Ort am Jakobsweg
Konstanz
Germany
- Unterkünfte
- 24
- Caminos
- 5
- Höhe
- 406 m
Konstanz ist eine Übergabe: Vier Jakobswege aus Deutschland laufen am Münster ein, und die Via Jacobi beginnt hier ihren Weg durch die Schweiz nach Genf. Von 1414 bis 1418 tagte im Münster das Konzil, das Jan Hus zum Tod verurteilte. Gleich daneben ließ ein Bischof um 940 Jerusalem nachbauen.
Aktuell in Konstanz (Stand: Oktober 2026)
- Münsterturm: Turm und Ticketstand sind nur noch bis Ende Oktober geöffnet. Danach ist der Aufstieg geschlossen.
Wie lange bleiben?
Einen Pausentag wert. Am Münster warten die Mauritiusrotunde mit ihrem Heiligen Grab und der Turm, dazu kommen das Konzilgebäude, die Schottenkapelle St. Jakob und vor der alten Stadt der Hussenstein. Wer einen der vier deutschen Wege hier beendet und in die Schweiz weitergeht, kann den Tag gut nutzen, um umzuplanen: Ab der Grenze zahlst du in Franken, und viele Betten auf der Via Jacobi sind Privatzimmer, die du vorher anrufen musst. Und wer mehr Zeit hat, macht einen Abstecher zur Klosterinsel Reichenau.
Konstanz in Ninja-Zahlen
- 2.340 Kilometer bis Santiago stehen auf dem Wegweiser am Münsterplatz neben der Mariensäule. Der nächste Ort darauf, Märstetten, ist nur rund vier Stunden entfernt.
- 4 Jakobswege aus Deutschland laufen in Konstanz ein, und die Via Jacobi beginnt hier (Stand: Oktober 2026).
- 50.000 bis 70.000 Menschen kamen zwischen 1414 und 1418 zum Konzil in eine Stadt, die damals rund 6.000 Einwohner hatte.
- 45 Sitzungen hielt das Konzil im Münster ab, in der fünfzehnten wurde am 6. Juli 1415 Jan Hus verurteilt.
- 445,5 Kilometer sind es laut Camino Ninja auf der Via Jacobi von hier bis Genf.
Ankommen: vier Wege an den See
Wer auf dem Oberschwäbischen Jakobsweg aus Ulm kommt, geht die letzten Kilometer auf dem Wasser: Von Meersburg bringt dich die Fähre nach Konstanz-Staad, von dort gehst du am Ufer zum Münster. Laut Camino Ninja sind es ab Meersburg 9,6 Kilometer. Die Fähre fährt tagsüber alle 15 Minuten. Denselben Weg nimmt der Jakobsweg Lindau – Héricourt.
Auf dem Linzgauer Jakobsweg fährst du von Überlingen mit dem Schiff nach Wallhausen, gehst über Litzelstetten und den Lorettosteig ans Ufer und über die Rheinbrücke zum Münster. Außerhalb der Saison fährt dieses Schiff nicht, dann nimmst du den Bus nach Meersburg und die Fähre.
Auf dem Hegauer Jakobsweg kommst du über Allensbach und das Kloster Hegne, laut Camino Ninja 11,2 Kilometer vor Konstanz, am Rand des Wollmatinger Rieds und über Wollmatingen in die Stadt.
Kurz erzählt: Bischöfe, ein Konzil und ein Abschied
Um 585 oder 590 wurde das Bistum Konstanz gegründet, und gut zwölf Jahrhunderte lang war das Münster eine Kathedrale. Von 1414 bis 1418 tagte hier das Konzil. Es wählte im November 1417 Martin V. zum Papst und verurteilte 1415 den böhmischen Reformator Jan Hus, der noch am selben Tag vor der Stadt verbrannt wurde.
1526, vor der Reformation, zogen die Bischöfe über den See nach Meersburg. 1821 wurde das Bistum aufgehoben, 1827 ging der Bischofssitz nach Freiburg. Seitdem ist das Münster eine Pfarrkirche, seit 1955 trägt es den Titel einer Basilika.
Übergabe am Münster
Konstanz ist für die meisten Pilger kein Ende. Drei deutsche Jakobswege enden hier, der Oberschwäbische, der Linzgauer und der Hegauer, ein vierter, der Weg von Lindau nach Héricourt, läuft weiter den Rhein hinunter. Und am Münster beginnt die Via Jacobi, der Schweizer Hauptweg nach Genf.
Ihr erstes Stück bis Einsiedeln heißt Schwabenweg, weil im Mittelalter vor allem Schwaben über Konstanz zur Schwarzen Madonna pilgerten. Kurz hinter der Stadt wechselst du das Land, die Währung und die Wegzeichen: In der Schweiz folgst du dem Schild mit der Nummer 4 und der Muschel. Was du aus Deutschland mitbringst, gibst du hier an die Schweiz weiter.
Vom Münster zum Hussenstein: was du sehen solltest
Vieles liegt direkt am Münster. Für den Hussenstein gehst du ein Stück aus der Altstadt hinaus.
- Das Münster: Gut zwölf Jahrhunderte lang war es eine Bischofskirche. Hier tagte das Konzil in 45 Sitzungen, hier wurde Jan Hus verurteilt. Schau dir am Hauptportal die Holztüren an: Der Tischler Simon Haider hat sie 1470 geschnitzt, mit zwanzig Szenen aus dem Leben Jesu. Am Münsterplatz neben der Mariensäule steht der Wegweiser nach Santiago.
- Die Mauritiusrotunde: Bischof Konrad ließ sie um 940 nach seiner zweiten Reise nach Jerusalem bauen, als Nachbildung der Grabeskirche im Maßstab eins zu zwei. Um 1260 entstand darin das steinerne Heilige Grab mit zwölf Apostelfiguren, unter ihnen Jakobus mit Pilgerstab und Muschel. Für Menschen, die sich die Reise ins Heilige Land nicht leisten konnten, war das ihr Jerusalem. Pilger umrundeten das Grab dreimal. Heute ist die Rotunde eine Station des Schwabenwegs, und am Münster beginnt die Via Jacobi.
- Der Münsterturm: Die neugotische Turmspitze ist 78 Meter hoch. 193 Stufen führen zur Plattform, die nur teilweise offen ist. Offen Montag bis Samstag 11 bis 16.45 Uhr, sonn- und feiertags 12.30 bis 16.45 Uhr, nur bis Ende Oktober. Erwachsene zahlen 4 € (Stand: Oktober 2026).
- Das Konzilgebäude: Im November 1417 wurde hier Martin V. zum Papst gewählt.
