Pilgerweg Berlin – Bad Wilsnack
Der Pilgerweg Berlin – Bad Wilsnack führt in 120 Kilometern vom S-Bahnhof Hennigsdorf am Berliner Stadtrand durch Oberhavel, das Rhinluch mit dem Kranichrastplatz Linum und das Ruppiner Land in die Prignitz – bis zur Wunderblutkirche St. Nikolai, dem Ziel einer der großen Wallfahrten Nordeuropas zwischen 1383 und 1552. Fünf flache Etappen, kaum mehr als 200 Höhenmeter, Betten in Gemeindehäusern, Pfarrhäusern und einem Kirchturm. Wiederbelebt 2006, betreut vom Förderverein der Wunderblutkirche.
- 01Auf einen Blick
- 02Überblick
- 03Andere Namen
- 04Für wen ideal – und für wen eher nicht
- 05Streckenverlauf & Landschaft
- 06Etappen, Gelände & Schwierigkeit
- 07Krümel und Spinnweben – die Wallfahrt, die ihren Gutachter überlebte
- 08Pilgerpass, Stempel, Pilgerzeichen: die Formalien
- 09Highlights am Weg
- 10Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
- 11Weiterpilgern?
- 12Vorbereitung & Praktisches
- 13Was dich der Weg kostet
- 14Anreise
Auf einen Blick
- Start / Ziel: S-Bahnhof Hennigsdorf am nordwestlichen Berliner Stadtrand (37 m); offizieller Auftakt mit erstem Stempel in der St. Marienkirche am Alexanderplatz / Wunderblutkirche St. Nikolai in Bad Wilsnack (28 m)
- Länge: 120,0 km ab Hennigsdorf, Camino-Ninja-Karte. Der Träger schreibt „ca. 130 km“, das Tourismusportal 119 km, die Summe seiner Etappenangaben ergibt 127 km.
- Dauer: 5 Etappen, Ø 24,0 km (Camino-Ninja-Teilung); der Träger teilt in 7 Etappen
- Höhenmeter: ↗ 213 m / ↘ 222 m – weniger als zwei Höhenmeter pro Kilometer
- Höchster Punkt: 64 m bei km 98,9 zwischen Barenthin und Görike; tiefster Punkt 28 m bei km 119,3 kurz vor dem Ziel
- Landschaft: Oberhavel und Krämer Forst, Rhinluch mit dem Linumer Teichland, Dossebruch und Ruppiner Land, Feldsteinkirchen-Dörfer der Prignitz, die Karthane vor Bad Wilsnack
- Träger: Förderverein Wunderblutkirche St. Nikolai Bad Wilsnack e.V., rein ehrenamtlich
- Markierung: drei orangene Punkte im Dreieck – die drei Hostien des Wilsnacker Wunders –, dazu Hostien-Aufkleber und stellenweise die gelbe Muschel auf Blau
- Pilgerpass: eigener Pilgerpass des Fördervereins für 1 € plus Versand; erster Stempel in der Berliner Marienkirche, letzter in der Wunderblutkirche oder in der Touristinfo im Bahnhof Bad Wilsnack
- Jakobus-Spuren: ehrlich gesagt kaum. Das Ziel ist ein Heilig-Blut-Heiligtum, kein Jakobus-Ort. Die Pilgerzeichen auf den Barsikower Glocken stammen aus Aachen und Sternberg. Jakobsweg wird der Weg durch seine Anschlüsse.
