Pontevedra ist die letzte große Stadt am Camino Portugués vor Santiago. Hier gilt: Fußgänger vor Autos, die Pilgermadonna hat eine Kirche in Muschelform, und du entscheidest dich zwischen Hauptweg und Variante Espiritual. Hier steht, was du sehen solltest, was du wissen musst und warum sich ein Pausentag lohnt.
Aktuell in Pontevedra (Stand: Oktober 2026)
- Santuario da Peregrina: Die Restaurierung der Außenfassade ist seit Ende Juli 2026 abgeschlossen, und auch die Uhr von 1896 am Nordturm läuft wieder.
- Museo de Pontevedra: Der berühmte Goldschatz von Caldas ist seit dem 15. Oktober 2026 vorübergehend nicht ausgestellt. Die Gebäude Castro Monteagudo und García Flórez sind wegen Umbau geschlossen, geöffnet sind die Gebäude Castelao und Sarmiento.
- Ruinas de San Domingos: vom 1. November bis 14. März für Einzelbesucher geschlossen.
- Öffentliche Herberge: keine Reservierung, Vergabe nach Ankunft. Im Sommer 2026 war sie oft schon am Nachmittag voll.
- Pontedetapas: Die Tapas-Route der Stadt läuft voraussichtlich vom 5. bis 23. November 2026.
Wie lange bleiben?
Einen Pausentag wert, nur nicht am Montag. Für die Peregrina und den Gang durch die Altstadt reicht ein Nachmittag. Pontevedra hat aber mehr: ein kostenloses Museum mit zwei Propheten vom Pórtico da Gloria, die dachlose gotische Ruine von San Domingos, Plätze mit Arkaden, Tapas-Abende auf der Praza da Verdura und eine Altstadt, durch die du ohne Autos schlendern kannst. Und hier triffst du eine Entscheidung, für die du Ruhe brauchst: weiter auf dem Hauptweg nach Caldas oder hinüber auf die Variante Espiritual mit der Bootsfahrt auf dem Ulla. Ein freier Tag gibt dir Zeit, Boot und Unterkünfte zu klären. Plane ihn nicht auf einen Montag, denn dann sind Museum und Ruinen geschlossen.
Ankommen: durch das Tal der Aussätzigen
Von Redondela und Ponte Sampaio kommend gehst du auf dem Camino Portugués über die alte gepflasterte Brea Vella da Canicouva, bei Nässe rutschig, und an der Capela de Santa Marta von 1617 vorbei. Gut 300 Meter dahinter gabelt sich der Weg. Seit 2018 führt die offizielle Route links in die Senda Fluvial do Río dos Gafos, einen schattigen Pfad am Bach entlang. „Gafos“ ist das galicische Wort für Aussätzige. Für die letzten Kilometer vor einer Stadt ist das ein ziemlich ehrlicher Name.
Die öffentliche Herberge liegt am Südrand neben Bahnhof und Busbahnhof, etwa anderthalb Kilometer vor der Altstadt. Von dort geht es über die Rúa Gorgullón und die Rúa Virxe do Camiño, wo eine Installation die Entfernung bis Santiago anzeigt: 64.500 Meter. Dann biegst du in die Fußgängerzone der Rúa da Peregrina ein, und am Ende steht sie: die geschwungene Barockfassade der Virxe Peregrina. Bis 1852 stand hier das Stadttor Porta de Trabancas. Der Platz ist bis heute die Schwelle zur Altstadt.
Kurz erzählt
Der Legende nach gründete Teukros, ein Held aus dem Trojanischen Krieg, die Stadt. Am Brunnen der Peregrina reißt er einem Löwen das Maul auf. Wahrscheinlicher ist ein schlichterer Ursprung: eine römische Station an der Via XIX und eine alte Brücke über den Lérez, lateinisch pons vetera. Daraus wurde Pontevedra, und der Camino Portugués folgt hier in groben Zügen noch der Römerstraße.
Im 15. und 16. Jahrhundert war Pontevedra die größte Stadt und der wichtigste Hafen Galiciens. Die Stadt hatte das Monopol auf Sardinenöl und eine steuerfreie Messe, und die Seefahrerzunft war so reich, dass sie sich eine eigene Kirche baute. Dann versandete der Lérez den Hafen, und der Glanz verging. 1833 wurde Pontevedra Provinzhauptstadt und blieb doch immer im Schatten des größeren Vigo. Bis 1999 ein Bürgermeister etwas wagte, wovon jeder Pilger profitiert.
Eine Stadt, die das Gehen zurückerobert hat
1999 wurde Miguel Anxo Fernández Lores Bürgermeister und nahm den Autos die Altstadt weg. Danach folgte das Zentrum. Der Autoverkehr sank in der Altstadt um 92 Prozent, rund 80 Prozent der früheren Autoflächen gehören heute Fußgängern. 2010 führte Pontevedra als erste Provinzhauptstadt Spaniens flächendeckend Tempo 30 ein. Seit 2007 gab es zwölf Jahre lang keinen einzigen Verkehrstoten. Die Stadt hat dafür Preise der Vereinten Nationen und der EU bekommen. Fernández Lores ist bis heute im Amt.
Für dich als Pilger ist das mehr als eine Statistik. Seit Tagen läufst du an Nationalstraßen entlang, presst dich an Leitplanken und wartest an Kreuzungen. Pontevedra ist die erste Stadt auf deinem Weg, die für Menschen gebaut ist, die zu Fuß gehen. Die Stadt hat sogar einen Plan im Stil einer U-Bahn-Karte, den „Metrominuto“, der statt Stationen die Gehminuten zwischen den Plätzen zeigt. Achte darauf, wie sich das anfühlt. Pontevedra macht das Gehen wieder zur normalsten Sache der Welt, und genau das tust du seit Wochen.
Was du sehen solltest
Santuario da Virxe Peregrina
Ab 1778 gebaut, ist die Peregrina die einzige Kirche Spaniens mit einem Grundriss in Form einer Jakobsmuschel. Die gewölbte Fassade schwingt dir entgegen wie eine offene Muschelschale. Drinnen ist das Weihwasserbecken eine echte Riesenmuschel aus dem Pazifik, ein Geschenk von Admiral Méndez Núñez. Die Madonna auf dem Altar trägt, was du trägst: Pilgerstab, Kürbisflasche, Hut und Umhang.