- Der Hussenstein: Ein Findling mit der goldenen Inschrift „Johannes Hus“ markiert seit 1862 den mittelalterlichen Richtplatz. Hier brannte am 6. Juli 1415 der Scheiterhaufen, und Hus' Asche streuten die Henker in den Rhein. Wenn du auf dem Weg nach Héricourt weitergehst, folgst du diesem Fluss.
- Die Schottenkapelle St. Jakob: Westlich der Altstadt an der Schottenstraße stand das Schottenkloster St. Jakob, laut Überlieferung 1142 gegründet, ab 1220 belegt und 1529/30 abgerissen. Geblieben ist die Schottenkapelle von 1589, der Jakobus-Ort der Stadt neben dem Münster.
Essen und Trinken
Belegte Pilgertipps zu Konstanzer Lokalen haben wir nicht gefunden, und Werbung machen wir keine. Wichtiger ist der Einkauf: In Konstanz zahlst du noch in Euro. Wer auf der Via Jacobi weitergeht, deckt sich vor der Grenze ein, denn in der Schweiz kostet ein Tag schnell das Drei- bis Vierfache eines Tages in Galicien.
Ehrlich gesagt
- Konstanz hat keine Pilgerherberge. Einen Schlafsaal nach spanischem Muster gibt es nicht, und im Juli und August ist die Stadt voll. Buch früh, und rechne mit Preisen am oberen Ende.
- Der Hegauer Schlusstag hat Baustellen. Zwischen Allensbach und Konstanz wird an der B33 gebaut, laut Träger bis 2035.
- Den Stempel musst du suchen. Eine feste Stempelstelle mit Öffnungszeiten nennt keine Quelle, die wir gefunden haben. Pilger bekommen ihn aber im Münster (siehe Praktische Tipps).
- Hinter der Grenze wird es teuer. Ab Kreuzlingen zahlst du Schweizer Preise, und viele Betten auf der Via Jacobi sind Privatzimmer, die du vorher anrufen musst.
Wo Pilger schlafen
Eine Pilgerherberge gibt es in Konstanz nicht. Die günstigste Möglichkeit in der Stadt ist die Jugendherberge:
- Jugendherberge Otto-Moericke-Turm: an der Allmanshöhe im Norden der Stadt.
Auf dem Hegauer Weg kannst du schon vor Konstanz im Gästehaus St. Elisabeth am Kloster Hegne übernachten. In der App findest du außerdem einen privaten Gastgeber, der nicht über Buchungsportale vermietet. Wer weiterzieht: Die nächste Pilgerherberge liegt in Märstetten, laut Camino Ninja 13,9 Kilometer entfernt und knapp einen Kilometer neben der Via Jacobi.
Ninja-Tipps
- Dreimal ums Grab: Mach es wie die Pilger früher und geh in der Mauritiusrotunde dreimal um das Heilige Grab. Such dabei Jakobus unter den zwölf Aposteln, du erkennst ihn an Pilgerstab und Muschel.
- Foto am Wegweiser: Der Wegweiser neben der Mariensäule zeigt 2.340 Kilometer bis Santiago. Für alle, die hier starten, ist das das Startfoto.
- Turm noch im Oktober: Wer bis Ende Oktober ankommt, sollte den Aufstieg nicht verschieben. Danach ist er geschlossen.
- Seehas zum Abbrechen und Einsteigen: Der Seehas fährt laut Träger halbstündlich zwischen Konstanz und Radolfzell und hält auch in Hegne, Allensbach und Markelfingen.
- Abstecher zur Reichenau: Die Klosterinsel im Untersee ist seit 2000 UNESCO-Welterbe und hat drei romanische Kirchen. Wenn du einen Pausentag hast, ist sie das naheliegende Ziel.
- Zum Grödeli in Kreuzlingen: Gleich hinter der Grenze steht das Grödeli, eine ehemalige Pilgerherberge in einem Fachwerkhaus von 1610. Es bewirtet bis heute Gäste.
Praktische Tipps für Pilger
- Pilgerstempel im Münster: Eine Pilgergruppe der Via Beuronensis bekam ihren Stempel im September 2024 im Münster, nach der Schlussandacht an der Mauritiusrotunde. Wo genau er liegt, sagt ihr Bericht nicht.
- Pfarrbüro des Münsters: Pfalzgarten 4, Telefon 07531 90620. Hier fragst du nach dem Stempel, wenn du ihn im Münster nicht findest, und nach Gottesdienstzeiten.
- Pilgerausweis: Für den Linzgauer und den Hegauer Weg gibt ihn die Beuroner Jakobspilger-Gemeinschaft aus, bestellt wird vorab online.
- Geld: In Konstanz Euro, ab Kreuzlingen Franken. Nimm für die ersten Tage in der Schweiz etwas Bargeld mit.
- An- und Abreise: Konstanz erreichst du mit der Bahn über Singen oder Radolfzell, mit der Schwarzwaldbahn aus Offenburg und über Kreuzlingen aus der Schweiz. Der nächste große Flughafen ist Zürich.
Weiter: über die Grenze oder am Rhein entlang
Auf der Via Jacobi gehst du vom Münster nach Süden durch die Altstadt, an St. Stephan vorbei, der ältesten Pfarrkirche der Stadt, am Hus-Haus und durch das Schnetztor aus dem vierzehnten Jahrhundert. Kurz danach bist du an der Grenze und in Kreuzlingen, laut Camino Ninja 2 Kilometer vom Münster. Dann steigst du in die Thurgauer Hügel. Märstetten mit seiner Pilgerherberge erreichst du nach 13,9 Kilometern. Wer weiter will, plant eine Etappe von rund 25 Kilometern nach Affeltrangen. Am zweiten Tag wartet das Kloster Fischingen, schon 1138 als Unterkunft für Pilger von Konstanz nach Einsiedeln gegründet.
Auf dem Jakobsweg Lindau – Héricourt bleibst du am Wasser: über Tägerwilen und Gottlieben am Untersee entlang nach Ermatingen, laut Camino Ninja 9 Kilometer, und weiter Richtung Steckborn. Bis Héricourt sind es laut Camino Ninja 258 Kilometer.
Tiefer eintauchen: Ein Konzil, ein Feuer und ein Jerusalem am See
Ein langer Text, falls du noch mehr über Konstanz erfahren willst. Etwa fünfundzwanzig Minuten Lesezeit.
