Ort am Jakobsweg
Freiburg
Germany
- Unterkünfte
- 55
- Caminos
- 2
- Höhe
- 284 m
In Freiburg kreuzen sich zwei Jakobswege unter einem der berühmtesten Kirchtürme Europas: 116 Meter hoch, um 1330 vollendet, durch die Bombennacht von 1944 gekommen. Im Münster krönt Jakobus seit dem dreizehnten Jahrhundert Pilger. Die Stadt ist einen Pausentag wert, eine Pilgerherberge gibt es hier allerdings nicht.
Aktuell in Freiburg (Stand: Oktober 2026)
- Münsterturm im Winter: Die oberste Galerie ist in den Wintermonaten geschlossen. Bis zur Türmerstube kommst du weiterhin.
- Chorumgang: Er kann wegen Liturgie oder Renovierung kurzfristig schließen.
Wie lange bleiben?
Einen Pausentag wert. Das Münster allein füllt einen halben Tag: Turm, Chor mit Kapellenkranz, die Suche nach dem Jakobus-Relief und, wenn du an einem Samstag da bist, die Führung durch die Bauhütte. Am Vormittag lohnt der Markt rund um das Münster. Dazu kommt, dass Freiburg eine Weiche ist: Hier entscheidest du, ob du nach Westen über den Rhein ins Elsass gehst oder nach Süden durchs Markgräflerland Richtung Basel.
Freiburg in Ninja-Zahlen
- 116 Meter misst der Westturm, fertig um 1330. Er ist der einzige gotische Kirchturm im heutigen Deutschland, der noch im Mittelalter vollendet wurde.
- 209 Stufen sind es bis zur Türmerstube, für 5 € (Stand: Oktober 2026). Nach einem Tag mit Rucksack sind das die ehrlichsten Höhenmeter der Woche.
- 91 Wasserspeier hängen am Münster, jeder anders gestaltet. Sie sollten Regenwasser ableiten und böse Geister fernhalten.
- 136,9 Kilometer sind es laut Camino Ninja von hier bis Héricourt an der Burgundischen Pforte, 95,8 Kilometer bis Basel.
Ankommen: zwei Wege, ein Münster
Freiburg erreichst du auf zwei Jakobswegen. Auf dem Jakobsweg Rottenburg – Freiburg – Héricourt kommst du aus dem Elztal, von Waldkirch über Denzlingen und Gundelfingen, laut Camino Ninja 17,7 Kilometer. Auf dem Himmelreich-Jakobusweg kommst du von Osten aus dem Höllental, über Himmelreich, Kirchzarten und Zarten durchs Dreisamtal, laut Camino Ninja 18,7 Kilometer ab Himmelreich. Eine ausgeschilderte Variante führt über den Lindenberg.
Beide Wege laufen auf das Münster zu. Hier dreht der Himmelreich-Weg von Ost-West auf Nord-Süd, und der Weg aus Rottenburg verlässt den Schwarzwald für die Rheinebene.
Kurz erzählt: eine Stadt um ihr Münster
Um 1200 ließ Herzog Berthold V. von Zähringen das Münster romanisch beginnen, ab etwa 1230 baute man gotisch weiter. Über dreihundert Jahre dauerte der Bau, und viele, die ihn bezahlten, sahen ihn nie fertig. In der Nacht des 27. November 1944 zerstörte ein Luftangriff fast alle Häuser rund um den Münsterplatz. Das Münster blieb stehen.
Seit 1827 ist es Kathedrale. Damals wurde das Erzbistum Freiburg neu errichtet, nachdem das alte Bistum Konstanz 1821 aufgehoben worden war. Wenn du über den Oberschwäbischen oder den Linzgauer Weg an den Bodensee gepilgert bist, kennst du die alte Bischofsstadt schon.
Der schönste Turm auf Erden
Der Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt schrieb 1869 den Satz, den Freiburg bis heute zitiert: „Und Freiburg wird wohl der schönste Turm auf Erden bleiben.“ Sein Helm war der erste vollständig durchbrochene Turmhelm der Gotik, und viele Kirchen in Europa nahmen ihn zum Vorbild.
Für dich als Pilger hat er noch eine andere Seite: Du läufst einen halben Tag lang auf ihn zu, egal ob du aus dem Elztal oder aus dem Dreisamtal kommst.
Rund ums Münster: was du sehen solltest
Fast alles, was für Pilger in Freiburg zählt, liegt am oder im Münster. Plane die Mittagspausen ein und komm nicht während eines Gottesdienstes, dann ist keine Besichtigung möglich.
- Das Jakobus-Relief: In der Nikolauskapelle des Münsters zeigt ein Relief aus der Zeit um 1220 Jakobus, der Pilger krönt. Für einen Pilger ist das wohl das schönste Bild im ganzen Münster: Der Apostel empfängt die, die zu ihm unterwegs sind. Besichtigung werktags ab 9 Uhr mit Mittagspause, sonntags ab 13.30 Uhr (Stand: Oktober 2026).
- Der Münsterturm: Über 209 Stufen steigst du zur Türmerstube, dort kaufst du auch dein Ticket, bar oder mit Karte. Offen Montag bis Samstag 11 bis 16 Uhr, sonn- und feiertags 13 bis 17 Uhr, letzter Aufstieg etwa eine Viertelstunde vor Schluss. Erwachsene zahlen 5 € (Stand: Oktober 2026). Der Aufstieg ist nicht barrierefrei. Im Turm hängt die Hosanna-Glocke, rund 750 Jahre alt und drei Tonnen schwer, eine der ältesten Angelusglocken Deutschlands.
- Chor und Kapellenkranz: Der Besuch kostet 2 € (Stand: Oktober 2026) und hat eigene, kürzere Öffnungszeiten, werktags ab 10 Uhr mit Mittagspause. Er kann kurzfristig schließen.
- Die Münsterbauhütte: Die Bauhütte kümmert sich um den Erhalt des Münsters. Samstags um 13 Uhr führt eine Dreiviertelstunde durch ihre Werkstatt, für 6 € (Stand: Oktober 2026), Treffpunkt am Münsterladen in der Herrenstraße 30. Wer selbst gerade jeden Tag Schritt für Schritt an etwas Großem arbeitet, versteht diese Leute gut.