Die Virxe Peregrina ist die Schutzpatronin der Provinz und des Camino Portugués. Der Legende nach führte sie Pilger sicher nach Santiago. Hier bekommst du deinen Stempel, und abends gibt es eine Messe (laut Pilgerportal Gronze Montag bis Samstag 19:30 Uhr, sonn- und feiertags 13 Uhr, prüf die Zeiten vor Ort). Seit Juli 2026 strahlt die Fassade frisch restauriert. An der Südwestecke des Platzes sitzt übrigens ein Bronzepapagei. Er heißt Ravachol, gehörte einem Apotheker und war um 1900 berühmter als mancher Bürgermeister. Als er 1913 starb, bekam er eine öffentliche Totenwache, die Pontevedra bis heute zum Ende jedes Karnevals nachspielt.
Real Basílica de Santa María a Maior
Die Kirche der Seefahrerzunft wurde im 16. Jahrhundert gebaut. Ihre Westfassade von 1541 ist wie ein steinerner Altaraufsatz gestaltet, mit Muschelmedaillons und, gleich neben der Rosette, den Büsten von Christoph Kolumbus und Hernán Cortés. Dass die Fischer und Seeleute der Stadt einen Entdecker an ihre Kirche setzten, ist kein Zufall. Dazu mehr im Deep Dive unten.
Für Pilger ist eine kleine Figur wichtig. Links neben dem Südportal steht der Cristo del Buen Viaje, der Christus der guten Reise. Seeleute baten ihn vor dem Auslaufen um Schutz, und Pilger tun es heute vor den letzten drei Etappen. Den Turm kannst du gegen eine kleine Gebühr besteigen.
Igrexa de San Francisco
Die gotische Franziskanerkirche an der Praza da Ferrería liegt direkt am Camino und entstand ab etwa 1310. Mit rund 100 Metern Länge gilt sie als die höchste Franziskanerkirche Galiciens. Der Überlieferung nach hat Franz von Assisi das Kloster selbst gegründet, als er nach Santiago pilgerte. Belegt sind die Franziskaner hier erst ab 1274, die Legende ist trotzdem schön.
Drinnen liegt auf seinem Grab Payo Gómez Chariño in Stein, mit Schwert und Ritterrüstung. Er war Admiral und Troubadour, schrieb Liebeslieder über das Meer, und seine Erben bezahlten die Kirche mit. Ein Ritter, der Gedichte schrieb, unter dem Dach eines Heiligen, der zu Fuß nach Santiago gegangen sein soll: Für einen Pilger ist das eine gute Gesellschaft für eine Viertelstunde Stille.
Ruinas de San Domingos
Von der Dominikanerkirche, ab 1383 gebaut, steht nur noch das Chorhaupt mit fünf vieleckigen Apsiden. Das ist für die galicische Gotik ungewöhnlich prächtig. Das Kirchenschiff ist verschwunden, du stehst unter freiem Himmel in einer Kirche ohne Dach. Dazwischen liegen Grabsteine, Wappen und Inschriften aus dem Museum.
Nach Wochen voller Kirchen ist das die eindrucksvollste davon, gerade weil sie unvollständig ist. Geöffnet ist von Mitte März bis Ende Oktober, der Eintritt ist frei. Im Winter musst du dich mit dem Blick über den Zaun begnügen.
Museo de Pontevedra
Das Museum verteilt sich auf mehrere Gebäude der Altstadt, der Eintritt ist frei, und dienstags bis samstags ist es bis 21 Uhr geöffnet. Damit ist es ideal für einen Regentag. Es zeigt Malerei von Castelao bis Sorolla, Keramik aus Sargadelos und, wenn er wieder ausgestellt ist, den Goldschatz von Caldas, eine der größten Sammlungen prähistorischen Goldes in Europa.
Der Grund für Pilger, hineinzugehen: Zwei Propheten vom Pórtico da Gloria stehen hier, gut 60 Kilometer vor der Kathedrale. Meister Mateo hat sie für Santiago gemeißelt, und auf verschlungenen Wegen sind sie nach Pontevedra gekommen. Du siehst sie also, bevor du den Pórtico selbst siehst. Dazu kommen Gagat- und Silberarbeiten aus Compostela, wie Pilger sie seit Jahrhunderten als Andenken mit nach Hause nehmen.
Praza da Leña und die Plätze der Altstadt
Die Altstadt von Pontevedra besteht aus kleinen Plätzen, die alle nach dem heißen, was dort einst verkauft wurde. Auf der Praza da Leña gab es Brennholz, auf der Praza da Verdura Gemüse, und auf der Praza da Ferrería fand ab 1467 die steuerfreie Messe statt. Auf der Leña steht ein steinernes Wegkreuz, das der Künstler Castelao 1941 aus Caldas de Reis hierher bringen ließ. Rund um die Plätze gibt es Laubengänge, barocke Stadtpaläste und Terrassen.
Hier spielt sich das Abendleben ab. Wenn die Herberge geduscht und die Wäsche aufgehängt ist, setz dich auf die Verdura oder die Leña, bestell ein Glas Albariño und schau den Einheimischen zu, die ihre Stadt zu Fuß erobert haben.
Essen und Trinken
Pontevedra liegt in den Rías Baixas, und das schmeckst du: Meeresfrüchte aus den Rías, Pulpo, Pimientos de Padrón, Empanada. Dazu gibt es Albariño, den frischen Weißwein der Region, der an Pergolen auf Granitpfosten wächst. Nach der Überlieferung brachten ihn Zisterziensermönche aus Armenteira hierher, und an diesem Kloster kommst du vorbei, wenn du die Variante Espiritual gehst.
Die Tapas-Zonen sind abends die Praza da Verdura und die Praza da Leña, dazu die Gassen um die Praza das Cinco Rúas. Der Mercado de Abastos am Lérez ist montags bis samstags vormittags geöffnet. Im Obergeschoss gibt es einen Gastro-Markt mit Blick auf den Fluss. Im November lohnt es sich, nach der Tapas-Route Pontedetapas zu fragen.