Ein Wegweiser vor dem Münster
Auf dem Münsterplatz in Konstanz steht neben der Mariensäule ein Wegweiser. Er zeigt nach Santiago, 2.340 Kilometer. Wer hier ankommt, hat schon Tage hinter sich, aus Ulm über die Fähre von Meersburg, aus dem Linzgau mit dem Schiff nach Wallhausen, aus dem Hegau am Gnadensee entlang. Wer hier beginnt, hat fast alles noch vor sich. Konstanz ist für beide eine Übergabe: Drei deutsche Wege enden am Münster, ein vierter zieht weiter den Rhein hinunter, und die Schweizer Via Jacobi beginnt hier ihren Weg nach Genf.
Dass ausgerechnet diese Stadt am Ende des Bodensees ein solcher Knoten ist, hat Gründe, die weit älter sind als jede Muschel auf einem Wegzeichen. Konstanz besaß die einzige Brücke über den Rhein in der ganzen Gegend. Es war gut zwölf Jahrhunderte lang Sitz eines Bischofs, dessen Bistum zum Schluss das größte in Deutschland war. Und es war für vier Jahre, von 1414 bis 1418, der Ort, an dem die abendländische Christenheit versuchte, sich selbst zu reparieren. Dabei wurde ein Papst gewählt, zwei andere wurden abgesetzt, und zwei Männer aus Prag starben auf dem Scheiterhaufen.
Dieser Text erzählt davon. Er beginnt mit einem Bischof, der dreimal nach Jerusalem ging, führt durch das Münster, in dem du gerade vielleicht stehst, und erzählt dann ausführlich die Geschichte des Konzils und des Mannes, dessen Name in Konstanz an einem Findling, an einem Haus und an einer Straße steht: Jan Hus.
Ein Kastell, ein Kaiser und eine Brücke
Die Römer siedelten hier um das Jahr 40, an der Stelle, wo der Rhein den See verlässt. Der Ort hieß vielleicht Drusomagus. Seinen späteren Namen Constantia verdankt er einem Kaiser, nur weiß man nicht genau, welchem. Entweder Constantius Chlorus, der um das Jahr 300 hier eine Festung bauen ließ, oder Constantius dem Zweiten, der 354 vorbeikam. Die Reste der spätrömischen Festung hat man erst 2003 gefunden.
Um 585 oder 590 nahm hier ein Bischof seinen Sitz. Damit begann eine Geschichte, die bis 1821 dauern sollte. Die Stadt wuchs um ihre Kirche und um ihre Brücke, die einzige über den Rhein weit und breit. Sie handelte mit Leinwand, die man weit über den See hinaus kannte, und 1192 wurde sie Reichsstadt, die nur noch dem Kaiser unterstand. Im späten Mittelalter lebten hier etwa 6.000 Menschen, und ungefähr ein Viertel von ihnen war als Geistliche von den Steuern befreit. Konstanz war eine Stadt der Kirche, der Händler und der Durchreisenden. Pilger waren hier nie Fremde.
Der Bischof, der dreimal nach Jerusalem ging
Der Mann, der Konstanz zum Pilgerziel gemacht hat, hieß Konrad. Er stammte aus der mächtigen Familie der Welfen, lernte an der Domschule, wurde Dompropst und im Jahr 934 Bischof. Politik interessierte ihn wenig, obwohl er Kaiser Otto dem Ersten nahestand und ihn 962 nach Italien begleitete. Was ihn bewegte, war das Unterwegssein zu heiligen Orten. Mehrmals ging er nach Rom, und dreimal pilgerte er nach Jerusalem.
Von einer dieser Reisen brachte er ein Stück vom Kreuz Christi mit. Er schenkte es einem Spital, das er in Stadelhofen gegründet hatte. Das Spital und seine Reliquie gaben der Gegend ihren Namen, Crucelin, später Crucelingen. Daraus wurde Kreuzlingen, der Schweizer Nachbarort, durch den du auf der Via Jacobi als Erstes gehst. Vielleicht kommt das Wort vom lateinischen Holz des Kreuzes, vielleicht ist es einfach eine Verkleinerung, kleines Kreuz. In jedem Fall beginnt der Schweizer Jakobsweg in einem Ort, der nach einer Pilgerreliquie heißt.
Konrad starb am 26. November 975. 1123 wurde er heiliggesprochen, auf dem Ersten Laterankonzil unter Papst Calixt dem Zweiten. Sein 26. November ist bis heute sein Festtag. Sein Grab liegt im Münster, in einem Hochgrab unter der Konradikapelle. Und neben ihm wird ein zweiter Heiliger verehrt, Pelagius, dessen Gebeine spätestens im Jahr 904 in die Krypta kamen. Konrad und Pelagius sind die Heiligen dieses Münsters, und du wirst ihnen darin mehrfach begegnen.
Jerusalem hinter dem Chor
Nach seiner zweiten Reise ins Heilige Land ließ Konrad um 940 neben dem Münster eine runde Kapelle bauen. Er weihte sie dem heiligen Mauritius, aber gemeint war etwas Größeres: Sie sollte die Grabeskirche in Jerusalem nachbilden, die Rotunde über dem Grab Christi, im Maßstab eins zu zwei. Wer sich die weite Reise ins Heilige Land nicht leisten konnte, sollte Jerusalem hier finden, hinter dem Chor einer Bischofskirche am Bodensee.
Um 1260 kam in die Rotunde das, was du heute siehst: ein steinernes Heiliges Grab, eine kleine Architektur im Stil der französischen Gotik. Außen stehen die zwölf Apostel, dazu zwölf Szenen aus der Weihnachtsgeschichte. Innen zeigen drei Szenen die Grablegung, und seit 1552 steht darin ein hölzerner Schrein. Such unter den zwölf Aposteln Jakobus den Älteren. Du erkennst ihn an dem, was du vielleicht selbst trägst: am Pilgerstab und an der Muschel auf seiner Tasche.
Die Menschen, die hierher kamen, gingen dreimal um das Grab. Dafür erhielten sie einen Ablass, und als Konrad 1123 heiliggesprochen war, kamen noch mehr, jetzt auch zu seinem Grab. Die Rotunde war ein eigenes Pilgerziel, lange bevor irgendjemand von einer Via Jacobi sprach. Heute ist sie Station auf drei Teilstrecken des Jakobswegs. Im September 2024 hielt hier, unten bei der Rotunde, Bruder Jakobus Kaffanke die Schlussandacht für eine kleine Gruppe, die von Tübingen über Sigmaringen nach Konstanz gegangen war. Er ist der Beuroner Mönch, der ab 2004 die Via Beuronensis markieren ließ, das Netz, zu dem der Linzgauer und der Hegauer Weg gehören. So schließt sich ein Kreis über mehr als tausend Jahre: Ein Bischof baut ein Jerusalem für Menschen, die nicht weit reisen können, und Pilger mit Rucksack beenden dort ihren Weg.
