Jakobsweg Tirol-Allgäu auf der Karte

Jakobsweg Tirol-Allgäu

Der Jakobsweg Tirol-Allgäu führt in 137,1 Kilometern von Stams im Tiroler Inntal über Fernpass, Gaichtpass und Oberjoch nach Zell bei Oberstaufen, wo er auf den Münchner Jakobsweg nach Lindau trifft — sieben Etappen, 2.616 Höhenmeter, eine Römerstraße und eine Salzstraße unter den Sohlen. Er ist die Alpenüberquerung für Pilger, die Berge wollen, aber jeden Abend ein Dorf mit Bett — und er endet an einer Kapelle, deren Urkunde von 817 das Wort „Allgäu“ zum ersten Mal überhaupt nennt.

18. September 202622 Min. Lesezeit
Inhalt

Auf einen Blick

  • Start / Ziel: Stams im Tiroler Inntal (639 m), unterhalb des Zisterzienserstifts / Zell bei Oberstaufen im Oberallgäu (803 m), an der gotischen Kirche St. Bartholomäus
  • Länge: 137,1 km — rund 90 km in Österreich, 47 km in Deutschland; die Grenze überschreitest du am Oberjoch
  • Dauer: 7 Etappen, Ø 19,6 km (Camino-Ninja-Teilung); die Trägerregionen teilen ebenfalls in sieben, mit Etappenzielen Haldensee statt Grän und Immenstadt-Bühl statt Immenstadt
  • Höhenmeter: ↗ 2.616 m / ↘ 2.452 m — 19 Höhenmeter pro Kilometer, echte Bergwege ohne Kletterstellen; rund 2.040 der 2.616 Meter Anstieg liegen in den ersten vier Etappen
  • Höchster Punkt: 1.346 m bei km 54,3 direkt hinter Berwang; tiefster Punkt 639 m am Start in Stams
  • Pässe: Holzleitensattel (1.146 m, km 12,1), Fernpass (Ortsmarker 1.206 m bei km 27,3; die Route steigt bei km 29,9 auf 1.266 m), Gaichtpass (1.139 m, km 72,7), Oberjoch (1.193 m, km 91,1)
  • Landschaft: Inntal, Mieminger Plateau, Gurgltal, Bergsturzseen am Fernpass, Ehrwalder Becken mit Zugspitzblick, Außerferner Bergdörfer, Lechtal, Tannheimer Tal, Ostrachtal, Illertal, Allgäuer Voralpen mit dem Großen Alpsee
  • Träger: kein Verein, sondern ein Verbund der Tourismusregionen beidseits der Grenze (Allgäu GmbH, Tannheimer Tal, Bad Hindelang, Tiroler Zugspitz Arena, Naturparkregion Reutte); Ausbau als eigener Jakobsweg um 2010, die Wegbroschüre wurde aus EU-Mitteln gefördert
  • Markierung: gelbes Strahlenbündel — die stilisierte Jakobsmuschel — auf blauem Grund, der Brennpunkt zeigt die Richtung; dazu blaue Pfeile auf gelbem Grund
  • Jakobus-Spuren: Pfarrkirche St. Jakobus der Ältere in Berwang (Turm 1425, Chor 1430) mit dem achteckigen Jakobsbrunnen davor; Kapelle St. Jakob am Oberjoch (Messerlaubnis 20. Mai 1732) mit dem Deckenfresko „Vier Pilger am Jakobsbrunnen“; laut Wegbeschreibung eine kleine Jakobuskapelle bei Konstanzer kurz vor dem Ziel
  • Historischer Untergrund: erste Hälfte auf der Linie der römischen Via Claudia Augusta über den Fernpass, zweite Hälfte ab Weißenbach am Lech auf der Oberen Salzstraße Hall–Lindau
  • Unterkunft: keine Pilgerherberge am Weg; Gasthöfe, Pensionen und Hotels in allen Etappenorten — viele Betten, aber Hochsaison im Juli und August
  • Anschlusswege: in Stams der Jakobsweg Österreich (Wien–Innsbruck–Arlberg), bei Mötz der Jakobsweg Isar-Loisach-Leutascher Ache-Inn aus München; in Zell der Münchner Jakobsweg nach Lindau
  • Beste Zeit: Juni bis September nach Angabe der Trägerregionen; Herbst mit Lärchenfärbung auf dem Mieminger Plateau am schönsten. Vor Juni können Fernpass, Berwang und Oberjoch noch Altschnee tragen
  • Schwierigkeit: mittel — technisch harmlos bis auf den Wildbachtobelsteig bei Oberjoch (Umgehung vorhanden), konditionell echtes Gebirge