- Der Münsterplatz: Rund um das Münster findet an allen Werktagen der Markt statt, mit 80 bis 180 Ständen. Am Platz stehen das Historische Kaufhaus und das Wentzingerhaus, beide haben den Angriff von 1944 überstanden.
Essen und Trinken
Der Münstermarkt ist der Ort, an dem du dich für den nächsten Tag eindeckst und gleich frühstückst. Er findet an allen Werktagen statt, nur am 15. August, Mariä Himmelfahrt, bleibt der Platz leer. Belegte Pilgertipps zu einzelnen Lokalen haben wir nicht gefunden, und Werbung machen wir keine.
Ehrlich gesagt
- Freiburg ist teuer. Auf dem Weg von Rottenburg nach Héricourt ist es der teuerste Übernachtungsort. Eine Pilgerherberge mit Schlafsaal haben wir nicht gefunden. Buch früh.
- Das Münster hat Pausen. Mittags und während der Gottesdienste kannst du es nicht besichtigen. Wer mittags ankommt, muss warten.
- Der Weg nach Westen ist kein Waldpfad. Zwischen Freiburg und Ensisheim gehst du lange an Straßen, Feldern und dem Rheinseitenkanal entlang. Wer Ruhe sucht, ist auf dem Himmelreich-Weg nach Süden besser aufgehoben.
- Vom Höllental her ist es laut. Zwischen Titisee-Neustadt und Freiburg läuft der Himmelreich-Weg streckenweise in Hörweite der B31.
Wo Pilger schlafen
Eine echte Pilgerherberge gibt es in Freiburg nicht, auch entlang des Himmelreich-Wegs sind klassische Pilgerherbergen die Ausnahme. Günstig schläfst du so:
- Jugendherberge Freiburg: in der Kartäuserstraße 151, im Osten der Stadt.
- Black Forest Hostel: in der Kartäuserstraße 33, näher an der Altstadt. Ein Bett im Schlafsaal gibt es ab 24 € (Stand: Oktober 2026).
In der App findest du außerdem private Gastgeber, die nicht über Buchungsportale vermieten. Die Bedingungen erfragst du direkt bei ihnen.
Ninja-Tipps
- Stempel im c-punkt: Deinen Stempel bekommst du im c-punkt Münsterforum in der Herrenstraße 33, direkt am Münster.
- Such den Jakobus in der Nikolauskapelle: Das Relief ist um 1220 entstanden und zeigt Jakobus, wie er Pilger krönt. Es ist nicht das Erste, was Besucher im Münster suchen, für dich aber das Wichtigste.
- Turm vor 16 Uhr: Werktags ist um 16 Uhr Schluss, der letzte Aufstieg ist eine Viertelstunde früher. Komm also nicht zu spät aus dem Dreisamtal.
- Die Originale aus Himmelreich: Wenn du über den Himmelreich-Weg gekommen bist, hast du in der Jakobuskapelle Kopien gesehen. Die Jakobusfigur von etwa 1580 und die Pietà von etwa 1480 hängen im Augustinermuseum. Öffnungszeiten haben wir nicht gefunden.
- Lies das Wegzeichen richtig: Auf dem Weg nach Héricourt zeigt kein Pfeil die Richtung, sondern das gelbe Strahlenbündel auf blauem Grund. Wo die Strahlen zusammenlaufen, geht es weiter.
- KONUS-Gästekarte: Übernachtungsgäste in rund 150 Schwarzwaldorten fahren mit ihr kostenlos Bus und Bahn zwischen Pforzheim und Basel, Freiburgs Straßenbahn eingeschlossen. Frag beim Einchecken, ob deine Unterkunft sie ausgibt.
Praktische Tipps für Pilger
- Pilgerausweis: Für den Himmelreich-Weg bestellst du ihn am besten vorab online beim Förderverein. In Freiburg bekommst du deinen Stempel im c-punkt.
- Münster besichtigen: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag 9 bis 11.45 und 12.30 bis 16.45 Uhr, mittwochs nachmittags erst ab 13 Uhr, samstags 9 bis 11 und 12.15 bis 18 Uhr, sonn- und feiertags 13.30 bis 19.30 Uhr (Stand: Oktober 2026). Zum Beten ist es länger offen, werktags ab 6.30 Uhr.
- Führung: Die offene Münsterführung beginnt Montag bis Samstag um 14 Uhr im c-punkt, rund eine Stunde, 8 € (Stand: Oktober 2026).
- An- und Abreise: Freiburg hat einen Fernbahnhof. Der nächste Flughafen ist der EuroAirport Basel-Mulhouse-Freiburg.
Weiter: über den Rhein oder durchs Rebland
Auf dem Jakobsweg Rottenburg – Freiburg – Héricourt gehst du nach Westen durch den Breisgau. Über Schallstadt (laut Camino Ninja 9,3 Kilometer) und Munzingen erreichst du nach 21,7 Kilometern Grezhausen am Rhein, Betten gibt es auch im nahen Hartheim. Danach überquerst du bei Fessenheim den Rhein ins Elsass. Ab Freiburg läuft es sich fast eben.
Auf dem Himmelreich-Jakobusweg gehst du nach Süden, über Merzhausen und Ebringen in die Weinberge am Batzenberg. Nach laut Camino Ninja 18 Kilometern bist du in Kirchhofen. Am Tag darauf wartet in Sulzburg St. Cyriak, eine Kirche, die 993 geweiht wurde.
Tiefer eintauchen: Ein Turm, ein Markt und eine Nacht im November
Ein langer Text, falls du noch mehr über Freiburg erfahren willst. Etwa fünfundzwanzig Minuten Lesezeit.
Ein Turm, auf den du zuläufst
Es gibt Städte, die man erst bemerkt, wenn man mittendrin steht. Freiburg gehört nicht dazu. Wer auf einem der beiden Jakobswege hierher pilgert, sieht das Ziel einen halben Tag lang vor sich. Ob du aus dem Elztal kommst oder aus dem Dreisamtal, du läufst auf denselben Turm zu. Er ist 116 Meter hoch, aus Sandstein gebaut, und ganz oben besteht er nicht aus Mauern, sondern aus Luft und Maßwerk. Man kann durch ihn hindurchsehen.
