Ort am Jakobsweg
Einsiedeln
Switzerland
- Unterkünfte
- 9
- Camino
- 1
- Höhe
- 881 m
Einsiedeln ist der Sammelpunkt der Schweizer Jakobswege: Seit 934 steht hier ein Kloster über der Zelle des heiligen Meinrad, in der Gnadenkapelle wartet die Schwarze Madonna. Täglich um 16.30 Uhr singen die Mönche das Salve Regina. Pilger schlafen im Kloster ab 45 Franken mit Frühstück, reservieren aber erst am Vorabend.
Aktuell in Einsiedeln (Stand: Oktober 2026)
- Jubiläumsjahr „500 Jahre Erneuerung“: 1526 war das Kloster fast ausgestorben, dann kam ein neuer Abt. Die Stiftsbibliothek zeigt dazu eine Ausstellung mit Handschriften, in denen Huldrych Zwingli Notizen hinterlassen hat. Montag bis Samstag nur mit Führung, Einzelpersonen ohne Anmeldung um 14 Uhr ab Tourist Office. Vorträge dazu am 25. Oktober und 21. November, jeweils 17.30 Uhr, 5 Franken.
- Hofpforte ab November früher zu: Von November bis März schließt die Pforte des Klosters um 18.30 Uhr statt um 19 Uhr. Wer später kommt, schläft im Hotel.
- Panorama nur bis Ende Oktober: Das Rundgemälde der Kreuzigung ist von Karfreitag bis Oktober geöffnet.
- Neue Kapelle St. Gangulf: Abt Urban hat sie am 3. Oktober 2026 eröffnet, seither ist sie öffentlich zugänglich.
Wie lange bleiben?
Einen Pausentag wert, am besten an einem Werktag. Einsiedeln füllt einen zweiten Tag mühelos: Führung durch Kloster und Stiftsbibliothek (nur Montag bis Samstag), Panorama und Diorama, der Schafbock beim Bäcker, dazu Laudes, Konventamt, Vesper und Komplet mit gregorianischem Gesang. Und morgen kommt mit der Haggenegg der höchste Pass der Schweizer Via Jacobi, ausgeruht geht er sich leichter. Einen Haken gibt es: Das Kloster nimmt Einzelpilger für eine Nacht auf. Für die zweite Nacht brauchst du wahrscheinlich ein Zimmer im Ort.
Einsiedeln in Ninja-Zahlen
- 91,7 Kilometer hinter Konstanz liegt Einsiedeln.
- 934 wurde das Kloster gegründet, im selben Jahr die Bibliothek. Beide gibt es bis heute.
- 16.30 Uhr, jeden Tag: Vesper und Salve Regina der Mönche. Es ist der wichtigste Termin deines Tages.
- 14 Röhren hat der Brunnen auf dem Klosterplatz. Pilger trinken aus jeder einen Schluck.
- 1.414 Meter hoch ist die Haggenegg, über die du morgen gehst, 11,8 Kilometer von hier. Es ist der höchste Punkt des Schweizer Jakobswegs.
Ankommen: über den Etzel zum Klosterplatz
Von Rapperswil kommst du über den See, den Etzel und die Teufelsbrücke, am Galgenchappeli vorbei in den Ort. Dann öffnet sich der Klosterplatz, einer der größten Kirchenvorplätze der Welt, mit Arkaden, dem Marienbrunnen in der Mitte und der Fassade der Klosterkirche dahinter. Einsiedeln liegt auf rund 880 Metern, die letzten Kilometer gehen leicht bergab.
Für Pilger aus der Schweiz und aus Süddeutschland ist Einsiedeln traditionell der Ort des ersten Stempels, so schreibt es das Kloster selbst. Stempel gibt es an der Kirchenpforte (in der Kirche vorne rechts), an der Hofpforte, im Klosterladen und im Tourist Office an der Hauptstrasse 85.
Kurz erzählt: ein Einsiedler, ein Kloster, eine Madonna
Um 835 zog der Mönch Meinrad von der Reichenau in den finsteren Wald hinter dem Etzel und lebte dort 26 Jahre als Einsiedler. Am 21. Januar 861 erschlugen ihn zwei Räuber. Die Legende sagt, zwei Raben, die er gezähmt hatte, verfolgten die Mörder bis nach Zürich und verrieten sie. Die Raben stehen bis heute im Wappen des Klosters. 934 machte Eberhard, ein ehemaliger Domherr aus Straßburg, aus der Gemeinschaft der Einsiedler um Meinrads Zelle ein Benediktinerkloster.
