Via Imperii
613,6 Kilometer von der Oder bis an die bayerische Grenze: der Jakobsweg auf der alten Reichsstraße — durch das Untere Odertal, über Berlin, Lutherstadt Wittenberg und Leipzig bis ins Vogtland nach Hof.
- 01Auf einen Blick
- 02Überblick
- 03Andere Namen
- 04Für wen ideal – und für wen eher nicht
- 05Streckenverlauf & Landschaft
- 06Etappen, Gelände & Schwierigkeit
- 07Reichsstraße nach Rom: 6500 Frachtwagen und eine Kreuzung namens Leipzig
- 08Highlights am Weg
- 09Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
- 10Weiterpilgern?
- 11Vorbereitung & Praktisches
- 12Was dich der Weg kostet
- 13Anreise
Auf einen Blick
- Start / Ziel: Szczecin (Stettin) → Hof (Saale)
- Länge: 613,6 km
- Höhenmeter: ↗ 3533 m / ↘ 3047 m
- Dauer: ca. 22–28 Tage
- Markierung: gelbe Muschel auf blauem Grund
- Länder: Polen und Deutschland — von der Ostsee-Mündung der Oder bis nach Oberfranken
Überblick
Die Via Imperii ist der Jakobsweg auf der alten Reichsstraße: Im Mittelalter verband diese Nord-Süd-Achse Stettin an der Odermündung über Berlin, Wittenberg, Leipzig und Nürnberg mit Rom. Heute folgt ihr ein markierter Pilgerweg über 613,6 Kilometer — von Szczecin bis nach Hof an der bayerischen Grenze.
Kaum ein anderer deutscher Jakobsweg wechselt so oft das Gesicht: erst Auenlandschaft an der Oder, Backsteingotik und stille Wälder in Brandenburg, dann mitten durch Berlin, weiter durchs Lutherland um Wittenberg und die Messestadt Leipzig — und ganz zum Schluss, im Vogtland, wird es tatsächlich noch hügelig.
Der Weg ist still. Außerhalb der Städte pilgerst du oft tagelang allein, mehr märkischer Kiefernwald als Pilgerstrom. Wer das spanische Herbergsnetz erwartet, muss umdenken — wer Geschichte, Weite und Ruhe sucht, findet hier einen der spannendsten Fernpilgerwege Deutschlands.
Andere Namen
Via Imperii heißt wörtlich „Straße des Reiches“ — sie war eine der großen Reichsstraßen des Heiligen Römischen Reiches. Heute findest du den Weg auch als Jakobsweg Stettin–Hof; auf polnischer Seite gehört er zum Netz der Droga świętego Jakuba. Nicht verwechseln: Die Via Regia ist die berühmte Ost-West-Schwester — die beiden kreuzen sich in Leipzig.
Für wen ideal – und für wen eher nicht
Ideal ist die Via Imperii für dich, wenn du Geschichte zum Anfassen magst, gern allein oder zu zweit in Stille gehst und flaches, zügiges Pilgern schätzt. Die drei natürlichen Abschnitte Stettin–Berlin, Berlin–Leipzig und Leipzig–Hof sind jeweils in gut einer Woche machbar — perfekt, wenn du den Weg auf mehrere Urlaube verteilen willst. Und: Kaum ein Fernpilgerweg ist per Bahn so einfach erreichbar.
Eher nicht dein Weg ist er, wenn du Bergpanoramen, südliche Sonne oder eine dichte Pilgerszene suchst. Es gibt Asphalt- und Plattenwege-Passagen, die Herbergen liegen weit auseinander, und ohne etwas Planung (und Voranmeldung) geht es nicht. Gesellschaft triffst du eher in den Städten als unterwegs.
Streckenverlauf & Landschaft
Von Szczecin geht es zunächst durch die Oderauen und den Nationalpark Unteres Odertal, den einzigen Auen-Nationalpark Deutschlands. Durch die Uckermark und das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin — mit dem Backstein-Kloster Chorin — führt der Weg über den Naturpark Barnim und Bernau bis mitten hinein nach Berlin.
Südlich der Hauptstadt folgen Teltow, Beelitz und der Fläming, dann die Lutherstadt Wittenberg, die Dübener Heide und der Auwald vor Leipzig. Über das Altenburger Land erreichst du Zwickau, dann steigt das Vogtland langsam an: Talsperre Pöhl, Plauen — und über die obere Saale schließlich Hof. Nennenswerte Höhenmeter sammelst du fast nur auf diesem letzten Drittel.
