Voie des Plantagenêts
523,1 Kilometer, 23 Etappen, 3.333 Höhenmeter, höchster Punkt 216 Meter: Die Voie des Plantagenêts beginnt im Watt vor dem Mont-Saint-Michel und läuft über Saint-James, Fougères, Vitré und Pouancé nach Angers, wo Heinrich II. Plantagenêt 1175 als Sühne für die Ermordung Thomas Beckets das Hôpital Saint-Jean stiften ließ. Danach folgt sie dem Tuffstein: Brissac-Quincé, das Höhlendorf Rochemenier, Doué-la-Fontaine, Montreuil-Bellay und Thouars, wo eine Brücke schon 1099 urkundlich „Sancti Iacobi" heißt. Durch die Porte Saint-Jacques betrittst du Parthenay, die Stadt des Mannes, dem die Überlieferung den ersten Pilgerführer Europas zuschreibt; über die Gâtine, Niort mit dem Donjon der Plantagenêts und den Wald von Chizé endet der Weg bei Availles-sur-Chizé, einen Tag vor der Via Turonensis. Ehrlich gesagt: Der durchgehende Verlauf ist eine Trassierung der Vereine seit 1998 und 2004, kein überlieferter Pilgerbericht. Aber die Ortsnamen waren vorher da — Saint-James, Saint-Jacques-de-Thouars, zweimal „l'Hôpital" — und der Weg ist in beide Richtungen markiert: Muschel nach Süden, Mont nach Norden.
- 01Auf einen Blick
- 02Überblick
- 03Andere Namen
- 04Für wen ideal – und für wen eher nicht
- 05Streckenverlauf & Landschaft
- 06Etappen, Gelände & Schwierigkeit
- 07Der Weg trägt einen Familiennamen — und jeder Wegweiser zeigt zwei Ziele
- 08Highlights am Weg
- 09Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
- 10Weiterpilgern?
- 11Vorbereitung & Praktisches
- 12Was dich der Weg kostet
- 13Anreise
Auf einen Blick
- Start / Ziel: Le Mont-Saint-Michel (Manche) / Availles-sur-Chizé (Deux-Sèvres)
- Länge: 523,1 km
- Dauer: 23 Etappen (Camino-Ninja-Einteilung), 3–4 Wochen
- Höhenmeter: ↗ 3.333 m / ↘ 3.237 m — 6,4 Meter Anstieg pro Kilometer, Bocage statt Gebirge
- Höchster Punkt: 216 m bei km 417,1 in der Gâtine hinter Parthenay; tiefster Punkt 4 m in der Bucht des Mont-Saint-Michel — der Weg steigt erst nach vier Fünfteln der Strecke auf sein Dach
- Etappen: 23 — Camino-Ninja-Systematik auf unseren Wegpunkten; der Führer nennt ebenfalls 23, veröffentlicht aber keine Kilometerliste
- Landschaft: Bucht des Mont-Saint-Michel, bretonisches Bocage, Flusstäler des Anjou, Tuffstein und Troglodytendörfer, Thouet-Tal, Gâtine, Rand des Marais poitevin, Wald von Chizé
- Markierung: gelb-blau in beide Richtungen — gelbe Muschel auf blauem Grund nach Santiago, blaue Mont-Silhouette nach Norden; in den Deux-Sèvres auf dem GR 36 zusätzlich rot-weiß
- Jakobus-Spuren: Ortsname Saint-James (Kirche Saint-Jacques, 11. Jh.), Brücke „Sancti Iacobi" bei Thouars (1099), Priorat Saint-Jacques-de-Thouars (1038), Porte, Pont, Faubourg und Vau Saint-Jacques in Parthenay, aumônerie Saint-Jacques in Niort, prieuré et aumônerie Saint-Jacques in Chizé
- Unterkunft: Gîtes communaux, Campings, Chambres d'hôtes und Familien-Gastfreundschaft der Vereine — nur mit Credencial oder Carnet de Miquelot, telefonisch vorangemeldet
- Anschlusswege: am Ende die Via Turonensis bei Aulnay-de-Saintonge, rund 20 km hinter dem Wegende
- Beste Zeit: April bis Juni, September bis Anfang Oktober; im Hochsommer sind Mont und Angers voll und teuer
Überblick
Der Weg trägt keinen Heiligennamen und keinen Landschaftsnamen. Er trägt den Namen einer Familie — und läuft ihre Landkarte ab. Die Plantagenêts regierten im 12. Jahrhundert zugleich Anjou, Maine, Touraine, die Normandie, Aquitanien und England, und du gehst von Norden nach Süden durch ihr Reich: von Saint-James, wo Wilhelm der Eroberer um 1067 seine Grenzburg gegen die Bretonen setzte, über Fougères mit dreizehn Türmen und Vitré nach Angers, wo Heinrich II. 1175 ein Krankenhaus als Sühne stiften ließ; über die Loire in den Tuffstein nach Doué-la-Fontaine, wo Straßen unter der Erde liegen, nach Montreuil-Bellay, das Geoffroy Plantagenêt ein Jahr lang belagerte, nach Thouars, Parthenay und Niort, wo der Donjon steht, den Heinrich begann und Richard Löwenherz vollendete. Hinter Niort wird es flach: der Rand des Marais poitevin, der Wald von Chizé, dann Availles-sur-Chizé — und einen Tag weiter die Via Turonensis.