Im Spätmittelalter kamen zum Fest der Engelweihe im September Zehntausende, viele aus halb Europa, manche zogen weiter nach Rom oder Santiago. 1466 kam das heutige Gnadenbild in die Kapelle. Die Reformation hätte das Kloster fast beendet, 1798 lösten französische Truppen es auf. Beide Male kam es zurück. Der barocke Neubau, den du heute siehst, entstand ab 1704 nach Plänen von Caspar Moosbrugger, die Brüder Asam malten und stuckierten ihn aus.
Sammelpunkt für Pilger
Einsiedeln ist nicht nur ein Ziel, es war immer auch ein Ausgangspunkt. Im Mittelalter sammelten sich hier Pilger, um gemeinsam weiterzuziehen. Die beiden Hauptäste der Via Jacobi, aus Rorschach und aus Konstanz, treffen sich in Rapperswil oder spätestens bei St. Meinrad oberhalb von Einsiedeln. Und der Bäcker am Klosterplatz verkauft bis heute ein Gebäck, das ausdrücklich als Proviant für Pilger erfunden wurde.
Für dich heißt das: Hier endet für viele der erste Abschnitt, und hier beginnt der Weg in die Berge. Ab morgen geht es über die Haggenegg zum Vierwaldstättersee und weiter Richtung Brünig.
Rund um die Gnadenkapelle: was du sehen solltest
Fast alles liegt am Klosterplatz oder wenige Schritte davon entfernt.
- Klosterkirche und Gnadenkapelle: Die Kirche wurde 1735 geweiht. Um die alte Gnadenkapelle herum baute Caspar Moosbrugger ein Achteck, sodass die Kapelle heute mitten in der Kirche steht. Darüber zeigt das Deckenbild die Engelweihe. In der Kapelle steht das Gnadenbild, eine spätgotische Madonna aus Lindenholz, 117 Zentimeter hoch, seit 1466 hier. Ihr dunkles Gesicht kommt laut Kloster vom Rauch der Kerzen, nach dem Franzoseneinfall wurde es bei der Restaurierung bewusst wieder schwarz gemalt. Die Madonna hat über 30 Gewänder, die regelmäßig gewechselt werden. Die Kirche ist täglich ab 6 Uhr (sonntags ab 7 Uhr) bis 21 Uhr geöffnet. Fotografieren ist verboten, und die Kirche ist nicht geheizt.
- Vesper und Salve Regina: Täglich um 16.30 Uhr singen die Mönche die Vesper gregorianisch in der Klosterkirche, danach ziehen sie in Prozession zur Gnadenkapelle und singen dort mehrstimmig das Salve Regina. Wenn du in Einsiedeln nur eine Sache machst, dann diese.
- Pilgersegen: Um 16.15 Uhr oder nach der Vesper am Sigismundaltar, in der Kirche vorne rechts. Sonst kannst du nach einer Messe einen Priester ansprechen.
- Stiftsbibliothek: Gegründet 934, rund 230.000 Bücher und 1.230 Handschriften, ein barocker Saal von 1716 bis 1718. Zugang nur mit Führung: Die öffentliche Tagesführung durch Kirche und Bibliothek startet montags bis samstags beim Tourist Office, dauert knapp zwei Stunden und kostet 20 Franken (ca. 21 €). Im Jubiläumsjahr 2026 siehst du dabei die Ausstellung zu 1526.
- Marienbrunnen: Der Brunnen von 1684 steht seit 1753 in der Mitte des Klosterplatzes und hat 14 Wasserspeier. Viele Pilger trinken aus allen 14 Röhren einen Schluck. Das Wasser kommt aus der Gegend, in der sich Meinrad 835 niedergelassen hat.
- Panorama „Kreuzigung Christi“: Ein Rundgemälde von 1893 an der Benzigerstrasse 36, mit 1.000 Quadratmetern Leinwand. Von Karfreitag bis Oktober montags bis freitags 13 bis 17 Uhr, am Wochenende 10 bis 17 Uhr, 6 Franken (ca. 6,40 €).
- Diorama Bethlehem: An der Benzigerstrasse 23 stehen rund 450 geschnitzte Krippenfiguren in einer Landschaft von 80 Quadratmetern, seit 1954. Eintritt 9 Franken (ca. 9,60 €), wer Maria oder Josef heißt, kommt umsonst hinein. Öffnungszeiten findest du auf diorama.ch.
