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Via Gebennensis

Die Via Gebennensis verbindet auf 347,6 Kilometern Genf mit Le Puy-en-Velay — sie beginnt, wo die Via Jacobi aus der Schweiz endet, und endet, wo die Via Podiensis beginnt. Der Name klingt mittelalterlich, ist aber von 1996; die Straßen darunter sind römisch, und am Weg liegt eine Konfessionsgeschichte, die von Calvins Genf bis zu den Gerechten von Le Chambon-sur-Lignon reicht.

17. Juni 202622 Min. Lesezeit
Via Gebennensis
Inhalt

Auf einen Blick

  • Start / Ziel: Genf (Basilique Notre-Dame, beim Bahnhof Cornavin) → Le Puy-en-Velay (Kathedrale Notre-Dame)
  • Länge: 347,6 km
  • Höhenmeter: ↗ 6.750 m / ↘ 6.496 m — rund 400 Höhenmeter am Tag, mit einzelnen Tagen um 1.000: kein Alpenweg, aber ein ehrliches Mittelgebirge
  • Dauer: ca. 15–18 Tage (17 Etappen; sportlich geht es in 14 Tagen, wenn du die drei Kurztage an die Nachbaretappen koppelst)
  • Wegzeichen: rot-weiße GR-Balken des GR 65, seit 1998 offiziell homologiert — dieselbe Wegnummer läuft von Genf bis Pamplona durch
  • Zubringer: die Via Jacobi, die Schweizer Nationale Route 4 vom Bodensee, endet exakt am Startpunkt an der Basilique Notre-Dame; direkt: Genf hat Flughafen und TGV-Bahnhof, 300 m vom Start
  • Anschluss: in Le Puy-en-Velay übernimmt die Via Podiensis — der GR 65 behält seine Nummer und wechselt nur den Namen; parallel trifft dort der Weg Trier–Le Puy ein
  • Charakter: der stille Lückenschließer zwischen Schweiz und Frankreich — römische Trassen, Zollstationen, Weinterrassen, Vulkanland; ein Wanderer zählte im Mai 2025 auf 220 Kilometern vier andere Pilger

Überblick

„Via Gebennensis“ klingt nach einem Namen, der seit 850 Jahren in Urkunden steht. Tut er nicht: Die Urkundenkette dieses Weges beginnt 1987, nicht 1187 — und genau das macht ihn ehrlich. Die französische Wikipedia sagt über die neuen Nebenrouten ohne jede Verlegenheit, sie seien erst nach der Kulturwege-Ernennung von 1987 „plus ou moins arbitrairement tracés et balisés“ — mehr oder weniger willkürlich gezogen und markiert. Die Kette dieses Weges ist deshalb keine Legende, sondern ein Aktenvorgang: 1987 erklärt der Europarat die Compostela-Wege zum ersten Europäischen Kulturweg, am 16. März 1993 wird in Lyon die Association Rhône-Alpes des Amis de Saint-Jacques eingetragen (erster Präsident: Jacques Tollet), 1996 erscheint im Vereinsarchiv die Akte „Inscription aux itinéraires culturels européens de la liaison Genève-Le Puy“ — die Geburtsurkunde —, und 1998 homologiert die FFRandonnée den Weg als GR 65. Und der Codex Calixtinus? Nennt um 1135 vier Wege nach Santiago. Genf ist keiner davon — Le Puy ist einer. Dieser Weg führt nicht nach Santiago. Er führt zu einem der vier, die dorthin führen.

Unter dem neuen Weg liegen aber sehr alte Straßen — der Weg ist neu, die Straßen sind alt. Auf deinen 347,6 Kilometern von Genf nach Le Puy-en-Velay steht Yenne als Etanna auf der Tabula Peutingeriana, der römischen Straßenkarte — „station routière et portuaire“; Seyssel ist die Nachfolgerin des römischen Rhône-Hafens Condate (um 120 v. Chr.), und Chanaz kassierte Landzoll, Wasserzoll und Salzsteuer, lange bevor jemand hier von Pilgern sprach. Der stärkste Anker aber ist eine Abtei: Bonnevaux, 1117 gestiftet von Gui de Bourgogne, Erzbischof von Vienne, im Jahr vor seiner Erhebung auf den Papstthron — als Calixt II. erhob er 1120 Santiago de Compostela zum Erzbistum, und sein Name steht auf dem ersten Pilgerführer der Geschichte. In Genf endet die Via Jacobi aus der Schweiz, in Le Puy beginnt die Via Podiensis — der GR 65 behält seine Nummer und wechselt nur den Namen. Dazwischen: ↗ 6.750 Höhenmeter, drei Landschaften und eine Stille, die es auf den großen Caminos nicht mehr gibt — ein Wanderer traf im Mai 2025 auf 220 Kilometern genau vier andere Pilger.