- Unterkunft: Gemeindehäuser, Pfarr- und Pilgerwohnungen auf Spende oder bis 17,50 €, ein Kirchturm in Barsikow, dazu Pensionen und Hotels; echte Lücken in Garz und Görike
- Anschlusswege: in Bad Wilsnack der Jakobsweg Sachsen-Anhalt nach Süden und der Baltisch-Mitteldeutsche Weg aus Rostock; in Berlin die Via Imperii
- Beste Zeit: April bis Oktober; Kranichzeit im Rhinluch Mitte September bis Anfang November; die Kyritzer Pilgerherberge ist Ostern bis Allerheiligen geöffnet
Überblick
Dieser Weg führt nicht nach Santiago, er führt zu einem Konkurrenten. Im 15. Jahrhundert zog das Heilige Blut von Wilsnack Pilger aus ganz Europa in die Prignitz: 1411 schickte die dänische Königin Margarethe fünf Pilger hierher, genauso viele wie ins Heilige Land, 1433 ließ sich die englische Mystikerin Margery Kempe im Karren herfahren, und um 1500 stand das Dorf auf Erhard Etzlaubs Romweg-Karte. Am Bartholomäustag gab es hier 18 Herbergen. Heute gehen jedes Jahr ein paar tausend Menschen denselben Weg – die Zahlen schwanken je nach Quelle zwischen tausend und viertausend.
Der Weg selbst ist das Gegenteil eines Gebirgscamino: 120 Kilometer, 213 Höhenmeter, dafür Weite. Du gehst durch Wald und Luch, über Dämme zwischen Fischteichen, auf Feldwegen von Dorfkirche zu Dorfkirche, und fast jede ist aus Feldstein und älter als die Wallfahrt. Im Herbst rasten im Rhinluch Zehntausende Kraniche. Am Ende steht eine Backsteinkathedrale in einem Städtchen mit rund 2.500 Einwohnern, und der Förderverein verspricht jedem, der sich dort als Pilger zu erkennen gibt, „eine einmalige Überraschung“. Mehr verrät er nicht.
Andere Namen
Der Träger führt den Weg als Pilgerweg Berlin – Bad Wilsnack, seine Website heißt Wege nach Wilsnack, weil der Verein auch die Anschlüsse nach Havelberg und Tangermünde betreut. Historisch hieß das Unterwegssein zum Heiligen Blut Wilsnackfahrt, und die Kinder, die im 15. Jahrhundert ohne Erlaubnis loszogen, gingen Wilsnacklaufen. Im Wanderführer des Conrad-Stein-Verlags heißt der Weg samt Fortsetzung Mittelalterlicher Jakobsweg Berlin – Wilsnack – Tangermünde. Die Namen „Wunderblutweg“ oder „Wilsnackweg“ liest man gelegentlich, offiziell sind sie nicht.
Für wen ideal – und für wen eher nicht
Ideal, wenn du von Berlin aus losgehen willst, ohne vorher in einen Zug nach Spanien zu steigen: S-Bahn rein, fünf Tage gehen, Regionalexpress zurück. Ideal für einen ersten Pilgerweg, weil er flach ist, die Etappen planbar sind und die Unterkünfte günstig. Ideal, wenn dich Geschichte reizt, die nicht glatt ist: ein Blutwunder, das schon 1405 eine Kommission um Jan Hus prüfte, das Kirchenfürsten verboten und Päpste wieder erlaubten, und das 1552 ein lutherischer Prediger kurzerhand verbrannte. Ideal im Herbst für alle, die Kraniche hören wollen.
Ehrlich gesagt ist er aber nichts für dich, wenn du Berge, Einkehr an jeder Ecke oder eine Herberge pro Dorf erwartest. Zwischen Fehrbellin und Wusterhausen gibt es praktisch keine Einkaufsmöglichkeit, in Garz und Görike kaum ein Bett, und wer nicht vorher anruft, steht abends womöglich vor verschlossener Tür – ein Pilger schrieb 2016 nach einer solchen Nacht in Görike: „Der Weg bestimmt die Regeln. Es gibt kein Handbuch.“ Nichts für dich auch, wenn du Jakobus suchst: Das hier ist eine Heilig-Blut-Wallfahrt, der Apostel kommt erst mit den Anschlusswegen ins Spiel.