Ehrlich gesagt: Kein mittelalterlicher Pilger ist nachweislich genau diese Linie gegangen. Die Voie des Plantagenêts ist eine Trassierung der Vereine — Les Chemins du Mont-Saint-Michel seit 1998, der Anjou-Verein seit 2004, der erste Führer 2008 — durch einen Raum, der voller Belege steckt. Ein Dorf heißt Saint-James. Eine Brücke über den Thouet heißt 1099 urkundlich „Sancti Iacobi". Zwei Orte heißen „l'Hôpital", weil dort Johanniter Pilger versorgten. Und in Parthenay heißen Vorstadt, Brücke, Tor und Gasse nach demselben Heiligen. Der Weg ist einer von drei „chemins partagés" zwischen Mont-Saint-Michel und Santiago — geteilte Wege, die es erlauben, „de voyager d'un sanctuaire à l'autre". Deshalb hängen an jedem Pfosten zwei Zeichen: die Muschel für die, die zum Apostel gehen, der Mont für die, die zum Erzengel gehen. Keines davon ist das falsche.
Andere Namen
Auf Französisch heißt der Weg Voie des Plantagenêts, gelegentlich in der Einzahl Voie des Plantagenêt — beide Schreibungen stammen von den Vereinen selbst, einheitlich ist es nie geworden. Die Deux-Sèvres nennen ihren Abschnitt schlicht die Nord-Süd-Voie auf dem GR 36 und beschreiben ihn als „220 kms de marche à travers des paysages variés de bocage, de plaines, de forêts et longe le Marais Poitevin". Der Dachverein führt den Weg als einen von drei geteilten Wegen, den „chemins partagés", zwischen dem Mont-Saint-Michel und Santiago de Compostela.
Zwei Einordnungen solltest du kennen. Erstens: Der Name behauptet keine Heiligenlegende, sondern eine Dynastie — und die Belege am Weg sind echt: Wilhelms Burg in Saint-James, Geoffroys Belagerung von Montreuil-Bellay ab 1149, Heinrichs Hospital in Angers von 1175, der Donjon von Niort. Fontevraud, die Grablege der Familie, liegt allerdings nicht am Weg, sondern östlich bei Saumur — ein Abstecher, kein Wegpunkt. Zweitens: Weil der Weg beidseitig markiert ist, gehen ihn viele von Süden nach Norden, zum Mont statt nach Santiago. Dann folgst du der blauen Silhouette statt der gelben Muschel — dieselbe Trasse, dieselben Pfosten, anderes Ziel.
Für wen ideal – und für wen eher nicht
Ideal, wenn du einen langen, ruhigen französischen Weg suchst, der dich nicht bergsteigen lässt: 3.333 Höhenmeter auf 523 Kilometer sind Bocage, Flusstal und Feldweg, und der höchste Punkt liegt bei 216 Metern. Ideal, wenn dich Geschichte als Bauwerk interessiert und nicht als Gefühl — die Grenzburg Wilhelms des Eroberers, das größte Festungsareal Europas in Fougères, das Sühne-Krankenhaus Heinrichs II., der Donjon Richard Löwenherz', Frankreichs höchstes Schloss in Brissac und ganze Dörfer unter der Erde. Ideal auch, wenn du am ersten Morgen vor einem Weltkulturerbe stehen willst: Nirgends sonst in Frankreich beginnt ein Jakobsweg so.
