakobsweg Südtirol von seinem Anfang an gehst, bist du dort am ersten Tag vorbeigekommen.
In den folgenden Jahrhunderten gehörte viel Land um Bozen Klöstern im Norden. 855 sind Weingärten des Bistums Freising bezeugt, auch Tegernsee, Schäftlarn und Sankt Ulrich und Afra in Augsburg besaßen hier Güter. Der Stadtteil Quirein trägt bis heute den Namen des heiligen Quirinus, des Patrons von Tegernsee. Bozen war früh ein Ort, an dem der Norden seinen Wein holte. Ab dem zwölften Jahrhundert entstanden im Bozner Becken rund vierzig Burgen. Viele verfielen, einige wurden zu Schlössern, und eines davon wirst du noch kennenlernen.
Ein Bischof baut einen Markt
1027 schenkte Kaiser Konrad der Zweite das Gebiet um Bozen den Bischöfen von Trient. Sie bauten am heutigen Kornplatz eine Burg, um ihre Macht zu sichern, und um 1170 oder 1180 legten sie davor eine Marktsiedlung an. Ihr Rückgrat war eine lange Gasse mit Bogengängen auf beiden Seiten, unter denen die Händler ihre Waren auslegen konnten. Das ist die Laubengasse, die du heute noch gehst, über 300 Meter von Ost nach West.
Die Lage war ideal. Bozen lag an der Straße, die Augsburg über den Brenner mit Venedig verband, und hier traf sie auf die alte Römerstraße Via Claudia Augusta, die über den Reschenpass kam. Ab 1202 sind Messen belegt. Im selben Jahr regelten die Bischöfe von Brixen und Trient in einem Vertrag ihre Märkte.
1224 brannte die Stadt, 150 Menschen starben. Danach baute man die Lauben aus Mauerwerk und mit Gewölben. 1277 eroberte Graf Meinhard der Zweite von Tirol Bozen, und von da an verloren die Bischöfe Schritt für Schritt ihre Macht über die Stadt. 1314 wurde der Kuntersweg durch die Eisackschlucht ausgebaut, und Bozen wurde für den Handel noch günstiger. 1363 kam Tirol an die Habsburger. 1381 gab Herzog Leopold der Dritte der Stadt ihr Wappen und einen Rat, 1462 gaben die Bischöfe ihre Gerichtsbarkeit endgültig auf. Aus dem Markt der Bischöfe war eine Stadt der Bürger geworden.
Die Lauben und die Messen
Viermal im Jahr wurde Bozen zum großen Marktplatz. Seit dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert fanden hier große Messen statt, und mit ihnen kamen auch italienische Händler. 1357 holte man den Andreasmarkt aus Gries in die Stadt. Die Messen waren so wichtig, dass sie zum Spielball der Politik wurden: 1487, im Krieg mit Venedig, verlegte Erzherzog Sigmund sie nach Mittenwald, und erst 1679 kehrten sie zurück.
Mit dem Handel kam der Reichtum, und mit dem Reichtum kamen die Bilder. 1385 kauften die Brüder Niklaus und Franz Vintler, zwei Bozner Kaufleute, die Burg Runkelstein. Sie ließen sie ausmalen, nicht mit Heiligen, sondern mit Rittern und Liebenden: König Artus, Tristan und Isolde, Dietrich von Bern. Später ließ Kaiser Maximilian der Erste die Fresken restaurieren, und 1893 schenkte Kaiser Franz Joseph die Burg der Stadt Bozen.
Die wichtigste Einrichtung für die Bozner Kaufleute aber war ein Gericht. 1635 schuf Claudia de' Medici, eine Florentinerin, die nach dem Tod ihres Mannes für ihren Sohn Tirol regierte, den Merkantilmagistrat. Es war ein Sondergericht für Handelssachen, und das Besondere war seine Besetzung: Deutsche und italienische Kaufleute saßen gemeinsam darin. Über Streit unter Kaufleuten urteilten damit Richter aus beiden Sprachen. Die Regentin kam damit den italienischen Händlern entgegen und antwortete zugleich auf Venedig, das 1630 in Verona ein eigenes Handelsgericht eingerichtet hatte.