Ein Korridor durch 400 Jahre Glaubensgeschichte

Kein anderer Jakobsweg beginnt in einer Stadt, die das Pilgern abgeschafft hat. Am 10. August 1535, einen Tag nach dem Bildersturm, setzte der Genfer Rat die Messe in der Kathedrale Saint-Pierre „provisoirement“ aus — vorläufig. Am 21. Mai 1536 beschloss der Conseil général per Handzeichen die Reformation, wörtlich: man wolle leben „voulant délaisser toutes messes et autres cérémonies et abus papaux, images et idoles“ — unter Verzicht auf alle Messen, päpstlichen Zeremonien, Bilder und Idole. Das „vorläufig“ von 1535 hat 486 Jahre gehalten: Erst 2021 wurde in Saint-Pierre wieder eine katholische Messe gefeiert. Die theologische Begründung lieferte Calvin 1543 nach, im Traité des reliques, gedruckt in Genf: Statt Christus in seinem Wort zu suchen, „on s'amuse à ses robes, ses cheveux et ses drapeaux“ — vergnügt man sich an seinen Kleidern, seinen Haaren und seinen Fahnen. Deshalb startet dieser Weg auch nicht an Calvins Kathedrale, sondern an der Basilique Notre-Dame — einer katholischen Kirche, die erst 1852 bis 1857 gebaut wurde, 316 Jahre nach der Reformation.

Und dann läufst du hinein in die Folgen, Station für Station, alle datiert. Zwanzig Kilometer hinter Genf liegt die Chartreuse de Pomier, deren Kartäuser die Reformationsjahrzehnte nur überlebten, weil sie zahlten — „moyennant une taxe aux protestants“, gegen eine Abgabe an die Protestanten: beten gegen Gebühr. Am zweiten Tag kommst du durch Frangy — im November 1590 von Genfer Truppen niedergebrannt, nachdem ihr Angriff auf Chaumont gescheitert war; du läufst durch einen Ort, den die Soldaten deiner Startstadt eingeäschert haben, aktenkundig mit Monat und Jahr. In Chavanay steckte 1567 der zur Reformation übergetretene Ortsherr Jean de Fay die eigene Pfarrkirche in Brand — das heutige Dach stammt von 1672. Und in Montfaucon-en-Velay steht die Kapelle Notre-Dame überhaupt nur, weil Calvinisten 1585 den Ort einnahmen und jemand für das Ende der Besatzung ein Gelübde ablegte.

Aber dieser Weg endet nicht in der Anklage — er dreht die Geschichte um. Die letzten Etappen führen über das Plateau Vivarais-Lignon, seit der Reformation hugenottisches Land. Zwischen 1940 und 1944 versteckten die protestantischen Bauern dieses Hochlands Juden vor der Verfolgung: Le Chambon-sur-Lignon, sechs Kilometer neben deiner Etappe, wurde dafür 1990 vom Staat Israel kollektiv als „Gerecht unter den Völkern“ ausgezeichnet — ausdrücklich samt den Nachbargemeinden, durch die du gehst; rund 40 Menschen der Gegend tragen die Ehrung einzeln. Wie viele gerettet wurden, ist ehrlicherweise umstritten — die Schätzungen reichen von etwa 1.000 Juden bis 5.000 Flüchtlingen. Im Gemeindegebiet von Tence überlebte so der spätere Bibelübersetzer André Chouraqui. Derselbe Protestantismus, der 1536 die Wallfahrt verbot und 1590 Frangy anzündete, hat 1943 Menschen in Scheunen versteckt — ein Weg durch 400 Jahre Glaubensgeschichte, auf denselben 347 Kilometern. Und 1993 kam der letzte Dreh: Compostela-Heimkehrer gründeten den Verein, der genau diesen Korridor wieder als Pilgerweg markierte. Seither gehen hier wieder Pilger — durch Calvins Stadt, an der Gelübde-Kapelle vorbei, über das Plateau der Gerechten.