Etappen, Gelände & Schwierigkeit
Rechne mit 22–28 Tagesetappen. Das Gelände ist überwiegend flach bis sanft wellig — die 3533 Höhenmeter verteilen sich auf über 600 Kilometer, und die meisten davon warten südlich von Zwickau. Die neun großen Abschnitte:
- Szczecin → Schwedt/Oder (ca. 63 km) — durch die Oderauen und den Nationalpark Unteres Odertal, vorbei an Gartz
- Schwedt/Oder → Eberswalde (ca. 70 km) — Angermünde und das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin mit dem Kloster Chorin
- Eberswalde → Berlin-Mitte (ca. 75 km) — durch den Naturpark Barnim, über Bernau und entlang der Panke in die Hauptstadt
- Berlin → Beelitz (ca. 55 km) — über Teltow hinaus in Kiefernwälder und Spargelland
- Beelitz → Lutherstadt Wittenberg (ca. 65 km) — durch den Fläming, über Treuenbrietzen ins Lutherland
- Wittenberg → Leipzig (ca. 75 km) — Dübener Heide, Bad Düben und der Leipziger Auwald
- Leipzig → Zwickau (ca. 105 km) — durchs Altenburger Land und über Crimmitschau
- Zwickau → Plauen (ca. 52 km) — hinein ins Vogtland, vorbei an der Talsperre Pöhl
- Plauen → Hof (ca. 40 km) — über die obere Saale nach Oberfranken — jetzt wird es hügelig
Markiert ist der Weg mit der gelben Muschel auf blauem Grund. Die Qualität wechselt je nach Region: in Sachsen und im Berliner Raum meist zuverlässig, zwischen Bernau und Stettin stellenweise noch lückenhaft. Mit spanischer Beschilderung ist das nicht vergleichbar — nimm einen GPS-Track mit, am besten direkt in der Camino Ninja App.
Reichsstraße nach Rom: 6500 Frachtwagen und eine Kreuzung namens Leipzig
Die Via Imperii war keine romantische Nebenstraße, sondern eine der wichtigsten Verkehrsadern Europas: privilegiert durch Straßenzwang, gut ausgebaut und kräftig verzollt. Um 1430 rollten hier rund 6500 Frachtwagen pro Jahr — über 90 Prozent des Fernhandels zwischen Augsburg und der Republik Venedig nahm diesen Weg. Und mit den Händlern zogen nachweislich Pilger: nach Rom, Jerusalem und Santiago.
Die schönste Pointe liegt in der Mitte des Weges: Am Kreuzungspunkt der Via Imperii mit der Via Regia entstand einst der „Ort bei den Linden“ — das heutige Leipzig. Die Messestadt verdankt ihre Karriere buchstäblich dieser Wegkreuzung, über die du heute als Pilger läufst. Schon eine Pilgerkarte von 1500 zeigt die Trasse Stettin–Gartz–Berlin–Leipzig als Route der Jakobspilger.
Wiederbelebt wurde der Weg in Etappen: Zuerst wiesen sächsische Ehrenamtliche des Vereins Jakobsweg „Via Imperii“ e. V. die Abschnitte zwischen Leipzig und Hof aus, am 20. November 2015 wurde der 397 Kilometer lange Lückenschluss Berlin–Hof feierlich eröffnet — passend im Festjahr „1000 Jahre Leipzig“. Seit Frühjahr 2020 ist auch der Nordabschnitt von Stettin bis Bernau markiert, in Kooperation mit dem Kloster Chorin. Im Norden betreut die St. Jakobus-Gesellschaft Berlin-Brandenburg-Oderregion e. V. den Weg.
Highlights am Weg
- Nationalpark Unteres Odertal — Deutschlands einziger Auen-Nationalpark, gleich zum Auftakt hinter Szczecin
- Kloster Chorin — backsteingotisches Zisterzienserkloster mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin
- Berlin — als Pilger mitten durch die Hauptstadt: ein seltsames, großartiges Gefühl
- Lutherstadt Wittenberg — Schlosskirche mit Thesentür und Stadtkirche St. Marien, seit 1996 UNESCO-Welterbe
- Leipzig — Thomaskirche (Bach!), Nikolaikirche der Friedlichen Revolution — und die historische Kreuzung mit der Via Regia
- Zwickau — Dom St. Marien und die Geburtsstadt Robert Schumanns
- Talsperre Pöhl — das „Vogtländische Meer“, bevor die Hügel beginnen
- Plauen und Hof — Spitzenstadt und das Tor nach Franken
Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
Aus dem Norden kommt die Via Imperii dir entgegen: Der Pommersche Jakobsweg führt entlang der polnischen Ostseeküste von Danzig heran und endet genau in Stettin — wer dort ankommt, wechselt nahtlos auf die Via Imperii nach Süden.