Ehrlich gesagt ist er aber nichts für dich, wenn du die spanische Herbergsdichte erwartest. Die gibt es hier nicht. Unterkunft läuft über kommunale Gîtes, Campings, Chambres d'hôtes und vor allem über die Familien-Gastfreundschaft der Vereine — und die bekommst du nur mit Credencial oder Carnet de Miquelot in der Hand, telefonisch angemeldet, nicht spontan. Nichts für dich ist er auch, wenn du Panorama brauchst: Der Weg steigt erst bei Kilometer 417 auf sein Dach, und das liegt 216 Meter hoch. Rechne mit Asphalt- und Straßenkilometern zwischen den Dörfern, wie auf allen französischen Bocage-Wegen, und mit tiefen Hohlwegen nach Regen. Solche Lücken plant man vorher weg, nicht unterwegs: Führer 2023 besorgen, Ausweis vor dem Start beantragen, die drei langen Tage — 13, 19, 23 — zuerst reservieren.
Streckenverlauf & Landschaft
Du startest auf fünf Metern über dem Meer, im Watt, den Mont-Saint-Michel im Rücken. Die ersten Kilometer laufen über die Polder von Ardevon und Tanis nach Saint-James, dem Dorf, das nach dem Apostel heißt und dessen Burg Wilhelm der Eroberer um 1067 gegen die Bretonen anlegen ließ. Dann beginnt das Bocage: Hecken, Weiden, Hohlwege. In Fougères stehst du vor dreizehn Türmen, in Vitré vor einer der besterhaltenen Altstädte der Bretagne, in La Guerche-de-Bretagne an der alten Sprachgrenze. Zwischen Senonnes und Pouancé verlässt du die Bretagne und betrittst das Anjou, und der Weg wird flussgeprägt: Grugé-l'Hôpital, Segré an der Oudon, Grez-Neuville an der Mayenne, dann die Maine hinunter nach Angers, der Hauptstadt der Plantagenêts.
Ab Angers wechselt der Untergrund und mit ihm die Farbe. Du gehst bei Les Ponts-de-Cé über die Loire in den Tuffstein: Brissac-Quincé mit dem höchsten Schloss Frankreichs, Saulgé-l'Hôpital, dessen Name von einer Johanniter-Kommende des 12. Jahrhunderts stammt, Rochemenier, ein Dorf unter der Erde, Doué-la-Fontaine, wo ganze Straßenzüge in den Fels gegraben sind. Über die Abbaye d'Asnières erreichst du Montreuil-Bellay über dem Thouet, dann Thouars — und gegenüber der Burg, am anderen Ufer, liegt Saint-Jacques-de-Thouars, dessen Brücke schon 1099 „Sancti Iacobi" heißt. Über Saint-Généroux mit einer der ältesten Kirchen des Poitou und Airvault mit der 1100 geweihten Abteikirche führt der Weg nach Parthenay, wo du durch die Porte Saint-Jacques in die Stadt gehst. Danach steigt er zum einzigen Mal ernsthaft: 216 Meter bei Kilometer 417,1 in der Gâtine. Dann fällt er ab — nach Niort auf 22 Meter, an den Rand des Marais poitevin bei Frontenay-Rohan-Rohan, durch den Wald von Chizé nach Availles-sur-Chizé. Untergrund: Bocage-Hohlweg, Feldweg, Treidelpfad, Straße; Regen jederzeit.
Etappen, Gelände & Schwierigkeit
Wir teilen die Strecke in 23 Etappen — Camino-Ninja-Systematik, und wir sagen es ausdrücklich: Der Führer nennt ebenfalls 23 Etappen, veröffentlicht aber keine Etappenliste mit Kilometern, und der Anjou-Verein führt seine Variante über Le Puy-Notre-Dame, wo unsere Linie über Montreuil-Bellay läuft. Jede Etappengrenze unten ist ein Wegpunkt aus unseren Streckendaten, jede Kilometerzahl die Differenz zweier Wegpunkte; die Summe ergibt exakt die 523,1 Kilometer unserer Route. Technisch ist der Weg leicht: 3.333 Höhenmeter, tiefster Punkt 4, höchster 216 Meter. Was fordert, ist die Länge — drei Tage liegen zwischen 29 und 31 Kilometern — und der Untergrund: Bocage-Wege sind nach Regen tief, und zwischen den Dörfern liegen Straßenkilometer.
- Le Mont-Saint-Michel – Saint-James (22,7 km) — aus der Bucht über Ardevon und Tanis ins Bocage.