Für diesen Magistrat entstand zwischen 1708 und 1727 der Merkantilpalast, gebaut von dem Veroneser Architekten Francesco Perotti. Im prächtig ausgemalten Ehrensaal tagte das Gericht. Bis 1979 saß in dem Gebäude die Handelskammer, die aus dem Magistrat hervorgegangen war. Heute ist es ein Museum, und wenn du durch die Lauben gehst, kommst du direkt daran vorbei.
Ritter, die Pilger beherbergten
Auf der Straße über den Brenner zogen nicht nur Kaufleute. Hier reisten Kaiser nach Italien, Kreuzfahrer ins Heilige Land und Pilger wie Felix Fabri, von dem du gleich hören wirst. Für sie gab es Herbergen, und eine der ersten in Bozen baute ein Orden, der selbst aus dem Heiligen Land kam.
Der Deutsche Orden war 1190 im Heiligen Land gegründet worden. Nur zwölf Jahre später, 1202, kamen seine Brüder nach Bozen und errichteten am Zusammenfluss von Etsch und Eisack ein Hospital. Entlang der Bergstraße zum Brenner folgten weitere Herbergen. Eine davon kennst du vielleicht schon. Am Ritten, in Lengmoos bei Klobenstein, stand schon vor 1211 ein Hospiz an der Straße über den Berg, die damals Teil der Kaiserstraße über die Alpen war. Ab 1235 führte der Deutsche Orden dort die Unterkunft für Reisende und Pilger.
Diese Straße über den Ritten ist im Grunde dein Weg. Erst als nach 1500 die Eisackschlucht zur befahrbaren Straße ausgebaut war, verlor der Weg über den Berg an Bedeutung. 1525, im Bauernkrieg, plünderten Aufständische die Kommende in Lengmoos und auch die des Ordens in Bozen. Das Haus in Lengmoos, das heute dort steht, stammt von 1650.
In Bozen baute der Orden 1392 die Kirche Sankt Georg in Weggenstein, auf dem Platz eines alten Wohnturms. Sie gehört bis heute dem Deutschen Orden, und an ihrer linken Wand hängen Wappen, Grabsteine und Fahnen von Ordensrittern aus vier Jahrhunderten. Über dem Hochaltar tötet der heilige Georg den Drachen, gemalt von Martin Knoller.
Eine Pfarrkirche, die zur Bischofskirche wurde
Der Dom von Bozen war die längste Zeit seines Lebens kein Dom. Er war die Pfarrkirche einer Handelsstadt, die zu einem Bistum gehörte, dessen Bischof in Trient saß. Erst 1964, als die Diözese Bozen-Brixen entstand, zog ein Bischof nach Bozen. Das Domkapitel und die Bischofskirche im alten Sinn blieben in Brixen. Bozen wurde Mitkathedrale.
Unter dem Dom liegt ein viel älterer Kirchenbau. Hier stand schon im sechsten Jahrhundert eine frühchristliche Basilika. Ihre Reste fand man erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als der zerbombte Bau wieder aufgerichtet wurde. 1180, so berichtet die Bozner Chronik aus dem vierzehnten Jahrhundert, wurde an dieser Stelle eine romanische Pfarrkirche geweiht, also genau in den Jahren, in denen die Bischöfe den Markt anlegten. Kirche und Markt sind in Bozen gleich alt.
1259 erwarb Graf Meinhard der Zweite die Rechte an der Pfarrei, und die Kirche wurde zur Gedächtniskirche der Tiroler Landesfürsten, erst der Görzer Grafen, nach 1363 der Habsburger. Um 1300 begann man mit dem gotischen Neubau. Er ist aus zweierlei Stein gebaut, rotem Sandstein aus Gröden und gelbem aus dem Unterland. Wasserspeier und Brüstungen erinnern manche an Notre-Dame in Paris.
Schau dir die Portale an. Das Löwenportal stammt noch aus romanischer Zeit. Zum Waltherplatz hin öffnet sich ein kleineres Tor, das Leitacher Törl, das man auf Italienisch Porticina del Vino nennt, das Weintörl. Es gilt als eines der schönsten hochgotischen Portale Tirols. Dass eine Bischofskirche ein Weintor hat, passt zu einer Stadt, deren Klöster im Norden seit dem neunten Jahrhundert hier ihre Weingärten hatten.
