Camino Aragonés
Der Camino Aragonés führt dich auf 165,2 Kilometern von Candanchú unter dem Somport über Jaca, Sangüesa und Monreal hinab nach Puente la Reina — als einziger der vier klassischen Hauptwege netto bergab: Du kommst 1.218 Meter tiefer an, als du gestartet bist. Der Codex Calixtinus nennt um 1135 diese Route als erste der vier und bestimmt Puente la Reina als den Ort, an dem alle Wege „in einen einzigen“ zusammenfließen — heute ist der erste Weg des Pilgerführers der stillste von allen.

- 01Auf einen Blick
- 02Überblick
- 03Jerusalem, der Große Sankt Bernhard — und ein Steinhaufen im Gras
- 04Andere Namen
- 05Für wen ideal – und für wen eher nicht
- 06Streckenverlauf & Landschaft
- 07Etappen, Gelände & Schwierigkeit
- 08Highlights am Weg
- 09Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
- 10Weiterpilgern?
- 11Vorbereitung & Praktisches
- 12Was dich der Weg kostet
- 13Anreise
Auf einen Blick
- Start / Ziel: Candanchú (Spanien, direkt unter dem Somport, an den Ruinen des Hospitals Santa Cristina) → Puente la Reina (Navarra, Monumento al Peregrino)
- Länge: 165,2 km — die spanische Etappenaddition kommt auf 165,4: zwei Zehntel Unterschied auf 165 Kilometer, das nennt man Übereinstimmung
- Höhenmeter: ↗ 1.929 m / ↘ 3.147 m — netto 1.218 Meter bergab: der einzige der vier klassischen Hauptwege, der fällt. Höchster Punkt: Somport, 1.632 m, direkt über dem Startort
- Dauer: 6–7 Tage zu Fuß (6 Etappen im spanischen Standardschnitt, 7 mit der Bergvariante über San Juan de la Peña), 3–4 Tage mit dem Rad
- Wegzeichen: gelbe Pfeile und Muscheln, in Aragón als GR 65.3; ein Weggeher meldete im Mai 2025 „perfectamente señalizado“ — der Weg ist besser markiert als versorgt
- Zubringer: die Via Tolosana endet nach 786,4 km aus Arles genau in Candanchú — wer über den Somport kommt, geht ohne Bruch weiter; die Voie de Piemont zweigt in Oloron-Sainte-Marie ins Aspe-Tal ab
- Anschluss: ab Obanos/Puente la Reina übernimmt der Camino Francés — noch rund 670 km bis Santiago
- UNESCO: seit 1993 Teil des Welterbes — nicht unter eigenem Namen, sondern als einer der zwei Pyrenäenzugänge des Camino Francés: genau die Rolle, die ihm der Codex 1135 zugewiesen hat
- Charakter: der leerste der vier klassischen Hauptwege — die letzte belastbare Erhebung (2015) zählte am Somport gut 500 Pilger im Jahr, Startort-Platz 34; „Maravillosamente solitario“, urteilte ein Pilger im Mai 2025
Überblick
Um 1135 zählt der Pilgerführer im Codex Calixtinus die Wege nach Santiago ab, und er tut zwei Dinge, die keinem anderen Weg passiert sind: Er nennt deinen als ersten — „El primero pasa por Saint-Gilles, Montpellier, Tolosa y Somport“ — und er bestimmt dein Ziel als das Ziel aller vier: „en Puente la Reina, en tierras españolas, confluyen en uno solo“ (hier wie im Folgenden zitiert nach der spanischen Übersetzung von Buch V). Hinter dem Pass beginnt exakt die Strecke, die du gehst: 165,2 Kilometer von Candanchú hinab nach Puente la Reina — der einzige Weg unseres Bestandes, dessen Endpunkt eine Primärquelle als Endpunkt festlegt. Seit 1965 steht dort das Monumento al Peregrino und wiederholt den Satz in Stein: „Y desde aquí, todos los caminos a Santiago se hacen uno solo.“ Und wer geht ihn? Die letzte belastbare Erhebung (2015) zählte am Somport gut 500 Pilger im Jahr, Startort-Platz 34 — in Saint-Jean-Pied-de-Port und Roncesvalles zusammen waren es im selben Jahr 38.500. Der erste Weg des Pilgerführers ist heute der leerste von allen.
Dazu hat dieser Weg eine Zahl, die sonst keiner hat: ↗ 1.929 m gegen ↘ 3.147 m — als einziger der vier klassischen Hauptwege führt er netto bergab, 1.218 Meter. Und die Zahl ist keine Statistik-Laune: 3.147 minus 1.929 ist exakt der Höhenunterschied zwischen Candanchú und Puente la Reina. Diese Rechnung geht glatt auf: Dieser Weg fällt. Was er im Fallen aneinanderreiht, ist erstaunlich dicht — die erste romanische Kathedrale Spaniens in Jaca, begonnen 1077, ein 241 Meter langer Bahnhof in den Bergen, in dem Flüchtende und Wolframzüge aneinander vorbeikamen, ein verlassenes Dorf, das eine Gewerkschaft wiederaufbaut, das achteckige Rätsel von Eunate direkt an der Trasse — und gleich am ersten Kilometer die Grundmauern eines Hospitals, das der Codex in einem Atemzug mit Jerusalem nennt.