Praktische Tipps für Pilger
- Wasser und Proviant für die Etappe herein: Zwischen Ponte Sampaio und der Herberge liegen gut elf Kilometer mit nur einer Bar, in Ganderón. Pack morgens genug ein.
- Herberge oder Altstadt: Die öffentliche Herberge liegt am Bahnhof, anderthalb Kilometer vom Zentrum, und nimmt keine Reservierungen an. Für einen Pausentag brauchst du in der Regel eine private Unterkunft. Die liegt besser in der Altstadt, dann gehst du abends nicht zurück an den Stadtrand.
- Montag meiden: Montags sind Museum und Ruinen geschlossen, sonntags nur vormittags offen, und der Markt hat sonntags zu.
- Stempel: Den schönsten Stempel bekommst du in der Peregrina. Du brauchst ab hier zwei pro Tag, also hol dir abends noch einen zweiten in einer Bar oder Kirche.
- Regen: Im Oktober und November fallen hier mehr als 200 Millimeter im Monat. Ein Museumstag mit kostenlosem Eintritt ist dann kein schlechter Pausentag.
- Variante Espiritual planen: Das Boot über die Ría de Arousa und den Ulla fährt in der Saison täglich, abhängig von den Gezeiten. Im Spätherbst fährt es oft nur auf Anfrage. Reserviere oder frag in Vilanova de Arousa nach, bevor du losgehst. Die Variante verschiebt auch deine Folgeetappen.
- Gepäck: Der Rucksacktransport der Post (Correos Paq Mochila) bedient seit November 2025 den Camino Portugués zwischen Tui und Santiago. Buchen kannst du bis 20 Uhr am Vortag.
- Einkauf für morgen: Auf dem Weg nach Caldas gibt es nach gut dreieinhalb Kilometern in Santa María de Alba einen kleinen Laden, danach nur Bars. Kauf in der Stadt ein, wenn du unterwegs picknicken willst.
- Bahn und Bus: Bahnhof und Busbahnhof liegen nebeneinander am Südrand, gleich bei der Herberge. Wenn du einen Abstecher nach Combarro oder ans Meer machen willst, ist das dein Startpunkt.
Weiter: über die Brücke, und dann links oder geradeaus?
Du verlässt die Stadt über die Ponte do Burgo, Nachfolgerin der Römerbrücke, erstmals 1165 erwähnt. Steinmuscheln schmücken die Pfeiler, und nachts zeigen kleine blaue Lichter im Pflaster den Camino. Gleich dahinter liegt in der Rúa da Santiña ein Haus, in dem eine Familie eine kleine Jakobusfigur hütet. Der Legende nach fand der Apostel dort einmal Unterschlupf.
Der Hauptweg führt durch die Marismas de Alba und durch Wald und Dörfer in gut 20 Kilometern nach Caldas de Reis, dem Thermalort mit heißen Quellen für müde Füße. Etwa drei Kilometer hinter der Brücke zweigt die Variante Espiritual ab, die ungefähr jeder fünfte Pilger wählt. Sie führt über Poio und das Hórreo-Dorf Combarro steil hinauf zum Kloster Armenteira. Dessen Gründer Ero lauschte der Legende nach einem Vogel und kehrte erst nach 300 Jahren zurück. Danach geht es über die Ruta da Pedra e da Auga mit ihren Mühlen nach Vilanova de Arousa und von dort mit dem Boot den Ulla hinauf, vorbei an 17 Steinkreuzen, auf dem Weg, den der Legende nach auch der Leichnam des Apostels nahm. Beide Wege treffen in Padrón wieder zusammen.
Tiefer eintauchen: Brücke, Hafen und eine Madonna im Pilgermantel
Ein langer Text für ein Café, einen Ruhetag oder die Vorbereitung zu Hause. Etwa dreißig Minuten Lesezeit.
Eine Stadt am Fluss
Wenn du in Pontevedra auf der Ponte do Burgo stehst und auf den Lérez schaust, stehst du an dem Punkt, der diese Stadt hervorgebracht hat. Ein Fluss, der hier breit und ruhig in die Ría fließt, eine Stelle, an der man ihn überqueren konnte, und ein geschützter Meeresarm dahinter, der Schiffe bis fast an die Stadt heranließ. Brücke und Hafen sind die beiden Dinge, um die sich die Geschichte von Pontevedra dreht. Die Brücke hat Pilger hierher geführt, der Hafen hat die Stadt reich gemacht, und als er verschwand, wurde Pontevedra für Jahrhunderte still.
Die Stadt selbst erzählt ihren Anfang lieber anders. Teukros soll sie gegründet haben, ein Bogenschütze aus Homers Ilias, der nach dem Fall Trojas über das Meer irrte und hier an Land ging. Die Einwohner nennen sich bis heute gern „teucrinos“. Am Brunnen der Peregrina steht Teukros in Granit und reißt einem Löwen das Maul auf. Belegt ist davon nichts. Aber der Mythos sagt etwas Wahres über die Menschen hier: Sie waren immer überzeugt, dass ihre Stadt eine bedeutende Vergangenheit verdient.
Die Römer und die alte Brücke
Die nüchterne Geschichte beginnt mit einer Straße. Die Römer bauten die Via XIX, die Bracara Augusta, das heutige Braga, mit Lucus Augusti verband, dem heutigen Lugo. Am Südufer des Lérez lag eine Raststation, die in den Quellen Turoqua heißt. Hier überquerte die Straße den Fluss, ungefähr dort, wo heute die Ponte do Burgo steht. 1988 fand man bei der Brücke einen Meilenstein mit dem Namen Kaiser Hadrians. Er stammt aus den 130er-Jahren nach Christus.
Wenn du auf dem Camino Portugués gehst, gehst du über weite Strecken auf den Spuren dieser Straße. Die Römer suchten den direktesten, sichersten Weg nach Norden, und die Pilger des Mittelalters taten dasselbe. Der Name der Stadt erinnert daran. Eine Urkunde von 1141 nennt den Ort Pontus Veteri, die alte Brücke. Schon vor neunhundert Jahren war sie also alt.