Dieser Turm ist der rote Faden dieser Geschichte. Er stand schon, als die Stadt sich von ihren Grafen freikaufte. Er stand, als Kaiser Maximilian der Erste hier einen Reichstag abhielt, als Erasmus von Rotterdam vor der Reformation aus Basel hierher floh, als die Pest ein Viertel der Einwohner tötete und als im Dreißigjährigen Krieg nur ein Bruchteil der Bürger übrig blieb. Und er stand noch, als in einer Novembernacht 1944 fast alles um ihn herum in Flammen aufging.
Du kommst also in eine Stadt, die ihren Mittelpunkt nie verloren hat. Das ist seltener, als man denkt.
Ein Markt am Rand des Schwarzwalds
Am Anfang steht keine Legende von Lichtern oder Heiligen, sondern ein Geschäftsplan. Im Jahr 1120 gründeten zwei Brüder aus dem Haus der Zähringer, Herzog Berthold der Dritte und sein jüngerer Bruder Konrad, an dieser Stelle eine Stadt. Gedacht war sie als freie Marktstadt, und der Name klingt bis heute danach. Konrad, der seinem Bruder 1122 als Herzog folgte, wurde später Rektor von Burgund. Er starb 1152 in Konstanz und liegt in der Familiengruft im Kloster Sankt Peter im Schwarzwald.
Schon in den ersten Jahrzehnten floss Wasser durch die Gassen. Einige Archäologen halten es für möglich, dass die Bächle, die kleinen Wasserrinnen, über die du heute stolperst, bereits um 1120 angelegt wurden. Schriftlich belegt sind sie erst hundert Jahre später. Darauf kommen wir zurück.
Reich wurde die junge Stadt durch den Berg im Süden. Am Schauinsland wurde Silber abgebaut, und das Silber machte Freiburg wohlhabend. 1327 prägte die Stadt mit dem Rappenpfennig ihre eigene Münze, 1377 trat sie einem Münzbund bei. Ein großer Teil dessen, was du heute am Münster bewunderst, wurde mit diesem Silber aus dem Schwarzwald bezahlt.
Bürger gegen Grafen
Im Jahr 1218 starb Herzog Berthold der Fünfte, der letzte Zähringer, ohne Erben. Die Herrschaft über Freiburg ging an Egino von Urach, der sich fortan Graf von Freiburg nannte. Damit begann ein Jahrhundert, in dem Stadt und Stadtherr einander nicht trauten.
Gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts erhöhte Graf Egino der Zweite die Abgaben und beschnitt die Freiheiten der Bürger. Die Freiburger antworteten auf ihre Weise: Sie zerstörten die Burg des Grafen auf dem Schlossberg, mit Katapulten, wie die Stadtgeschichte berichtet. Aus dieser Zeit stammt auch eine Erzählung, die man in Freiburg gern weitergibt. Ein Metzger namens Hauri soll am 29. Juli 1299 den Bischof von Straßburg getötet haben. Ob es so war, lässt sich nicht sicher sagen, es ist eine Überlieferung. Sicher ist, dass die Stadt danach jedes Jahr dreihundert Mark Silber an die Grafen zahlte, bis 1368.
In jenem Jahr kauften sich die Freiburger frei. Sie zahlten ihre Grafen aus und stellten sich unter den Schutz der Habsburger. Für mehr als vier Jahrhunderte blieb Freiburg nun habsburgisch. In der Stadt selbst verschob sich die Macht ebenfalls. Die alten Patrizierfamilien, allen voran die Schnewlin, verloren an Einfluss, und um 1389 waren die Zünfte stärker als die Patrizier. Behalte die Zünfte im Kopf. Du wirst sie gleich im Münster wiedersehen, in Glas.
Ein Grab für den letzten Zähringer
Das Münster begann als Grabkirche. Herzog Berthold der Fünfte ließ um 1200 eine neue Pfarrkirche bauen, die zugleich seine Grablege werden sollte. Die Kirche stand teilweise auf den Fundamenten eines älteren Baus aus der Gründungszeit um 1120. Begonnen wurde im romanischen Stil. Die Grabfigur Bertholds, die du heute im Münster findest, ist allerdings jünger als er selbst. Sie entstand erst in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, mehr als hundert Jahre nach seinem Tod.
Um 1230 änderte sich der Stil, und man baute gotisch weiter. Die Bauzeit des ganzen Münsters erstreckte sich über mehr als dreihundert Jahre. Wer den Grundstein gelegt hatte, erlebte die Vollendung nicht, und auch seine Enkel nicht.
Man vergisst das leicht, wenn man vor einem fertigen Bauwerk steht. Fast niemand, der an diesem Münster gearbeitet hat, hat es fertig gesehen. Steinmetze haben Figuren gehauen für eine Kirche, die erst ihre Urenkel betreten würden. Wenn du gerade jeden Tag einen kleinen Abschnitt eines sehr langen Weges gehst, ohne zu wissen, wie es am Ende sein wird, verstehst du diese Leute vielleicht besser als die meisten Besucher.
Kathedrale im eigentlichen Sinn war das Münster lange nicht. Im Mittelalter gehörte Freiburg zum Bistum Konstanz, der Bischof saß am Bodensee. Erst 1827 wurde das Münster Sitz des neu gegründeten Erzbistums Freiburg, nachdem das alte Bistum Konstanz 1821 aufgehoben worden war. Seitdem ist die Pfarrkirche der Zähringer eine Bischofskirche.
Der schönste Turm auf Erden
Um 1330 war der Westturm fertig. Damit ist er der einzige gotische Kirchturm innerhalb der heutigen Grenzen Deutschlands, der noch im Mittelalter vollendet wurde. Straßburg hat einen ähnlich frühen Turm, aber Straßburg liegt heute in Frankreich.
Wenn du vor ihm stehst, lies ihn von unten nach oben. Der Unterbau ist fast quadratisch, wuchtig und geschlossen. Darüber liegt eine zwölfeckige Sterngalerie. Ab da wird der Turm achteckig und schlanker. Emil Spath hat in einem Aufsatz über den Turm das Achteck als Zeichen der Auferstehung gedeutet. Und über dem Achteck beginnt das, was den Turm berühmt gemacht hat: der Helm. Acht steinerne Rippen laufen nach oben zusammen, dazwischen liegen Felder aus durchbrochenem Maßwerk, ganz oben sitzt eine Kreuzblume. Es war der erste vollständig durchbrochene Turmhelm der Gotik. Viele Kirchen Europas haben ihn später nachgeahmt.