Überblick

Dieser Weg beginnt unter der Grablege der Tiroler Landesfürsten und endet vor einer Kirche, deren Gründungsurkunde das Allgäu zum ersten Mal beim Namen nennt. Dazwischen liegen 137,1 Kilometer und drei Pässe: hinauf aus dem Inntal über den Holzleitensattel ins Gurgltal, auf der Römerlinie über den Fernpass an den Bergsturzseen vorbei ins Ehrwalder Becken, wo die Zugspitze im Rücken steht, dann stetig steigend nach Berwang, dem höchsten Dorf der Strecke. Von dort fällt der Weg ins Lechtal, hebt sich noch einmal über den Gaichtpass ins Tannheimer Tal und geht am Oberjoch über die Grenze — und dann ist es vorbei mit dem Klettern. Das Ostrachtal, die Iller, der Große Alpsee und die Weiler um Oberstaufen sind die sanfte Landung, und in Zell stehst du auf dem Münchner Jakobsweg, der dich in zwei Tagen nach Lindau bringt.

Ehrlich gesagt ist das kein alter Pilgerweg, sondern ein alter Verkehrsweg mit neuer Muschel: Römer sind über den Fernpass gefahren, Salzfuhrleute über Gaichtpass und Oberjoch — beides steht in Urkunden, das Pilgern steht nur in den Broschüren. Die Tourismusregionen von Tirol und Allgäu haben die Linie um 2010 als Jakobsweg ausgeschildert, ohne Verein, ohne Buchführer, mit einer EU-geförderten Broschüre. Dafür gibt es zwei Jakobuskirchen, die diesen Namen verdienen, jeden Abend ein Dorf mit Bett, und eine Alpenüberquerung, die sich wie ein Pilgerweg anfühlt und nicht wie eine Bergtour. Wenig Legende, viel Höhe, kein Herbergsbett — das ist der Deal.

Andere Namen

Der Weg heißt Jakobsweg Tirol-Allgäu — so führen ihn die Tourismusregionen auf beiden Seiten der Grenze, so steht er auf den Wandertafeln, und so nennen wir ihn auch. Ein Teilstück trägt einen eigenen Namen: Außerferner Jakobsweg oder Jakobsweg Außerfern für die 46,8 Kilometer von Nassereith über Fernpass, Lermoos, Bichlbach und Berwang nach Weißenbach am Lech. Die Tiroler Zugspitz Arena erklärt selbst, der Jakobsweg Außerfern sei „Teil des Jakobsweg Tirol-Allgäu von Stams zu Oberstaufen-Zell“ — gemeint ist das Herzstück unserer Etappen 2 bis 4.

Verwechslungsgefahr besteht mit dem Tiroler Jakobsweg: Das ist der Hauptstrang quer durch Tirol von Lofer über Innsbruck nach Stams und weiter zum Arlberg, bei uns Teil des Jakobsweg Österreich. Er berührt unseren Weg genau in Stams — dort zweigst du nach Norden ab. Wer „Jakobsweg Tirol“ sagt, meint meistens jenen Hauptstrang, nicht diesen Abzweig ins Allgäu.

Für wen ideal – und für wen eher nicht

Ideal, wenn du einen Alpenübergang willst, der sich wie ein Pilgerweg anfühlt und nicht wie eine Bergtour: drei Pässe in sieben Tagen, aber jeden Abend ein Dorf mit Bett, Küche und meistens einem Bahnhof oder Bus in Reichweite. Ideal, wenn dir Landschaftswechsel wichtiger sind als Kilometerleistung — Inntal, Lärchenplateau, Fernpass-Seen, Zugspitzblick, Lechtal, Tannheimer Tal, Allgäuer Voralpen: Das ist auf 137 Kilometern eine ungewöhnlich dichte Folge. Ideal, wenn du Kirchen magst, die mehr Geschichte tragen als ihr Dorf: Hafeneggers Bauten in Bichlbach und Tannheim, Jörg Lederer und Holbein der Ältere in Bad Oberdorf, drei Strigel-Altäre in Zell. Und ideal als erste lange Bergwanderung, weil die Etappen nach der Fernpass-Etappe leichter werden und du fast überall abbrechen kannst.

Ehrlich gesagt ist er aber nichts für dich, wenn du einen alten Pilgerweg mit Jakobuslegende suchst. Belegt ist die Straße, nicht die Wallfahrt — dass hier im Mittelalter Jakobspilger gingen, sagen die Wegbroschüren, einen Beleg haben wir nicht gefunden. Nichts für dich, wenn du auf Pilgerherbergen baust: Es gibt keine, du schläfst in Gasthöfen und Hotels einer gut gebuchten Ferienregion und zahlst deren Preise. Nichts für dich, wenn du im Mai losmusst — auf dem Fernpass, über Berwang und am Oberjoch kann dann noch Altschnee liegen. Nichts für dich, wenn du Höhenmeter scheust: 2.616 Meter Anstieg auf sieben Tage sind kein Flusstal, und Etappe 4 misst 27 Kilometer mit dem höchsten Punkt gleich am Anfang. Und nichts für dich, wenn du Ruhe als Abgeschiedenheit verstehst — das Tannheimer Tal und das Ostrachtal sind im Sommer voll, hier gehst du nicht allein.