Streckenverlauf & Landschaft
Oberhavel und Rhinluch (km 0–42): Vom S-Bahnhof Hennigsdorf (37 m) geht es auf einem asphaltierten Radweg aus der Stadt, südlich an Bötzow vorbei in den Krämer Forst, wo der Weg die A10 und die A24 auf Fußgängerbrücken überquert. Bei der Golfanlage Kallin (km 20,2) nimmt die Camino-Ninja-Trasse die Variante über Tietzow (km 22,6); der Hauptweg des Trägers läuft etwas weiter nördlich über Flatow. Dann öffnet sich das Land: Bei Linum (km 31,2) beginnt das Rhinluch mit dem Teichland, auf Dämmen und Wiesenwegen entlang der Gräben, im Herbst der größte Kranichrastplatz Deutschlands. Über Hakenberg mit der Siegessäule zur Schlacht von 1675 (etwa einen Kilometer neben dem Weg) und Tarmow erreichst du Fehrbellin (km 42,0).
Ruppiner Land und Prignitz (km 42–120): Einsame Feldwege führen nach Garz (km 54,9) mit seiner Gutsanlage, nach Barsikow (km 62,6) mit der Pilgerherberge im Kirchturm und über Metzelthin nach Wusterhausen an der Dosse (km 71,5), das sich die „Mitte des Pilgerwegs“ nennt. Am Klempowsee und am Kyritzer Untersee vorbei kommst du nach Kyritz (km 81,6), dann über Rehfeld, Berlitt und Barenthin (km 94,7) auf den höchsten Punkt des Weges, 64 Meter bei km 98,9, und nach Görike (km 99,7). Die letzten 20 Kilometer führen über Söllenthin, Klein und Groß Leppin zur Plattenburg (km 112,7), durch Wald und an der Karthane entlang nach Bad Wilsnack. Die Wunderblutkirche erreichst du bei km 119,7.
Etappen, Gelände & Schwierigkeit
Wir teilen den Weg in 5 Etappen mit einem Schnitt von 24,0 Kilometern – Camino-Ninja-Systematik, jede Etappe endet an einem Ort mit belegbaren Betten. Der Träger teilt in 7 Etappen (Hennigsdorf–Bötzow, Bötzow–Linum, Linum–Garz, Garz–Wusterhausen, Wusterhausen–Kyritz, Kyritz–Görike, Görike–Bad Wilsnack); in Garz aber verzeichnet er selbst keine Unterkunft. Die Kilometer stammen aus der Camino-Ninja-Karte und sind exakt auf die 120,0 Kilometer unserer Streckendaten kalibriert, die Höhenmeter sind aus den Kartenpunkten gerechnet.
- Hennigsdorf → Linum (31,2 km) — ↗ 71 / ↘ 65 Hm; Radweg aus der Stadt, Krämer Forst mit den beiden Autobahnbrücken, Kallin, Tietzow, dann ins Luch. Lang, aber flach; wer kürzen will, fährt die ersten Kilometer mit dem Bus oder schläft auf dem Hauptweg in Flatow im Gemeindehaus.
- Linum → Barsikow (31,4 km) — ↗ 44 / ↘ 46 Hm; Linumer Teichland, Hakenberg, Tarmow, Fehrbellin (km 42,0, Gemeindehaus), Garz. Die einsamste Etappe, hinter Fehrbellin ohne Einkauf. Belohnung: das Bett im Kirchturm.
- Barsikow → Kyritz (19,0 km) — ↗ 32 / ↘ 27 Hm; über Metzelthin nach Wusterhausen mit Wegemuseum und St. Peter und Paul, an den Seen entlang nach Kyritz. Die entspannte Etappe mit Zeit für zwei Stadtkirchen.
- Kyritz → Görike (18,1 km) — ↗ 45 / ↘ 36 Hm; Rehfeld, Berlitt (Pilgerwohnung), Barenthin (Gemeindehaus), der höchste Punkt mit 64 Metern. In Görike selbst gibt es nur eine Ferienwohnung – Barenthin 5 Kilometer davor ist die sichere Alternative.