Spath gibt auch das alte Maß an. Der Turm misst 210 Freiburger Ellen, nach seiner Rechnung gut 113 Meter. Die mittelalterlichen Baumeister rechneten nicht in Metern, sondern in Ellen und Füßen, und das Münster ist in diesen alten Einheiten geplant.
Im Jahr 1869 schrieb der Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt den Satz, der seitdem an jedem Freiburger Stadtführer hängt: „Und Freiburg wird wohl der schönste Turm auf Erden bleiben.“ Nicht alle Nachbarn sehen das so. Vier Tagesetappen weiter westlich, im elsässischen Thann, hat man einen eigenen Spruch: Straßburg habe den höchsten Turm, Freiburg den massivsten, Thann den schönsten. Du wirst beide Türme sehen und darfst selbst entscheiden.
Im Turm hängen die Glocken, neunzehn läutbare Glocken mit zusammen rund 25 Tonnen, eines der größten Geläute Deutschlands. Die älteste heißt Hosanna. Sie wurde am 18. Juli 1258 gegossen und wiegt mehr als drei Tonnen. Sie gehört zu den ältesten Angelusglocken Deutschlands und läutet bis heute zu besonderen Zeiten: am Donnerstagabend nach dem Angelus, am Samstagabend, freitags um 11 Uhr, dann nennen die Freiburger sie die Spätzleglocke, und jedes Jahr am 27. November. Warum an diesem Tag, erfährst du weiter unten. Eine andere Glocke trägt übrigens den Namen Jakobus. Sie wiegt 803 Kilogramm. Wenn du auf dem Turm stehst und es läutet, ist vielleicht auch dein Apostel dabei.
Eine Bibel aus Stein in der Vorhalle
Bevor du ins Münster gehst, bleib in der Turmvorhalle stehen. Die Figuren, die dich hier umgeben, entstanden zwischen 1270 und 1290, und einige von ihnen wurden aus denselben Steinblöcken gehauen wie der Turm selbst, gleich beim Bau mit eingesetzt. Der Kunsthistoriker Hermann Althaus hat die Vorhalle eine Armenbibel genannt, eine Bibel für Menschen, die nicht lesen konnten.
Sie ist von unten nach oben zu lesen. Unten geht es um die Menschwerdung Gottes, in der Mitte steht Maria als Fürsprecherin am Mittelpfeiler, darüber die Passion, die Auferstehung der Toten und der Erzengel Michael, der die Seelen wiegt. Dazu kommt der Zug der Seligen und der Verdammten. Ganz oben thronen Apostel und Propheten und über ihnen der auferstandene Christus.
An den Wänden stehen die klugen und die törichten Jungfrauen aus dem Gleichnis: die einen mit gefülltem Öl, die anderen mit leeren Lampen. Daneben die Kirche und die Synagoge, die Synagoge mit gebrochenem Stab, ein Motiv, das die mittelalterliche Abwertung des Judentums zeigt und das man heute so benennen sollte. Und es gibt die Frau Welt. Von vorn ist sie eine schöne, verführerische Frau. Geh um sie herum, dann siehst du ihren Rücken, und der ist voller Schlangen und Getier. Die Botschaft brauchte im dreizehnten Jahrhundert keine Erklärung, und sie braucht heute keine.
Diese Figuren waren einmal bunt, viel bunter, als du sie heute siehst. Sie wurden 1603 bis 1609 und noch einmal 1887 bis 1889 neu bemalt. Die Restaurierung, über die Hermann Althaus 2004 berichtete, dauerte etwa fünf Jahre und kostete rund zwei Millionen Euro. Die Restauratoren arbeiteten nach dem Grundsatz „Erhalten statt Erneuern“, mit Skalpell und Pinsel, und sie stellten fest, dass die ursprünglichen Farben deutlich kräftiger waren als alle späteren Übermalungen.
Am Münster selbst findest du außerdem etwas sehr Weltliches. Seit dem Mittelalter sind an seinen Mauern die vorgeschriebenen Maße für Brote angebracht. Gott und das tägliche Brot lagen hier nur ein paar Schritte auseinander.
Licht aus den Werkstätten
Wenn du in das Langhaus trittst, fällt das Licht durch farbiges Glas. Viele der Fenster im Langhaus wurden von den Freiburger Zünften gestiftet, und die Zünfte haben sich darin verewigt. In den Fenstern siehst du ihre Zunftzeichen. Manche Fenster tragen bis heute die Namen von Handwerken: Es gibt ein Schuhmacherfenster, ein Schmiedefenster, ein Küferfenster und ein Malerfenster. Erinnere dich an das Jahr 1389, als die Zünfte mächtiger wurden als die Patrizier. In diesen Fenstern siehst du, was das bedeutete: Handwerker, die stolz genug waren, ihr Wappen in die Kirche zu hängen, gleich neben die Heiligen.
Mehrere der Fenster stammen aus der Zeit um 1320. Manche roten Gläser haben ein besonderes Geheimnis. Ihre tiefe Farbe stammt nicht von einem Farbstoff, sondern von winzigen Goldteilchen, die im Glas schweben.
Dass diese Fenster heute noch da sind, ist einem Mann zu verdanken, den kaum ein Besucher kennt. Vor dem großen Luftangriff von 1944 ließen Kirchenleute unter der Leitung von Monsignore Max Fauler die Fenster ausbauen. So überstanden sie die Bombennacht unbeschädigt.
Restauriert wurden die Fenster immer wieder. Fritz Geiges arbeitete zwischen 1917 und 1927 an ihnen und ergänzte manches, das historisch nicht belegt war. Rüdiger Becksmann vom Corpus Vitrearum hat 1979 beschrieben, wie man bei der neuen Sicherung unterschied, was mittelalterlich ist und was von Geiges stammt.
Jakobus im Münster
Für dich als Pilger lohnt es sich, im Münster nach Jakobus zu suchen, denn er ist mehrmals da, und an keiner Stelle laut.