Streckenverlauf & Landschaft

Drei Landschaften, getrennt durch Pässe. Inntal bis Fernpass (km 0–37): Der Startpunkt unserer Karte liegt im Stamser Ortsteil Staudach am Inn auf 639 Metern, gut 800 Meter westlich des Stifts, genau dort, wo der Jakobsweg Österreich vorbeikommt — der tiefste Punkt des ganzen Wegs, danach geht es nur noch aufwärts. Über den Inn nach Mötz, durch die Klamm an der Burgruine vorbei (km 6,9, 853 m) zur Klammer Mühle (km 8,6, 959 m), dann auf den Holzleitensattel (1.146 m bei km 12,1) und über das Mieminger Plateau mit seinen Lärchenwäldern hinunter ins Gurgltal nach Nassereith (km 19,7, 848 m). Von dort die Römerlinie hinauf zum Fernpass (Ortsmarker km 27,3, 1.206 m; die Route erreicht 1.266 m bei km 29,9), vorbei an den Seen, die ein Bergsturz vor rund 4.100 Jahren geschaffen hat, und steil hinab nach Biberwier (km 36,7, 976 m). Außerfern und Lechtal (km 37–68): flach durch das Ehrwalder Becken nach Lermoos (km 39,6, 988 m) mit dem Zugspitzmassiv im Blick, dann stetig steigend über Bichlbach (km 49,2, 1.080 m) nach Berwang (km 53,9, 1.334 m). Gleich dahinter, bei km 54,3, der höchste Punkt des Wegs mit 1.346 Metern. Über Rinnen (km 56,6, 1.255 m) fällt der Weg 470 Meter ins Lechtal nach Rieden (km 65,8) und Weißenbach am Lech (km 67,8, 884 m). Tannheimer Tal und Allgäu (km 68–137,1): über den Gaichtpass (1.139 m bei km 72,7) ins Hochtal, dann fast eben über Nesselwängle (km 74,2), den Haldensee (km 79,0), Grän (km 80,9), Tannheim (km 83,7, 1.098 m), Zöblen und Schattwald zur Staatsgrenze und über das Oberjoch (1.193 m bei km 91,1). Von dort 370 Höhenmeter hinunter über Bad Oberdorf (km 97,2) nach Bad Hindelang (km 98,9, 825 m), über den Gailenberg (km 100,6, 972 m) ins Illertal nach Sonthofen (km 107,5, 745 m) und Immenstadt (km 116,6, 730 m), am Großen Alpsee entlang und durch die Weiler über Thalkirchdorf (km 129,7) nach Zell (km 137,1, 803 m).

Die Anstrengung ist ungleich verteilt, und das solltest du wissen: Die ersten vier Etappen bringen rund 2.040 der 2.616 Höhenmeter, die letzten drei nur noch etwa 570 — Etappe 7 hat 138 Meter Anstieg auf 20,5 Kilometer, das ist Spazierniveau. Wer den Weg von Norden her geht, hat die Pässe am Ende und die schweren Tage zuletzt. Untergrund: Asphalt in den Ortsdurchfahrten und auf den Talböden, Forst- und Almwege an den Pässen, schmale Steige an den Abstiegen vom Fernpass und vom Oberjoch. Die großen Straßen — Fernpassstraße B179 und die Jochstraße mit ihren 107 Kurven — laufen daneben, nicht darunter. Wasser ist im Alpenraum kein Problem, aber Fernpass und Gaichtpass haben je gut zwei Stunden ohne Einkehr.

Etappen, Gelände & Schwierigkeit

Wir teilen den Weg in 7 Etappen mit einem Schnitt von 19,6 Kilometern — Camino-Ninja-Systematik, jeder Etappenort auf der Kette, jeder mit Betten und Einkehr. Die Trägerregionen teilen ebenfalls in sieben, setzen aber Haldensee statt Grän und Immenstadt-Bühl statt Immenstadt; wir haben Grän gewählt, weil es mehr Betten hat, und Immenstadt, weil der Bahnhof dort liegt. Die Kilometer stammen aus der Camino-Ninja-Karte und sind exakt auf die 137,1 Kilometer unserer Streckendaten kalibriert; die Höhenmeter je Etappe haben wir aus den Punkthöhen der Kette gerechnet. Schwierigkeit: mittel — technisch fordernd ist nur der Wildbachtobelsteig bei Oberjoch, für den es eine Umgehung gibt; konditionell ist es Gebirge, und die Höhenmeter stecken fast alle in der ersten Wochenhälfte.

