Jakobsweg Rheinhessen
Der Jakobsweg Rheinhessen verbindet auf 69,5 Kilometern zwei Städte, die Geschichte geschrieben haben: Bingen, wo Hildegard ihr Kloster gründete, und Worms, wo Luther 1521 vor dem Reichstag stand. Dazwischen liegt das Rheinhessische Hügelland mit Weinbergen, Kirchtürmen und weiten Blicken bis zum Taunus. Der Weg wurde ab 2005 aus alten Schriften rekonstruiert und 2009 geschlossen. Drei entspannte Tage, gut erreichbar mit der Bahn, ideal als erster Pilgerweg.
- 01Auf einen Blick
- 02Überblick
- 03Andere Namen
- 04Für wen ideal – und für wen eher nicht
- 05Streckenverlauf & Landschaft
- 06Etappen, Gelände & Schwierigkeit
- 07Die alten Pilger liefen hier – nur in die Gegenrichtung
- 08Highlights am Weg
- 09Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
- 10Weiterpilgern?
- 11Vorbereitung & Praktisches
- 12Was dich der Weg kostet
- 13Anreise
Auf einen Blick
- Start / Ziel: Bingen am Rhein, Burg Klopp / Worms-Herrnsheim; zum Dom sind es auf dem Jakobsweg Mainz–Speyer noch rund 5 km
- Länge: 69,5 km
- Dauer: 3 Etappen, gemütlich 4
- Höhenmeter: ↗ 846 m / ↘ 855 m
- Höchster Punkt: 284 m bei km 50,9 zwischen Framersheim und Dittelsheim-Heßloch, an den Hängen des Kloppbergs
- Landschaft: Rheinhessisches Hügelland: Weinberge, Feldwege, Kirchdörfer, Aussichtskuppen
- Träger / Markierung: gelbe Muschel auf blauem Grund, dazu gelbe Pfeile
- Jakobus-Spuren: Kloster Jakobsberg bei Ockenheim, Kirche St. Philippus und Jakobus in Sulzheim, St. Jakobus in Heßloch, ein Jakobsmuschelstein am Wormser Dom
- Unterkunft: Gästezimmer in Weingütern, Pensionen, Jugendherberge in Worms; keine Pilgerherbergen
- Anschlusswege: in Bingen Linksrheinischer Jakobsweg, Jakobsweg Fulda – Frankfurt – Bingen, Hunsrücker Jakobsweg, Nahe-Glan-Camino; in Worms Jakobsweg Mainz–Speyer und Klosterroute Worms
- Beste Zeit: April bis Oktober; am ersten Sonntag im Mai feiern die Orte am Weg ihr Pilgerwegfest
- Vereine am Weg: ganzer Weg: St. Jakobus-Gesellschaft Rheinland-Pfalz-Saarland e.V.
Überblick
Der Jakobsweg Rheinhessen ist ein kurzer Weg mit langem Atem. Er beginnt in Bingen, wo Rhein und Nahe zusammenfließen und Hildegard um 1150 auf dem Rupertsberg ihr eigenes Kloster gründete, und endet in Worms, der Stadt des Doms, der Nibelungen und des Reichstags von 1521. Dazwischen gehst du durch das Rheinhessische Hügelland: Weinberge bis zum Horizont, Dörfer mit barocken Kirchen, Kuppen mit Aussichtstürmen.
Pilgerstraßen gab es hier schon im Mittelalter; ein Pilgerpfad durch den Wormsgau wird 1392 erwähnt. Die heutige Linie hat die Regionalgruppe Rheinhessen ab 2005 anhand alter Beschreibungen nachgezeichnet und Stück für Stück eröffnet; am 3. Mai 2009 schloss sie die letzte Lücke. Der Clou dabei: Die alten Pilger, die hier belegt sind, gingen in die andere Richtung. Du folgst ihren Spuren also – nur rückwärts.
Andere Namen
Auf Wikipedia heißt der Weg Rheinhessischer Jakobsweg, beim Pilgerwegfest Rheinhessischer Pilgerweg, auf Wegweisern und in Wanderführern oft schlicht Jakobsweg Bingen–Worms. Auf Englisch heißt er Rheinhessen Way of St. James.
Für wen ideal – und für wen eher nicht
Ideal ist der Weg, wenn du Pilgern zum ersten Mal ausprobieren willst: drei Tage, gut markiert, Bahnhöfe in Reichweite, kaum ein steiler Meter. Er passt auch, wenn du von Norden über den Rhein kommst und weiter nach Speyer oder in die Pfalz willst, denn er schließt die Lücke zwischen Bingen und Worms durch das Hinterland statt am Rheinufer entlang. Und wer Wein mag, findet in fast jedem Ort ein Weingut mit Ausschank.
Ehrlich gesagt ist er aber nichts für dich, wenn du Herbergen mit Pilgergemeinschaft suchst: Du schläfst in Pensionen und Winzerhöfen, abends sitzt du meist allein am Tisch. Schatten ist rar, im Hochsommer ziehen sich die Wege zwischen den Rebzeilen. Und die Kartenlinie endet nicht am Dom, sondern in Herrnsheim am Stadtrand von Worms; die letzten Kilometer zur Kathedrale gehst du auf dem Weg nach Speyer.