In der Nikolauskapelle befindet sich ein Relief aus der Zeit um 1220. Es zeigt Jakobus, und er krönt Pilger. Das ist ein ungewöhnliches Bild. Meistens zeigen mittelalterliche Darstellungen den Apostel selbst als Pilger, mit Hut, Stab und Muschel, oder als Ritter auf dem Pferd. Hier aber steht er als einer, der die Ankommenden ehrt. Das Relief ist fast so alt wie die gotischen Teile des Münsters selbst, entstanden zu einer Zeit, als Berthold der Fünfte gerade gestorben war und an der Kirche noch romanisch gebaut wurde.
Im Schmiedefenster, um 1320 entstanden, findet sich ein Medaillon, auf dem Jakobus einen Pilger segnet. Becksmann beschreibt es in seinem Bericht von 1979. Ausgerechnet im Fenster, das nach den Schmieden heißt, steht also der Pilgerapostel. Ob das ein bewusster Zusammenhang war, wissen wir nicht. Aber es ist ein schöner Gedanke, wenn du mit müden Füßen davor stehst.
Und im Turm hängt, wie gesagt, die Glocke Jakobus.
Jakobus hatte in Freiburg aber noch einen anderen Ort, draußen vor den Mauern. Im Gutleuthaus, dem Haus für Aussätzige, das die Freiburger die Siechen an dem Felde nannten, wurde im Jahr 1268 die Kapelle geweiht. Der Mann, der sie weihte, war Albertus Magnus, einer der großen Gelehrten des Mittelalters, Lehrer des Thomas von Aquin. Er weihte den Hochaltar der Muttergottes und dem heiligen Jakobus, dem Schutzheiligen des Hauses. So berichtet es die Historikerin Bernadette Kuner in ihrer Studie über das Gutleuthaus. Jakobus als Patron der Ausgestoßenen, derer, die nicht in die Stadt hinein durften: Auch das gehört zu seinem Bild.
Der Chor, der fast zweihundert Jahre brauchte
Gut zwanzig Jahre nach der Vollendung des Turms begann man am anderen Ende des Münsters etwas Neues: einen großen Chor nach dem Vorbild der französischen Kathedralen, mit einem langen Hochchor, einem Umgang und einem Kranz aus dreizehn Kapellen.
Der Grundstein wurde am 24. März 1354 gelegt. Die Inschrift kannst du noch heute am nördlichen Chorportal lesen, dem Schöpfungsportal. Als erster Baumeister ist Johannes von Gmünd belegt, ein Mitglied der Parler-Familie, jener Baumeistersippe, deren Leute auch am Prager Veitsdom, am Kölner Dom und am Ulmer Münster arbeiteten.
Dann ging das Geld aus. Um 1379 und 1380 kam der Bau ins Stocken, und es dauerte fast hundert Jahre, bis es richtig weiterging. Erst 1471 nahm Hans Niesenberger aus Graz die Arbeit wieder auf. Hans Niederländer vollendete den Hochchor 1513, und Wolf Koch schloss den Kapellenkranz 1536. Von der Grundsteinlegung bis zur letzten Kapelle vergingen also 182 Jahre.
In den neuen Chor gehörte ein neuer Hochaltar. Den Auftrag bekam Hans Baldung, genannt Grien, ein Schüler Albrecht Dürers. Während er daran arbeitete, lebte er von 1512 bis 1517 in Freiburg. Das Werk, 1516 vollendet, besteht aus elf Tafeln. Wenn der Altar geöffnet ist, siehst du die Krönung Mariens: Maria auf dem Thron, Christus und Gottvater halten eine Krone über ihr, ringsum Engel. Auf den Flügeln stehen die zwölf Apostel. Geschlossen zeigt der Altar vier Szenen aus dem Leben Mariens, denn das Münster ist ihr geweiht.
Das Schönste aber verbirgt sich auf der Rückseite. Dort malte Baldung die Kreuzigung, und hinter dem Kreuz, mit roter Mütze, hat er sich selbst gemalt. Seine Hand liegt auf der Schulter eines jungen Mannes, auf dessen Brust Baldungs Monogramm steht. Auf der Predella der Rückseite sind die vier Auftraggeber dargestellt: Aegidius Haas, Sebastian von Blumenegg, Ulrich Wirtner und Nikolaus Scheffer. Baldung erhielt 340 rheinische Gulden und weitere 250 in Raten. Nicht alle Kunsthistoriker mochten den Altar. Fritz Baumgarten warf Baldungs Engeln vor, sie störten die himmlische Stille. Du kannst selbst entscheiden, ob ein bisschen Unruhe im Himmel schlimm ist.
In einer der Kapellen steht außerdem ein Altar von Hans Holbein dem Jüngeren. Und in der Fastenzeit hängt im Münster ein riesiges Fastentuch, das 2003 restauriert und hinterlegt wurde. Es wiegt heute mehr als eine Tonne und muss mit schwerem Gerät bewegt werden.
Pilger auf dem Weg nach Freiburg
Freiburg war im Mittelalter keine große Pilgerstation wie Le Puy oder Vézelay. Man muss das ehrlich sagen. Gottfried Wiedemer aus Offenburg schreibt in einem Aufsatz über die Jakobswege am Oberrhein, dass die Pilger am Oberrhein vor allem die linksrheinische Route nutzten, die seit römischer Zeit besser ausgebaut war. Dass aber auch rechts des Rheins, also durch den Breisgau, Jakobspilger zogen, lasse sich aus den Ratsprotokollen von Baden und Freiburg aus dem sechzehnten Jahrhundert schließen.
Die schönste Spur liegt östlich der Stadt, am Ausgang des Höllentals. Im Weiler Himmelreich stand eine Jakobuskapelle, entstanden vor 1500 und 1590 erstmals urkundlich erwähnt. Sie gilt als letzte Station der Jakobspilger aus dem schwäbischen und bayerischen Raum vor Freiburg. Stell dir diese Menschen vor: Sie kamen die Schlucht des Höllentals herunter, rund 800 Meter Gefälle, kehrten in einer Kapelle mit dem Namen Himmelreich ein und gingen dann durch das Dreisamtal auf den Turm zu. Die Kapelle musste 1963 dem Ausbau der Bundesstraße weichen und wurde 1986 im Garten des Hofguts Himmelreich wieder aufgebaut. Die originale Jakobusfigur aus der Zeit um 1580 und eine Pietà von etwa 1480 befinden sich heute im Augustinermuseum in Freiburg.