  1. Stams → Nassereith (19,7 km) — ↗ 628 / ↘ 420 Hm; über den Inn nach Mötz, durch die Klamm zur Klammer Mühle, Holzleitensattel 1.146 m bei km 12,1, Mieminger Plateau, Einkehr im Gasthaus Arzkasten; hinunter ins Gurgltal nach Nassereith. Der einzige lange Anstieg des Tages liegt in der ersten Hälfte.
  2. Nassereith → Lermoos (19,9 km) — ↗ 522 / ↘ 383 Hm; die Römeretappe: Fernpass auf der Linie der Via Claudia Augusta, Bergsturzseen, steiler Abstieg nach Biberwier (976 m), flach nach Lermoos. Landschaftlich die spektakulärste Etappe.
  3. Lermoos → Berwang (14,3 km) — ↗ 476 / ↘ 137 Hm; Untergarten, Wengle, Bichlbach (1.080 m) mit St. Laurentius und der Zunftkirche, Schlussanstieg nach Berwang (1.334 m) mit der Jakobuskirche. Kurz mit Absicht: Zeit für zwei Kirchen und das höchste Dorf der Strecke.
  4. Berwang → Grän (27,0 km) — ↗ 415 / ↘ 625 Hm; höchster Punkt 1.346 m gleich bei km 54,3, Rinnen (1.255 m), langer Abstieg über Rieden ins Lechtal nach Weißenbach am Lech (884 m), Aufstieg über den Gaichtpass (1.139 m bei km 72,7), Nesselwängle, Haldensee, Grän. Die längste Etappe, teilbar in Weißenbach am Lech (13,9 + 13,1 km).
  5. Grän → Bad Hindelang (18,0 km) — ↗ 196 / ↘ 492 Hm; Tannheim (1.098 m) mit St. Nikolaus, Zöblen, Schattwald, Staatsgrenze, Oberjoch 1.193 m bei km 91,1 mit der Jakobskapelle, langer Abstieg über Bad Oberdorf. Wildbachtobelsteig bei Nässe umgehen.
  6. Bad Hindelang → Immenstadt im Allgäu (17,7 km) — ↗ 232 / ↘ 326 Hm; Gailenberg (972 m), Vorderhindelang, Reckenberg, Tiefenbach, Sonthofen (745 m), Blaichach, Immenstadt (730 m). Die Etappe mit der dichtesten Infrastruktur und dem meisten Asphalt.
  7. Immenstadt → Zell (Oberstaufen) (20,5 km) — ↗ 138 / ↘ 65 Hm; Großer Alpsee, Bühl am Alpsee, Trieblings, Konstanzer, Thalkirchdorf (744 m), Kalzhofen, Buflings, Zell (803 m). Praktisch ohne Anstieg — der sanfte Ausklang.

Wer acht Tage hat, teilt die vierte Etappe in Weißenbach am Lech; die Summe bleibt 137,1 Kilometer. Wer nur eine Woche Alpen will, steigt in Oberstaufen in den Zug — wer weitergeht, findet am Ende dieser Seite den Anschluss.

Belegt ist die Straße, nicht die Wallfahrt

Die Trägerregionen schreiben, der Weg folge „alten Römer-, Handels- und Pilgerwegen“. Zwei von drei stimmen nachweislich. Die erste Hälfte liegt auf der Linie der Via Claudia Augusta: Nach dem Alpenfeldzug von 15 v. Chr. unter Drusus und Tiberius ließ Kaiser Claudius die Straße über Reschen und Fernpass durchgehend wagenbefahrbar ausbauen und bis zur Donau verlängern. Der Meilenstein von 46 n. Chr., 1552 bei Rabland nahe Meran gefunden, gilt als das älteste römische Schriftdenkmal im Alpenraum, das sich direkt auf den Bau der Heerstraße bezieht. Um 1430 liefen dann weniger als zehn Prozent des Handels zwischen Augsburg und Venedig noch über diese „obere Straße“ — der Verkehr ging, die Trasse blieb, und du gehst sie zwischen Nassereith und Biberwier.