Achtzehn Jahre für einen Turm
Der Turm ist das, was du von überall siehst, auch schon vom Virgl. Er ist 65 Meter hoch und trägt einen durchbrochenen Helm aus Maßwerk. Entworfen hat ihn Burkhard Engelberg, ein Baumeister aus Augsburg. Vollendet hat ihn Hans Lutz aus Schussenried in Oberschwaben. Eine Bauinschrift hält fest, dass man 1501 begann und 1519 fertig war. Das Original sitzt oben im durchbrochenen Helm, eine Kopie an der Südseite, wo du sie lesen kannst.
Zwei Bildnisse von Hans Lutz sind erhalten, beide im Stadtmuseum, und auf beiden ist sein Turm zu sehen. Wer einen solchen Turm baute, ließ sich mit ihm malen.
Achtzehn Jahre für einen Turm, das klingt lang. Aber es ist ein Turm aus einer Zeit, in der die Stadt gerade erst einen der schlimmsten Brände ihrer Geschichte hinter sich hatte. Am 19. Februar 1483 zerstörte ein Großbrand weite Teile der Innenstadt. Achtzehn Jahre später begann die Stadt ihren Kirchturm, und als er 1519 fertig war, stand er über einer Stadt, die nach dem Brand feuerfester wieder aufgebaut worden war.
Den Turm hat der Zweite Weltkrieg verschont. Restauriert wurde er trotzdem, von der Mitte der Siebzigerjahre bis 1986. Seit 2010 hängt ein Glockenspiel darin, 25 Glocken aus der Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck. Samstags und sonntags um 11 Uhr spielt es über dem Waltherplatz. Hinauf darfst du nur an wenigen Tagen im Jahr, bei Turmführungen.
Was du im Dom siehst
Drinnen hat der Dom drei Schiffe, und vieles von dem, was du siehst, ist nach dem Krieg wieder aufgebaut worden. 1943 und 1944 trafen alliierte Bomben die Pfarrkirche, die Propstei daneben und die Nikolauskirche, von der nur die Fundamente blieben. Fresken, Glasfenster und das Altarbild gingen verloren. Auch die spätgotische Sandsteinkanzel wurde teilweise zerstört. Sie stammt aus derselben Zeit wie der Turm und zeigt die vier Kirchenväter und die vier Evangelisten. 1949 baute man sie wieder auf.
Der Hochaltar ist barock, mit vielen Säulen und Heiligenfiguren, geschaffen zwischen 1710 und 1720. Seit 1992 liegt im Volksaltar eine Reliquie des heiligen Vigilius, desselben Bischofs von Trient, dem die kleine Kirche auf dem Virgl geweiht ist. So hängen der Hügel, über den du gekommen bist, und der Altar, vor dem du stehst, zusammen.
Hinter dem Hochaltar liegt die barocke Gnadenkapelle. Darin steht eine Marienfigur aus dem zwölften Jahrhundert, Unsere Liebe Frau im Moos. Der Überlieferung nach hat ein Bozner Fuhrmann sie im sumpfigen Moos am Eisack gefunden. Moos heißt hier Sumpf, und Sümpfe gab es um Bozen viele. Du wirst gleich einem Pilger begegnen, der über sie geklagt hat. Achte auch auf die sogenannte Plapper-Muttergottes und auf das Fresko der Kreuzigung an der Turmwand, mit Maria, Johannes und der heiligen Barbara.
Und dann ist da eine Figur, die für Tirol mehr bedeutet als für Fremde: das Herz Jesu des Bildhauers Johann Josef Karl Henrici, verehrt seit 1795. Ein Jahr später, 1796, als Tirol sich gegen die Truppen Napoleons verteidigte, wurde sie für die Verteidiger zum Ansporn. Eine Kopie wird bis heute in der jährlichen Herz-Jesu-Prozession durch die Stadt getragen.