In der Stadt selbst gab es eine Fürsorge für Fremde und Arme. Das wichtigste Haus war das Heiliggeistspital zwischen dem Münster und der heutigen Kaiser-Joseph-Straße, dessen Ordnung von 1318 erhalten ist. Neben ihm gab es eine Elendenherberge. Elend bedeutete im Mittelalter nicht Armut, sondern Fremde, ausländisch, fern der Heimat. Eine Elendenherberge war also ein Haus für Menschen, die nicht von hier waren. Ob dort Jakobspilger schliefen, ist nicht im Einzelnen belegt, aber genau für Menschen wie sie wurden solche Häuser gebaut.
Namen von Freiburger Santiagopilgern aus dem Mittelalter haben wir in den Quellen nicht gefunden. Ein Name aus der Nachbarschaft ist überliefert: Aus Leinstetten, das heute am Jakobsweg von Rottenburg nach Freiburg liegt, zog 1550 ein Mann namens Hans Marx nach Santiago. Welchen Weg er nahm, weiß niemand.
Die heutigen Wege sind jung, und sie sagen das offen. Der Weg durch das Elztal über Freiburg wurde 2007 eingerichtet. Der Himmelreich-Jakobusweg wurde 2009 gegründet, am Jakobustag, im Hofgut Himmelreich, einem Betrieb, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten. 2010 wurde er gesegnet, und seit 2016 gibt es ihn auch in einer Fassung für Rollstuhl und Rollator. Die Trasse ist neu, eine mittelalterliche Wegurkunde gibt es nicht. Aber die Kapelle ist echt, und das Relief im Münster ist echt, und du gehst über denselben Boden.
Eine Universität für die Vorlande
Im Jahr 1457 bekam Freiburg, was es bis heute prägt: eine Universität. Gegründet wurde sie von Erzherzog Albrecht dem Sechsten von Österreich, der ihr Land, Einkünfte und eine eigene Gerichtsbarkeit schenkte. Die Universität war zugleich eine kirchliche Einrichtung, mit päpstlichem Privileg, mit dem Bischof von Basel als Kanzler und dem Bischof von Konstanz als Schutzherrn. Sie ist eine der ältesten Hochschulen im deutschen Sprachraum. Ihren heutigen Namen, Albert-Ludwigs-Universität, trägt sie seit 1820. Damals rettete Großherzog Ludwig der Erste von Baden sie mit einem jährlichen Zuschuss, und man nahm seinen Namen aus Dankbarkeit in den Titel auf.
Vierzig Jahre nach der Gründung kam das Reich nach Freiburg. 1498 hielt Kaiser Maximilian der Erste hier einen Reichstag ab. Für die Versammlung baute man am Münsterplatz das Kornhaus, das als Tanz- und Festsaal gedacht war. Es wurde aber vermutlich nicht rechtzeitig fertig, und so tagte man in der alten Gerichtslaube hinter dem alten Rathaus. Auf der Südseite des Platzes steht das Historische Kaufhaus, erstmals 1378 erwähnt und 1532 vollendet.
1529 kam ein Flüchtling in die Stadt, der berühmteste Gelehrte seiner Zeit. In Basel hatte sich die Reformation durchgesetzt, am 1. April 1529 wurde dort die katholische Messe verboten, nach Bilderstürmen in den Kirchen. Erasmus von Rotterdam verließ Basel am 13. April. An Thomas More schrieb er, er wolle lieber sein Leben riskieren, als den Eindruck zu erwecken, er billige dieses Programm. Er ging ins katholische Freiburg, unter den Schutz Erzherzog Ferdinands, und wohnte zunächst im Haus zum Walfisch. Interessant ist, dass er nie an der Universität lehrte. Er blieb bis 1535. Gestorben ist er dann doch in Basel, 1536, und begraben im Basler Münster. Wer vom Ende des Himmelreich-Wegs weiter nach Basel pilgert, steht vor diesem Münster.
Freiburg selbst hatte sich 1520 entschieden, katholisch zu bleiben, und blieb dabei. 1620 übernahmen die Jesuiten zwei Fakultäten der Universität, um der Reformation entgegenzuwirken. Ab 1682 bauten sie ihr Kolleg und die Jesuitenkirche, die heutige Universitätskirche.
Im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Universität zu einem Zentrum der Philosophie. Edmund Husserl lehrte hier nach dem Ersten Weltkrieg, und auch Edith Stein, die später als Karmelitin in Auschwitz ermordet wurde, arbeitete in Freiburg. Im Jahr 1900 nahm Freiburg als erste deutsche Universität Frauen als Studentinnen auf.
Und dann ist da Martin Heidegger. Er wurde am 21. April 1933 zum Rektor gewählt und trat zehn Tage später, am 1. Mai, in die Partei der Nationalsozialisten ein. Seine Antrittsrede trug den Titel „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“. Unter seinem Rektorat wurden jüdische Lehrende nach den neuen Gesetzen aus der Universität gedrängt. Im April 1934 trat er als Rektor zurück, blieb aber bis Kriegsende Parteimitglied. Nach dem Krieg wurde er entlassen, 1949 als Mitläufer eingestuft und 1951 wieder zur Lehre zugelassen. Die 2014 veröffentlichten Schwarzen Hefte enthalten antisemitische Äußerungen. Freiburg hat also auch das: einen der einflussreichsten Denker des Jahrhunderts und eines seiner beschämendsten Kapitel, in derselben Person.
Pest, Hexen und der lange Krieg
Die habsburgischen Jahrhunderte waren nicht friedlich. 1564 starben in Freiburg an der Pest etwa 2.000 Menschen, ungefähr ein Viertel der Bevölkerung. 1536 begannen die Hexenverfolgungen, ihren Höhepunkt erreichten sie 1599. Eine Tafel an der alten Stadtmauer erinnert an den Ort, an dem Menschen verbrannt wurden.
Dann kam der Dreißigjährige Krieg. 1618 lebten in Freiburg zwischen zehn- und vierzehntausend Menschen, 1648 waren es noch etwa zweitausend. Im August 1644 wurde vor der Stadt die Schlacht bei Freiburg geschlagen. Das Gutleuthaus, in dem Albertus Magnus einst den Jakobusaltar geweiht hatte, brannten schwedische Truppen am 29. Dezember 1632 nieder. Das Münster überstand auch diese Zeit.