Ein Bach mit einem harten Namen
Bevor du in Pontevedra ankommst, gehst du an einem Bach entlang, dessen Namen man kennen sollte. Río dos Gafos heißt er, und gafos ist das galicische Wort für Aussätzige. Woher der Name genau kommt, ist nicht belegt. Wahrscheinlich lag hier, wie vor vielen Städten des Mittelalters, ein Haus für Leprakranke.
Lepra war im Mittelalter eine Krankheit, die Menschen aus der Gemeinschaft ausschloss. Wer sie hatte, durfte nicht in der Stadt leben. Man baute für die Kranken eigene Häuser vor den Mauern, oft an den großen Straßen, weil sie dort von Reisenden Almosen erbitten konnten. Viele dieser Häuser waren dem heiligen Lazarus geweiht. Wenn du auf dem Camino Francés nach Santiago kommst, gehst du kurz vor der Stadt durch das Viertel San Lázaro, das seinen Namen von einem solchen Haus hat. Auf vielen Jakobswegen säumten die Leprahäuser die Zugänge zu den Städten.
Für die Pilger von damals war das ein vertrauter Anblick: Bevor man die Stadt betrat, sah man die, die nicht hineindurften. Viele Pilger waren selbst krank und hofften auf Heilung durch den Apostel. Der Weg führte also an denen vorbei, für die es keine Heilung mehr gab. Heute ist der Bach ein schattiger Pfad, seit 2018 die offizielle Route. Es schadet nicht, auf diesen letzten Kilometern vor der Stadt an die zu denken, die hier draußen bleiben mussten.
Sardinen, Salz und Privilegien
Im Mittelalter wurde aus der Brückensiedlung eine Hafenstadt. 1169 gab König Fernando II. von León ihr das Stadtrecht. Was dann folgte, liest sich wie die Erfolgsgeschichte einer Handelsstadt. 1229 bekam Pontevedra das Monopol auf Sardinenöl in ganz Galicien. Gepökelter Fisch ging nach Portugal, Kastilien und in die Mittelmeerhäfen. 1452 wurde der Hafen zum Lade- und Entladeplatz für ganz Galicien. 1467 verlieh König Heinrich IV. der Stadt eine steuerfreie Messe von dreißig Tagen, die auf der Praza da Ferrería abgehalten wurde, direkt vor der Franziskanerkirche, an der du heute vorbeigehst. Jedes Jahr im September erinnert die Feira Franca daran, wenn die ganze Altstadt sich in mittelalterliche Kostüme wirft.
Das Rückgrat dieses Reichtums waren die Seeleute. Ende des fünfzehnten Jahrhunderts gründeten sie ihre Zunft, das Gremio de Mareantes. Sie gilt als ältester Seefahrerverband Spaniens. Die Mareantes kontrollierten den Seehandel und wollten zeigen, was sie hatten. Also bauten sie sich eine Kirche, Santa María a Maior, mit einer Fassade, die bis heute die prächtigste der Stadt ist. Die Namen der Zünfte stecken noch in den Straßen der Altstadt. Wenn du durch die Gassen gehst, gehst du durch das Organigramm einer mittelalterlichen Hafenstadt.
Im fünfzehnten Jahrhundert war Pontevedra das wichtigste städtische Zentrum Galiciens, im sechzehnten der größte Hafen und die Stadt mit den meisten Einwohnern. 1557 war sie für kurze Zeit sogar Hauptstadt des Königreichs Galicien. Santiago war die Stadt des Apostels, A Coruña die Stadt der Krone. Pontevedra war die Stadt des Geldes.
Ein Admiral, der Gedichte schrieb
Einer der Männer, die in dieser Zeit groß wurden, liegt heute in San Francisco begraben: Payo Gómez Chariño. Er lebte im dreizehnten Jahrhundert, wurde Admiral von Kastilien und war zugleich Troubadour. Etwa achtundzwanzig Gedichte von ihm sind erhalten, geschrieben im Galicisch-Portugiesischen, der Sprache der Lyrik jener Zeit. Viele handeln vom Meer, von Abschied und Warten. Auf seinem Grab liegt er in voller Rüstung, mit Schwert. Die Inschrift nennt ihn Payo Guomez Charino. Seine Erben bezahlten einen Teil der Kirche, in der er liegt.
Die Franziskaner, denen die Kirche gehörte, erzählten gern, Franz von Assisi selbst habe ihr Kloster gegründet, als er nach Santiago pilgerte. Dass Franziskus um 1214 nach Compostela ging, ist eine alte Tradition. Dass er dabei in Pontevedra ein Kloster stiftete, lässt sich nicht belegen. Aber die Geschichte zeigt, wie selbstverständlich der Camino zum Selbstbild dieser Stadt gehörte. Wer Bedeutung beanspruchen wollte, verband sich mit einem berühmten Pilger.
Eine Sprache über die Grenze hinweg
Wenn du in Porto oder Tui losgegangen bist, hast du vielleicht etwas Merkwürdiges bemerkt. Als du über den Minho nach Galicien kamst, klang die Sprache auf den Schildern und in den Bars kaum anders als vorher in Portugal. Das ist kein Zufall. Im Mittelalter sprach man nördlich und südlich des Minho dieselbe Sprache, das Galicisch-Portugiesische. Es war im dreizehnten Jahrhundert die Sprache der Dichtung auf der ganzen Iberischen Halbinsel. Selbst ein kastilischer König wie Alfonso der Weise schrieb seine Marienlieder darin.
Payo Gómez Chariño, der Admiral, der in San Francisco begraben liegt, dichtete in dieser Sprache. Erst später trennten sich die Wege. Portugal wurde ein eigenes Königreich mit eigener Schriftsprache, Galicien wurde Teil Kastiliens, und das Galicische wurde für Jahrhunderte zur Sprache der Bauern und Fischer, während in Kirchen, Ämtern und Schulen Spanisch galt. Erst im neunzehnten Jahrhundert begannen Dichter wie Rosalía de Castro, wieder auf Galicisch zu schreiben. Das Buch, das als erstes Werk dieser Wiedergeburt gilt, erschien 1853 hier in Pontevedra.