- Saint-James – Lécousse/Fougères (28,2 km) — über Montours und Saint-Germain-en-Coglès.
- Fougères – Châtillon-en-Vendelais (25,0 km) — Wald von Fougères und Teichlandschaft.
- Châtillon-en-Vendelais – Vitré (17,7 km) — kurzer Tag, dafür eine ganze Altstadt.
- Vitré – La Guerche-de-Bretagne (27,0 km) — über Argentré-du-Plessis; teilbar bei km 104,9.
- La Guerche-de-Bretagne – Chelun (15,0 km) — kürzeste Etappe, Grenzland.
- Chelun – Pouancé (19,0 km) — über Senonnes ins Anjou.
- Pouancé – Bourg-l'Évêque (16,5 km) — über Grugé-l'Hôpital.
- Bourg-l'Évêque – Segré (21,3 km) — über Nyoiseau an die Oudon.
- Segré – Grez-Neuville (26,0 km) — an die Mayenne.
- Grez-Neuville – Angers (24,6 km) — die Maine hinunter in die Hauptstadt des Anjou.
- Angers – Brissac-Quincé (27,4 km) — über die Loire bei Les Ponts-de-Cé.
- Brissac-Quincé – Doué-la-Fontaine (31,0 km) — längste Etappe, über Saulgé-l'Hôpital und Rochemenier; teilbar in Saulgé-l'Hôpital (10,8 + 20,2 km).
- Doué-la-Fontaine – Montreuil-Bellay (15,3 km) — über die Abbaye d'Asnières.
- Montreuil-Bellay – Thouars (24,1 km) — den Thouet entlang.
- Thouars – Saint-Généroux (19,8 km) — über Missé, vorbei an Saint-Jacques-de-Thouars.
- Saint-Généroux – Saint-Loup-Lamairé (16,4 km) — über Airvault.
- Saint-Loup-Lamairé – Parthenay (23,1 km) — über Gourgé, Ankunft an der Porte Saint-Jacques.
- Parthenay – Champdeniers (29,5 km) — über Saint-Pardoux und den höchsten Punkt des Weges, 216 m bei km 417,1.
- Champdeniers – Niort (27,2 km) — über Germond hinunter in die Stadt des Donjons.
- Niort – Frontenay-Rohan-Rohan (20,4 km) — am Rand des Marais poitevin.
- Frontenay-Rohan-Rohan – Beauvoir-sur-Niort (16,0 km) — kurzer Tag vor dem Finale.
- Beauvoir-sur-Niort – Availles-sur-Chizé / Wegende (29,9 km) — durch den Wald von Chizé; das Wegende liegt 6,3 km hinter dem Ort Richtung Aulnay.
Wer gemütlicher gehen will, teilt die Etappen 5, 12, 13, 19, 20 und 23 an den Zwischenorten Argentré-du-Plessis, Les Ponts-de-Cé, Saulgé-l'Hôpital, Saint-Marc-la-Lande, Germond und Villiers-en-Bois und kommt auf 25 bis 26 Tage. Angers ist der einzige echte Ruhetag-Kandidat der Strecke. Der einzige Anstieg, der den Namen verdient, liegt auf Etappe 19 — von Parthenay auf 145 Metern über Saint-Pardoux auf das Dach des Weges; alles davor und danach ist wellig bis eben.
Der Weg trägt einen Familiennamen — und jeder Wegweiser zeigt zwei Ziele
Fang mit der Familie an. In Saint-James ließ Wilhelm der Eroberer um 1067 eine der stärksten Burgen der Normandie gegen die Bretonen bauen; 1426 belagerte der Connétable de Richemont dort vergeblich die englische Besatzung, die den Ort noch rund vierzig Jahre hielt. In Montreuil-Bellay belagerte Geoffroy Plantagenêt, Graf von Anjou und Vater Heinrichs II., ab 1149 ein Jahr lang Giraud II. Berlay und nahm ihn gefangen. In Angers gründete 1175 der Seneschall Étienne de Marsay auf Wunsch Heinrichs II. das Hôpital Saint-Jean — als Sühne für die Ermordung Thomas Beckets in Canterbury. Der Krankensaal misst 60 mal 22,50 Meter, ist 1188 urkundlich belegt, dreischiffig, mit Plätzen für rund 110 Männer und 112 Frauen, und arbeitete als Krankenhaus bis 1870 — 695 Jahre lang. In der Kathedrale gegenüber wurden Mitte des 12. Jahrhunderts Rippengewölbe über romanische Mauern gesetzt: die Geburt der Gotique angevine, die man bis heute „voûte Plantagenêt" nennt. Und in Niort steht der Donjon, den Heinrich begann und Richard Löwenherz vollendete — Südturm 28 Meter, Nordturm 23, Graben 8 Meter tief. Ein König, der ein Krankenhaus stiftet, weil er einen Erzbischof hat töten lassen: Das ist die Familie, deren Namen du drei Wochen lang auf den Schildern liest.