Die zweite Hälfte ab Weißenbach am Lech ist die Obere Salzstraße, auf der das Salz aus Hall in Tirol zum Bodensee gefahren wurde: Reutte – Gaichtpass – Tannheimer Tal – Oberjoch – Hindelang – Immenstadt – Lindau, bis auf die letzten Kilometer genau unsere Linie. Die Urkundenkette ist dicht: 1464 Lechbrücke bei Reutte, 1471 Rodstation, 1489 Marktrecht durch Erzherzog Sigmund, 1494 zwei Salzstädel, 1531 kauft Ferdinand I. die letzten Rechte im Tannheimer Tal, 1540 bis 1550 wird der Gaichtpass zur Fahrstraße neu trassiert, 1612 folgt die Rodordnung des Pflegers Burkhard Laymann. In Nesselwängle standen allein 80 Vorspannpferde bereit. Wie es sich anfühlte, beschrieb Heinrich Noë 1867 am Gaichtpass: „Der Wanderer steigt mit Schauer, wenn er zur rechten Seite die jähen Steinwände betrachtet, und mit Grausen, wenn er einen Blick nach der brausenden Tiefe wendet, den steilgebahnten Weg hinauf.“ Immenstadt wurde mit Salzstapel und Leinwandhandel reich, und die Straße endete in Lindau — dort, wo auch dein Weiterweg endet.

Und die Pilger? Für das Mittelalter haben wir auf dieser Linie keinen Beleg gefunden — keine Bruderschaft, keine Pilgerherberge, keinen Namen. Was es gibt, sind zwei Jakobuskirchen an Straßen, die Fuhrleute brauchten: St. Jakobus in Berwang mit dem Turm von 1425 und die Kapelle am Oberjoch von 1732, gebaut zur Erinnerung an den Fuhrwerksverkehr über den Pass. Ein Weg für Salz und Soldaten, auf dem heute Pilger gehen — das ist weniger romantisch als eine Legende und, wenn du uns fragst, ehrlicher. Die Muschel kam um 2010, ohne Verein, mit einer EU-Broschüre. Sie liegt gut auf dieser Straße.

Highlights am Weg

  • Stift Stams (Start, km 0) — Zisterzienserabtei, 1273 von Meinhard II. von Görz-Tirol und Elisabeth von Bayern als Grablege der Tiroler Landesfürsten gestiftet, die ersten zwölf Mönche kamen aus Schwaben; Kirchweihe 1284, Hochaltar von 1610 mit 84 Skulpturen, Zwiebeltürme 1690–1699, Barockisierung 1729–1733 durch Georg Anton Gumpp, Heilig-Blut-Kapelle 1716; 1807 aufgehoben, 1816 wiedererrichtet, 2016 nach 18 Jahren Generalsanierung fertig, 2023 750-Jahr-Feier. Ein Jakobus-Patrozinium hat es nicht — dafür die prächtigste Fassade des Oberinntals.
  • Fernpass und Via Claudia Augusta (km 27,3) — die Passlandschaft entstand vor rund 4.100 Jahren durch einen Bergsturz, der die Loisach nach Norden zwang und die Seenkette mit Blindsee und Fernsteinsee schuf; die Römer bauten hier ab 46/47 n. Chr. ihre Straße aus. Der Weg hält Abstand zur B179 und steigt bei km 29,9 auf 1.266 Meter.
  • Nassereith und das Schellerlaufen (km 19,7) — alle drei Jahre verwandelt sich der Ort in eine Maskenbühne: Scheller, Roller und Kehrer tanzen den „Gangl“, rund 450 Menschen sind aktiv beteiligt, um 18 Uhr werden die Larven abgelegt. Seit 1951 trägt der Brauch diesen Namen, 2012 kam er ins österreichische UNESCO-Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
  • Zunftkirche St. Josef in Bichlbach (km 49,2) — Grundsteinlegung 15. Mai 1710, Weihe 1711, gebaut von der Maurer- und Zimmerleutezunft, deren Ordnung Kaiser Leopold I. 1694 genehmigt hatte; 1738 zählte die Zunft 1.042 Maurer- und Zimmermeister, sie bestand bis 1849. Ein Bergdorf mit tausend Baumeistern — das Außerfern exportierte Handwerker in halb Europa. Daneben St. Laurentius mit Fresken der Malerfamilie Zeiller und der Kanzel von 1774.
  • St. Jakobus der Ältere in Berwang (km 53,9, 1.334 m) — der gotische Turm nennt das Jahr 1425, 1430 wurde die Kapelle um den Chor vergrößert, 1454 entstand die Kuratie; 1731/1734 kam ein neues Langhaus dazu, das gotische Nordportal blieb; Kruzifix von Mang Anton Stapf 1745, Orgel Franz Weber 1879. Vor der Kirche der achteckige Jakobsbrunnen mit Bronzefigur — die erste echte Jakobsstation des Weges, im höchsten Dorf der Strecke.
  • Gaichtpass (km 72,7, 1.139 m) — Einstieg ins Tannheimer Tal und Schlüsselstelle der Oberen Salzstraße, 1540–1550 zur Fahrstraße ausgebaut; am 29. April 1945 sprengten deutsche Truppen die Gemstobelbrücke am Pass, die alte Straße wurde später ehrenamtlich wiederhergestellt und ist heute Wander- und Rodelstrecke.
  • St. Nikolaus in Tannheim (km 83,7) — 1722 bis 1724 von Andreas Hafenegger gebaut, demselben Baumeister wie in Bichlbach, am 17. Oktober 1725 geweiht, der achteckige Turm 47 Meter hoch; Fresken von Joseph Keller 1804, komplettes Löffler-Geläut mit einer Wetterglocke von 1561. Für ein Dorf dieser Größe eine Kirche dieser Größe — Wikipedia führt sie als zweitgrößte Dorfkirche Tirols.
  • Kapelle St. Jakob am Oberjoch (km 93,8, an der Grenze) — Vorgängerkapelle 1731 abgebrochen, Messerlaubnis für den Neubau am 20. Mai 1732; Deckenfresko „Vier Pilger am Jakobsbrunnen“ mit dem thronenden Jakobus, die zwölf Apostel in der Gewölbekehle 1951/52 wiederentdeckt, Hochaltar aus der alten Kapelle mit der Jahreszahl 1681. Am Jakobstag, dem 25. Juli, ist hier „Bearglarkirbe“. Offizielle Stempelstelle des Weges.
  • Bad Oberdorf, Unserer lieben Frau im Ostrachtal (km 97,2) — der Bau ist jung (1937/38 von Thomas Wechs), die Ausstattung nicht: Hochaltar von Jörg Lederer 1519 mit der Krönung Mariens, eine Madonna mit Kind von Hans Holbein dem Älteren von 1493 und ein gotischer Palmesel mit lebensgroßem Christus, der jedes Jahr am Palmsonntag in Prozession nach Bad Hindelang gezogen wird.
  • Sonthofen und Immenstadt (km 107,5 und 116,6) — Sonthofen ist die südlichste Stadt Deutschlands; St. Michael 1449 erstmals erwähnt, 1540 abgebrannt, 1945 von Bomben schwer getroffen und von Thomas Wechs um fünf Meter erhöht wieder aufgebaut. Immenstadt erschien 1275 als „Imendorf“, bekam am 22. Juli 1360 von Kaiser Karl IV. das Befestigungsrecht und wurde mit Salzstapel und Leinwandhandel reich; der Große Alpsee daneben misst 2,47 Quadratkilometer.
  • St. Bartholomäus in Zell (Ziel, km 137,1) — mit der Urkunde vom 7. Februar 817, in der ein Alemanne namens Wisirih seine Zelle „Wisirihescella“ an das Kloster St. Gallen übergab, wird zugleich das Wort „Allgäu“ zum ersten Mal urkundlich genannt. Die gotische Kirche des 14. Jahrhunderts löste eine Holzkapelle ab, 1440 kam der größere Chor dazu; das Patrozinium wechselte von St. Alban über St. Stephan zu St. Bartholomäus. Drinnen drei gotische Altäre der Memminger Familie Strigel: Hochaltar 1442 von Johann Strigel, ein Seitenaltar um 1500, der zweite 1515 von Ivo Strigel; 2012 restauriert.