Viele starten auch einfach in Berlin, das aus ganz Deutschland bequem erreichbar ist. Und wer auf der Via Regia von Görlitz Richtung Westen pilgert, kreuzt die Via Imperii in Leipzig — ein natürlicher Punkt, um nach Süden abzubiegen.
Weiterpilgern?
In Hof ist längst nicht Schluss — historisch lief die Reichsstraße weiter nach Nürnberg und Rom. Als Jakobsweg übernimmt der Jakobsweg Oberfranken und bringt dich von Hof über Bayreuth nach Nürnberg. Dort schließt der Jakobsweg Nürnberg–Ulm an.
Ab Ulm führt der Oberschwäbische Jakobsweg zum Bodensee, die Via Jacobi durch die Schweiz nach Genf, die Via Gebennensis nach Le Puy-en-Velay, die Via Podiensis an die Pyrenäen — und der Camino Francés bis Santiago de Compostela. Von der Oder bis ans Ende der Welt: alles eine Linie.
Vorbereitung & Praktisches
Beste Zeit ist Frühjahr bis Herbst; dank des flachen Profils ist der Weg grundsätzlich ganzjährig machbar. Die Herbergslage ist dünn: Am Nordabschnitt gibt es einzelne echte Pilgerherbergen (etwa das StroamCamp in Schwedt/Oder, die Herberge in Groß Ziethen mit zehn Betten oder die Pilgerstube an der St. Johanniskirche Eberswalde), sonst helfen Gemeindehäuser, Jugendherbergen und Pensionen. Melde dich ein paar Tage im Voraus an — besonders in dünn besiedelten Gegenden und in Ferienzeiten.
Aktueller Hinweis (Stand: August 2026): Wegen der Afrikanischen Schweinepest kann es in der Uckermark — vor allem zwischen Criewen und Crussow — zu Sperrungen und Umleitungen kommen. Prüfe vor dem Start die Hinweise der Trägervereine. Einen Pilgerausweis bekommst du z. B. über die Fränkische St. Jakobus-Gesellschaft (7,65 €, Stand: August 2026); Stempel gibt es in Kirchen, Touristinfos und Rathäusern.
Plane deine Etappen vorab — gerade wegen der Unterkunftslage lohnt sich das hier mehr als auf spanischen Wegen. Am einfachsten gelingt das direkt in der Camino Ninja App, in der du deine Etappen zusammenstellst und passende Unterkünfte gleich mit einplanst.
Was dich der Weg kostet
Rechne mit etwa 50–85 € pro Tag (Stand: August 2026). Pilgerherbergen nehmen meist 10–20 € oder eine Spende, Pensionen liegen bei 40–70 € fürs Einzelzimmer — in Berlin und Leipzig deutlich darüber, dort lohnt frühes Buchen.
Sparen kannst du mit Gemeindeunterkünften, dem Zelt (etwa am StroamCamp) und Selbstverpflegung — Supermärkte und Bäcker liegen fast täglich am Weg, nur zwischen den Dörfern der Uckermark solltest du Wasser und Proviant dabeihaben.
Anreise
Zum Start: Nach Szczecin fährst du am bequemsten über Berlin — der Regionalexpress braucht von Berlin Hauptbahnhof rund zwei Stunden bis Szczecin Główny. Aus Polen ist Stettin ohnehin ein Bahnknoten.
Zurück von Hof: Der Hauptbahnhof verbindet dich direkt mit Leipzig, Nürnberg und Regensburg. Und weil Berlin, Wittenberg, Leipzig, Zwickau und Plauen alle am Schienennetz liegen, ist die Via Imperii ideal zum Abschnittspilgern — einsteigen und aussteigen, wo du willst.
- Bahn: bahn.de — Verbindungen nach Szczecin (via Berlin) und ab Hof
- Polnische Bahn: intercity.pl — Anreise nach Szczecin Główny aus Polen
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