Dann die Jakobusspuren — und hier musst du nicht suchen, sie stehen in den Ortsnamen. Ein Dorf heißt Saint-James, weil ein Priorat der normannischen Herzöge dort dem Apostel geweiht war; vorher hieß es Beuvron, nach dem Biber. Zwei Dörfer heißen „l'Hôpital", weil sich im 12. Jahrhundert in Saulgé — lateinisch Terrenciacus — eine Kommende des Johanniterordens niederließ, der später rund zwölf Kommenden im Anjou hielt. Gegenüber der Burg von Thouars liegt Saint-Jacques-de-Thouars: 1038 erstmals im Kartular der Abtei Saint-Jouin genannt, die Prioratskirche vom Anfang des 11. Jahrhunderts, und 1099 heißt die Brücke über den Thouet in einer Urkunde „Sancti Iacobi". Das Dorf ist um den Pilgerweg herum gewachsen, der zu seiner Hauptstraße wurde; 1448 kassierte der Vizegraf an der Furt Zoll, 1591 brannte das Priorat ab. In Parthenay beschreibt die Regionalstudie von M.-L. Fracard den Einzug der Pilger wörtlich: „le faubourg Saint-Jacques, le pont et la porte de même nom, puis par le célèbre Vau Saint-Jacques" — Vorstadt, Brücke, Tor und Gasse, alle nach demselben Heiligen, und die Porte Saint-Jacques mit ihren zwei Maschikuli-Türmen aus dem späten 12. Jahrhundert steht noch. Aus Parthenay-le-Vieux, 1092 an La Chaise-Dieu gestiftet, stammt Aymeric Picaud, der um 1140 nach Compostela zog und dem die Überlieferung das fünfte Buch des Codex Calixtinus zuschreibt, den „Iter pro peregrinis ad Compostellam" — das erste Reisehandbuch Europas, entstanden 1138 bis 1145. Ehrlich dazu: Die Zuschreibung ist umstritten, Bernard Gicquel hält Hugues le Poitevin aus Vézelay für den Verfasser, und der Text war bis zur Edition 1882 und zur Übersetzung von Jeanne Vieillard 1938 „parfaitement inconnu du public". Aber selbst wenn die Forschung Picaud das Buch wieder wegnimmt, bleibt Parthenay die Stadt, die es beansprucht — und dieselbe Stadt hat sich 1393 von Jean d'Arras erzählen lassen, die Fee Mélusine habe ihre Mauern gebaut. Zwei Gründungsgeschichten, eine Fee und ein Priester, und Parthenay hat beide behalten.
Und zuletzt der Wegweiser. Am Mont-Saint-Michel hießen die Zugänge im Mittelalter „chemins de Paradis", die Pilger miquelots, und im 14. Jahrhundert wurden am selben Stand Bleifiguren des Erzengels, Muscheln und Bleiampullen mit Sand aus der Bucht verkauft — die Mönche kontrollierten die Produktion über den Besitz der Gussformen. Wer den Mont besucht hatte, trug schon ein Pilgerzeichen und ging weiter. Genau das ist die Idee der Voie des Plantagenêts: einer von drei „chemins partagés", der es erlaubt, „de voyager d'un sanctuaire à l'autre", und deshalb beidseitig markiert — gelbe Muschel auf Blau nach Süden, blaue Mont-Silhouette nach Norden, am selben Pfosten. Ehrlich gesagt fehlt dem Weg, was andere haben: kein namentlicher Pilger, der nachweislich genau diese Linie ging, keine Muschel-Grabfunde, kein Eröffnungsdatum der Gesamtstrecke. Belegt sind Ortsnamen, Urkunden, Bauten — und ein Schild, das in beide Richtungen recht hat.