Vier Pilger am Jakobsbrunnen — die Kapelle auf der Grenze

Die stärkste Jakobus-Spur des Weges steht nicht in einem Dorf, sondern auf einem Pass. Die Kapelle St. Jakob am Oberjoch (km 93,8) hatte einen Vorgängerbau, der 1731 abgebrochen wurde; die heutige Kapelle erhielt am 20. Mai 1732 die Erlaubnis, dort Messe zu feiern. Ihr Deckenfresko aus demselben Jahr zeigt vier Pilger, die an einem Brunnen rasten, darüber den thronenden Jakobus; in der Gewölbekehle sitzen die zwölf Apostel, die erst 1951/52 unter späterer Farbe wiederentdeckt wurden. Der figurenreiche Hochaltar stammt noch aus der alten Kapelle und trägt unter der Marienfigur die Jahreszahl 1681 — möglicherweise aus der Vorderhindelanger Werkstatt Dornacher/Scholl, durch deren Dorf du am nächsten Tag gehst.

Der Clou: Die Kapelle wurde nicht für Pilger gebaut. Sie erinnert an den Fuhrwerksverkehr über den Pass — an die Salzfuhren, die hier den höchsten Punkt ihrer Straße erreichten — und der Maler malte trotzdem Pilger an einen Brunnen. Denselben Bildgedanken findest du 40 Kilometer vorher vor der Kirche in Berwang, als achteckigen Brunnen aus Stein und Bronze: zweimal Jakobus am Wasser auf einem Weg. Am 25. Juli, dem Jakobstag, feiert das Dorf hier die „Bearglarkirbe“; an allen anderen Tagen ist die Kapelle die offizielle Stempelstelle des Weges — und sie steht exakt dort, wo du Österreich verlässt. Ein Stempel als Grenzübertritt: Passender geht es nicht.