Essen und Trinken
Den Einsiedler Schafbock solltest du probieren: ein Honiglebkuchen mit einem liegenden Lamm darauf, 1631 zum ersten Mal erwähnt und ursprünglich als haltbarer Proviant für Pilger gebacken, auch für die nach Santiago. Die Bäckerei Goldapfel am Klosterplatz backt ihn in der Familie Oechslin seit 1724, und im Nostalgieladen an der Kronenstrasse zeigt sie alte Backmodel. Zum Jubiläumsjahr gibt es dort ein eigenes Pilgergebäck für 3,40 Franken.
Im Kloster gibt es für Pilger um 18 Uhr ein Abendessen im Küchenstübli für 20 Franken (ca. 21 €), anmelden musst du dich bis 16 Uhr. In den Arkaden am Klosterplatz verkaufen Läden regionale Produkte wie Käse und Kerzen.
Ehrlich gesagt
- Vorab reservieren geht nicht. Einzelpilger können das Bett im Kloster erst am Vorabend telefonisch oder bei Ankunft an der Hofpforte reservieren. Bei 13 Betten und großem Andrang gibt es keine Garantie.
- Wer spät kommt, schläft im Hotel. Die Hofpforte schließt um 19 Uhr, im Winterhalbjahr um 18.30 Uhr.
- Einsiedeln ist ein Massenwallfahrtsort. Jährlich kommen Hunderttausende, dazu Busgruppen und Tagesausflügler. Am Klosterplatz ist es selten still, in der Gnadenkapelle aber schon.
- Die Kirche ist kalt. Sie ist unbeheizt, im Winter teils unter fünf Grad. Behalte die Jacke an.
- Das Josefsdörfli ist nichts für dich allein. Die große Unterkunft der Genossame Dorf-Binzen nimmt nach unserer Recherche nur Gruppen ab fünf Personen.
Wo Pilger schlafen
Das Kloster Einsiedeln nimmt Jakobspilger das ganze Jahr auf, Männer und Frauen. 13 Betten gibt es: in einem Achterzimmer für 45 Franken (ca. 48 €), in einem Dreierzimmer für 55 Franken (ca. 59 €) und in einem Einzelzimmer für 60 Franken (ca. 64 €), jeweils mit Frühstück und Kurtaxe (Stand: Oktober 2026). Dusche und WC sind auf der Etage, ein Hygieneschlafsack ist Pflicht. Vorab buchen können Einzelpilger „nach alter Sitte“ nicht, du rufst am Vorabend an (+41 55 418 61 11) oder fragst bei Ankunft an der Hofpforte. Frühstück gibt es von 6.45 bis 8.30 Uhr im Hofspeisesaal.
Wenn das Kloster voll ist, hilft das Tourist Office weiter. Das Hotel & Pilgerhaus Allegro hat eine einfachere Lodge mit Dusche und WC auf der Etage, einen Pilgerpreis haben wir nicht gefunden. Eine Donativo-Herberge gibt es in Einsiedeln nicht.
Ninja-Tipps
- Vor 16 Uhr ankommen: Dann klappt alles, Bett an der Hofpforte, Anmeldung zum Abendessen bis 16 Uhr, Pilgersegen um 16.15 Uhr, Vesper und Salve Regina um 16.30 Uhr, Messe um 17.30 Uhr, Abendessen um 18 Uhr.
- Am Vorabend anrufen: Dass du nicht früher buchen kannst, ist kein Versehen, sondern alte Sitte. Ruf von Rapperswil aus an.
- Aus allen 14 Röhren trinken: Am Marienbrunnen auf dem Klosterplatz, einmal rundherum.
- Schafbock für die Haggenegg: Er wurde genau für Pilger auf dem Weg erfunden. Nimm einen für den Aufstieg morgen mit.
- Bibliothek nur werktags: Die Stiftsbibliothek siehst du nur bei einer Führung, und die gibt es sonntags nicht.
- Maria oder Josef? Dann kostet dich das Diorama nichts.
- Morgen an der Haggenegg genau hinschauen: Die Kapelle auf dem Pass steht laut Überlieferung dort, wo das Gnadenbild 1798 vor den Franzosen vergraben wurde.
Wenn es regnet
Einsiedeln ist nass. Im Oktober fallen hier im Schnitt rund 115 Millimeter Regen, deutlich mehr als in Zürich (MeteoSchweiz-Normwerte 1991–2020).