Für dich als Pilger auf dem Camino Portugués heißt das: Du gehst durch einen Sprachraum, der älter ist als die Grenze, die ihn teilt. Die Wörter für Brot, Wasser, Weg und Kirche ändern sich kaum, wenn du von Valença nach Tui gehst. Hör einmal hin, wenn die alten Leute in den Dörfern hinter Pontevedra miteinander reden. Du hörst dabei vielleicht, wie Portugal und Galicien einmal ein Land waren.
Königinnen, Könige und ein Medici
Durch Pontevedra kamen über die Jahrhunderte Pilger aus allen Schichten, darunter auch gekrönte Häupter. 1325 pilgerte Königin Isabel von Portugal nach Santiago, die später heiliggesprochene Rainha Santa. Sie gab Geld für Pilgerhospitäler am Weg und legte in Santiago ihre Krone nieder. 1502 kam König Manuel I. von Portugal, der Herrscher des Entdeckungszeitalters. 1669 reiste der junge Cosimo de' Medici, der spätere Großherzog der Toskana, mit großem Gefolge über diesen Weg und ließ seine Reise von einem Zeichner dokumentieren.
Die meisten Pilger aber waren keine Könige. Es waren Bauern aus dem Minho, Fischer, Kaufleute, Mönche, Kranke und Büßer, die zu Fuß kamen und in den Hospitälern der Stadt übernachteten. Von ihnen weiß man wenig, außer dass die Stadt sich um sie kümmerte, weil sie zum Wohlstand beitrugen und weil es eine christliche Pflicht war.
Wo die Pilger schliefen
Wie in jeder Stadt am Weg gab es auch in Pontevedra Hospitäler, in denen Pilger übernachten, essen und gepflegt werden konnten. Das Wort Hospital meinte im Mittelalter mehr als ein Krankenhaus. Es war eine Herberge für Fremde, Arme und Kranke zugleich, meist getragen von einer Bruderschaft, einem Kloster oder einer reichen Stiftung. Die Pilger blieben eine Nacht, manchmal zwei, bekamen Brot, eine Suppe und einen Platz auf Stroh und zogen weiter.
Eines dieser Häuser, das Hospital San Juan de Dios, ist längst abgerissen. Ein Stück davon hat aber überlebt: Seine Glocken und seine Uhr hängen heute in den Türmen der Peregrina. Wenn die Uhr am Nordturm schlägt, die 2026 nach Monaten des Stillstands wieder in Gang gesetzt wurde, hörst du also die Stimme eines alten Hospitals.
Die Linie von damals reicht bis heute. Seit 1999 betreibt der Verein der Freunde des Camino Portugués die öffentliche Herberge der Stadt. Ehrenamtliche Hospitaleros empfangen dort jeden Abend Pilger aus aller Welt. Im Oktober 2026 trafen sich in Pontevedra rund siebzig von ihnen zu ihrem internationalen Jahrestreffen. Ein Domherr aus Santiago erinnerte dort an etwas, das wohl immer zum Weg gehörte: Es gab zu allen Zeiten falsche Pilger, die ein Bett beanspruchten, ohne den Weg gegangen zu sein. Die Gastfreundschaft war trotzdem nie an Bedingungen geknüpft.
Der Admiral aus Pontevedra?
Kein Kapitel der Stadtgeschichte wird so leidenschaftlich diskutiert wie das über Christoph Kolumbus. Zwei Behauptungen halten sich hartnäckig. Die erste: Das Flaggschiff seiner ersten Reise, die Santa María, sei in Pontevedra gebaut worden und habe ursprünglich La Gallega geheißen, die Galicierin. Der galicische Name ist gut belegt. Dass das Schiff in Pontevedra vom Stapel lief, stützt sich aber vor allem auf ein Buch von 1897, und einen Werftbeleg gibt es nicht.
Die zweite Behauptung ist noch kühner: Kolumbus selbst sei ein Sohn Pontevedras gewesen. Der Lokalhistoriker Celso García de la Riega trug diese These 1898 in Madrid vor. Er stützte sich auf Urkunden aus dem fünfzehnten Jahrhundert, in denen in Pontevedra Menschen namens Colón vorkommen. Nach seinem Tod warf man ihm Fälschung vor. Erst 2013 untersuchte das spanische Institut für Kulturerbe die Dokumente und kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die Urkunden sind echt und zeitgenössisch. Aber jemand hatte die Namen später mit Tinte nachgezogen, vermutlich damit sie auf Fotos besser lesbar waren, und wohl ohne Absicht zu täuschen.
Das ist ein sehr galicisches Ende einer Geschichte. Die Dokumente sind echt, die Namen auch, und trotzdem beweisen sie nur, dass es in Pontevedra Leute namens Colón gab, nicht dass der Admiral einer von ihnen war. Die Mehrheit der Historiker bleibt bei Genua. Die Stadt hat Kolumbus trotzdem an die Fassade ihrer Seefahrerkirche gesetzt, und ein Platz am Camino trägt den Namen García de la Riegas. Du gehst über ihn, bevor du zur Brücke hinunterkommst.
Als der Fluss den Hafen nahm
Gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts begann der Abstieg, früher als im Rest Galiciens. Der Lérez schwemmte Sand und Schlamm in die Ría, und der Hafen versandete Stück für Stück. Größere Schiffe kamen nicht mehr heran. Gleichzeitig verlor die Krone das Interesse, Kriege störten den Handel, und die Atlantikhäfen weiter südlich zogen die Geschäfte an sich. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert halbierte sich die Bevölkerung. 1646 riss ein Hochwasser die Brücke fast ein. 1719 besetzten englische Truppen die Stadt für fünfzehn Tage, legten Feuer und zerstörten die Türme der Brücke.
Es ist eine eigentümliche Ironie, dass derselbe Fluss, der die Stadt hervorgebracht hatte, ihr den Hafen nahm. Bis heute plant die Stadt, den Lérez auszubaggern. Aus der Hafenstadt war eine Stadt am Fluss geworden.
Eine Madonna in Pilgerkleidung
Mitten in diese stillen Jahrhunderte fällt das Bauwerk, das heute für die Stadt steht. Im achtzehnten Jahrhundert verehrte eine Bruderschaft in Pontevedra eine Madonna in Pilgerkleidung, mit Hut, Stab und Kürbisflasche. Der Legende nach hatte sie Pilger auf dem Weg von Baiona nach Santiago begleitet und beschützt. Für sie begann man 1778 eine neue Kirche zu bauen, an der Stelle, wo die Pilger durch das Stadttor in die Altstadt kamen.