Wie Pilger auf diesen Weg gelangen

Die meisten kommen mit dem Zug: Stams hat einen eigenen Bahnhof im Inntal, erreichbar mit Regionalzug und S-Bahn aus Innsbruck, vom Bahnsteig ist es eine Viertelstunde zum Stift. Wer zu Fuß ankommt, kommt aus Osten: Der Jakobsweg Österreich läuft von Wien über Salzburg und Innsbruck durchs Inntal und passiert Stams bei seinem Kilometer 698,9 — die ersten 1,1 Kilometer unseres Weges liegen sogar direkt auf seiner Linie. Wer den langen österreichischen Strang geht, steht in Stams vor der Wahl: westwärts weiter zum Arlberg und nach Feldkirch, oder nach Norden über den Fernpass ins Allgäu. Genau für diese Gabelung gibt es diesen Weg. Aus dem Süden trifft in Innsbruck der Jakobsweg Brenner ein, der das Netz des Jakobsweg Südtirol über den Pass ins Inntal bringt — von dort sind es noch zwei Tage bis Stams.

Die zweite Zulaufrichtung ist München. Der Jakobsweg Isar-Loisach-Leutascher Ache-Inn kommt über 133,2 Kilometer von der Isar herunter und endet in Mötz — unmittelbar an unserer Kette bei Kilometer 3,4, zwischen Kilometer 2,1 und 4,8 laufen beide Linien praktisch parallel. Wer aus München startet, muss also gar nicht bis Stams: Er trifft den Weg in Mötz und dreht dort nach Nordwesten ab. Und du kannst den Jakobsweg Tirol-Allgäu auch von hinten aufrollen, ab Zell oder Oberstaufen — dann hast du die leichten Etappen zuerst und die Pässe am Ende, aber die Markierung zeigt dir dauernd entgegen.

Weiterpilgern?

Ja, und der Anschluss ist so exakt, wie man ihn sich wünscht: In Zell trifft der Weg punktgenau den Münchner Jakobsweg bei dessen Kilometer 244,0. Du gehst am Ende der siebten Etappe nicht in eine Sackgasse, sondern auf eine Kreuzung. Von dort sind es noch 38,4 Kilometer bis Lindau am Bodensee — über Hopfen, Weiler-Simmerberg, Lindenberg und Sigmarszell, zwei bequeme Tage. Das ist die Linie der alten Salzstraße, die du seit Weißenbach unter den Füßen hast: Sie endete in Lindau, dein Weiterweg tut es auch.

Am Bodensee öffnet sich das große Netz. Von Lindau führt der Weg Lindau – Héricourt über Konstanz und Basel ins französische Jura und weiter zur Via Podiensis; von Bregenz, zehn Kilometer weiter, läuft die Via Jacobi Bregenz nach Rapperswil und trifft dort die Via Jacobi nach Einsiedeln und Genf. Wer nur die Alpenüberquerung wollte, steigt in Oberstaufen in den Zug — wer weitergeht, hat mit diesen 137 Kilometern den anstrengendsten Teil zwischen Inntal und Bodensee bereits hinter sich.

Vorbereitung & Praktisches

Pilgerausweis und Stempel. Wie auf allen deutschen und österreichischen Jakobswegen brauchst du einen Pilgerausweis (Credencial), um Stempel zu sammeln und am Ende in Santiago die Compostela zu erhalten. Am besten bestellst du ihn schon vorab online, damit er rechtzeitig zum Start deiner Reise bei dir ist. Auf deutscher Seite ist die Jakobuspilgergemeinschaft Augsburg zuständig: 6,00 € plus 1,80 € Versand, dreisprachig und in Santiago anerkannt (Stand: September 2026). Gestempelt wird in Kirchen und Tourist-Infos entlang der Strecke; als offizielle Stempelstelle ausgewiesen ist die Kapelle St. Jakob am Oberjoch — die genau auf der Staatsgrenze steht.

Broschüre, Markierung, Saison. Einen Buchführer gibt es nicht, aber eine kostenlose Wegbroschüre mit Etappen und Unterkunftsempfehlungen, aus EU-Mitteln gefördert, in den Touristinformationen am Weg erhältlich, unter anderem in Bad Hindelang. Die Markierung — gelbes Strahlenbündel auf blauem Grund, der Brennpunkt zeigt die Richtung — ist durchgehend gesetzt, aber in den Alpen ist sie nur eine von vielen Farben am Wegweiserbaum; ein GPS-Track ist hier keine Spielerei. Die Trägerregionen empfehlen Juni bis September: Der Weg überschreitet vier Höhen über 1.100 Metern und den Kamm bei Berwang mit 1.346 Metern, vor Juni kann dort Altschnee liegen. Schuhe knöchelhoch mit Profil; die einzige echte Steilstelle ist der Wildbachtobelsteig bei Oberjoch, bei Nässe rutschig — es gibt eine Umgehung, nimm sie im Zweifel. Notruf Bergrettung in Österreich: 140, in Deutschland 112. Das Rucksackgewicht soll laut Wegbeschreibung 15 Kilogramm nicht überschreiten; für sieben Etappen mit Gasthofübernachtung reichen acht.