- Klosterkirche: täglich ab 6 Uhr (sonntags ab 7 Uhr) bis 21 Uhr, mit Gottesdiensten fast zu jeder Tageszeit. Aber: unbeheizt.
- Führung durch Kloster und Stiftsbibliothek: montags bis samstags ab Tourist Office, 20 Franken (ca. 21 €). 2026 um 14 Uhr mit Jubiläumsausstellung.
- Panorama „Kreuzigung Christi“: bis Ende Oktober, werktags 13 bis 17 Uhr, am Wochenende 10 bis 17 Uhr.
- Vortrag zum Jubiläum 1526: 25. Oktober und 21. November 2026, 17.30 Uhr, 5 Franken.
Praktische Tipps für Pilger
- Gottesdienste werktags: 6.15 Uhr und 9.30 Uhr Messe in der Gnadenkapelle, 7.15 Uhr Laudes, 11.15 Uhr Konventamt, 12.05 Uhr Mittagsgebet, 16.30 Uhr Vesper und Salve Regina, 17.30 Uhr Messe, 20 Uhr Komplet.
- Gottesdienste sonntags: 7.15 Uhr Laudes, 9.30 Uhr Konventamt, 11 Uhr Pilgermesse, 16.30 Uhr Vesper und Salve Regina, 20 Uhr Komplet (am ersten Sonntag im Monat um 19 Uhr).
- Beichte: täglich 17 bis 18 Uhr in der Beichtkirche, vorne links.
- Pilgerpass: im Klosterladen oder per Mail beim Verein Via Jacobi 4 (secretariat@viajacobi4.ch).
- Kleidung: In der Kirche sollen die Schultern bedeckt sein.
- Bahn: Einsiedeln hat seit 1877 eine Bahnverbindung nach Wädenswil am Zürichsee.
Weiter: über die Haggenegg nach Schwyz und Brunnen
Morgen wird es ernst. Vom Kloster gehst du nach Südwesten, am Benediktinerinnenkloster Au vorbei nach Trachslau und durch das Alptal nach Alpthal. Hinter der Malosenbrücke steigt der Weg steil zur Haggenegg auf 1.414 Meter, 11,8 Kilometer ab Einsiedeln. Oben stehen ein Berggasthaus und zwei Kapellen. Danach geht es rund acht Kilometer hinunter nach Schwyz (17,8 Kilometer ab Einsiedeln) und weiter über Ibach, die Muota und am Kloster Ingenbohl vorbei nach Brunnen am Vierwaldstättersee (22,9 Kilometer). Der Abschnitt wird nur bei gutem Wetter empfohlen. Im Frühjahr kann auf der Haggenegg noch Schnee liegen.
Morgen erwartet dich
Je nach Kraft endest du in Schwyz oder in Brunnen. Auf dem Weg dorthin überschreitest du die Haggenegg, wo laut Überlieferung die Schwarze Madonna 1798 im Boden versteckt wurde. Am Abend stehst du dann am Vierwaldstättersee, und von Brunnen bringt dich das Schiff hinüber nach Treib oder Beckenried.
Tiefer eintauchen: Der Einsiedler und die Madonna
Ein langer Text, falls du noch mehr über Einsiedeln erfahren willst. Etwa sieben Minuten Lesezeit.
Ein Platz, der dich klein macht
Wenn du auf dem Klosterplatz stehst, hast du die Fassade der Klosterkirche vor dir. Die Arkaden umfassen dich von beiden Seiten, in der Mitte plätschert der Brunnen mit seinen vierzehn Röhren, und über allem stehen die beiden Türme. Der Platz wurde Mitte des achtzehnten Jahrhunderts angelegt, und er ist für Massen gebaut. Und doch beginnt die Geschichte dieses Ortes mit einem Mann, der allein sein wollte.
Meinrad im finsteren Wald
Meinrad wurde gegen Ende des achten Jahrhunderts im Sülchgau geboren, im heutigen Württemberg, wahrscheinlich in eine alemannische Adelsfamilie. Er kam früh an die Klosterschule der Reichenau im Bodensee, wurde dort Mönch und Priester und leitete später eine kleine Schule des Klosters am Zürichsee. Dann, um 828, ging er weg. Zuerst baute er sich eine Zelle am Etzelpass, dort, wo heute die Kapelle St. Meinrad steht, an der du gestern vorbeigekommen bist. Um 835 zog er tiefer in den Wald, den man damals den finsteren Wald nannte. Mit der Hilfe einer Äbtissin baute er dort eine neue Zelle. Sechsundzwanzig Jahre lebte er hier.