Ein Münster, das immer wieder fiel
Das Münster Unserer Lieben Frau sieht aus, als sei es aus einem Guss. Das täuscht. Es ist ein Bau aus fast tausend Jahren, der mehrmals eingestürzt und abgebrannt ist und jedes Mal weitergebaut wurde.
Eine Marienkirche stand hier schon im Frühmittelalter, vermutlich innerhalb des römischen Kastells. Konrad ließ seine Kirchen nach dem Vorbild der großen Papstbasiliken in Rom gestalten, sein Nachfolger Lambert erweiterte den Osten um Querhaus und Chor. 1052 stürzte das alte Langhaus ein. Hermann der Lahme, der gelehrte Mönch von der Reichenau, notierte es knapp in seiner Chronik. Ab 1054 bauten die Bischöfe Rumold und Otto ein neues Langhaus mit sechzehn Säulen aus jeweils einem einzigen Stein. 1089 weihte Bischof Gebhard der Dritte die Kirche.
Dann kamen die Türme und mit ihnen das Unglück. Um 1100 begann man mit der Doppelturmfassade. 1128 stürzte der Nordturm teilweise ein. Am 15. September 1299 zerstörte ein Brand den Turm über der Vierung, der nie wieder aufgebaut wurde. Der Südturm war erst 1378 fertig. Im fünfzehnten Jahrhundert wölbte man die Seitenschiffe gotisch ein, und ab 1438 entstand im Thomaschor der Schnegg, ein sechseckiger Treppenturm, der bis heute als statisch heikel gilt. Am 21. Oktober 1511 brannten die Dächer, die Glockenstuben und die Orgel. Den Wiederaufbau bezahlte man mit einem Ablass, also mit Geld von Gläubigen, die sich davon Nachlass ihrer Sündenstrafen erhofften. Sechs Jahre später veröffentlichte Martin Luther seine Thesen gegen genau diese Praxis.
Die Turmspitze, die du heute siehst, ist die jüngste Zutat. Ab 1846 ließ der Architekt Heinrich Hübsch das Münster wieder gotisch gestalten, und am 27. Juli 1853 war die neugotische Turmnadel vollendet, 78 Meter hoch. Wenn du hinaufsteigst, stehst du also auf dem neunzehnten Jahrhundert, das auf dem Mittelalter steht, das auf einem römischen Kastell steht.
Drinnen fang am Hauptportal an. Die beiden Holztüren sind über vier Meter hoch und tragen zusammen zwanzig Bildfelder mit Szenen aus dem Leben Jesu. Eine Inschrift nennt den Tischler Simon Haider und das Jahr 1470. Die Figuren schnitzten Bildhauer, deren Namen niemand kennt. Haider baute auch das Chorgestühl, und das hat eine eigene kleine Geschichte: Eigentlich war der Bildhauer Niclaus Gerhaert dafür vorgesehen. Der lieferte aber nur den Hochaltar und reiste nach einem Streit um seinen Lohn ab. Gerhaerts Altar ist verloren. Er wurde zerstört, als nach der Reformation die Bilderstürmer durch die Kirche gingen.
Unter dem Chor liegt die Krypta, der älteste erhaltene Teil des Münsters. Dort sind vier vergoldete Kupferscheiben zu sehen. Die größte misst fast zwei Meter und zeigt Christus als Weltenherrscher, sie stammt vermutlich aus dem elften Jahrhundert. Die drei kleineren zeigen Konrad, Pelagius und einen Adler, das Zeichen des Evangelisten Johannes.
Im Chor achte auf eine Grabplatte vor dem Hochchor. Hier liegt Robert Hallum, Bischof von Salisbury in England. Er kam zum Konzil, starb 1417 in Konstanz und wurde im Münster begraben. Er ist einer von vielen, die zu dieser Versammlung reisten und nicht zurückkehrten. In der Blasiuskapelle steht ein Flügelaltar, der den Bildersturm überlebt hat, eines der wenigen Stücke, die aus der Zeit vor der Reformation geblieben sind.
Und hör auf die Glocken. Im Turm hängen neunzehn Glocken mit zusammen rund 35 Tonnen. Es ist nach dem Kölner Dom das zweitgrößte Geläut in Deutschland. Die größte Glocke heißt Sancta Maria und wiegt 8.349 Kilogramm.
Drei Päpste und ein König
Um zu verstehen, warum 1414 halb Europa nach Konstanz kam, musst du ein paar Jahrzehnte zurückgehen. Im April 1378 wählten die Kardinäle in Rom unter dem Druck der Römer Urban den Sechsten zum Papst. Im September desselben Jahres erklärten dreizehn von ihnen diese Wahl für erzwungen und wählten in Fondi einen zweiten, Clemens den Siebten, der in Avignon residierte. Die Kirche hatte zwei Päpste, jeden mit eigenen Kardinälen.
1409 versuchte ein Konzil in Pisa, das zu beenden. Es setzte beide Päpste ab und wählte einen dritten. Abgedankt hat keiner der beiden. Jetzt gab es drei. Der Chronist Ulrich Richental aus Konstanz brachte es später auf eine bittere Formel: Aus der verruchten Zweiheit war eine verfluchte Dreiheit geworden.
Der Mann, der das ändern wollte, war Sigismund, römisch-deutscher König, später König von Böhmen und Kaiser. Er drängte den Papst der Pisaner Linie, Johannes den Dreiundzwanzigsten, ein neues Konzil einzuberufen. Der Papst hätte es lieber in Italien abgehalten, Sigismund wollte eine Stadt des Reiches. Die Wahl fiel auf Konstanz.
Ende Oktober 1414 zog Johannes der Dreiundzwanzigste auf einem weißen Pferd in die Stadt ein, mit rund 600 Begleitern. Am 16. November eröffnete er im Münster das Konzil. Es war die erste von 45 Sitzungen, und alle fanden in dieser Kirche statt. Sigismund kam am Heiligabend. In der Weihnachtsmesse las der König im Münster selbst das Evangelium.
Die Stadt, die zu klein war
Wie viele Menschen in diesen Jahren nach Konstanz kamen, weiß niemand genau, und es lohnt sich, ehrlich damit umzugehen. Ulrich Richental, der Konstanzer Bürger, der das Konzil in einer Chronik festhielt, zählte 71 weltliche Fürsten und 141 Grafen und kam auf 70.000 Fremde, die im Lauf der vier Jahre in der Stadt gewesen sein sollen. Andere rechnen vorsichtiger und sprechen von 20.000 oder von zeitweise rund 30.000 Menschen gleichzeitig, mit Dienern und Bewaffneten. Sicher ist nur: Die Stadt hatte etwa 6.000 Einwohner, und es waren über Jahre mehr Gäste da als Konstanzer.