- Görike → Bad Wilsnack (20,3 km) — ↗ 21 / ↘ 47 Hm; Söllenthin, Klein und Groß Leppin, sechs Audiostationen per QR-Code, die Plattenburg, zuletzt Wald und die Karthane. Am Ziel die Wunderblutkirche.
Schwierig ist hier nur die Länge der ersten beiden Tage und die Logistik. Der Untergrund ist überwiegend Feld- und Waldweg, Asphalt gibt es auf dem Radweg ab Hennigsdorf, zwischen Kyritz und Rehfeld und auf ruhigen Landstraßen hinter Görike. Von Mai bis Juli warnt der Träger vor dem Eichenprozessionsspinner, dessen Brennhaare Allergien auslösen können. Und bei Linum gab es 2022 eine Umleitung wegen Wegebau – prüf vor dem Start auf der Website des Trägers, ob sie noch gilt.
Krümel und Spinnweben – die Wallfahrt, die ihren Gutachter überlebte
Am 16. August 1383 brennt der Ritter Heinrich von Bülow in einer Fehde mit dem Havelberger Bischof elf Dörfer nieder, darunter Wilsnack. In der Asche der Kirche findet der Pfarrer drei Hostien, unversehrt und mit Blutflecken. Schon im Jahr darauf gewährt Papst Urban VI. einen Ablass für den Wiederaufbau, und ab 1384 wächst auf dem Brandplatz die Kirche, die heute noch steht. Um 1390 kommt die Witwe Kaiser Karls IV., 1397 beschreibt ein schlesischer Abt Pilger aus ganz Europa, und das Geschäft läuft so gut, dass Bischof, Domkapitel und Kirche die Einnahmen dritteln und der Havelberger Dom sich das Monopol auf die Pilgerzeichen sichert.
Dann kommen die Zweifler. 1405 untersucht eine Prager Kommission, der Jan Hus angehört, vier angebliche Heilungen und findet keine dauerhafte; der Prager Erzbischof verbietet seinen Gläubigen die Reise. 1443 öffnet der Magdeburger Domherr Heinrich Tocke den Schrein und findet „nur noch ein Gemisch von Krümeln und Spinnweben“. 1451 verbietet Kardinal Nikolaus von Kues die Verehrung blutender Hostien, 1453 hebt der Papst das Verbot auf Betreiben des brandenburgischen Kurfürsten wieder auf. Die Pilger kommen trotzdem, und immer mehr: In den 1470ern laufen Kinder ohne Wissen der Eltern los, 1475 schließt Erfurt deshalb seine Tore. Beendet hat das alles erst ein Streichholz: Im Mai 1552 verbrennt der erste evangelische Prediger Joachim Ellefeld die Reste der Hostien.
Hundertneun Jahre lang hat die Wallfahrt ihren Gutachter überlebt, und das sagt mehr über Pilgern als über Hostien. Die Leute kamen nicht, weil ihnen jemand Blut garantierte, sie kamen wegen des Weges und des Ziels. Genau das tust du heute auch. Das Markierungszeichen des Weges – drei orangene Punkte im Dreieck – ist übrigens eine Zeichnung des mittelalterlichen Pilgerzeichens aus Blei und Zinn, drei Hostien mit Geißelung, Kreuzigung und Auferstehung. Du folgst also 120 Kilometer lang einem Andenken aus dem 15. Jahrhundert.
Pilgerpass, Stempel, Pilgerzeichen: die Formalien
Pilgerpass. Der Förderverein gibt einen eigenen Pilgerpass heraus, online für 1 € plus Versand (Stand: September 2026). Im selben Shop gibt es das Wilsnacker Pilgerzeichen für 5 € und die Broschüre „Von Berlin nach Wilsnack“ für 3 €. Ob es den Pass auch vor Ort in der Marienkirche gibt, schreibt der Träger nicht – bestell ihn rechtzeitig. Für Übernachtungen in Gemeinde- und Pilgerquartieren ist ein Pilgerausweis sinnvoll; eine spanische Credencial wird dort ebenso akzeptiert.