Er blieb nicht ganz allein. Menschen suchten ihn auf, um Rat zu holen, um Hilfe zu bitten, um zu beten. So erzählt es das Kloster, und es nennt das ausdrücklich eine Legende. Am 21. Januar 861 kamen zwei Männer, die etwas anderes suchten. Sie glaubten, Pilger hätten bei dem Einsiedler Schätze hinterlassen. Sie erschlugen ihn. Darum nennt man Meinrad bis heute einen Märtyrer der Gastfreundschaft. Er starb, weil er seine Tür offen gehalten hatte.
Die Raben
Dann beginnt die Legende. Meinrad hatte zwei Raben gezähmt, und die Raben verfolgten die Mörder. Sie flogen ihnen nach bis nach Zürich und machten so lange Lärm, bis die Leute aufmerksam wurden und die Männer festnahmen. Ob das so war, weiß niemand. Aber die Raben sind geblieben. Sie stehen im Wappen des Klosters, sie hängen am Wirtshausschild von St. Meinrad am Etzel, und du wirst sie in Einsiedeln an vielen Stellen wiederfinden, wenn du einmal darauf achtest. Meinrads Leichnam wurde auf die Reichenau gebracht und kam erst im elften Jahrhundert zurück. Sein Schädel wird bis heute einmal im Jahr, am Meinradssonntag im Oktober, in einer Prozession getragen.
Aus einer Zelle wird ein Kloster
Nach Meinrads Tod stand die Zelle nicht lange leer. Anfang des zehnten Jahrhunderts ließen sich dort wieder Einsiedler nieder, unter ihnen Benno aus Straßburg. 934 kam Eberhard, ein Domherr derselben Stadt, und machte aus den Einsiedlern ein Benediktinerkloster. Er baute Kirche und Kloster und wurde der erste Abt. Im selben Jahr wurde die Bibliothek gegründet, die bis heute besteht. Der Name des Ortes erinnert an den Anfang: Einsiedeln, die Siedlung der Einsiedler. Und Meinrads Zelle wurde zur Kapelle, aus der später die Gnadenkapelle hervorging.
Die Nacht der Engel
Über diese Kapelle erzählt man sich die zweite große Geschichte von Einsiedeln. Im Jahr 948 sollte Bischof Konrad von Konstanz die Kirche und die Meinradskapelle weihen. In der Nacht vor der Weihe, so heißt es, sah er Christus selbst mit Engeln die Kapelle weihen. Als er am Morgen beginnen wollte, sagte ihm eine Stimme, die Kapelle sei schon von Gott geweiht. Das ist die Engelweihe, und sie wird bis heute am 14. September gefeiert, mit einer Lichterprozession über den Klosterplatz am Abend.
Die Geschichte hat einen Haken, und das Kloster verschweigt ihn nicht. Sie taucht erst im zwölften Jahrhundert in den Quellen auf. Eine päpstliche Urkunde, die das Wunder bestätigen soll und angeblich aus dem Jahr 964 stammt, gilt Historikern als Fälschung des zwölften Jahrhunderts. Es war eine Zeit, in der das Kloster mit seinen Vögten stritt und gute Argumente brauchte. Ob die Engel in jener Nacht kamen, kannst du selbst entscheiden. Dass die Geschichte Menschen hierherbrachte, ist sicher.
Zehntausende im Herbst
Ab dem vierzehnten Jahrhundert wurde Einsiedeln einer der großen Wallfahrtsorte Europas. Zur Engelweihe kamen Zehntausende, angezogen von Ablässen, aus halb Europa. Manche gingen danach weiter nach Rom, manche nach Santiago. Pilger sammelten sich hier, um gemeinsam weiterzugehen. Für viele war Einsiedeln also das, was es für dich heute ist: das erste große Ziel und der Anfang des eigentlichen Weges.
1464 zerstörte ein Brand die damalige Marienstatue. Zwei Jahre später, 1466, kam eine neue in die Kapelle, eine Madonna aus Lindenholz, in Süddeutschland geschnitzt, gut einen Meter groß. Sie hält das Kind auf dem Arm, und sie ist es, die du heute siehst.