Highlights am Weg
- Le Mont-Saint-Michel — gegründet 708 durch Bischof Aubert von Avranches nach einer Erscheinung des Erzengels Michael; der früheste erhaltene Pilgerbericht stammt von um 867. Die Zugänge hießen „chemins de Paradis", die Pilger miquelots; 1793 bis 1863 war die Abtei Gefängnis. Abtei-Ticket 16 €, Ort und Shuttle „Le Passeur" kostenlos (Stand: September 2026).
- Saint-James — das Dorf, das nach dem Apostel heißt; Kirche Saint-Jacques vom 11. bis 19. Jahrhundert mit romanischem Portal, ursprünglich Priorat der normannischen Herzöge. Um 1067 baute Wilhelm der Eroberer hier eine Grenzburg gegen die Bretonen; 1426 belagerte Richemont vergeblich die englische Besatzung.
- Château de Fougères — dreizehn Türme, eines der größten Festungsareale Europas, von den Herren von Fougères über die Herzöge der Bretagne bis zur Stadt.
- Vitré — bretonische Altstadt mit Fachwerk und Burg, seit dem 11. Jahrhundert Grenzfeste zum Maine.
- Angers, Hôpital Saint-Jean — 1175 von Étienne de Marsay auf Wunsch Heinrichs II. Plantagenêt gestiftet, Sühne für die Ermordung Thomas Beckets; Krankensaal 60 × 22,50 Meter, 1188 belegt, Betrieb bis 1870, heute Musée Jean-Lurçat. Dazu die Kathedrale Saint-Maurice mit der „voûte Plantagenêt", Türme von 1518 und 1523.
- Château de Brissac — das höchste Schloss Frankreichs, sieben Stockwerke, am Ende von Etappe 12.
- Saulgé-l'Hôpital, Rochemenier und Doué-la-Fontaine — Johanniter-Kommende des 12. Jahrhunderts, dann Troglodyten-Landschaft im Tuffstein: Höfe, Ställe, Kapellen und ganze Straßen unter der Erde.
- Montreuil-Bellay — 1025 von Foulques Nerra genommen; ab 1149 belagerte Geoffroy Plantagenêt hier ein Jahr lang Giraud II. Berlay; dreizehn ineinandergreifende Türme über dem Thouet.
- Saint-Jacques-de-Thouars — Prioratskirche Saint-Jacques vom Anfang des 11. Jahrhunderts, 1038 im Kartular von Saint-Jouin erwähnt; die Brücke über den Thouet heißt 1099 „Sancti Iacobi". Das Dorf ist um den Pilgerweg herum gewachsen.
- Saint-Généroux und Airvault — eine der ältesten Kirchen des Poitou, 1846 klassifiziert, nachdem Prosper Mérimée sie 1840 besucht hatte; in Airvault Kollegiatstift um 990, Abteikirche Saint-Pierre: „l'église a été consacrée en 1100".
- Parthenay — Porte Saint-Jacques mit zwei Maschikuli-Türmen (spätes 12. Jahrhundert), Faubourg, Pont und die Gasse Vau Saint-Jacques; Priorat Parthenay-le-Vieux von 1092, Heimat des Aymeric Picaud.
- Niort, Donjon — begonnen von Heinrich II. Plantagenêt, vollendet von Richard Löwenherz; Südturm 28 Meter, Nordturm 23, Graben 8 Meter; seit 1896 Museum. Im Mittelalter aumônerie séculière Saint-Jacques.
- Wald von Chizé — der letzte Waldabschnitt vor dem Wegende; in Chizé stand ein prieuré et aumônerie Saint-Jacques.
Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
Der Weg beginnt am Mont-Saint-Michel, und die meisten reisen direkt dorthin an — nirgends sonst stehst du am ersten Morgen eines Jakobswegs vor einem Weltkulturerbe. Wer zu Fuß herankommt, benutzt die Chemins du Mont-Saint-Michel, das Zubringernetz aus der Normandie, der Île-de-France und der Bretagne, das auf denselben Verein zurückgeht wie diese Route; auf unserer Karte sind diese Äste noch nicht als eigene Seiten abgebildet. Am Mont beginnt auch die Voie des Capitales, die über Rennes nach Blain an die Voie de la Pointe Saint-Mathieu führt; bei Saint-Médard-sur-Ille stößt die Voie de Dinan zu ihr — beide sind jetzt Camino-Ninja-Wege.