Die Architekten, der Portugiese Antonio de Souto und Bernardo José de Mier, gaben ihr einen Grundriss, den es in Spanien kein zweites Mal gibt: die Form einer Jakobsmuschel, in die ein Kreuz eingeschrieben ist. Die konvexe Fassade wölbt sich dem Platz entgegen. Auf ihr stehen Maria, Josef und Jakobus als Pilger. Die Botschaft ist kaum zu übersehen: Hier ist die Muttergottes selbst eine von euch, eine Pilgerin, die mit euch geht.
Bis heute ist die Virxe Peregrina die Patronin der Provinz und des Camino Portugués. Jedes Jahr im August feiert die Stadt ihr Fest mit einer Prozession. Und als 2026 die Gerüste von der restaurierten Fassade fielen, lief auch die Uhr am Nordturm wieder, die älteste der Stadt, nach Monaten des Stillstands. Restauriert hat sie der Uhrmacher, der auch die Uhren der Kathedrale von Santiago pflegt.
Provinzhauptstadt, Dichter und ein Papagei
1833 wurde Pontevedra Hauptstadt der neuen Provinz, 1835 bekam es den Titel einer Stadt. Es war eine Stadt der Beamten, Juristen und Gymnasiasten, nicht mehr der Seefahrer. Aber genau in dieser bürgerlichen Stadt wuchs etwas Neues. 1853 erschien hier mit Xoán Manuel Pintos' „A gaita gallega“ ein Buch, das als erstes Werk des modernen Galicisch gilt. Ramón María del Valle-Inclán, einer der großen Schriftsteller Spaniens, besuchte hier das Gymnasium und veröffentlichte 1895 in Pontevedra sein erstes Buch. Geboren war er in Vilanova de Arousa, wo die Pilger der Variante Espiritual das Boot besteigen.
In den 1920er- und 30er-Jahren war das Café Moderno der Treffpunkt der Galicisten, der Männer, die für Sprache und Selbstverwaltung Galiciens kämpften. Ihr berühmtester Kopf war Castelao: Maler, Zeichner, Schriftsteller, Politiker. Er wollte Adoptivsohn dieser Stadt sein, und heute trägt ein Museumsgebäude seinen Namen. Vor dem Café sitzen die Galicisten heute in Bronze an einem Tisch, mit leeren Stühlen für dich.
Und dann ist da Ravachol. 1891 bekam der Apotheker Perfecto Feijoo, dessen Apotheke an der Praza da Peregrina lag, von einem Freund einen Papagei geschenkt. Er nannte ihn nach einem französischen Anarchisten, weil der Vogel so widerspenstig war. Ravachol meldete die Kunden an und war bald stadtbekannt. Als er im Januar 1913 starb, richtete die Handwerkergesellschaft ihm in der Apotheke eine Totenkapelle ein, und die halbe Stadt kam zur Trauerfeier. Seit 1985 endet der Karneval in Pontevedra jedes Jahr mit der Totenwache und dem Begräbnis von Ravachol. Eine Stadt, die einen Papagei so ehrt, nimmt sich selbst nicht allzu ernst. Das macht sie sympathisch.
Castelao: immer in Galicien
Einer der Männer vom Café Moderno verdient einen eigenen Abschnitt. Alfonso Daniel Rodríguez Castelao wurde 1886 in Rianxo geboren, einem Fischerort an der Ría de Arousa, nicht weit von der Bootsroute der Variante Espiritual. Er war Arzt, gab den Beruf aber auf und wurde Zeichner, Maler, Schriftsteller und Politiker. Seine Zeichnungen zeigen das ländliche Galicien seiner Zeit: Bauern, Auswanderer, alte Frauen am Herd, Kinder mit großen Augen. Sie sind zärtlich und bitter zugleich und erzählen von einem armen Land, das seine Söhne nach Amerika schickt.
In den 1930er-Jahren lebte Castelao in Pontevedra und kämpfte für ein Autonomiestatut Galiciens. Nach dem Bürgerkrieg musste er ins Exil, zuerst in die Vereinigten Staaten, dann nach Buenos Aires. Dort schrieb er sein politisches Hauptwerk mit dem Titel Sempre en Galiza, immer in Galicien. 1950 starb er in Buenos Aires, ohne seine Heimat wiedergesehen zu haben. Erst 1984 wurden seine Gebeine nach Galicien gebracht. Heute liegt er im Pantheon der berühmten Galicier im Kloster Santo Domingo de Bonaval in Santiago, gleich neben der Porta do Camiño.
Für Pilger ist das eine schöne Verbindung. Im Museum von Pontevedra siehst du seine Bilder, in der Altstadt sitzt er in Bronze am Tisch des Café Moderno, und in Santiago gehst du an seinem Grab vorbei, wenn du über den Camino Francés ankommst oder dir Bonaval ansiehst. Castelao wollte, dass Galicien nicht vergessen wird. Die Pilger, die jedes Jahr zu Hunderttausenden durch sein Land gehen, tragen auf ihre Weise dazu bei.
Die Stadt, die den Autos die Straße nahm
Das zwanzigste Jahrhundert war für Pontevedra keine Glanzzeit. Unter Franco bekam das benachbarte Vigo Freihafen und Industrie, und Pontevedra blieb die kleinere Schwester. In den 1960er-Jahren kamen Fabriken an die Ría, mit Umweltproblemen, die die Stadt lange beschäftigten. Ende der Neunzigerjahre galt die Altstadt als verwahrlost und war vollgeparkt.
1999 wurde Miguel Anxo Fernández Lores Bürgermeister, ein Arzt, und begann mit etwas, das damals viele für Wahnsinn hielten. Er sperrte die Altstadt für Autos, dann das Zentrum, verlegte Parkplätze an den Rand, baute Bürgersteige über ganze Straßen und senkte die Geschwindigkeit. Der Autoverkehr fiel in der Altstadt um über neunzig Prozent. Die Zahl der Schwerverletzten im Straßenverkehr sank von 129 im Jahr 1999 auf eine Handvoll pro Jahr, und über zwölf Jahre gab es keinen einzigen Verkehrstoten. Zwei Drittel aller Wege in der Stadt werden heute zu Fuß zurückgelegt. Die Altstadt lebt wieder, und Pontevedra wächst, während viele Städte Galiciens schrumpfen.