Stempel. Den ersten Stempel bekommst du in der St. Marienkirche in Berlin-Mitte, die sich ausdrücklich Ausgangspunkt des Weges nennt. Unterwegs stempeln unter anderem Fehrbellin, Metzelthin, das Wegemuseum Wusterhausen (Am Markt 3), Kyritz, Görike, Söllenthin und Groß Leppin; manche Stempelstellen hängen an offenen Kirchen, deren Öffnungszeiten wechseln. Am Ziel stempelt die Wunderblutkirche, und wenn sie geschlossen ist, die Touristinfo im Bahnhof Bad Wilsnack.
Am Ziel. Die Wunderblutkirche ist eine Offene Kirche, in der Regel täglich etwa 10 bis 16 Uhr, sonntags ab 11 Uhr; eine ältere Angabe nennt montags geschlossen, ruf im Zweifel an. Die Kirchengemeinde nennt Stempel, Urkunden und Segen als Angebot für Pilger; wie und wann es eine Urkunde gibt, veröffentlicht der Träger nicht – frag im Gemeindebüro nach. Und gib dich als Pilger zu erkennen: Die „einmalige Überraschung“, die der Förderverein verspricht, verraten wir hier nicht, weil wir sie selbst nicht kennen.
Highlights am Weg
- St. Marienkirche Berlin (vor km 0) — eine der ältesten Kirchen Berlins, am Alexanderplatz, heute offizieller Startpunkt mit dem ersten Stempel. Von hier fährst du mit der S25 nach Hennigsdorf.
- Linum und das Rhinluch (km 31,2) — die neugotische Dorfkirche von 1868 mit einem Turm, dem Friedrich I. 1711 eine Krone schenkte, und einer tiefblauen Sternendecke. Im Pfarrhaus wurde 1798 Luise Hensel geboren, die Dichterin von „Müde bin ich, geh zur Ruh“. Rundum das Teichland, im Herbst Rastplatz für Zehntausende Kraniche; die NABU-Storchenschmiede bietet Führungen an.
- Siegessäule Hakenberg (bei km 36, gut 1 km abseits) — 36 Meter hoch, 1875 bis 1879 gebaut, zur Erinnerung an die Schlacht bei Fehrbellin 1675, in der der Große Kurfürst die Schweden schlug.
- Kirchturm Barsikow (km 62,6) — Feldsteinkirche mit Barockturm, in dem du schlafen kannst: zehn Betten auf zwei Etagen, Teeküche, zwei Bäder, 17,50 € (Stand: September 2026). Auf den Glocken sind mittelalterliche Pilgerzeichen aus Aachen und Sternberg abgegossen – Beweis, dass hier schon vor Jahrhunderten Pilger vorbeikamen.
- St. Peter und Paul und das Wegemuseum Wusterhausen (km 71,5) — spätromanische Basilika aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, Altarweihe 1479, Kanzel 1610, Wagner-Orgel 1742; der Turm brannte 1764 ab und wurde nie wieder aufgebaut. Das Wegemuseum am Markt erzählt die Geschichte der Wege vom Bohlenweg der Bronzezeit bis zur Fernstraße und hat einen Pilgerstempel.
- St. Marien Kyritz (km 81,6) — Bauteile aus dem 13. und 14. Jahrhundert, Doppelturmfassade von Friedrich August Stüler 1850, Taufe aus dem 13. Jahrhundert, Altar um 1480, Reubke-Orgel von 1873. Die Pilgerherberge liegt in der Heilig-Geist-Kirche von 1912.
- Dorfkirche Barenthin (km 94,7) — Feldsteinkirche aus dem frühen 16. Jahrhundert mit Blendbögen im Havelberger Stil, 16 Emporenbildern von Christian Ludwig Schlichting aus dem Jahr 1716 und einer Rokokokanzel; offen von April bis Oktober.