Von 1648 bis 1805 war Freiburg Verwaltungssitz der habsburgischen Vorlande, der österreichischen Besitzungen im Südwesten. 1805 kam die Stadt zu Baden. Und 1827, du weißt es schon, wurde das Münster Kathedrale.
Die Nacht des 27. November 1944
Freiburg erlebte den Krieg zweimal von oben. Am 10. Mai 1940 warfen deutsche Flugzeuge irrtümlich Bomben auf die eigene Stadt. Etwa sechzig Bomben fielen nahe dem Bahnhof, 57 Menschen starben, darunter 22 Kinder.
Die große Katastrophe kam vier Jahre später. Am Abend des 27. November 1944 flog die britische Royal Air Force die Operation, die sie Tigerfish nannte. 59 Mosquito-Maschinen markierten das Ziel, 292 Lancaster-Bomber warfen ab. Der Angriff begann um 19.58 Uhr und endete um 20.18 Uhr. In zwanzig Minuten fielen rund 3.000 Sprengbomben und mehr als 11.000 Brandbomben auf die Stadt. 2.797 Menschen starben, etwa 9.600 wurden verletzt.
Die Altstadt wurde fast vollständig zerstört, mit ihr ganze Vororte. Rund um den Münsterplatz standen auf der West- und Nordseite keine Häuser mehr. Verloren gingen das alte Rathaus, die Gerichtslaube, in der der Reichstag getagt hatte, das Kornhaus, die Universitätskirche der Jesuiten, das Stadttheater, der Bahnhof. Vom Haus zum Walfisch, in dem Erasmus gewohnt hatte, blieben nur die Fassade und der Erker.
Das Münster blieb stehen. Es wurde nur leicht beschädigt. Der Turm wurde heftig erschüttert. Dass er stehen blieb, schreibt man den Ankern aus Blei zu, mit denen die Teile des Helms verbunden sind. Neben dem Münster überstanden am Platz nur wenige Gebäude, darunter das Historische Kaufhaus, das Wentzingerhaus und die Alte Wache.
Und die Bächle halfen. Als die Wasserleitungen zerstört waren, floss in den kleinen Rinnen aus dem Mittelalter noch immer das Wasser der Dreisam, und man konnte damit Brände löschen.
Seit 1994 erinnert eine Tafel am Westturm an diese Nacht. Und jedes Jahr am 27. November läutet die Hosanna, die Glocke von 1258, zu der Stunde des Angriffs. Wenn du im Spätherbst in Freiburg bist, hörst du sie vielleicht.
Die Frage, die bleibt
War dieser Angriff notwendig? Darüber wird bis heute gestritten, und man sollte die Frage ehrlich stellen, ohne die Antwort zu einfach zu machen.
Für den Angriff sprachen aus Sicht der Alliierten militärische Gründe. Freiburg war ein Eisenbahnknoten an der Rheintalbahn und an der Strecke nach Colmar, wichtig für Truppenbewegungen ins Elsass. Die Planer rechneten damit, dass die Wehrmacht über solche Knoten binnen zwölf bis vierzehn Tagen sieben Divisionen von Osten nach Westen verlegen könnte. Am 22. November 1944 befahl General Eisenhower Angriffe auf Bahn- und Verkehrsknoten.
Gegen den Angriff spricht, wie er ausgeführt wurde. Weil die Bahnlinien mitten durch bebaute Gebiete liefen, galt Freiburg als geeignet für ein Flächenbombardement. Der Einsatzbefehl zielte nach den Unterlagen darauf, die Stadt und das angrenzende Bahnsystem zu zerstören. Rüstungsbetriebe gab es in Freiburg kaum. Zerstört wurden vor allem Wohnhäuser, Kirchen und die alte Stadt.
Beide Wahrheiten stehen nebeneinander. Deutschland hatte diesen Krieg begonnen, und Deutschland hatte zuerst die Städte anderer Länder bombardiert. Und doch starben in diesen zwanzig Minuten fast 2.800 Menschen, die meisten von ihnen keine Soldaten. Der Schriftsteller Horst Krüger notierte 1945, die Stadt sei ganz verbrannt, wie einst im Dreißigjährigen Krieg. Alfred Döblin, aus dem Exil zurückgekehrt, beschrieb 1946 eine Stadt, in der Kirchen, Theater und Universität fast alle verloren waren, mit Gräbern zwischen den Trümmern.
Freiburg hat sich entschieden, beides zu erinnern. Auf dem Hauptfriedhof liegen in einem gemeinsamen Grab 1.664 Opfer der Nacht. Im Schlussstein des Münsters steht ein Text des Schriftstellers Reinhold Schneider. Und die Glocke läutet, jedes Jahr, zum Gedächtnis.
Aufbauen auf dem alten Grundriss
Am 21. April 1945 besetzte die französische Armee Freiburg. Die Stadt hatte im April 1945 noch knapp 58.000 Einwohner. Erst Anfang 1950 erreichte sie wieder die Zahl von vor dem Angriff.
Für den Wiederaufbau traf Freiburg eine klare Entscheidung. Die Stadt wurde auf ihrem mittelalterlichen Grundriss wieder aufgebaut, und fast alle historischen Gebäude wurden wieder errichtet. Wenn du heute durch die Altstadt gehst und glaubst, in einer mittelalterlichen Stadt zu sein, hast du recht und unrecht zugleich: Die Gassen verlaufen wie im Mittelalter, viele Mauern daneben sind jünger als der Krieg.
Auch der Bertoldsbrunnen in der Fassung von 1806 war in jener Nacht zerstört worden. Ein neuer wurde am 27. November 1965 eingeweiht, auf den Tag einundzwanzig Jahre nach dem Angriff.
Im Dezember 1945 wurde Freiburg Regierungssitz des Landes Baden. Das blieb es bis 1952, als Baden im neuen Bundesland Baden-Württemberg aufging. Die französischen Soldaten blieben bis 1991. Auf dem Gelände einer ihrer Kasernen entstand später das Quartier Vauban, von dem gleich noch die Rede ist.
Wasser in den Gassen
Und jetzt, versprochen, die Bächle. Du hast sie längst gesehen, vielleicht bist du schon hineingetreten. Die schmalen Wasserrinnen ziehen sich durch fast alle Straßen und Gassen der Altstadt. Der Name ist alemannisch, eine Verkleinerung von Bach.