Dass ausgerechnet eine Stadt am Jakobsweg das Gehen wiederentdeckt hat, ist ein schöner Zufall. Der Camino ist eine Bewegung von Menschen, die beschlossen haben, für eine Weile nicht zu fahren. Pontevedra hat dasselbe beschlossen, nur dauerhaft.
Das Meer vor der Haustür
Pontevedra liegt am Ende einer Ría, eines jener tiefen Meeresarme, die sich an der Küste Galiciens weit ins Land hineinziehen. Die Rías Baixas, die unteren Rías, gehören zu den fruchtbarsten Meeresgebieten Europas. Hier mischt sich Süßwasser aus den Flüssen mit dem kühlen, nährstoffreichen Atlantik, und davon leben Fische, Krebse und Muscheln in großer Zahl. Wenn du auf der Ría hölzerne Plattformen im Wasser siehst, sind das Bateas, schwimmende Muschelzuchten. Galicien gehört zu den größten Muschelproduzenten der Welt.
Für einen Pilger hat das einen besonderen Reiz. Die Muschel, die du am Rucksack trägst, ist hier kein Symbol, sondern Abendessen. Die Jakobsmuschel, auf Galicisch vieira, lebt vor dieser Küste, und in den Restaurants der Altstadt kannst du sie überbacken bestellen. Die mittelalterlichen Pilger kauften ihre Muscheln in Santiago und hefteten sie an Hut und Mantel. Die Muschelsammler, die sie lieferten, kamen von genau diesen Küsten.
Die Fischer und Seeleute von Pontevedra wussten, wie gefährlich das Meer ist. Deshalb baten sie vor dem Auslaufen den Christus der guten Reise um Schutz, deshalb stifteten sie Kirchen und Gelübde. Das Meer hat die Stadt reich gemacht und arm, je nachdem, ob der Hafen offen war oder versandet. Bis heute bestimmt es, was hier auf den Tisch kommt und wovon viele Familien leben.
Zwei Städte, eine Rivalität
Rund dreißig Kilometer südlich von Pontevedra liegt Vigo, heute die größte Stadt Galiciens, mit einem der wichtigsten Fischereihäfen Europas. Lange war es umgekehrt. Als Pontevedra im sechzehnten Jahrhundert die größte Stadt Galiciens war, war Vigo ein Fischerdorf. Dann versandete der Hafen von Pontevedra, während Vigo an einer tiefen, offenen Ría lag, in die die großen Schiffe einlaufen konnten. Im zwanzigsten Jahrhundert bekam Vigo eine Freihandelszone, Werften und Autofabriken. Pontevedra blieb Provinzhauptstadt, aber die kleinere der beiden Städte.
Die Rivalität ist bis heute spürbar, in der Politik, im Fußball und in vielen kleinen Spitzen. Die Leute aus Vigo nennen Pontevedra gern ein Beamtenstädtchen, die aus Pontevedra halten Vigo für laut und hässlich. Beides stimmt nicht ganz, und beide Städte wissen das.
Für Pilger ist die Rivalität aus einem bestimmten Grund interessant. Wer auf dem portugiesischen Küstenweg geht, kommt durch Vigo und trifft dann in Redondela auf den Camino Central. Ab dort gehen alle gemeinsam nach Pontevedra. Hier in Pontevedra laufen also die Pilger beider Wege zusammen, die von der Küste und die aus dem Binnenland. Am Abend auf der Praza da Verdura sitzen sie nebeneinander und erzählen sich, ob das Meer oder die Weinberge schöner waren. Die Rivalität zwischen den Städten hat sich unter den Pilgern in ein freundliches Gespräch verwandelt.
Der Weg heute
Bis Ende September 2026 kamen über die beiden portugiesischen Wege fast 200.000 Pilger nach Santiago, so viele wie nie zuvor, und fast drei von vier kamen aus dem Ausland. Die meisten von ihnen sind durch Pontevedra gegangen. Die öffentliche Herberge am Bahnhof, betrieben von den Freunden des Camino Portugués, hat 86 Betten und ist im Sommer schon am Nachmittag voll. An manchen Tagen gab es in der ganzen Stadt kein freies Bett mehr, und Pilger schliefen im Freien. Celestino Lores, der Präsident des Vereins, sagte im Sommer 2026, so viel Wachstum mache ihm Angst. Bei einem Treffen der Hospitaleros im Oktober schlug der Bürgermeister scherzhaft vor, ein Buch über ihn „O Códice Celestino“ zu nennen, in Anspielung auf den Codex Calixtinus, den ersten Pilgerführer der Geschichte.
Für dich bedeutet das zweierlei. Erstens: Pontevedra ist kein Geheimtipp mehr, plane deine Nacht hier. Zweitens: Du bist Teil einer Bewegung, die diese Stadt verändert, so wie die Pilger des Mittelalters sie verändert haben.
Ein Mönch, ein Vogel und dreihundert Jahre
Wer in Pontevedra die Variante Espiritual wählt, geht in eine Landschaft hinein, die voller Geschichten steckt. Die bekannteste spielt im Kloster Armenteira, das du am Ende des ersten Tages erreichst, nach einem steilen Anstieg von der Küste.
Im zwölften Jahrhundert lebte hier ein Ritter namens Ero mit seiner Frau. Sie blieben ohne Kinder, und es hieß, ihre Nachkommen würden geistlicher Art sein. Also gründeten sie Klöster. Bernhard von Clairvaux, der große Zisterzienser, schickte vier Mönche nach Armenteira, und Ero wurde selbst Mönch und später Abt. Eines Tages, so erzählt die Legende, bat er die Muttergottes, ihm einen Blick auf das Paradies zu gewähren. Er ging in den Wald, setzte sich an eine Quelle und hörte einem Vogel zu, der so schön sang, dass er alles um sich vergaß. Als er nach scheinbar wenigen Minuten ins Kloster zurückkehrte, kannte ihn niemand mehr. Dreihundert Jahre waren vergangen.