Streckenverlauf & Landschaft
Bingen bis Wolfsheim (km 0–23,2): Von der Burg Klopp steigst du gleich zum Rochusberg mit seiner Wallfahrtskapelle hinauf und gehst über Rebhänge nach Ockenheim. Dahinter liegt der Jakobsberg mit seinem Kloster, kurz darauf der Laurenziberg bei Gau-Algesheim, beide gut einen halben Kilometer abseits. Über Appenheim geht es hinauf auf die Hochfläche bei Ober-Hilbersheim, wo du auf über 260 Metern weit über Rheinhessen schaust, und hinüber nach Wolfsheim.
Wolfsheim bis Worms (km 23,2–69,5): Über Vendersheim, die Hagelkuppe und Sulzheim geht es am Westrand von Wörrstadt vorbei, die Ortsmitte liegt knapp einen Kilometer abseits. Es folgen Spiesheim, Biebelnheim und Framersheim, ein stetes Auf und Ab zwischen Bachtälern und Rebkuppen. Am Kloppberg bei Dittelsheim-Heßloch erreichst du den höchsten Punkt, danach fällt der Weg langsam zur Rheinebene ab. Über Abenheim kommst du an den Westrand von Worms-Herrnsheim; Schloss und Park liegen gut einen Kilometer weiter. Hier mündet der Weg in den Jakobsweg Mainz–Speyer; die letzten gut drei Kilometer bis zum Ende der Kartenlinie gehst du bereits gemeinsam mit ihm.
Etappen, Gelände & Schwierigkeit
Wir zeigen den Weg in 3 Etappen. Kilometer aus der Camino-Ninja-Karte, exakt auf 69,5 km kalibriert. Wer kürzere Tage mag, übernachtet zusätzlich in Biebelnheim (km 41,1).
- Bingen → Wolfsheim (23,2 km) — der hügeligste Tag: Rochusberg, Jakobsberg, Hochfläche bei Ober-Hilbersheim.
- Wolfsheim → Framersheim (23,8 km) — durch Sulzheim und an Wörrstadt vorbei, gute Einkehr in den Weindörfern.
- Framersheim → Worms-Herrnsheim (22,5 km) — über den Kloppberg hinab in die Rheinebene; zum Dom kommen rund 5 km dazu.
Technisch ist der Weg leicht: Feld- und Wirtschaftswege, kurze Asphaltstücke, keine echten Steigungen. Anstrengend wird er durch Sonne und Wind auf den offenen Höhen. Nimm genug Wasser mit, denn zwischen den Dörfern gibt es kaum Brunnen, und Läden findest du verlässlich nur in Bingen, Wörrstadt und Worms. Neben der Hauptroute gibt es ausgewiesene Alternativen, etwa über Saulheim, Gabsheim und den Petersberg nach Framersheim; die Karte zeigt die Hauptlinie.
Die alten Pilger liefen hier – nur in die Gegenrichtung
Ob Jakobspilger je genau diese Linie gingen, weiß niemand. Belegt ist aber eine ganz ähnliche Strecke: die Aachenwallfahrt, die von Worms nach Bingen führte und 22 Orte berührte, darunter Westhofen, Bechtheim, Wörrstadt und Büdesheim. Auch Flößer und Treidler kürzten hier zu Fuß den Bogen ab, den der Rhein bei Mainz schlägt. Der Volkskundler Wilhelm Hoffmann beschrieb 1932 einen „Pilgerpfad“ von Worms nach Bingen. Und im Weingut in Biebelnheim, das heute Landhaus Pilgerhof heißt, erzählt man, dass im 17. Jahrhundert Rompilger über Land durch Rheinhessen zogen, um den Rhein zu meiden, direkt an seinem Hof vorbei.
Die Jakobus-Spuren am Weg sind entsprechend eigenwillig. Der Jakobsberg bei Ockenheim war ab 1720 eine Wallfahrt zu den Vierzehn Nothelfern; 1921 zogen Trappisten ein, 1961 Missionsbenediktiner aus St. Ottilien, die 2023 gingen. Die Barockkirche in Sulzheim von 1715 ist Philippus und Jakobus geweiht – das ist der jüngere Jakobus, nicht der aus Santiago. Dafür trägt Sulzheim als einziger Ort am Weg die Muschel im Wappen. So ist dieser Weg: Die Pilger sind echt, die Richtung ist umgedreht, und der Jakobus in der Kirche ist der falsche. Am Ende stimmt trotzdem alles, denn in Worms wartet der Dom, an dem seit Herbst 2012 ein Jakobsmuschelstein des grenzüberschreitenden Sternenwegs sitzt.
Highlights am Weg
- Burg Klopp und Rochusberg, Bingen (km 0–2,3) — die Burg ist seit 1277 als „Clopp“ belegt, 1689 zerstört und 1875 bis 1879 neugotisch wieder aufgebaut; die Rochuskapelle geht auf ein Pestgelübde von 1666 zurück, Goethe beschrieb 1814 das Rochusfest.