Ein Graf aus Rom und ein Bettler aus Bozen
Im Dom liegen keine Jakobusreliquien, und eine Jakobusfigur haben wir in unseren Quellen nicht gefunden. Aber zwei Pilger haben hier ihre Spuren hinterlassen, und beide erzählen etwas über das Unterwegssein.
Der erste war ein Graf. Wilhelm der Dritte von Henneberg-Schleusingen war 1480 auf der Heimreise von Rom. Er starb in Salurn, das heute an der Via Romea Germanica liegt, laut Camino Ninja 41,7 Kilometer südlich von Bozen. 1482 begrub man ihn in Bozen. Später wurden seine Gebeine in sein Hauskloster Veßra in Thüringen überführt, aber sein Grabstein blieb im Dom. Sein Epitaph schuf 1490 der Bildhauer Erasmus Forster. Er ist ein stiller Zeuge dafür, dass nicht jeder Pilger heimkam.
Der zweite war das Gegenteil eines Grafen. Heinrich von Bozen, die Italiener nennen ihn den seligen Rigo, war ein Mann aus dieser Stadt, der seine Frau und seinen Sohn verlor. Danach ging er nach Treviso und blieb dort. Er lebte in äußerster Armut von Almosen und gab, was er übrig hatte, anderen Armen. 1315 starb er in Treviso, und um seinen Leichnam geschahen, so erzählte man, Wunder. Die Geschichten waren so bekannt, dass Giovanni Boccaccio sie wenige Jahrzehnte später in sein Decameron aufnahm, in die erste Erzählung des zweiten Tages. Ein armer Pilger aus Bozen ist so in eines der berühmtesten Bücher der Weltliteratur geraten. Seine Reliquien werden auch im Bozner Dom verehrt, gemeinsam mit denen des seligen Johann Nepomuk von Tschiderer, der in dieser Kirche getauft wurde und später Bischof von Trient war.
Es ist eine schöne Pointe dieser Kirche: Ein Graf, der von Rom kam, und ein Bettler, der in die Fremde ging, liegen hier nebeneinander in der Erinnerung. Beide hatten sich auf den Weg gemacht. Nur einer von beiden hatte Geld dafür.
Ein Pilger im brennenden Bozen
Im April 1483 kam ein Dominikanermönch aus Ulm nach Bozen. Er hieß Felix Fabri, und er war auf dem Weg nach Jerusalem. Über die Reise schrieb er später einen langen Bericht, und darin steht eine der eindrücklichsten Beschreibungen Bozens aus dem Mittelalter.
Fabri kam über den Kuntersweg durch die Eisackschlucht, den Herzog Sigmund hatte ausbauen lassen. Früher, so schrieb er, sei diese Straße so gefährlich gewesen, dass man Spottlieder auf sie gesungen habe. Als er Bozen erreichte, fand er eine Stadt in Trümmern. Im Februar hatte der große Brand gewütet, und als Fabri ankam, brannte es noch immer. Die Kirchen und Klöster waren stehengeblieben, aber auch das Dominikanerkloster, in dem er übernachten wollte, hatte Feuer gefangen. Die Brüder hatten es auf den Dächern selbst gelöscht. Der Prior, so erzählt Fabri, schrieb die Rettung der Fürbitte der Jungfrau Maria zu.
Fabri sah in den Bränden ein Strafgericht Gottes und nannte die Bozner ein lasterhaftes, dem Trunke, der Üppigkeit und dem Stolze stark ergebenes Volk. Das ist hart, und die Herausgeber seines Berichts merken an, dass das Urteil wohl aus dem Schrecken der Katastrophe kam. Denn im selben Atemzug lobt er die Stadt: Alles sei leicht und günstig zu haben, der Wein gedeihe vorzüglich, das Obst sei süß.
Gesund fand er Bozen nicht. Auf der einen Seite stünden hohe Berge, auf der anderen lägen stinkende Sümpfe, und viele Menschen litten am Fieber. Dazu erzählt er eine Anekdote: Ein Fremder habe Bozen für die kälteste Stadt der Welt gehalten, weil überall Leute in Wintermänteln herumsaßen. Es waren die Fiebernden. Fabri sah auch die Armut nach dem Brand. Viele lebten in den Ruinen, andere zogen als Bettler davon, und die Stadt wurde gerade mit feuerfesteren Häusern wieder aufgebaut.