König Alfonso X. von Kastilien, der Weise, nahm die Geschichte im dreizehnten Jahrhundert in seine Marienlieder auf, die Cantigas de Santa María. Sie ist das Lied mit der Nummer 103. Ähnliche Geschichten gibt es in vielen keltischen Überlieferungen, und gerade in Galicien, das sich gern auf seine keltischen Wurzeln beruft, ist sie bis heute beliebt. Das Kloster selbst verfiel im neunzehnten Jahrhundert, nachdem der spanische Staat die Klöster enteignet hatte. Erst gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wurde es wieder aufgebaut, und heute leben dort wieder Zisterzienserinnen. Der Überlieferung nach sollen es auch die Zisterzienser gewesen sein, die den Albariño in diese Gegend brachten, den Wein, den du am Abend in Pontevedra trinkst.
Am nächsten Tag führt die Ruta da Pedra e da Auga, der Weg aus Stein und Wasser, an einem Bach entlang durch einen Wald voller alter Mühlen hinunter zum Meer. Von Vilanova de Arousa aus fährt dann das Boot über die Ría und den Ulla hinauf. Die Fahrt erinnert an die Legende, nach der der Leichnam des Apostels auf diesem Wasser nach Galicien kam. Am Ufer stehen siebzehn steinerne Kreuze, die man als einzigen Kreuzweg der Welt auf dem Wasser bewirbt. Die Route selbst ist übrigens eine moderne Idee. Sie wurde 1963 von einem Mann namens José Luis Sánchez-Agustino vorgeschlagen und erst Jahrzehnte später zum Pilgerweg. Das tut ihr keinen Abbruch. Viele Pilger sagen, die Stunde auf dem Boot, schweigend zwischen Muschelbänken und Kreuzen, sei einer der stillsten Momente ihres ganzen Weges gewesen.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der Legende von Ero. Wer sich ganz auf einen Moment einlässt, verliert das Gefühl für die Zeit. Auf dem Camino kennen viele diese Erfahrung: Tage, die sich anfühlen wie Wochen, und Wochen, die vorbeigehen wie ein Tag. Ob du den Umweg gehst oder nicht, die Frage nach der Zeit wirst du mitnehmen.
Die Brücke, über die du morgen gehst
Zum Schluss noch einmal zurück zur Brücke, mit der diese Geschichte begann. Die Ponte do Burgo, wie sie heute heißt, steht an der Stelle, an der schon die Römerstraße den Lérez überquerte. 1165 wird sie in einer Urkunde als alte Brücke erwähnt. Ursprünglich hatte sie fünfzehn Bögen und war gut 150 Meter lang. Hochwasser, Kriege und Umbauten haben sie immer wieder verändert. 1646 riss die Flut sie fast ein, 1719 zerstörten die Engländer ihre Türme, im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert wurde sie verbreitert, damit Kutschen und Autos darüber passten.
In den 1950er-Jahren setzte man steinerne Muscheln zwischen die Bögen, als Zeichen dafür, dass hier der Jakobsweg verläuft. 2019 und 2020 wurde die Brücke umgebaut und gehört seitdem den Fußgängern und Radfahrern. Nachts leuchten kleine blaue Lichter in den Fugen des Pflasters und markieren den Camino. Für eine Brücke, die zweitausend Jahre lang vor allem Wagen, Pferde und Lastwagen getragen hat, ist das eine späte Rückkehr zu ihrer ältesten Aufgabe: Menschen zu Fuß über den Fluss zu bringen.
Am anderen Ufer stand früher eine kleine Kapelle, Santiaguiño do Burgo, der kleine Jakobus von der Brücke. In der Rúa da Santiña, durch die du morgen früh die Stadt verlässt, bewahrt eine Familie bis heute eine Figur des Heiligen auf. Der Überlieferung nach fand der Apostel selbst einmal in diesem Haus Unterschlupf. Jedes Jahr bringt die Familie ihm die ersten Trauben und den ersten Mais des Jahres. Das ist eine kleine, private Frömmigkeit am Rand der großen Wallfahrt, und doch erzählt sie viel über dieses Land: Hier ist der Apostel nicht nur ein Heiliger in einer fernen Kathedrale, sondern ein Nachbar, dem man etwas von der Ernte abgibt.
Wenn du morgen früh über die Brücke gehst, vielleicht noch im Dunkeln, folgst du den blauen Lichtern. Unter dir fließt der Fluss, der dieser Stadt erst den Hafen gab und ihn ihr dann wieder nahm. Vor dir liegen noch drei Tage bis Santiago. Hinter dir liegt eine Stadt, die gelernt hat, dass man auch zu Fuß wieder groß werden kann.
Was Pontevedra dir mitgibt
Pontevedra ist für viele Pilger ein Wendepunkt, auch wenn sie es erst später merken. Es ist die letzte große Stadt vor Santiago. Etwa 65 Kilometer bleiben noch, drei Tagesetappen. Hier merkst du, dass das Ziel nah ist, und vielleicht auch, dass du noch nicht ankommen willst.
Und hier musst du dich entscheiden. Der Hauptweg führt geradeaus über Caldas und Padrón nach Santiago. Die Variante Espiritual führt in einem Bogen über das Meer, zu Eros Kloster und dann auf dem Boot den Fluss hinauf. Es gibt keine falsche Wahl. Aber es lohnt sich, die Frage ernst zu nehmen: Willst du ankommen, oder willst du noch ein Stück unterwegs sein?
Wenn du am Abend auf der Praza da Leña sitzt, das Glas Albariño vor dir, und den Menschen zusiehst, die hier zu Fuß durch ihre Stadt gehen, dann denk an die Seeleute, die vor dem Auslaufen den Christus der guten Reise um Schutz baten. Und an die Madonna mit dem Pilgerhut, die seit über zweihundert Jahren am Stadttor steht und jeden begrüßt, der ankommt. Morgen gehst du über die alte Brücke, den blauen Lichtern nach. Sie hat schon viele vor dir getragen.
Übernachten in Pontevedra
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Angebote in Pontevedra
Was du vor der nächsten Etappe im Ort findest.
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Quelle: © OpenStreetMap contributors · aktualisiert April 2026
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