Andere Namen

„Via Gebennensis“ heißt schlicht Genfer WegGebenna ist die mittellateinische Form von Genf, wie in comes Gebennensis, dem Grafen von Genf. Das Adjektiv ist also echt mittelalterlich; der Wegname ist es nicht: Ihn hat der Trägerverein in den 1990er Jahren geprägt, damit die neue Verbindung ins vertraute Namensschema der französischen Jakobswege passt — und genau das sagen wir dir lieber, als eine Urkunde zu erfinden. Auf Französisch heißt der Weg Voie de Genève oder Chemin de Genève, auf Deutsch Genfer Weg oder Jakobsweg Genf–Le Puy. Amtlich trägt er die Wanderwegnummer GR 65 — dieselbe Nummer, die von Genf bis Pamplona durchläuft und ab Le Puy Via Podiensis heißt. Und der offizielle Vereinsführer nennt ihn im Volltitel „Via Gebennensis par Yenne, La Côte-St-André et Chavanay“: Weil es Varianten gab, musste die Hauptroute namentlich festgeschrieben werden — an diesen drei Orten erkennst du, dass du auf ihr bist.

Für wen ideal – und für wen eher nicht

Dieser Weg ist etwas für dich, wenn du ohnehin weiter willst: Wer von Konstanz, Zürich oder Einsiedeln über die Via Jacobi heruntergekommen ist, hat in Genf nichts erreicht, sondern nur die Schweiz beendet — diese 347,6 Kilometer sind das Stück, das aus einer Schweizer Wanderung eine Reise nach Santiago macht. Er ist auch etwas für dich, wenn du Ruhe willst, und zwar wirklich: Ein Wanderer zählte im Mai 2025 auf 220 Kilometern vier andere Pilger — im Isère-Teil kann es passieren, dass du zwei Tage lang niemanden mit Rucksack siehst. Und er passt, wenn du Mittelgebirge magst: 6.750 Meter Aufstieg sind rund 400 Höhenmeter am Tag, mit einzelnen Tagen um 1.000 — fordernd, aber nie technisch, ohne Kletterstellen und ausgesetzte Passagen.

Ehrlich gesagt ist er aber nichts für dich, wenn du die Herbergsgemeinschaft des Camino Francés suchst — die gibt es hier nicht, die beginnt erst in Le Puy. Nichts für dich ist er auch, wenn du spontan gehen willst: Der Vereinsführer listet über 75 Unterkünfte, aber verteilt auf 17 Etappenorte ist das keine Auswahl, sondern eine Kette — in mehreren Dörfern steht genau ein Haus, oft ein Privatquartier mit Voranmeldung und Halbpension, weil es im Ort sonst nichts gibt. Solche Lücken plant man vorher weg, nicht unterwegs. Und wer mittelalterliche Pilgerdichte erwartet — Hospize, Muschelfunde, Urkunden —, wird enttäuscht: Die findest du ab Le Puy. Hier findest du römische Straßenstationen, Zollposten und eine Konfessionsgeschichte, die stärker ist als jede erfundene Tradition.

Streckenverlauf & Landschaft

Du startest an der Basilique Notre-Dame, keine 300 Meter vom Bahnhof Genève-Cornavin, gehst durch Carouge und bist nach wenigen Kilometern in Frankreich. Der erste Anstieg führt über den Col du Mont Sion an der Kartause Pomier (um 1170) vorbei — bei klarer Luft steht der Mont Blanc im Rücken. Über Frangy und das Tal der Usses erreichst du den Pont du Fier und die Rhône bei Seyssel, wo die Hängebrücke von 1840 auf einem mittelalterlichen Mittelpfeiler ruht, der einst eine Schwarze Madonna trug. Zwei Tage begleitest du Fluss und Canal de Savières bis Chanaz, dann geht es unter der Dent du Chat durch die Weinberge von Jongieux nach Yenne, der römischen Station Etanna. Der Col du Tournier bringt dich über den Guiers — bis 1860 Staatsgrenze zwischen Savoyen und Frankreich — nach Saint-Genix-sur-Guiers.

Der Mittelteil gehört der Isère: die kühlen, waldigen Terres froides, der Kammweg über dem Lac de Paladru — der landschaftlich beste Abschnitt dieser Tage —, dann die weite Getreideebene der Bièvre-Valloire mit La Côte-Saint-André und dem mittelalterlichen Dorf Revel-Tourdan. Bei Chavanay querst du die Rhône, und ab hier wird es Gebirge: durch die Terrassenweinberge des Condrieu hinauf in den Regionalen Naturpark Pilat, über den Col du Tracol auf die Hochebene des Velay, wo der Weg im Massif du Meygal mit rund 1.285 Metern seinen höchsten Punkt erreicht. Der letzte Tag ist der schönste: Abstieg durch eine Landschaft erloschener Vulkane über Saint-Germain-Laprade ins Bassin du Puy, aus dem Kathedrale und der Felsen von Aiguilhe wie Fingerzeige herausstehen. ↗ 6.750 m, ↘ 6.496 m — netto steigst du 254 Meter, in Wahrheit gehst du drei Welten: Alpenvorland, Hügel-Isère, Vulkan-Velay.