Fast am Ende
Im frühen sechzehnten Jahrhundert arbeitete ein junger Priester namens Huldrych Zwingli in Einsiedeln. Er kritisierte dort, wie mit Ablässen umgegangen wurde. Wenige Jahre später war er der Reformator von Zürich. Die Zürcher Wallfahrten hörten auf, und das Kloster leerte sich. 1526 war nur noch der alte Abt übrig, sechsundachtzig Jahre alt. Da griff Schwyz ein, die Schutzmacht des Klosters, und setzte einen Mönch aus St. Gallen als neuen Abt ein, Ludwig Blarer. Mit ihm begann die Erneuerung. Fünfhundert Jahre später, 2026, feiert das Kloster dieses Jubiläum, und in der Bibliothek liegen Handschriften mit Zwinglis eigenen Notizen.
Der Barock
Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert ging es dem Kloster gut, und es baute sich neu. 1704 legte man den Grundstein nach Plänen von Caspar Moosbrugger, einem Laienbruder des Klosters aus dem Vorarlberg. Sein kühnster Einfall: Er ließ die alte Gnadenkapelle stehen und baute die neue Kirche um sie herum, in ein Achteck hinein. Die Kapelle steht seither mitten im Kirchenraum, wie ein Haus im Haus. Von 1725 an malten und stuckierten die Brüder Cosmas Damian und Egid Quirin Asam aus München das Innere. 1735 wurde die Kirche geweiht. Ein paar Jahre später legte man den Platz davor an, mit Arkaden und dem Brunnen in der Mitte.
Die Madonna auf der Flucht
1798 marschierten französische Truppen in die Schweiz ein. Im Mai erreichten sie Einsiedeln, beendeten das Fürstenstift und rissen die Gnadenkapelle nieder. Die Mönche hatten das Gnadenbild rechtzeitig versteckt. Es begann eine Flucht, die das Kloster selbst als abenteuerlich beschreibt und die bis ans Mittelmeer führte. Auf der Haggenegg, über die du morgen gehst, steht eine Kapelle, die laut Überlieferung an der Stelle gebaut ist, wo die Madonna damals vergraben wurde. Das Altarbild dort zeigt die Szene.
Als die Statue zurückkam, wurde sie restauriert. Ihr Gesicht und ihre Hände waren über die Jahrhunderte vom Rauch der Kerzen und Lampen dunkel geworden. Bei der Restaurierung wurden sie bewusst wieder schwarz gemalt, so wie die Pilger ihre Madonna kannten. 1803 wurde das Kloster wiederhergestellt, und bis 1818 baute man die Gnadenkapelle neu, so weit wie möglich mit den Steinen der alten.
Gewänder und Gebete
Die Madonna besitzt heute über dreißig Gewänder, das älteste etwa vierhundert Jahre alt. Viele davon sind Geschenke von Menschen, deren Bitten erhört wurden. Die Gewänder werden etwa alle zwei Wochen gewechselt. 1934, zum tausendsten Geburtstag des Klosters, wurde sie feierlich gekrönt. Fünfzig Jahre später, 1984, besuchte Papst Johannes Paul der Zweite Einsiedeln und weihte den neuen Altar.
Heute
Als dieser Text entstand, im Herbst 2026, lebten in Einsiedeln rund vierzig Mönche. Abt Urban Federer war im Jahr zuvor wiedergewählt worden, als erster Abt in der Geschichte des Klosters, der ein zweites Mal gewählt wurde. Jedes Jahr kommen Hunderttausende, Pilger, Gläubige, Touristen, Busgruppen. Und jeden Nachmittag um halb fünf ziehen die Mönche aus dem Chor zur Gnadenkapelle und singen das Salve Regina, egal wer zuhört.
Was Einsiedeln dir mitgibt
Meinrad ging in den Wald, um allein zu sein, und wurde zum Anfang eines Ortes, an den Millionen kamen. Er starb, weil er jemanden hereinließ. Wenn du heute Abend im Kloster schläfst, ohne vorher gebucht zu haben, einfach weil du angeklopft hast, dann ist das dieselbe offene Tür. Und morgen früh, mit einem Schafbock im Rucksack, gehst du weiter, wie die Pilger, die sich hier vor sechshundert Jahren gesammelt haben.
Übernachten in Einsiedeln
Unterkünfte in Einsiedeln.
GeöffnetReservierung möglichKloster Einsiedeln - Gästebereich & Wallfahrt
GeöffnetGenossame Dorf-Binzen Josefsdörfli
GeöffnetReservierung möglichBed and Breakfast Tulipan