Und weil der Weg beidseitig markiert ist, funktioniert er auch andersherum: Viele gehen ihn von Süden nach Norden, von der Via Turonensis zum Erzengel, und folgen der blauen Mont-Silhouette statt der gelben Muschel. Wer die Bretagne lieber ganz durchquert statt sie zu umgehen, hat mit der Voie de la Pointe Saint-Mathieu vom westlichsten Kap über Brest, Vannes und Nantes nach Clisson die Alternative; die Voie des Plantagenêts lässt die Halbinsel links liegen und geht durch Anjou und Poitou.
Weiterpilgern?
Dieser Weg endet nicht in Santiago, sondern an einer Nahtstelle. Hinter dem Wald von Chizé und Availles-sur-Chizé läuft er auf Aulnay-de-Saintonge zu, rund 20 Kilometer weiter, und dort trifft er auf die Via Turonensis, die große französische Nordroute von Paris über Tours und Poitiers nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Ab dort ist der Weg nach Santiago durchgehend markiert: über Saintes, Bordeaux und die Landes an die Pyrenäen, dann auf dem Camino Francés durch Navarra, La Rioja und Kastilien nach Galicien.
Rechne ehrlich: Von Availles-sur-Chizé bis Santiago sind es noch einmal deutlich über 1.300 Kilometer. Wer sie am Stück geht, plant vom Mont-Saint-Michel aus rund drei Monate. Wer die Voie des Plantagenêts als eigene Reise nimmt, hat mit 523 Kilometern in gut drei Wochen einen kompletten Weg gegangen — mit Anfang, Mitte und einem Ende, das eine Tür ist.
Vorbereitung & Praktisches
Beste Zeit: April bis Juni und September bis Anfang Oktober. Der Westen Frankreichs ist mild, aber nass — Bocage-Wege sind nach Regentagen tief, und im Hochsommer sind Angers und der Mont-Saint-Michel voll und teuer. Markierung: gelb-blau in beide Richtungen, gelbe Muschel auf blauem Grund nach Santiago, blaue Mont-Silhouette nach Norden, nach FFRandonnée-Normen, aber ausdrücklich nicht rot-weiß; in den Deux-Sèvres liegt der Weg auf dem GR 36, dort siehst du beides nebeneinander, und der Deux-Sèvres-Verein prüft die Markierung jedes Jahr. Der Führer 2023 (122 Seiten, 18 € HT, herausgegeben von Compostelle Bretagne) ist die einzige durchgehende gedruckte Wegbeschreibung — die Ausgabe von 2008 ist vergriffen. Die Etappen- und Unterkunftsplanung machst du am einfachsten direkt in der Camino Ninja App zusammen mit Etappen und Unterkünften. Pilgerausweis: Du brauchst mindestens einen von zwei — die klassische Credencial oder das Carnet de Miquelot der Mont-Saint-Michel-Wege. Ohne einen davon bekommst du keinen Zugang zur Familien-Gastfreundschaft; der Anjou-Verein gibt seinen Ausweis nur an Mitglieder ab. Beantrage ihn rechtzeitig, damit er zum Start bei dir ist. Sprache: Französisch; Englisch an den touristischen Punkten Mont, Angers und Fougères, im Bocage nicht.
Unterkunft: kommunale Gîtes, Campings, Chambres d'hôtes und die Familien-Gastfreundschaft der drei Vereine. In den Deux-Sèvres ist sie ein System mit eigener Karte, muschelmarkierten Aufnahmepunkten und dem Grundsatz der Gegenseitigkeit: Die Gastgeber sind selbst ehemalige Pilger, werden telefonisch angefragt und verlangen keinen Tarif, sondern den Ausweis; im Anjou laufen private Familienunterkünfte mit Bett und Frühstück nach Donativo-Prinzip. Ein Buchungsportal gibt es nicht. Verpflegung: Läden in allen Städten und den meisten Etappenorten; in Chelun, Bourg-l'Évêque, Saint-Généroux und Saint-Loup-Lamairé am Vortag einkaufen. Packliste: Regenzeug, das diesen Namen verdient, Schuhe für tiefe Hohlwege, Sonnenschutz für die offenen Plaines im Poitou, zwei Liter Wasser, Offline-Karte; Stöcke brauchst du nur, wenn du sie ohnehin magst.