Etappen, Gelände & Schwierigkeit

17 Etappen sind der ehrliche Rhythmus, im Schnitt gut 20 Kilometer — die offiziellen Stellen rechnen mit 18, kommerzielle Anbieter mit 19, und nach unten ist wenig Luft, weil im Isère- und Velay-Teil oft ein einziges Haus pro Ort vermietet. Plane also 15 bis 18 Tage; wer nur 14 Tage hat, koppelt die drei Kurztage (Etappe 1, 5 und 9) an die Nachbaretappen. Die Kilometerangaben unten sind Fremdwerte aus den Etappenlisten der Vereine und tragen deshalb „ca.“; die Trackmessung unserer Routendatenbank ergibt für die Gesamtstrecke 347,6 km. Technisch ist nichts schwierig; anstrengend sind die Übergänge — Col du Mont Sion, Col du Tournier, der Aufstieg aus dem Rhônetal in den Pilat und der Col du Tracol mit rund 1.000 Tageshöhenmetern. Bei Nässe sind die steinigen Abstiege in Pilat und Velay rutschig. Die eigentliche Planungsgröße ist aber das Quartier: Dein Etappenziel bestimmt nicht deine Kondition, sondern die Frage, wo ein Bett steht.

  1. Genf → Beaumont — ca. 16 km — Kurzer Einlauftag: Start an der Basilique Notre-Dame beim Bahnhof Cornavin, durch Carouge und über die Grenze bei Bardonnex. Ab hier französische Preise.
  2. Beaumont → Frangy — ca. 23 km — Der erste ernste Anstieg über den Col du Mont Sion, vorbei an der Chartreuse de Pomier (um 1170); bei klarer Luft Mont-Blanc-Blick. Ziel im Terroir der Roussette de Savoie.
  3. Frangy → Seyssel — ca. 21 km — Durch das Tal der Usses, über den Pont du Fier und die Fier-Schlucht zur Rhône. Ankunft an der Hängebrücke von Seyssel (1838–1840) mit der Marienstatue auf dem mittelalterlichen Mittelpfeiler.
  4. Seyssel → Chanaz — ca. 22 km — Rhône-Etappe, im Sommer heiß und schattenarm (ein Pilger notierte 41 °C). Ziel: Chanaz am Canal de Savières, die „petite Venise savoyarde“ — im Sommer knapp an Betten, vorher reservieren.
  5. Chanaz → Yenne — ca. 16 km — Kürzester Tag, dafür Weinberge: Jongieux, dann unter der Dent du Chat nach Yenne, der römischen Straßenstation Etanna. Kirche Notre-Dame (12.–14. Jh.).
  6. Yenne → Saint-Genix-sur-Guiers — ca. 23 km — Über den Col du Tournier, waldig und wild, rund 800 Höhenmeter auf und ab. Am Guiers, der alten Grenze, endet Savoyen — und der Gâteau de Saint-Genix wartet.
  7. Saint-Genix-sur-Guiers → Valencogne — ca. 19 km — Eintritt in die Terres froides der Isère: Maisfelder, Weiler, Hügelketten; bei Les Abrets und Saint-Ondras Templerland von ca. 1124.
  8. Valencogne → Le Grand-Lemps — ca. 23 km — Höhenweg über den Kämmen oberhalb des Lac de Paladru, der landschaftlich beste Isère-Tag. Ziel bei Bévenais: die Heimatstadt des Malers Pierre Bonnard.
  9. Le Grand-Lemps → La Côte-Saint-André — ca. 14 km — Die kürzeste Etappe zum reichsten Ort: Halle vom Ende des 13. Jahrhunderts, Kirche Saint-André (1088–1102), Geburtshaus von Hector Berlioz.
  10. La Côte-Saint-André → Revel-Tourdan — ca. 21 km — Durch die Bièvre-Valloire über Faramans; nahe der Trasse lag die Abbaye de Bonnevaux (1117). Ziel: das mittelalterliche Dorf über der antiken Stätte Turedonnum.
  11. Revel-Tourdan → Saint-Romain-de-Surieu — ca. 18 km — Ruhiger Agrar-Tag mit der Chapelle de la Salette (Kern 11./12. Jh.). Kleine Orte, dünnes Angebot — hier unbedingt vorher buchen.
  12. Saint-Romain-de-Surieu → Chavanay — ca. 25 km — Der längste Tag: Querung der Rhône bei Saint-Alban-du-Rhône/Chavanay, Wechsel von der Isère in die Loire. In Chavanay die Kirche Sainte-Agathe mit Pilgerstatue, ringsum die Weinlagen von Condrieu und Saint-Joseph.
  13. Chavanay → Saint-Julien-Molin-Molette — ca. 21 km — Aufstieg aus dem Rhônetal durch die Terrassenweinberge des Condrieu in den Regionalen Naturpark Pilat. Ab hier Mittelgebirge.
  14. Saint-Julien-Molin-Molette → Les Sétoux — ca. 23 km — Der härteste Tag: rund 1.000 Höhenmeter, Col du Tracol (1.062 m), Nadelwald, Wetterumschläge; alternativ über Bourg-Argental mit seinem romanischen Portal (12. Jh.). In Les Sétoux wenige Betten.
  15. Les Sétoux → Montfaucon-en-Velay — ca. 19 km — „Montagnes russes du Velay“: ständiges Auf und Ab um die 1.000 Meter. Ziel: die Gelübde-Kapelle von 1585 mit den zwölf flämischen Tafeln; Tence (6 km) als Ausweichquartier.
  16. Montfaucon-en-Velay → Saint-Julien-Chapteuil — ca. 26 km — Langer Tag über den Massif du Meygal, mit rund 1.285 m der höchste Punkt des Weges; teilbar mit Zwischenstopp in Saint-Jeures. Ziel unter den Basaltorgeln des Suc de Chapteuil, im Geburtsort von Jules Romains.
  17. Saint-Julien-Chapteuil → Le Puy-en-Velay — ca. 18 km — Vulkanlandschaft, Abstieg über Saint-Germain-Laprade ins Bassin du Puy. Einlauf zur Kathedrale Notre-Dame und zur Chapelle Saint-Michel d'Aiguilhe (geweiht 961, 268 Stufen).