Sie kamen aus Lissabon und aus Nowgorod, aus Polen und Litauen, aus England, aus Konstantinopel und sogar aus Äthiopien. Mehr als zwei Dutzend Kardinäle, Hunderte Bischöfe und Äbte, Doktoren des Kirchenrechts, Gesandte von Königen. Fremde Bäcker backten Brot auf fahrbaren Öfen. Und es kamen Frauen, die mit dem Konzil ihr Geld verdienten. Bis zu 700 sollen es gewesen sein. Diese Zahl hat Konstanz nie vergessen, wie du am Hafen sehen wirst.
Richental war kein Kirchenmann, sondern ein Bürger, der genau hinsah. Er lebte von etwa 1360 bis 1437 oder 1438 und schrieb nicht in Latein, sondern im Deutsch seiner Stadt. Seine Chronik ist reich bebildert und eine der wichtigsten Quellen über das Konzil überhaupt. Erhalten sind Abschriften. Die früheste stammt von 1460 und liegt heute in New York, eine andere in Prag. Sinngemäß schrieb Richental, der Name Konstanz sei in diesen Jahren über die ganze Erde gegangen.
Ein Papst flieht als Reitknecht
Johannes der Dreiundzwanzigste hatte das Konzil einberufen in der Hoffnung, als einziger Papst bestätigt zu werden. Das ging schief. Das Konzil beschloss, nicht nach Köpfen abzustimmen, sondern nach Nationen. Damit verloren die vielen italienischen Bischöfe, die er mitgebracht hatte, ihre Mehrheit. Bald war klar, dass alle drei Päpste gehen sollten. Am 2. März 1415 versprach er, zurückzutreten.
Am 20. März 1415 verließ ein Reitknecht in einem grauen Umhang heimlich die Stadt. Es war der Papst. Er ließ sich den Rhein hinunter nach Schaffhausen bringen, begleitet von Herzog Friedrich von Österreich. Das Konzil antwortete mit einem der kühnsten Beschlüsse der Kirchengeschichte. Am 6. April 1415 erklärte es im Dekret Haec sancta, seine Gewalt komme unmittelbar von Christus, und alle, auch der Papst, müssten ihm gehorchen.
Sigismund ließ den Flüchtigen einholen. Kurfürst Ludwig der Dritte von der Pfalz brachte ihn in Gewahrsam, erst in Heidelberg, dann bei Mannheim. Am 29. Mai 1415 setzte das Konzil ihn ab, wegen Simonie, Schisma und Unzucht, Vorwürfen, die spätere Historiker für stark übertrieben halten. Am 4. Juli trat auch der Papst der römischen Linie, Gregor der Zwölfte, zurück, durch Gesandte, die seine Erklärung verlasen. Nur Benedikt der Dreizehnte, der Papst der Avignoner Linie, gab nie nach. Das Konzil exkommunizierte ihn am 27. Juli 1417. Er starb 1423, ohne nachgegeben zu haben.
Johannes der Dreiundzwanzigste kam später gegen ein Lösegeld der Medici frei, unterwarf sich dem neuen Papst und starb 1419 in Florenz. Sein Grabmal im Baptisterium schufen Donatello und Michelozzo. Die Inschrift nennt ihn einst Papst. Der neue Papst protestierte dagegen, vergeblich.
Der Prediger aus der Bethlehemkapelle
In diese Stadt voller Machtfragen kam im Herbst 1414 ein Mann, der eine ganz andere Frage stellte. Jan Hus wurde um 1370 in Böhmen geboren, studierte in Prag, wurde Priester, Professor und Rektor der Universität. Er predigte in der Bethlehemkapelle in der Prager Altstadt, die bis zu 3.000 Menschen fasste, rund 200 Mal im Jahr. Er war, das erzählt man gern, ein leidenschaftlicher Schachspieler.
Hus las die Schriften des Engländers John Wyclif und die Bibel, und er kam zu Schlüssen, die gefährlich waren. Er griff Priester an, die mit Frauen lebten, Bettelorden, die reich geworden waren, und den Kauf kirchlicher Ämter. Und er unterschied zwischen der sichtbaren Kirche mit ihrem Reichtum und ihrer Macht und der unsichtbaren Gemeinschaft derer, die zu Christus gehören. Damit stand die Frage im Raum, wer überhaupt zur wahren Kirche gehöre.
Als er ein Predigtverbot missachtete, traf ihn der Kirchenbann. 1412 musste er Prag verlassen. Zwei Jahre lebte er auf Burgen böhmischer Adliger und schrieb dort sein Hauptwerk, Von der Kirche. Dann kam die Einladung nach Konstanz. Er sollte vor dem Konzil seine Lehre erklären.
Mit einem Brief des Königs
Hus wusste, worauf er sich einließ. Aber er hatte etwas in der Hand: einen Geleitbrief König Sigismunds, der ihm freies Geleit zusicherte, den salvus conductus, sichere Hin- und Rückreise. Am 11. Oktober 1414 brach er auf, am 3. November kam er in Konstanz an. Für einen Pilger ist das eine vertraute Rechnung: gut drei Wochen unterwegs.
Er wohnte bei einer Witwe. Lange glaubte man, es sei das Haus einer Frau namens Fida Pfister in der heutigen Hussenstraße gewesen, nahe dem Schnetztor. Dort erinnert seit dem 6. Juli 1878 eine Tafel daran, dass der böhmische Reformator hier 1414 gewohnt habe. Ob das stimmt, ist unsicher. Manche vermuten, er habe näher am Münster gewohnt. Sicher ist, dass er weiter Messe feierte und predigte, obwohl er unter dem Bann stand.
Am 28. November 1414, keine vier Wochen nach seiner Ankunft, ließen ihn seine Gegner verhaften, unter dem Vorwand, er plane zu fliehen. Am 6. Dezember brachte man ihn in den Kerker des Dominikanerklosters, auf der kleinen Insel am Ufer. Einen Anwalt bekam er nicht. Sigismund war wütend, als er davon hörte, und drohte den Prälaten. Die antworteten mit einem Satz, der in dieser Geschichte noch nachklingen wird: Ein Versprechen, das man einem Ketzer gebe, sei nicht bindend.
Als Johannes der Dreiundzwanzigste im März floh, ging Hus in die Hand des Bischofs von Konstanz über. Der ließ ihn auf seine Burg Gottlieben bringen, ein paar Kilometer rheinabwärts. Dort lag er 73 Tage in Ketten, schlecht ernährt und krank. Wenn du auf dem Weg nach Héricourt am Untersee entlang gehst, kommst du durch Gottlieben.