Was dich der Weg kostet
Gezahlt wird in Euro. Die belegten Fixpunkte zuerst (Stand: September 2026): Die Abtei Mont-Saint-Michel kostet 16 € Eintritt, frei für EU-Bürger zwischen 18 und 25 und für Kinder unter 18 im Familienverband; Dorf und Shuttle „Le Passeur" sind kostenlos, das Parken am Festland kostet je nach Saison ab 10 € bis ab 20 € für drei Stunden, die ersten 30 Minuten frei. Der Wegführer 2023 kostet 18 € HT zuzüglich Versand. Die Familien-Gastfreundschaft hat keinen Tarif — der Deux-Sèvres-Verein nennt sie „un temps privilégié de partage, de convivialité et d'enrichissement mutuel" und verlangt dafür den Pilgerausweis, nicht Geld. Richtwerte für den Rest: Gîte d'étape 15–25 € pro Person, Chambre d'hôtes 60–85 € für zwei mit Frühstück, Hotelzimmer in Fougères, Vitré, Thouars oder Niort 65–95 €, Menu du jour 15–22 €, Bäckerei- und Supermarkttag 8–12 €.
Realistisches Tagesbudget: 35–50 €, wenn du in Gîtes schläfst und dich selbst versorgst; 70–100 € mit Chambres d'hôtes und Restaurant. Für 23 Etappen sind das grob 800–2.300 € ohne Anreise. Angers und der Mont-Saint-Michel sind die beiden teuren Punkte; das Bocage dazwischen ist billig. Bahn: TGV Paris–Rennes, TER Rennes–Pontorson, TGV Niort–Paris — Preise über sncf-connect.com prüfen.
Anreise
Zum Start (Mont-Saint-Michel): Der Mont ist über Pontorson angebunden — Bahnhof an der Strecke Rennes–Caen, von dort Busshuttle zum Mont; alternativ per TGV nach Rennes und weiter mit Bus oder Bahn. Vom Festlandparkplatz fährt die kostenlose Shuttle „Le Passeur" zum Fuß des Berges. Wer mit dem Auto anreist, plant die Parkgebühren ein.
Unterwegs und vom Ziel (Availles-sur-Chizé): Fougères, Vitré, Angers, Thouars, Parthenay und Niort haben Bahn- oder Busanschluss — der Weg lässt sich an vielen Stellen unterbrechen. Availles-sur-Chizé selbst hat keinen Bahnhof; nächster Knoten ist Niort mit TGV nach Paris-Montparnasse, La Rochelle und Bordeaux, erreichbar per Regionalbus von Beauvoir-sur-Niort oder Chizé. Wer weitergeht, läuft in einem Tag nach Aulnay-de-Saintonge und steht auf der Via Turonensis.
- Bahn Frankreich: sncf-connect.com — TGV und TER nach Rennes, Pontorson, Angers und Niort
- Mont-Saint-Michel: montsaintmichel.gouv.fr — Zugang, Öffnungszeiten, Tarife der Abtei
- Dachverein und Führer: lescheminsdumontsaintmichel.com — Les Chemins du Mont-Saint-Michel, Führer 2023
- Verein Deux-Sèvres: amis-compostelle79.fr — Markierung, Familien-Gastfreundschaft, Unterkunftskarte
Partner
Partner für Voie des Plantagenêts
Camino Ninja arbeitet mit offiziellen Partnern zusammen. Für diesen Camino ist der Partner:
Hol dir deinen Pilgerausweis und die Muschel
Alles, was du für den Voie des Plantagenêts brauchst, direkt zu dir nach Hause.
Camino Shop besuchen
Weitere Caminos
Appenzeller WegAppenzeller Weg
52,6 km von Rankweil über den Rhein nach St. Peterzell: Jakobskapelle von 1464, 163 Jahre Hochzeitsweg, Anschluss an die Via Jacobi. Etappen, Kosten, Anreise.
Lesen Aqueduct Trail
Aqueduct Trail – Verbindungsweg entlang des Aquädukts von Vila do Conde
Vom Küstenweg auf den Camino Central: 12,9 km entlang des Aquädukts von Vila do Conde nach São Pedro de Rates. Route, Etappe, Herbergen, Kosten — ehrlich erklärt.
Lesen Augsburger Jakobsweg
Augsburger Jakobsweg
Der Augsburger Jakobsweg führt in 11 Etappen und 231,7 km von Oettingen im Ries über Donauwörth, Augsburg, Bad Wörishofen und Ottobeuren nach Ermengerst im Allgäu — Fuggerei, Jakobervorstadt, ein Pilger von 1446 und Mozarts Orgelduell. Etappen, Herbergen, Kosten.
Lesen