Die Bettenlage bestimmt diesen Weg: Der Vereinsführer nennt über 75 Unterkünfte — Accueils jacquaires bei Vereinsmitgliedern (teils auf Spendenbasis), kommunale und private Gîtes, Chambres d'hôtes, Campings, einfache Hotels —, aber 75 Adressen auf 347 Kilometern sind kein Netz, sondern eine Kette: In Saint-Romain-de-Surieu oder Les Sétoux steht faktisch ein Haus. Reservieren ist hier keine Höflichkeit, sondern Voraussetzung. Teilstrecken funktionieren trotzdem gut, denn unterwegs liegen Bahnhöfe in Culoz (bei Seyssel/Chanaz), Les Abrets, Le Grand-Lemps und Les Roches-de-Condrieu — und wer nur zwei Wochen hat, koppelt die Kurztage 1, 5 und 9 an ihre Nachbarn.

Highlights am Weg

  • Basilique Notre-Dame, Genf — Start und Nahtstelle: ausdrücklich Endpunkt der Via Jacobi und Nullpunkt der Via Gebennensis. Gebaut 1852–1857, Basilica minor seit 1954 — der einzige Jakobsweg Europas, der an einer Kirche beginnt, die es zur Zeit der Wallfahrtsblüte noch gar nicht gab.
  • Chartreuse de Pomier (um 1170) — die Kartause 20 Kilometer hinter Genf, die die Reformationsjahrzehnte 1536–1557 überlebte, weil die Mönche zahlten: „moyennant une taxe aux protestants“ — beten gegen Gebühr.
  • Hängebrücke von Seyssel (1838–1840) — sie steht auf dem mittelalterlichen Mittelpfeiler der alten Holzbrücke, der einst die Schwarze Madonna der Rhône-Schiffer trug; die Statue steht heute in der Kirche von Seyssel (Ain). Seit 1760 ist der Fluss hier Grenze — deshalb gibt es zwei Orte namens Seyssel, einen je Ufer.
  • Chanaz und der Canal de Savières — die „petite Venise savoyarde“ war ein Zollnest: Landzoll, Wasserzoll, Salzsteuer, Brückengeld und ein Zollposten — wer hier querte, zahlte. Dazu die Nussöl-Mühle von 1868; 1244 passierte Papst Innozenz IV., 1391 die Totenbarke des Grafen Amédée VII.
  • Yenne — als Etanna auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet, „station routière et portuaire“: Der Ort stand auf einer römischen Straßenkarte, bevor es Jakobspilger gab. 1215 machte Thomas I. von Savoyen Yenne zur ersten befreiten Gemeinde Savoyens.
  • Gâteau de Saint-Genix — die Brioche mit den rosa Pralinen geht auf die Märtyrerin Agathe von Catania zurück; ihre heutige Form schuf um 1880 der Konditor Pierre Labully. Und der Weg setzt die Pointe selbst: In Saint-Genix isst du eine Märtyrerin — sechs Tage später betest du in ihrer Kirche, denn die Pfarrkirche von Chavanay ist Sainte-Agathe geweiht.
  • La Côte-Saint-André — Halle vom Ende des 13. Jahrhunderts, Kirche Saint-André von 1088–1102 (älter als der Codex Calixtinus), Destillerie Cherry Rocher seit 1705 — und das Geburtshaus von Hector Berlioz, seit 1935 Museum. Er selbst über den Ort: „Je suis né le 11 décembre 1803, à La Côte-Saint-André, très petite ville de France“ — und den Jakobsweg vor der Haustür ist er nie gegangen.