Am nächsten Morgen hörte er im Kloster die Messe, frühstückte und zog weiter nach Süden. Rechts sah er den Fluss, jenseits davon Tramin, dessen Wein man bis nach Schwaben brachte. Wenn du auf der Via Romea weitergehst, kommst du genau dort vorbei.
Die Dominikaner und die Maler aus dem Veneto
Das Kloster, in dem Fabri schlief, ist heute noch zu sehen, und es lohnt sich. 1272 sind die Dominikaner in Bozen zum ersten Mal erwähnt, südlich der Stadtmauer nahe dem Eisack. Ihre Mönche kamen vermutlich aus dem Konvent San Lorenzo in Trient. Um 1300 begann man mit der heutigen Kirche, einer der frühesten gotischen Kirchen Tirols. 1313 wurde hier Anna von Böhmen bestattet, die erste Frau Heinrichs von Kärnten, des Landesfürsten.
Das Herz der Kirche ist die Johanneskapelle. Gestiftet hat sie Giovannino de' Rossi, dessen Vater aus Florenz stammte. Giovannino wurde 1324 hier begraben, und sein Sohn Botsch ließ die Kapelle ausmalen. Um 1330 arbeiteten hier vier oder fünf Maler aus dem Veneto. Sie standen unter dem Eindruck dessen, was Giotto in Padua in der Scrovegni-Kapelle gemalt hatte, und seiner Nachfolger in Verona. Du siehst das Leben Johannes des Täufers, das Leben Marias, Szenen aus dem Leben des heiligen Nikolaus und des Evangelisten Johannes. Lange wusste niemand davon. Die Fresken wurden erst 1915 entdeckt und ab 1935 freigelegt.
Im Kreuzgang malte ab 1496 Friedrich Pacher, ein Maler aus dem Pustertal, Szenen aus dem Leben Marias und der Passion. 1784 hob Kaiser Joseph der Zweite das Kloster auf. Es wurde Kaserne, Militärmagazin, Bäckerei und Schule. Im Ersten Weltkrieg war darin ein Lazarett, in dem der Arzt Lorenz Böhler Erfahrungen sammelte, die die Unfallchirurgie prägten. 1944 zerstörten Bomben Kirche und Turm. Wiederaufgebaut wurde ab 1960, die Restaurierung endete erst 2008. Heute feiert hier die italienischsprachige Gemeinde ihre Gottesdienste, und im ehemaligen Kloster sitzt das Konservatorium. So sind Bozens Kreuzungen auch in diesem Bau zu sehen: eine Florentiner Familie, Maler aus dem Veneto, ein Pustertaler im Kreuzgang und heute italienische Messen.
Die Franziskaner und der Altar auf dem Dachboden
Noch älter in Bozen sind die Franziskaner. Schon 1221, fünf Jahre vor dem Tod des heiligen Franziskus, ließen sie sich hier nieder. Ihre erste Kirche ist 1237 bezeugt und brannte bald danach ab. Kirche und Kloster, wie du sie heute siehst, stammen zum größten Teil aus der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts, die Gewölbe aus dem fünfzehnten. In der Erhardkapelle erzählt man sich, der junge Franziskus sei mit seinem Vater, einem Tuchhändler, hier gewesen. Das ist eine Legende, aber eine, die zu einer Handelsstadt passt.
Auffällig ist, was fehlt. Hochaltäre und Lettner wurden schon 1790 entfernt, und die Wände sind fast kahl. Umso mehr leuchtet, was geblieben ist: Im Chor steht der Flügelaltar, den Hans Klocker aus Brixen um 1500 schnitzte. Er zeigt die Geburt Christi. Und er hat eine Geschichte, die dir gefallen könnte. Jahrhundertelang lag er auf dem Dachboden des Klosters. Erst im neunzehnten Jahrhundert holten die Brüder ihn herunter und stellten ihn an seinen Platz zurück.