Schriftlich erwähnt werden sie zum ersten Mal 1220. Damals erlaubte Graf Egino der Erste dem Tennenbacher Hof, ein Feld zu nutzen, das von einem Bächle bewässert wurde. Gespeist werden sie aus der Dreisam, über ein Wehr beim Schwabentor, das zwischen 200 und 500 Liter pro Minute hereinlässt. Etwa alle acht Minuten ist das ganze Netz einmal neu gefüllt. Nach Angaben des Reisemagazins Travelbook fließen rund neun Kilometer offen durch die Straßen, mit den unterirdischen Abschnitten sind es mehr als fünfzehn.
Gedacht waren die Bächle nie als Kanalisation, sondern als Brauchwasser. Das Trinkwasser kam aus Quellen in den Bergen, das Bächle-Wasser war für das Vieh, zum Löschen von Bränden, um Regen und Schmutz aus der Stadt zu spülen und um draußen vor den Mauern die Felder zu bewässern. Vom dreizehnten bis ins achtzehnte Jahrhundert liefen sie mitten auf der Straße.
Im neunzehnten Jahrhundert galten sie als altmodisch und als Verkehrshindernis. Zwischen 1840 und 1851 wurden sie an den Straßenrand verlegt, viele wurden mit Holz, Eisen oder Stein abgedeckt. In den fünfziger Jahren forderte ein Automobilclub, sie ganz abzuschaffen. Die Freiburger wehrten sich, und die Bächle blieben. 1986 wurden sogar Abschnitte wieder geöffnet, die zuvor geschlossen worden waren.
Die Stadt beschäftigt seit mindestens 1789 eigene Leute für sie, früher Bachräumer genannt, heute Bächleputzer. Sie reinigen die Rinnen, regeln über 142 Messingschieber das Wasser und lassen es im Herbst und im Frühjahr zum großen Putzen ganz ab. Seit 1935 gibt es sogar eine Narrenzunft der Bächleputzer, die an der Fasnet mitzieht.
Und dann ist da die Legende. Wer aus Versehen in ein Bächle tritt, so sagt man in Freiburg, wird einen Freiburger oder eine Freiburgerin heiraten. Wer absichtlich hineinsteigt, bleibt angeblich ledig. Bundeskanzler Gerhard Schröder trat im Juni 2001 in eines hinein, und, wie die Wikipedia trocken festhält, hat bis heute keine Freiburgerin geheiratet. An heißen Tagen kühlen Einheimische ihre Füße darin, Kinder lassen kleine Boote schwimmen. Wenn du nach einem langen Tag auf Asphalt durch die Altstadt gehst: Niemand wird dich schief ansehen, wenn du dasselbe tust.
Eine Stadt, die nach vorn baut
Heute leben in Freiburg rund 237.000 Menschen, im Großraum mehr als 650.000. Die Stadt gilt als eine der wärmsten in Deutschland. Am 13. August 2003 wurden hier 40,2 Grad gemessen, damals der deutsche Rekord.
Freiburg hat sich einen Ruf als ökologische Stadt erarbeitet. Schon im Juni 1995 beschloss der Gemeinderat, dass Neubauten auf städtischem Grund als Niedrigenergiehäuser errichtet werden müssen. Ende der neunziger Jahre entstand auf dem Gelände der ehemaligen französischen Kaserne das Quartier Vauban, ein Stadtteil für etwa 5.000 Menschen, als Modell für nachhaltiges Wohnen, mit vielen Häusern, die ihren Strom aus der Sonne gewinnen. 2010 wählte die britische Academy of Urbanism Freiburg zur europäischen Stadt des Jahres.
Und das Münster wird weiter gebaut, in gewissem Sinn. Es ist nie wirklich fertig. Die Münsterbauhütte arbeitet ständig an seinem Erhalt, und der Münsterbauverein investiert jedes Jahr mehrere Millionen Euro. Die Sandsteine, die man im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert eingesetzt hat, verwittern schlechter als manche mittelalterlichen. Seit 2013 bewahrt die Bauhütte deshalb, wo es geht, die alten Steine und ersetzt viele der jüngeren.
Rund um das Münster findet an jedem Werktag der Markt statt, mit 80 bis 180 Ständen, auf dem Platz, auf dem schon im Mittelalter gehandelt wurde und an dessen Kirchenwand die Brotmaße hängen. Nur am 15. August, an Mariä Himmelfahrt, dem Fest der Patronin des Münsters, bleibt der Platz leer.
Was Freiburg dir mitgibt
Freiburg ist für Pilger eine Kreuzung. Zwei Jakobswege treffen sich hier, und am nächsten Morgen musst du wählen: nach Westen über den Rhein ins Elsass, oder nach Süden durch die Weinberge nach Basel. Beide Wege führen nach Santiago. Es gibt nicht den einen richtigen.
Aber vielleicht nimmst du aus dieser Stadt noch etwas anderes mit. Freiburg ist ein Ort, an dem Menschen über Generationen an etwas gebaut haben, das sie selbst nie fertig sahen. Die Steinmetze am Turm, die Baumeister am Chor, die nach einer Pause von fast hundert Jahren weitermachten, die Bächleputzer, die seit mehr als zweihundert Jahren das Laub aus den Rinnen holen. Und es ist ein Ort, der nach einer Nacht, in der fast alles verloren ging, nicht etwas ganz Neues gebaut hat, sondern den alten Grundriss wieder aufgenommen hat, Gasse für Gasse.
Das ist keine schlechte Haltung für einen Weg wie deinen. Du wirst nicht alles verstehen, was dir unterwegs begegnet. Du wirst manches nicht zu Ende bringen, wie du es dir vorgestellt hast. Und manches, was zerbricht, wirst du neu aufbauen müssen, auf dem Grundriss, den du hast.
Wenn du morgen aufbrichst, dreh dich nach ein paar Kilometern noch einmal um. Der Turm steht noch da. Er wird dir noch lange im Rücken stehen, wie er den Pilgern vor dir im Rücken stand, und irgendwann verschwindet er im Dunst. Dann gehört er zu den Dingen, die du mitnimmst.
Übernachten in Freiburg
Unterkünfte in Freiburg.
GeöffnetTomke und Hannes - Familie Fransen
GeöffnetMonika und Bernhard Warmbrunn
GeöffnetJohannes und Ingeborg Thor-Klauser