  • Abbaye de Bonnevaux — 1117 gestiftet von Gui de Bourgogne, dem späteren Papst Calixt II., der Compostela 1120 zum Erzbistum erhob. 1789 geplündert, um 1830 als Steinbruch verkauft: Vom Kloster steht ein Kreuz von 1933 — vom Weg ein Wegweiser von 1998.
  • Revel-Tourdan — mittelalterliches Dorf über der antiken Siedlung Turedonnum, mit dem Prieuré Notre-Dame de Tourdan und der Église Saint-Roch samt Malerei aus dem 12. Jahrhundert. Der bedeutendste Fund des Ortes ist seit über 160 Jahren fort: Die römische Silbervase, am 11. Juni 1842 von Arbeitern ausgegraben, wurde 1859 vom British Museum gekauft.
  • AOC Condrieu — Terrassenweinberge über der Rhône, gerettet von Georges Vernay, „le pape du Condrieu“: 1960 waren noch 6 Hektar Viognier bepflanzt, heute sind es rund 210. Der Weinberg wurde wiederbelebt, 40 Jahre bevor der Weg es wurde.
  • Regionaler Naturpark Pilat und Col du Tracol (1.062 m) — der härteste Tag des Weges: Nadelwald, Wetterumschläge, rund 1.000 Höhenmeter am Stück.
  • Chapelle Notre-Dame, Montfaucon-en-Velay — gebaut als Gelübde nach der Einnahme des Ortes durch die Calvinisten 1585. Darin zwölf flämische Tafeln von Abel Grimmer (16. Jh.): am 27. Juni 1995 gestohlen, am 8. Dezember 1995 unversehrt wiedergefunden, am 23. Juli 1999 zurückgehängt — „la place qu'elle n'aurait jamais dû quitter“.
  • Plateau Vivarais-Lignon — das hugenottische Hochland der letzten Etappen: Zwischen 1940 und 1944 versteckten die Bewohner Juden; 1990 zeichnete Israel Le Chambon-sur-Lignon und die Nachbargemeinden kollektiv als „Gerechte unter den Völkern“ aus. Das Lieu de Mémoire (2013) liegt sechs Kilometer neben der Etappe.
  • Kathedrale Notre-Dame du Puy und Chapelle Saint-Michel d'Aiguilhe — das Ziel: UNESCO-Welterbe, täglicher Pilgersegen, die Schwarze Madonna (das Original 1794 verbrannt, im 19. Jahrhundert ersetzt) — und damit schließt sich die Klammer zur Madonna vom Brückenpfeiler von Seyssel. Daneben der Vulkanfelsen von Aiguilhe mit der 961 von Bischof Godescalc geweihten Kapelle, 268 Stufen hoch.

Wie Pilger auf diesen Weg gelangen

Die natürlichste Anreise ist zu Fuß, denn dieser Weg ist das Ende einer Kette: In Genf endet die Via Jacobi, die Schweizer Nationale Route 4 — 446 Kilometer in 20 Etappen vom Bodensee bis zum Genfersee, im Gesamtnetz sogar 645 Kilometer. Wer sie gegangen ist, steht am Schluss an der Basilique Notre-Dame — und genau dort, an derselben Kirche, beginnt die Via Gebennensis: Endpunkt der einen, Nullpunkt der anderen, ohne einen Meter dazwischen. Das Tourismusamt von Le Puy beschreibt die Funktion dieses Weges entsprechend nüchtern als „le lien avec la Suisse, l'Europe de l'Est et les chemins du Sud de l'Allemagne“ — die Verbindung zur Schweiz, nach Osteuropa und zu den Wegen Süddeutschlands. Alles, was auf der Via Jacobi vom Bodensee herunterkommt, sammelt sich hier.