Im Kreuzgang findest du gotische Fresken aus der Schule Giottos, entstanden zwischen 1330 und 1340, also aus denselben Jahren wie die Johanneskapelle bei den Dominikanern. Dazu kommen dreizehn Ölbilder von 1719. Der Eintritt ist frei.
Der Mann aus dem Eis
Am 19. September 1991 wanderten zwei Urlauber aus Deutschland, Helmut und Erika Simon, in den Ötztaler Alpen über einen Gletscher, auf gut 3.200 Metern, nahe dem Tisenjoch. Im Eis sahen sie einen Körper. Sie hielten ihn für einen Bergsteiger, der vor kurzem verunglückt war. Er war 5.300 Jahre alt.
Am 22. September wurde der Tote geborgen und am Tag darauf nach Innsbruck gebracht. Der Archäologe Konrad Spindler sah ihn sich am 24. September an und schätzte ihn nach der Form seines Beils auf mindestens viertausend Jahre. Spätere Messungen datierten seinen Tod auf die Zeit zwischen etwa 3239 und 3105 vor Christus, in die frühe Kupferzeit.
Dann kam eine Frage, die ganz und gar nicht steinzeitlich war: Wem gehört er? Der Fundort lag direkt an der Grenze zwischen Österreich und Italien, die 1919 im Vertrag von Saint-Germain auf die Wasserscheide gelegt worden war, und auf einem Gletscher ist eine Wasserscheide schwer zu finden. Im Oktober 1991 vermaß man den Ort. Ergebnis: Der Mann hatte 92,56 Meter auf italienischem Boden gelegen. Darum ist er heute in Bozen.
Auch die Finder bekamen ihren Streit. Nach italienischem Recht stand ihnen ein Anteil am Wert des Fundes zu. 1994 bot man ihnen einen symbolischen Finderlohn von zehn Millionen Lire an, rund 5.200 €, den sie ablehnten. Erst 2006 bestätigte ein Gericht, dass sie die Entdecker waren, und 2008 einigte sich das Land Südtirol mit Erika Simon auf 150.000 €. Den Namen Ötzi gab ihm die Presse, nach den Ötztaler Alpen.
Was Ötzi bei sich trug
Ötzi war ungefähr 45 Jahre alt, etwa 1,60 Meter groß und wog um die 50 Kilo. Er war unterwegs über das Gebirge, und was er dabeihatte, kommt dir vielleicht bekannt vor, nur in älterer Ausführung. Er trug eine Fellmütze, einen Fellmantel, Beinkleider und Lendenschurz aus Leder und gefütterte Schuhe. Auf dem Rücken hatte er eine Trage, dazu Gefäße aus Birkenrinde, einen Dolch mit Feuersteinklinge, einen unfertigen Bogen und einen Köcher mit vierzehn Pfeilen. Und er hatte ein Beil mit einer Klinge aus fast reinem Kupfer an einem Schaft aus Eibenholz, das älteste vollständig erhaltene Kupferbeil der Welt. Das Kupfer stammt, so eine Untersuchung von 2017, aus der südlichen Toskana. Schon vor 5.300 Jahren kamen Dinge aus dem Süden über die Alpen.
Auf seiner Haut fand man 61 Tätowierungen, kurze schwarze Linien und Kreuze, die meisten nahe der Wirbelsäule und an den Gelenken. Man vermutet, dass sie Schmerzen lindern sollten, ähnlich einer frühen Akupunktur. Seine letzte Mahlzeit bestand aus Steinbock- und Hirschfleisch, Einkorn und, rätselhaft, Adlerfarn, der eigentlich giftig ist.
Lange glaubte man, er sei erfroren. Erst 2001 zeigten Röntgenbilder eine Pfeilspitze in seiner linken Schulter. Der Pfeil hatte eine wichtige Arterie getroffen, und er verblutete wohl schnell. Eine ältere Schnittwunde an der Hand deutet auf einen Kampf wenige Tage vorher hin. Ötzi ist ermordet worden, auf dem Weg über das Gebirge.