Buchen und planen. Du gehst durch Ferienregionen, nicht durch leeres Land: Tannheimer Tal, Bad Hindelang und Oberstaufen sind im Sommer gut gebucht, in Berwang, Grän und Nassereith gibt es an Spitzenwochenenden schlicht keine freien Zimmer mehr. Reserviere zwei bis drei Tage im Voraus, im August früher; eine Pilgerherberge gibt es auf der ganzen Strecke nicht. Am einfachsten gelingt das direkt in der Camino Ninja App, in der du deine Etappen zusammenstellst und passende Unterkünfte gleich mit einplanst.

Was dich der Weg kostet

Ehrlich gesagt ist das kein billiger Jakobsweg — es gibt keine Herbergen, und du übernachtest zu den Preisen einer Ferienregion. Die einzigen veröffentlichten Größenordnungen für die Strecke nennen 35 bis 65 € in Stams, 50 bis 120 € im Tannheimer Tal und 45 bis 90 € in Bad Hindelang pro Nacht (Stand: September 2026) — Zimmerpreise in Gasthöfen, Pensionen und Hotels, meist mit Frühstück; ein Einzelzimmer liegt am oberen Rand, ein geteiltes Doppelzimmer deutlich darunter. Der Pilgerausweis kostet 6,00 € plus 1,80 € Versand (Stand: September 2026), die Wegbroschüre ist kostenlos.

Verpflegung: Mit Abendessen im Gasthof rechne mit 25 bis 40 € am Tag — Tiroler und Allgäuer Küche ist gut und die Portionen sind groß, aber die Preise in den Wintersportorten liegen über dem Landesdurchschnitt; mit Supermarkt und Brotzeit kommst du auf 12 bis 18 €. Realistisches Tagesbudget mit Zimmer und einer warmen Mahlzeit: 65 bis 110 € pro Person, für sieben Etappen also grob 450 bis 770 € plus An- und Abreise. Beide Länder zahlen in Euro. Spartipp: Immenstadt und Oberstaufen haben ein breiteres Angebot als die Bergdörfer — dort wohnst du günstiger als in Berwang oder Grän.

Anreise

Zum Start. Stams liegt im Tiroler Inntal an der Bahnstrecke westlich von Innsbruck und hat einen eigenen Bahnhof mit Regionalzug- und S-Bahn-Halt; von Innsbruck Hauptbahnhof bist du in gut zwanzig Minuten dort, aus München über Innsbruck oder Garmisch und Mittenwald in rund drei Stunden. Der Bahnhof Stams ist nur eingeschränkt barrierefrei — die ÖBB empfehlen, den Mobilitätsservice mindestens zwölf Stunden vorher zu buchen. Vom Bahnhof zum Stift und weiter zum Startpunkt am Inn sind es knapp zwei Kilometer; plan das Stift mit ein, es lohnt eine Stunde.

Vom Ziel und unterwegs. Zell ist ein Dorf ohne Bahnhof, aber Oberstaufen liegt 2,4 Kilometer entfernt und hat einen Bahnhof an der Strecke Kempten–Lindau, mit Anschlüssen nach München, Ulm und an den Bodensee. Auch Immenstadt und Sonthofen liegen an dieser Achse — die letzten beiden Etappen sind damit bequem als Tagestouren machbar. In der Mitte des Wegs bedient die Außerfernbahn Biberwier, Lermoos, Ehrwald und Reutte, sodass Etappe 2 und 3 ebenfalls per Bahn erreichbar sind. Nicht per Bahn erreichbar sind Nassereith, Berwang, das Tannheimer Tal und Bad Hindelang — dort fährst du Bus: Das Tannheimer Tal hat ein dichtes Regionalbusnetz, Bad Hindelang und Oberjoch hängen am Bus ab Sonthofen.

  • Bahn Österreich: oebb.at — ÖBB, Bahnhof Stams und Außerfernbahn
  • Bahn Deutschland: bahn.de — Strecke Kempten–Lindau mit Sonthofen, Immenstadt und Oberstaufen
  • Wegbeschreibung und Broschüre: badhindelang.de — Tourist Information Bad Hindelang
  • Etappenbeschreibungen: allgaeu.de — alle sieben Etappen mit Karten
  • Pilgerausweis: pilgern-schwaben.de — Jakobuspilgergemeinschaft Augsburg
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