- Söllenthin und Groß Leppin (km 102,7 und 109,7) — Feldsteinkirchen aus dem 15. und 14. Jahrhundert, in Söllenthin ein gotischer Flügelaltar, in Groß Leppin ein wehrhafter Westturm und zwei Renaissance-Epitaphe. Dazwischen die Audiostationen des Trägers.
- Plattenburg (km 112,7) — laut Gemeinde die älteste erhaltene Wasserburg Norddeutschlands, 1319 an den Havelberger Bischof verkauft und bis 1552 Sommersitz der Bischöfe. Die Männer, die an der Wallfahrt verdienten, wohnten also sieben Kilometer vor dem Ziel direkt am Pilgerweg.
- Wunderblutkirche St. Nikolai (km 119,7) — dreischiffige Hallenkirche der Backsteingotik, begonnen 1384, deren Querhausfenster zu den größten ihrer Art in Europa zählen. Drinnen der Wunderblutschrein aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, ein Hochaltar, den Kurfürst Friedrich II. stiftete, eine Orgel von 1782 und seit Pfingstmontag 2023 sieben neue Fenster der Künstlerin Leiko Ikemura, überwiegend rot für Feuer und Blut. Die 3,6 Tonnen schwere Glocke „Veni cum pace“ von 1471 ließ Joachim II. nach Berlin bringen; 2018 kam eine Nachbildung mit dem Pferdewagen über den Pilgerweg zurück.
Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
Die meisten kommen aus Berlin, und das ist auch der Sinn der Sache: Nach dem ersten Stempel in der Marienkirche fährst du mit der S25 ab Friedrichstraße bis zur Endstation Hennigsdorf und gehst los. Wer Berlin zu Fuß durchqueren will, kann in der Pilgerherberge der Waldkirche in Heiligensee übernachten, kurz vor Hennigsdorf. In Berlin selbst kreuzt die Via Imperii von Stettin nach Leipzig – unser Startpunkt liegt rund 15 Kilometer neben ihrer Trasse, eine direkte Verbindung zu Fuß gibt es nicht.
Aus dem Osten Brandenburgs kommt man über die Jakobsweg Brandenburg Nordroute, die in Bernau vor Berlin endet; von dort sind es mit der S-Bahn quer durch die Stadt nach Hennigsdorf gut anderthalb Stunden. Viele verbinden den Weg auch mit dem jährlichen Pilgerfest in Bad Wilsnack im August, rund um den Bartholomäustag, dem historischen Hauptwallfahrtstag – 2026 war es das 23., mit einer gemeinsamen Pilgerwanderung von der Plattenburg zur Kirche.
Weiterpilgern?
Ja – Bad Wilsnack ist ein Knoten. Hier beginnt der Jakobsweg Sachsen-Anhalt: über Legde und Havelberg an die Elbe, über Werben nach Süden, 436,1 Kilometer bis Freyburg an der Unstrut. Die ersten Etappen nach Havelberg betreut ebenfalls der Wilsnacker Förderverein; der historische Weg zog weiter nach Tangermünde, wo er ans Jakobswegenetz anschloss. Wer von Norden kommt, trifft hier auf den Baltisch-Mitteldeutschen Weg, der nach 187,4 Kilometern von Rostock über Perleberg ebenfalls an der Wunderblutkirche endet.
Das heißt: Wer von Berlin aus weiter will, geht nach Süden durch Sachsen-Anhalt und später Richtung Thüringen und Franken. Wer in Bad Wilsnack aufhört, nimmt den Regionalexpress nach Berlin und ist in rund anderthalb Stunden zurück.
Vorbereitung & Praktisches
Pilgerausweis und Stempel. Wie auf allen Pilgerwegen brauchst du einen Pilgerausweis, um in Gemeinde- und Pilgerquartieren zu übernachten und Stempel zu sammeln; hier ist es der Pass des Fördervereins für 1 €. Bestell ihn rechtzeitig online, damit er zum Start bei dir ist. Mit der Camino Ninja App hast du Karte, Track und alle Etappenorte offline dabei – wichtig, weil die orangenen Dreiecke an Kreuzungen im Luch leicht zu übersehen sind.