Wer nicht die ganze Schweiz durchläuft, reist einfach nach Genf — bequemer geht Jakobsweg-Anreise nicht: Der Flughafen Genève-Cointrin liegt sechs Kilometer vom Hauptbahnhof Cornavin, die Bahn braucht dafür wenige Minuten, und Cornavin selbst hat Direktzüge aus Zürich, Bern, Basel und Lausanne sowie TGV aus Paris und Lyon. Vom Bahnhof bis zum Startpunkt an der Basilique Notre-Dame sind es keine 300 Meter: Du kannst am Vormittag landen und am Nachmittag die ersten 16 Kilometer nach Beaumont gehen. Deinen Pilgerausweis bestellst du am besten vorab online bei einem der Jakobus-Vereine, damit er rechtzeitig bei dir ist.

Weiterpilgern?

In Le Puy-en-Velay endet dieser Weg nicht — er behält seine Wegnummer und wechselt nur den Namen: Der GR 65 läuft von Genf bis Pamplona durch, ab Le Puy heißt er Via Podiensis. Damit stehst du am ältesten und meistbegangenen der vier Wege, die der Codex Calixtinus um 1135 nennt — in derselben Stadt, aus der Bischof Godescalc schon 951 als einer der ersten namentlich bekannten französischen Pilger nach Galicien aufbrach. Der Pilgersegen wird in der Kathedrale bis heute jeden Morgen erteilt, danach öffnen sich die „Portes du ventre“, und dahinter beginnt Kilometer null. Ein ehrlicher Zahlen-Service dazu: Rund 25.000 Menschen starten jährlich in Le Puy, aber 2019 kamen nur 3.180 von ihnen in Santiago an — die meisten gehen Etappen, keine Endziele. Wer aus Genf kommt, hat ihnen allen etwas voraus: 347,6 Kilometer Anlauf.

Von Le Puy sind es über Conques, Figeac, Cahors und Moissac rund 750 Kilometer bis Saint-Jean-Pied-de-Port — dort übernimmt der Camino Francés und führt in gut vier Wochen über die Pyrenäen nach Santiago; insgesamt liegen ab Le Puy noch etwa 1.500 Kilometer vor dir. Und Le Puy ist nicht nur dein Ziel, sondern ein Sammelpunkt: Parallel trifft hier der Weg Trier–Le Puy ein — wer nicht aus der Schweiz kommt, sondern aus der Eifel oder von der Mosel, landet am selben Kathedralportal. Ab dem nächsten Morgen gehen beide denselben Weg.

Vorbereitung & Praktisches

Die Saison läuft von Mai bis Anfang Oktober. Zwei Wetterfallen solltest du kennen: Im Hochsommer ist der Rhône-Abschnitt zwischen Seyssel und Chanaz heiß und schattenarm — ein Pilger notierte dort 41 Grad, Wasser nimmst du in den kleinen Orten mit. Umgekehrt liegt auf der Hochebene des Velay bis in den Mai Schnee, und die Gîtes dort öffnen oft erst nach Ostern. Die beste Kombination sind Ende Mai bis Juni und die zweite Septemberhälfte. Zur Ausrüstung reicht normale Mittelgebirgs-Ausstattung; Stöcke lohnen sich bei 6.750 Höhenmetern, und bei Nässe sind die steinigen Abstiege in Pilat und Velay rutschig.

Der wichtigste Teil der Vorbereitung ist das Quartier. Über 75 Unterkünfte klingen komfortabel, verteilen sich aber auf 17 Etappenorte — und viele Adressen sind Accueils jacquaires, Privatquartiere von Vereinsmitgliedern, teils auf Spendenbasis, fast immer mit Voranmeldung und häufig mit Halbpension, weil es im Dorf weder Restaurant noch Laden gibt. Reserviere früh, besonders für Saint-Romain-de-Surieu, Les Sétoux und die Sommerwochen in Chanaz. Ein Gepäcktransport ist buchbar (La Malle Postale, seit 2009 in Le Puy ansässig). Und plane deine Tagesetappen vorher durch, weil die Betten die Etappen diktieren — am einfachsten gelingt das direkt in der Camino Ninja App, in der du deine Etappen zusammenstellst und passende Unterkünfte gleich mit einplanst.