Am 5. Juni 1415 stand Hus zum ersten Mal vor dem Konzil. Danach brachte man ihn in das Franziskanerkloster der Stadt. Er war bereit, zu widerrufen, sagte er, wenn man ihm aus der Bibel zeige, wo er irre. Das Konzil verlangte etwas anderes. Es hatte schon im Mai die Lehren Wyclifs verurteilt. Jetzt sollte Hus sich davon lossagen und mehr als dreißig Sätze widerrufen, die man aus seinen Schriften gezogen hatte.
Beim letzten Verhör am 8. Juni las man ihm die Sätze vor. Manche erkannte er als seine an, andere nicht. Er weigerte sich, etwas zu widerrufen, das er nie gelehrt habe, und ebenso, etwas aufzugeben, das er für richtig hielt. Ein Widerruf hätte ihm wohl das Leben gerettet. Er hätte ihn aber auch zum Lügner gemacht, in beide Richtungen.
Kurz vor seinem Tod schrieb Hus Briefe. In einem steht ein Satz, der zeigt, dass er bis zuletzt nicht nur Opfer war, sondern auch seinen Stolz behielt: Es erfülle ihn mit Freude, schrieb er, dass sie seine Bücher doch hätten lesen müssen, in denen ihre Bosheit offenbart sei. An anderer Stelle bemerkte er, sie hätten seine Schriften fleißiger gelesen als die Heilige Schrift.
Der 6. Juli 1415
Am 6. Juli 1415 trat das Konzil zu seiner fünfzehnten Sitzung im Münster zusammen. Einen Papst gab es in diesem Moment nicht. Hus wurde hereingeführt und verurteilt. Er protestierte noch einmal, er wolle nur aus der Schrift überzeugt werden. Dann nahm man ihm in einer Zeremonie das Priesteramt, zerstörte seine Tonsur und setzte ihm, so wird berichtet, einen Papierhut auf, auf dem Haeresiarcha stand, Erzketzer. Das Konzil selbst tötete niemanden. Es übergab ihn der weltlichen Gewalt, und die verurteilte ihn noch am selben Tag zum Feuertod.
Man führte ihn aus der Stadt hinaus, vor die westliche Mauer, auf ein Gelände, das ausgerechnet Im Paradies hieß. Am Scheiterhaufen boten ihm der Reichsmarschall von Pappenheim und der Pfalzgraf ein letztes Mal an, zu widerrufen und zu leben. Er lehnte ab.
Was dann geschah, kennen wir aus Berichten, die sich mit Legenden vermischen. Als eine alte Frau Reisig ins Feuer legte, soll Hus gerufen haben: O sancta simplicitas, o heilige Einfalt. Zuletzt soll er gerufen haben: Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich unser. Seine Asche, so die Überlieferung, streuten die Henker in den Rhein, damit niemand sie als Reliquie verehren konnte. Der Rhein trug sie an Gottlieben vorbei, wo er gefangen gewesen war, und weiter nach Westen.
Wenn du auf dem Weg nach Héricourt weitergehst, folgst du diesem Fluss viele Tage lang.
Hieronymus, der Freund
Hus war nicht allein nach Konstanz gekommen, und er starb nicht als Einziger. Hieronymus von Prag, geboren 1379, war sein Freund und Mitstreiter, und er war ein Reisender, wie es wenige gab. Er hatte in Prag studiert, war 1402 in Oxford, wo er Schriften Wyclifs abschrieb und nach Böhmen brachte, ging 1403 nach Jerusalem, 1405 nach Paris, wo ihn der große Theologe Jean Gerson vertrieb, dann nach Köln, Heidelberg, Wien. Er war ein Gelehrter und ein Streiter zugleich.
Hus hatte ihn gebeten, nicht zu kommen. Hieronymus kam trotzdem, am 4. April 1415, um den Freund zu verteidigen. Gut zwei Wochen später, am 20. April, wurde er auf dem Rückweg nach Böhmen in Hirschau verhaftet, eingekerkert und im Mai nach Konstanz zurückgebracht. Im September 1415, nach dem Tod von Hus und nach Monaten im Kerker, schwor er öffentlich ab und sagte sich von Wyclif und von Hus los.
Im Mai 1416 holte man ihn noch einmal vor das Konzil, um den Widerruf zu bestätigen. Am ersten Tag sprach er. Am zweiten nahm er alles zurück. Der italienische Humanist Poggio Bracciolini war dabei und schrieb einen berühmten Brief darüber. Hieronymus habe geklagt, er habe gut 340 Tage in härtester Haft gelegen. Er habe die Versammlung daran erinnert, dass sie aus Menschen bestehe und nicht aus Göttern. Und er habe Hus einen guten und gerechten Mann genannt. Am 30. Mai 1416 wurde Hieronymus in Konstanz verbrannt, wie sein Freund knapp ein Jahr zuvor. Poggio berichtet, er sei ruhig zum Feuer gegangen und habe ein Lied gesungen, bis Rauch und Flammen ihn verstummen ließen.
Ein Papst im Kaufhaus
Erst im Herbst 1417 war der Weg frei für eine neue Wahl. Drei Päpste waren zurückgetreten, abgesetzt oder exkommuniziert. Nun sollte einer gewählt werden, den alle anerkannten. Diesmal wählten neben 23 Kardinälen auch 30 Abgesandte des Konzils mit, zusammen 53 Wähler.
Sie trafen sich nicht im Münster, sondern unten am Hafen, im großen Kaufhaus der Stadt, einem Lager- und Handelshaus mit einem mächtigen Dachstuhl. Nach drei Tagen, am 11. November 1417, hatten sie sich auf Kardinal Oddo di Colonna geeinigt. Es war Martinstag, und er nannte sich nach dem heiligen Martin von Tours: Martin der Fünfte. Es ist die einzige allgemein anerkannte Papstwahl, die je nördlich der Alpen stattfand.
Der neue Papst hatte einen Schönheitsfehler: Er war noch nicht einmal Priester. Am 13. November wurde er im Münster zum Priester geweiht, am 14. November zum Bischof, und am 21. November setzte man ihn auf dem Platz vor dem Münster feierlich ins Amt. Auf diesem Platz steht heute der Wegweiser nach Santiago. Am 22. April 1418 schloss Martin der Fünfte das Konzil mit der fünfundvierzigsten Sitzung. Im Mai reiste er ab, zog langsam durch Italien und erreichte Rom erst im September 1420. Das Schisma war vorbei.