- Rupertsberg, Bingen — Hildegards Kloster, 1152 geweiht, 1632 von schwedischen Truppen zerstört; die letzten Reste der Kirche mussten 1857 der Nahetalbahn weichen, fünf Arkadenbögen sind seit 2023 wieder zugänglich.
- Kloster Jakobsberg (gut 0,5 km abseits bei km 7,9) — Wallfahrtskirche von 1857 bis 1862 mit Ausmalung im Nazarenerstil.
- Sulzheim (km 29,1) — 766 erstmals erwähnt; Barockkirche, auf dem Schildberg ein Aussichtsturm von 2013.
- Wörrstadt (km 30,9) — der Neunröhrenbrunnen ist eine beliebte Rast, die Ortsmitte liegt knapp 1 km abseits.
- Dittelsheim-Heßloch (km 53,4) — der romanische „Heidenturm“ der Dittelsheimer Kirche wird dendrochronologisch auf um 1080 datiert; oben auf dem Kloppberg ein Turm mit Biergarten.
- Schloss Herrnsheim, Worms (gut 1 km hinter dem Ende) — der alte Pilgerpfad führt durch den Schlosspark; am Ortsrand ein barocker Bildstock mit Pietà von 1749.
- Wormser Dom (rund 5 km hinter dem Ende) — am 2. Mai 1181 geweiht; vor seinem Nordportal streiten im Nibelungenlied Kriemhild und Brünhild, wer zuerst eintreten darf.
Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
Bingen ist ein Knoten: Hier enden und beginnen gleich mehrere Wege, und viele Pilger nutzen den Jakobsweg Rheinhessen als Brücke nach Süden.
- Linksrheinischer Jakobsweg — kommt aus dem Norden am Rhein entlang und endet an der Basilika St. Martin
- Jakobsweg Fulda – Frankfurt – Bingen — aus Osthessen an den Rhein
- Rhein-Camino — endet gegenüber in Rüdesheim, die Fähre bringt dich nach Bingen
- Hunsrücker Jakobsweg — über den Hunsrück an den Rhein
- Nahe-Glan-Camino (Süd-Route) — beginnt in Bingen und führt nach Westen ins Saarland
Weiterpilgern?
In Herrnsheim bist du schon auf dem Jakobsweg Mainz–Speyer. Er bringt dich zuerst zum Wormser Dom und dann durch die Rheinebene über Frankenthal und Schifferstadt nach Speyer. Wer lieber nach Westen will, nimmt in Worms die Klosterroute Worms, die durch die Nordpfalz Richtung Pfälzer Jakobsweg führt. Beide Richtungen münden früher oder später in die Wege nach Frankreich.
Vorbereitung & Praktisches
Pilgerausweis und App. Wie auf allen Jakobswegen in Deutschland lohnt sich ein Pilgerausweis (Credencial); die Compostela gibt es allerdings erst für die letzten 100 Kilometer nach Santiago. Am besten bestellst du ihn schon vorab online, damit er rechtzeitig zum Start deiner Reise bei dir ist; der Verein gibt einen internationalen und einen regionalen Ausweis gegen eine Spende von je 5 € aus, das Begleitheft zum Weg kostet 3 € (Stand: Oktober 2026). Weil es keine Pilgerherbergen gibt, planst du am einfachsten direkt in der Camino Ninja App, in der du deine Etappen zusammenstellst und passende Unterkünfte gleich mit einplanst.
Jahreszeit und Unterkunft. Am schönsten ist der Weg im Frühjahr, wenn die Reben austreiben, und im Herbst zur Weinlese; im Juli und August ist es auf den Höhen heiß und schattenlos. Am ersten Sonntag im Mai feiern Gemeinden, Kirchen und Verein unter dem Motto „Pilgern verbindet“ ihr Pilgerwegfest. Reserviere deine Zimmer vorab, vor allem in Wolfsheim und Framersheim, wo die Auswahl klein ist.
Was dich der Weg kostet
Rechne mit 60 bis 100 € am Tag (Stand: Oktober 2026), je nachdem, ob du im Winzerhof oder in der Pension schläfst. Die Jugendherberge Worms direkt am Dom kostet mit Frühstück 33,30 € im Mehrbettzimmer und 42,70 € im Zweibettzimmer pro Person, für eine einzelne Nacht kommen 5 € dazu (Stand: Oktober 2026). Gästezimmer in Weingütern und Pensionen liegen meist bei 50 bis 90 € (Stand: Oktober 2026).
Anreise
Hin und zurück. Bingen erreichst du mit dem Regionalverkehr ab Mainz und Koblenz; vom Bahnhof Bingen Stadt sind es wenige Minuten zur Burg Klopp. Ab Worms Hbf fahren Züge nach Mainz, Mannheim und Frankfurt. Unterwegs liegen Bahnhöfe in Ockenheim und Wörrstadt, du kannst also abkürzen oder einen Tag aussetzen.
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