Einen Pilgerausweis (Credencial/Créanciale) brauchst du, sobald du in Gîtes zum Pilgerpreis schlafen willst — und spätestens ab Le Puy, wenn du weitergehst und am Ende die Compostela möchtest. Bestell ihn vorab online; in Le Puy gibt ihn die Boutique der Kathedrale direkt nach dem morgendlichen Pilgersegen aus. Als Wegbegleiter ist der zweisprachige Praxisführer der Association Rhône-Alpes des Amis de Saint-Jacques („Via Gebennensis par Yenne, La Côte-St-André et Chavanay“, Ausgabe 2024–2025, Französisch und Deutsch) die einzige regelmäßig aktualisierte Adressliste — von dem Verein, der diesen Weg 1993 überhaupt erst geschaffen hat. Ehrlicher wird Wegliteratur nicht.

Was dich der Weg kostet

Der teuerste Tag ist der erste — und zwar vor dem ersten Schritt, denn in Genf zahlst du in Schweizer Franken, und Genf gehört zu den teuersten Städten Europas: Ein einfaches Hotelzimmer liegt schnell im dreistelligen Bereich, selbst der Supermarkteinkauf kostet ein Vielfaches des französischen Preises (Stand: August 2026). Der praktische Tipp ist deshalb keine Sparsamkeit, sondern Strategie: früh ankommen, sofort loslaufen und die erste Nacht in Beaumont auf französischer Seite verbringen — 16 Kilometer, die dir eine dreistellige Summe sparen können. Ab der Grenze wird es normal: Der Vereinsführer rechnet mit etwa 40 bis 50 € pro Tag, Pilgerberichte nennen 30 bis 50 € für die Übernachtung und 40 bis 45 € für Halbpension im Privatquartier (Stand: August 2026); realistisch liegst du bei 45 bis 60 €, wenn du in Gîtes schläfst und selbst einkaufst. Rechne aber ein, dass du Halbpension auf diesem Weg gelegentlich nicht aus Bequemlichkeit nimmst, sondern aus Mangel an Alternativen — in mehreren Orten gibt es schlicht kein Restaurant und keinen Laden. Für 17 Etappen landest du damit je nach Stil bei rund 750 bis 1.050 € ohne An- und Abreise, plus die eine teure Nacht, falls du sie dir in Genf gönnst.

Anreise

Zum Start: Genf ist der bequemste Startpunkt aller Frankreich-Jakobswege. Der Flughafen Genève-Cointrin (GVA) liegt sechs Kilometer vom Hauptbahnhof Genève-Cornavin, die Bahn verbindet beide in wenigen Minuten im dichten Takt. Cornavin ist Fernverkehrsknoten mit Direktzügen aus Zürich, Bern, Basel und Lausanne sowie TGV-Verbindungen aus Paris und Lyon — und der Weg beginnt keine 300 Meter vom Bahnhof an der Basilique Notre-Dame. Mit Nachtzug oder Vormittagsflug ankommen und am selben Tag nach Beaumont gehen: Das funktioniert hier wirklich.

Vom Ziel: Le Puy-en-Velay hat einen Bahnhof, aber keinen Schnellverkehr. Die Standardverbindung läuft mit dem Regionalzug in rund zwei Stunden nach Saint-Étienne-Châteaucreux und von dort weiter nach Lyon-Part-Dieu; alternativ gibt es die Linie nach Clermont-Ferrand. Von Lyon erreichst du per TGV Paris und mit Lyon-Saint-Exupéry (LYS) einen internationalen Flughafen. Plane einen Puffer ein — die Regionalzüge im Velay fahren nicht stündlich. Wer zu Fuß ankommt, kommt auf der Via Jacobi durch die Schweiz — und wer weitergeht, braucht ohnehin keine Rückfahrt: Kilometer null der Via Podiensis liegt an der Kathedrale.

  • Anreise zum Start: Flug nach Genève-Cointrin (GVA), Bahn zum Hauptbahnhof Cornavin in wenigen Minuten; Direktzüge aus Zürich, Bern, Basel, Lausanne, TGV aus Paris und Lyon — vom Bahnhof 300 m bis zur Basilique Notre-Dame.
  • Rückreise ab Le Puy-en-Velay: Regionalzug über Saint-Étienne-Châteaucreux (ca. 2 h) nach Lyon-Part-Dieu, alternativ Richtung Clermont-Ferrand; ab Lyon TGV nach Paris und Flughafen Lyon-Saint-Exupéry. Wer weiterpilgert, reist ohnehin erst später zurück.
  • Zwischeneinstieg für Teilstrecken: Bahnhöfe in Culoz (bei Seyssel/Chanaz), Les Abrets, Le Grand-Lemps und Les Roches-de-Condrieu; Gepäcktransport über La Malle Postale.
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