Das Kaufhaus steht noch, am Ufer neben dem Hafen, und heißt heute einfach Konzil. Heute wird darin gegessen, und im Saal finden Konzerte und Hochzeiten statt. Wenn am 11. November in Konstanz der Martinsumzug durch die Stadt zieht, erinnert er auch an diesen Tag.
Noch etwas wurde in Konstanz entschieden, das weit über die Stadt hinausreichte. Im April 1417 belehnte Sigismund hier den Burggrafen Friedrich den Sechsten von Nürnberg mit der Mark Brandenburg und der Kurwürde. Friedrich war ein Hohenzoller. Seine Nachfahren herrschten dort, bis Wilhelm der Zweite 1918 abdankte. Ein Stück preußischer Geschichte beginnt also am Bodensee.
Die Frage, die bleibt: ein gebrochenes Wort
War der Tod von Jan Hus ein Wortbruch? Die Frage wird seit sechshundert Jahren gestellt, und die ehrliche Antwort ist kompliziert.
Auf der einen Seite steht der Geleitbrief. Sigismund hatte Hus freies Geleit zugesagt, und Hus war im Vertrauen darauf gekommen. Als man ihn verhaftete, war der König zornig. Aber er handelte nicht. Er ließ sich überzeugen, dass ein Versprechen an einen Ketzer nicht gelte, und als das Urteil fiel, setzte er sich nicht mehr für Hus ein. Für viele Zeitgenossen und für die Nachwelt war das ein gebrochenes Königswort.
Auf der anderen Seite steht die Logik des Konzils. Für die Männer, die über Hus urteilten, war Ketzerei keine Meinung, sondern eine Gefahr für die Seelen vieler Menschen. Viele von ihnen waren selbst Reformer, die gerade einen Papst abgesetzt und die Macht des Konzils über den Papst erklärt hatten. Sie wollten die Kirche erneuern, aber von oben, geordnet, und ohne einen Prediger aus Prag, der die Frage stellte, wer überhaupt zur wahren Kirche gehöre. Sie wollten vermutlich vor allem einen Widerruf. Hus gab ihn nicht.
Die Folgen waren furchtbar. In Böhmen löste die Nachricht vom Feuer in Konstanz einen Sturm aus. Der böhmische Adel schickte einen Protestbrief, und es folgten rund zwanzig Jahre Hussitenkriege. Sigismund führte mehrere Kreuzzüge gegen die Hussiten, und keiner war erfolgreich. Erst 1419 wurde er König von Böhmen, und erst 1433 einigten sich die gemäßigten Hussiten mit der Kirche. Hundert Jahre später sah Martin Luther in Hus einen Vorläufer. Ihm wird der Satz zugeschrieben: Wir alle sind Hussiten.
Und die Kirche selbst? 1999 sprach Papst Johannes Paul der Zweite sein tiefes Bedauern über den grausamen Tod aus, den man Hus zugefügt habe, und würdigte seinen moralischen Mut. Ein Urteil hob er damit nicht auf, aber es war ein Schritt, den sechshundert Jahre lang niemand getan hatte.
Du musst diese Frage nicht entscheiden. Aber du kannst sie mitnehmen, wenn du im Münster stehst, wo das Urteil fiel, und eine Stunde später am Hussenstein, wo das Feuer brannte.
Ein Stein, ein Haus und eine Frau am Hafen
Konstanz hat lange gebraucht, um mit Hus seinen Frieden zu machen. 1862 setzten die Konstanzer an der Stelle des alten Richtplatzes einen Findling, den Hussenstein, zur Erinnerung an die beiden tschechischen Reformatoren, an Hus und an Hieronymus. Er steht an der Ecke der Straßen Zum Hussenstein und Alter Graben. In goldener Schrift steht darauf sein Name, und eine Inschrift in drei Sprachen erklärt, dass Jan Hus an dieser Stelle am 6. Juli 1415 verbrannt wurde, weil er an seiner Überzeugung festhielt.
Das Hus-Haus in der Hussenstraße liegt direkt am Schwabenweg. Wenn du die Via Jacobi gehst, kommst du ohnehin daran vorbei, kurz bevor du durch das Schnetztor die Altstadt verlässt. Seit über zweihundert Jahren ist das Haus ein Ort der Verehrung für Hus. Es gehört einer Gesellschaft in Prag und ist heute ein kleines Museum über sein Leben, seine Reise nach Konstanz und seinen Tod. Für Tschechien ist Hus mehr als ein Theologe: Die Bewegung, die sich auf ihn berief, hat das tschechische Nationalbewusstsein wesentlich geprägt.
Und dann ist da die Frau am Hafen. Wenn du am Ufer zum Konzilgebäude gehst, siehst du an der Hafeneinfahrt eine neun Meter hohe Figur aus Beton, achtzehn Tonnen schwer, die sich alle vier Minuten einmal um sich selbst dreht. Das ist Imperia. Der Bildhauer Peter Lenk stellte sie 1993 auf, heimlich und ohne Genehmigung, auf Grund der Bahn, die nichts dagegen hatte. Der Gemeinderat war dagegen, verhindern konnte er sie nicht. Imperia ist eine halb entblößte Kurtisane, und auf ihren erhobenen Händen sitzen zwei kleine nackte Männer, der eine mit Papstkrone, der andere mit Kaiserkrone. Sie sehen Martin dem Fünften und Sigismund ähnlich. Lenk sagt, es seien nur Gaukler, die sich die Zeichen der Macht angeeignet hätten. Er nannte die Figur ironisch ein Sinnbild weiblicher Fürsorge. Die Vorlage ist eine Erzählung von Honoré de Balzac, in der eine schöne Imperia die Kardinäle und Fürsten des Konzils verführt. Die echte Imperia war eine italienische Kurtisane, die 1512 starb und nie in Konstanz war. Aus dem Skandal ist längst ein Wahrzeichen geworden. Sie erinnert an die 700 Frauen in Richentals Zeit und an die Männer, die über Moral urteilten.
Pilger auf dem Schwabenweg
Neben den großen Ereignissen floss durch Konstanz immer ein stiller Strom von Pilgern. Ihr Ziel war meist nicht Santiago, sondern Einsiedeln mit seiner Schwarzen Madonna. Der Weg von Konstanz dorthin heißt Schwabenweg, weil vor allem Schwaben ihn gingen. Er ist seit dem zwölften Jahrhundert begangen. Eine Wegbeschreibung aus der Zeit um 1300, das Itinerarium Einsidlense, beschreibt die Route über Rüti, das Hörnli, Fischingen und Sirnach nach kostentz, wie Konstanz darin heißt. Das Kloster Fischingen hatte Bischof Ulrich der Zweite von Konstanz schon 1138 ausdrücklich als Unterkunft für die Pilger auf diesem Weg gegründet.