Buchen und planen. Dieser Weg lebt von kleinen Quartieren, und die wollen angerufen werden. Das Unterkunftsverzeichnis des Fördervereins (Stand: Juni 2026) nennt unter anderem: Pilgerherberge Waldkirche Heiligensee auf Spende, Gemeindehäuser in Flatow, Fehrbellin und Barenthin, den Gemeindesaal in Protzen für 10 €, den Barsikower Kirchturm für 17,50 €, die Pilgerherberge in der Heilig-Geist-Kirche Kyritz auf Spende (nur Ostern bis Allerheiligen), die Pilgerwohnung Berlitt für 15 € und ein unbeheiztes Pilger-Gartenhaus in Bad Wilsnack. Garz hat kein Bett, Görike nur eine Ferienwohnung. Ruf einen Tag vorher an, auch bei Spendenquartieren.
Verpflegung und Wasser. Einkaufen kannst du in Hennigsdorf, Fehrbellin, Wusterhausen, Kyritz und Bad Wilsnack. Zwischen Fehrbellin und Wusterhausen verzeichnet der Träger keinen Supermarkt, nur Bäcker und Hofläden mit wechselnden Öffnungszeiten – Proviant und zwei Liter Wasser gehören in den Rucksack. Öffentliche Wasserstellen gibt es nicht verlässlich; frag in Gemeindehäusern und Kirchen.
Was dich der Weg kostet
Das hier ist einer der günstigsten Pilgerwege in Deutschland. Pilgerpass 1 €, Pilgerzeichen 5 € (Stand: September 2026). Wer die Spendenquartiere in Heiligensee und Kyritz, die Gemeindehäuser und den Kirchturm von Barsikow nutzt, kommt mit 10 bis 17,50 € pro Nacht oder einer angemessenen Spende aus. Pensionen am Weg kosten 25 bis 50 €, Hotelzimmer in Linum, Wusterhausen, Kyritz und Bad Wilsnack meist 60 bis 100 € mit Frühstück; in Bad Wilsnack kommt 1,50 € Kurtaxe pro Nacht dazu (Stand: Juni 2026).
Verpflegung: Mit Supermarkteinkauf 12 bis 18 € am Tag, mit einem warmen Abendessen im Gasthof 25 bis 35 €. Realistisches Tagesbudget mit einfachen Quartieren: 35 bis 60 € pro Tag, mit Pension oder Hotel 70 bis 110 €. Dazu Hin- und Rückfahrt im Nahverkehr, mit dem Deutschlandticket ohne Zusatzkosten.
Anreise
Zum Start. Von Berlin-Mitte fährst du nach dem Stempel in der Marienkirche mit der S25 ab Friedrichstraße bis Hennigsdorf, gut 30 Minuten; der Weg beginnt am S-Bahnhof. Fernreisende kommen am Berliner Hauptbahnhof oder am Flughafen BER an und steigen in die S-Bahn um. Mit dem Auto lohnt die Anreise nicht, weil der Weg eine Einweg-Strecke ist.
Vom Ziel. Bad Wilsnack hat einen Bahnhof an der Strecke Berlin–Hamburg mit der Touristinfo im Gebäude. Der Regionalexpress fährt nach Berlin in rund anderthalb Stunden, in die andere Richtung nach Wittenberge mit Anschluss nach Hamburg und Schwerin. Unterwegs haben Wusterhausen und Kyritz Bahnhöfe an der Strecke nach Neustadt (Dosse); wer abbrechen oder einen Tag auslassen muss, kommt dort weg.
- Träger, Pilgerpass und Unterkunftsverzeichnis: wegenachwilsnack.de — Etappen, Shop, aktuelle Hinweise
- Wunderblutkirche: wunderblutkirche.de — Öffnungszeiten, Pilgerfest, Gemeindebüro
- Bahn und S-Bahn: vbb.de — S25 nach Hennigsdorf, Regionalexpress ab Bad Wilsnack
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