Seit dem 28. März 1998 liegt er im Südtiroler Archäologiemuseum, in einem Bankgebäude aus der Zeit der Habsburger. Er ruht in einer Kühlzelle bei minus 6 Grad und fast vollständiger Luftfeuchtigkeit, auf einer Präzisionswaage, und wird regelmäßig mit sterilem Wasser besprüht. Du siehst ihn durch ein kleines Fenster. 2025 standen 277.754 Menschen davor, seit der Eröffnung fast sieben Millionen. Ein neues Museum ist geplant, etwa 500 Meter entfernt. Als dieser Text entstand, im Herbst 2026, gab es dafür noch keinen Termin.
Die Frage, die bleibt: Welche Sprache spricht Bozen?
Felix Fabri schrieb 1483 noch etwas über Bozen, das bis heute nachklingt. Die Stadt, behauptete er, sei noch wenige Jahre zuvor italienisch gewesen. Im Kloster habe er einen italienischen Pater getroffen, der kein Deutsch konnte. Die Herausgeber seines Berichts, 1923 in Innsbruck, widersprechen ihm deutlich. Sie verweisen auf Archivfunde: Bürgermeister, Richter, Pfarrer und Ordensobere trugen deutsche Namen, die Straßen hießen deutsch, die Urkunden waren lateinisch oder deutsch. Der italienische Pater war wohl ein Seelsorger für die fremden Kaufleute während der Messen.
Wer hat recht? Die ehrliche Antwort ist: Beide haben etwas gesehen. Bozen war im Mittelalter eine Stadt mit deutschsprachigen Bürgern, aber auch eine Stadt, in die Italiener zum Handeln kamen und in der sich eine Florentiner Familie wie die de' Rossi eine Kapelle ausmalen ließ. Der Merkantilmagistrat von 1635 mit seinen deutschen und italienischen Richtern war die Antwort auf genau diese Mischung.
Im zwanzigsten Jahrhundert wurde aus der Mischung ein Kampf. 1919 kam Südtirol an Italien. Die Faschisten siedelten italienische Zuwanderer an, bauten eine Neustadt und ab 1935 ein Industriegebiet und betrieben die Italianisierung. 1928 weihten sie ein Siegesdenkmal des Architekten Marcello Piacentini ein, einen Triumphbogen zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Das Denkmal für den Dichter Walther von der Vogelweide, 1889 von Heinrich Natter auf dem Platz vor dem Dom aufgestellt, wurde an den Stadtrand versetzt. 1939 mussten die deutschsprachigen Südtiroler in der Option wählen, ob sie ins Deutsche Reich auswandern oder bleiben und Italiener werden wollten.
Der Streit wirkt bis heute nach, aber er hat seine Form geändert. 1981 kehrte Walther auf seinen Platz zurück. Ende der Neunzigerjahre benannte die Stadt den Siegesplatz in Friedensplatz um, nach einer Volksbefragung 2003 hieß er wieder Siegesplatz. Statt das Denkmal abzureißen, richtete man darin 2014 eine Dokumentationsausstellung über Faschismus und Nationalsozialismus ein. Bei der Volkszählung 2024 gaben in Bozen 74,71 Prozent Italienisch als Sprache an, 24,74 Prozent Deutsch und 0,55 Prozent Ladinisch.
Du musst diese Frage nicht entscheiden. Aber du kannst darauf achten, in welcher Sprache dich der Bäcker grüßt, die Frau in der Kirche, der Mann an der Bushaltestelle. In Bozen ist die Antwort jeden Tag eine andere.
Bomben, ein Lager und ein neuer Bischof
Der Zweite Weltkrieg kam spät nach Bozen, aber hart. Nach dem Waffenstillstand Italiens 1943 verwalteten die Nationalsozialisten Südtirol direkt. Von September 1943 bis Februar 1945 flogen die Alliierten dreizehn Angriffe auf die Stadt, gezielt vor allem auf die Brennerbahn. Rund 200 Menschen starben, 335 Gebäude wurden völlig zerstört. Die Bomben trafen den Dom, die Dominikanerkirche und das Stadttheater.