Wer den Weg nach Santiago suchte, fand ihn ebenfalls hier. Westlich der Altstadt, an der heutigen Schottenstraße, stand das Schottenkloster Sankt Jakob, von irischen Mönchen aus Regensburg gegründet, der Überlieferung nach 1142. Es war dem Apostel geweiht, dessen Grab das Ziel war. Ab der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts verfiel es, 1530 wurde es aufgehoben und abgerissen. Geblieben ist die Schottenkapelle von 1589. 1495 beschrieb Hermann Künig von Vach in seinem Pilgerführer einen Weg von Deutschland durch die Schweiz nach Frankreich.
Ungefährlich war das nicht. 1419, ein Jahr nach dem Ende des Konzils, überfielen Knechte des Hermann von Landenberg Pilger am Hörnli und im Gasthof zum Steg. Landenberg hatte eigentlich den Auftrag, Reisende zu kontrollieren, die sich dem Konzil entziehen wollten.
Mit der Reformation brach der Strom ab, aber er versiegte nicht ganz. Aus dem Jahr 1850 gibt es das Tagebuch des reformierten Bauern und Heimwebers Heinrich Senn im Zürcher Oberland, an dessen Hof die Pilger nach Einsiedeln vorbeizogen. Er beobachtete sie mit einer Mischung aus Spott und Neugier. Über eine 85-jährige Pilgerin, die ihre Wallfahrt in Todesangst gelobt hatte, schrieb er: Eine fromme Erfüllung, nur schade, dass es nichts Nützlicheres zu geloben gewusst. Im Juni desselben Jahres kam ein barfüßiger Pilger aus Pfullendorf, Josef Knerli, und brachte dem Bauern das Veredeln von Obstbäumen bei. Senn nannte ihn einen vielwissenden, kunstmächtigen Geist. Am 28. Mai 1877 notierte er, dass rund tausend Pilger aus dem Toggenburg mit der Eisenbahn nach Einsiedeln fuhren. Die alten Fußwege gerieten in Vergessenheit.
Die Bischöfe gehen, die Pilger kommen wieder
Für Konstanz selbst begann mit der Reformation der Abschied von seiner großen Rolle. 1522 schloss sich die Stadt unter dem Prediger Ambrosius Blarer der Reformation an, dessen Geburtshaus in der Katzgasse wenige Schritte vom Münster entfernt ist. 1526 verließ Bischof Hugo von Hohenlandenberg die Stadt und ging über den See nach Meersburg. Bilderstürmer räumten die Altäre aus dem Münster. 1548 verhängte Kaiser Karl der Fünfte die Reichsacht über Konstanz. Die Stadt musste sich Österreich unterwerfen und verlor ihre Freiheit als Reichsstadt. 1551 wurde das Münster wieder katholisch geweiht, 1604 kamen die Jesuiten, und ihr Theater von 1610 gilt als das älteste Deutschlands, das noch regelmäßig spielt.
Die Bischöfe kamen nie mehr zurück. 1806 fiel Konstanz an Baden. 1821 wurde das Bistum aufgelöst, das bis dahin das größte in Deutschland war und rund 1.200 Jahre lang fast hundert Bischöfe gehabt hatte. 1827 ging der Sitz nach Freiburg. Das Münster wurde Pfarrkirche. Im zwanzigsten Jahrhundert erhob Papst Pius der Zwölfte es zur Basilika.
Das zwanzigste Jahrhundert hat auch in Konstanz dunkle Seiten. Die große Synagoge wurde 1938 zerstört, und am 22. Oktober 1940 wurden 110 der letzten jüdischen Einwohner nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Die meisten, die 1942 noch lebten, wurden in Sobibor oder Auschwitz ermordet. Bomben fielen auf Konstanz im Zweiten Weltkrieg nicht, weil die Stadt fast ganz von der Schweiz umgeben ist.
Die Pilger nach Santiago kamen spät zurück. 1987 erklärte der Europarat die Jakobswege zur ersten Europäischen Kulturroute. 1996 und 1997 markierten ein Lehrerseminar und die Sankt-Jakobus-Gesellschaft den Oberschwäbischen Weg von Ulm bis an den See, und im Heiligen Jahr 1999 war die Via Jacobi von Konstanz bis Genf durchgehend beschildert. Seit 2008 ist sie die nationale Route 4 der Schweiz. Ab 2004 kamen die Wege der Via Beuronensis dazu. Heute laufen vier Jakobswege aus Deutschland am Münster ein.
Was Konstanz dir mitgibt
Konstanz ist eine Stadt, in der viel entschieden wurde. Hier wurde ein Schisma beendet, ein Papst gewählt, ein König beim Wort genommen und ein Mann verbrannt, der lieber sterben wollte, als etwas zu sagen, das er nicht glaubte. Es ist eine Stadt der großen Versammlungen und der großen Fragen.
Für dich ist die Entscheidung hier kleiner und doch nicht klein: am Wasser bleiben oder in die Hügel gehen, nach Westen den Rhein hinunter oder nach Süden über die Grenze. Vielleicht ist es auch die Entscheidung, ob du überhaupt weitergehst oder hier endest.
Bevor du gehst, nimm dir zwei Orte vor. Den ersten hat ein Bischof gebaut, der dreimal nach Jerusalem ging und wusste, dass die meisten Menschen nie so weit kommen würden. Also holte er Jerusalem zu ihnen, hinter den Chor seiner Kirche. Geh dreimal um das Grab, wenn dir danach ist, und such den Apostel mit Stab und Muschel. Den zweiten Ort hat niemand gebaut. Es ist ein Stein vor der alten Stadtmauer, an einer Straßenecke. Dort stand ein Mann, dem man ein Leben angeboten hatte für ein Wort, und der es nicht sagte.
Beide liegen in derselben kleinen Stadt. Der eine erzählt davon, wie Menschen sich auf den Weg machen. Der andere erzählt davon, was es kosten kann, bei sich zu bleiben. Beides gehört zum Gehen. Und dann folgt der Weg dem Rhein, in den man die Asche gestreut hat, oder er führt nach Kreuzlingen, das nach einem Stück Holz aus Jerusalem heißt. Nach Santiago sind es noch 2.340 Kilometer.
Übernachten in Konstanz
Unterkünfte in Konstanz.
GeöffnetReservierung möglichHotel Pension Graf
GeöffnetReservierung möglichHotel am Fischmarkt
GeöffnetReservierung möglichibis Konstanz