Im Sommer 1944 richtete die SS in Bozen ein Durchgangslager ein. In den zehn Monaten bis zur Befreiung Anfang Mai 1945 kamen rund elftausend Menschen hindurch, vor allem politische Gegner, dazu Juden und Roma. Etwa 3.500 wurden in andere Lager verschleppt, nach Mauthausen, Flossenbürg, Dachau, Ravensbrück und Auschwitz. Auch Bozner Juden wurden deportiert und ermordet. Seit 2015 erinnern Stolpersteine in der Stadt an sie.
Nach dem Krieg kam die Erneuerung langsam. 1946 versprach ein Abkommen zwischen Österreich und Italien den Deutschsprachigen gleiche Rechte und Selbstverwaltung. 1964 entstand die Diözese Bozen-Brixen, die ganz Südtirol umfasst, und ihr Bischof zog nach Bozen. 1971 folgte ein neues Autonomiestatut, und 1992 erklärten Österreich und Italien ihren Streit darüber für beendet. 1997 wurde die Freie Universität Bozen gegründet, die auf Deutsch, Italienisch und Englisch lehrt.
Die Pilger kommen zurück
Die Messen sind längst vorbei. Um 1800 waren sie zu Provinzmärkten geschrumpft, 1851 wurde der Merkantilmagistrat zur Handelskammer. Mit der Eisenbahn nach Verona 1859 und über den Brenner 1867 kamen Reisende, die nicht mehr zu Fuß gingen und nicht mehr handelten, sondern schauten. Goethe hatte schon 1786 in Bozen Station gemacht, er übernachtete wie Kaiser Joseph der Zweite und Johann Gottfried Herder im Gasthof Sonnenwirt am Obstmarkt.
Die Pilger zu Fuß kamen spät zurück, aber sie kamen. Heute führt der Jakobsweg Südtirol von der österreichischen Grenze durch Pustertal und Eisacktal über den Ritten nach Bozen und weiter durch den Vinschgau nach Müstair. Die Via Romea Germanica, der alte Romweg von Stade an der Elbe, kommt über den Brenner, teilt sich mit dem Jakobsweg die Spur bis hierher und zieht dann nach Süden. Und für den 11. April 2026 lud die Pilgergemeinschaft Südtirol zu einem Sternpilgern nach Bozen ein: Gruppen aus ganz Südtirol sollten aus Tramin und Eppan, aus Sterzing und Meran, aus dem Sarntal und von Brixen über das Kloster Säben in die Stadt gehen. Am Nachmittag war im Dom ein Pilgergottesdienst mit Bischof Ivo Muser angesetzt.
So ist der Dom, in dem einst ein Graf auf dem Heimweg von Rom begraben wurde, wieder ein Ort, an dem Pilger ankommen.
Was Bozen dir mitgibt
Bozen ist keine Stadt, die dich festhält. Sie war nie ein Ziel, sondern immer ein Ort dazwischen, an dem man ankam, handelte, schlief und weiterzog. Die Kaufleute kamen viermal im Jahr und gingen wieder. Felix Fabri blieb eine Nacht. Der Graf von Henneberg blieb länger, als er wollte. Heinrich von Bozen ging fort und kam nur als Reliquie zurück.
Und dann ist da der Mann im Museum, der älteste Wanderer, dem du in den Alpen begegnen kannst. Er hatte Schuhe, die gefüttert waren, einen Mantel, ein Messer, Gefäße aus Rinde und Linien auf der Haut, die wohl gegen Schmerzen helfen sollten. Er war unterwegs über einen Pass, und er kam nicht an. Wenn du vor seinem Fenster stehst, mit deinen eigenen Blasen und deinem eigenen Rucksack, ist der Abstand von 5.300 Jahren plötzlich gar nicht so groß.
Bozen stellt dir eine Frage, die jede Kreuzung stellt: Wohin jetzt? Nach Westen zur Muschel oder nach Süden zum Petersdom. Vielleicht ist die Frage für dich längst entschieden. Dann nimm aus dieser Stadt mit, was sie seit über achthundert Jahren übt: dass man in zwei Sprachen leben kann, dass Fremde unter Lauben ihr Recht finden können, und dass man nach einem Brand die Stadt aus Stein wieder aufbaut. Bis Müstair sind es noch 141,9 Kilometer.
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