Jerusalem, der Große Sankt Bernhard — und ein Steinhaufen im Gras
Der Pilgerführer von 1135 hält drei Hospize der Christenheit für unverzichtbar, und er nennt sie Säulen: „el hospital de Jerusalén, el hospital de Mont-Joux y el hospital de Santa Cristina, en el Somport“. Jerusalem. Der Große Sankt Bernhard. Und der Somport. Zwei davon sind Weltbegriffe. Das dritte liegt bei Candanchú im Gras: Grundmauern, erstmals 1100 beurkundet durch eine Schenkung König Pedros I., im 13. Jahrhundert mit eigenem Ritterorden, 1607 säkularisiert, 1706 abgebrannt, 1835 aufgelöst, 1991 in einer dokumentierten Kampagne ausgegraben, 2006 unter Schutz gestellt. Die aragonesische Denkmalpflege führt es unter der Formel „Unum Tribus Mundi“ — eines der drei der Welt. Dein Weg beginnt an einem Ruinenfeld, das einmal so wichtig war wie das Hospital von Jerusalem.
Man kann die Ortsliste des Codex wie eine Verlustanzeige lesen. Kapitel III zählt acht Namen zwischen Somport und Puente la Reina auf: „Primero está Borce … el Hospital de Santa Cristina; después está Canfranc; más tarde Jaca; luego Osturit; después Tiermas con sus baños reales, que fluyen calientes constantemente; luego Monreal; por fin está Puente la Reina.“ Fünf davon sind bewohnte Orte auf deiner Etappenliste — eine bessere Quote als auf jedem anderen Weg. Aber Santa Cristina ist ein Ruinenfeld, Osturit ist bis heute nicht identifiziert — kein Ort dieses Namens existiert, die Forschung hat ihn schlicht nicht wiedergefunden —, und Tiermas mit seinen „ständig heiß fließenden königlichen Bädern“ liegt seit 1959 unter dem Yesa-Stausee; bei Niedrigwasser tauchen die römischen Thermen wieder auf. Unter demselben Wasser liegt ein Stück der Römerstraße von Caesaraugusta nach Beneharnum — die Vorläuferin genau dieses Weges. Der Weg geht heute um das herum, was er im 12. Jahrhundert war.
Und trotzdem ist diese Strecke kein Museum, sondern ein laufender Rettungsbetrieb. Arrés hat seit 2001 ein Hospital de peregrinos mit 22 Betten, donativo, gemeinsames Abendessen, geführt von freiwilligen Hospitaleros. Ruesta, 1965 mit 368 Einwohnern an den Stausee verloren, wurde 1988 der Gewerkschaft CGT übergeben, die es seither wiederaufbaut — und deren Herbergsbetrieb nach eigener Auskunft „en gran medida, del paso de peregrinos“ abhängt: zum großen Teil vom Durchzug der Pilger. Am 10. Juni 2026 hat Jaca seine Pilgerherberge im alten Militärhospital neu eröffnet — ganzjährig, donativo, betreut von den Hospitaleros der spanischen Föderation; es war Anfang der 1990er die erste Pilgerherberge Aragóns. Auf einem Weg, den im Jahr gut 500 Menschen beginnen, ist jedes dieser Häuser eine Entscheidung gegen die Statistik — und wo du übernachtest, ist hier keine Komfortfrage. Wenn du diesen Weg gehst, bist du Teil der Rechnung.
Andere Namen
Der Weg heißt nach dem Land, durch das er fällt: Camino Aragonés, weil er aus dem alten Königreich Aragón kommt und dem Río Aragón folgt. Die Regierung von Aragón selbst nennt ihn amtlich „Camino de Santiago francés por Aragón“ — für sie ist er schlicht der aragonesische Abschnitt des Camino Francés, was historisch exakt stimmt: Die UNESCO führt ihn seit 1993 als einen der zwei Pyrenäenzugänge dieses Weges. Wer nach dem Pass sucht, findet ihn auch als Ruta del Somport oder Vía del Somport — und der Pass trägt seine Bedeutung im Namen: lateinisch summus portus, „der höchste Pass“. Im Wanderwegenetz läuft die Trasse als GR 65.3, die Bergvariante über San Juan de la Peña als GR 65.3.2. Auf französischer Seite heißt dieselbe Achse Via Tolosana oder Voie d'Arles (GR 653) — sie endet genau dort, wo dieser Weg beginnt.
Für wen ideal – und für wen eher nicht
Dieser Weg ist etwas für dich, wenn du lange Etappen magst und Einsamkeit als Qualität verstehst, nicht als Mangel. Vier der sechs Etappen liegen über 27 Kilometern, Zwischenstationen gibt es fast nur am Anfang und am Ende, und ein Pilger zählte im Mai 2025 rund acht Leute in den Herbergen bis Puente la Reina — sein Urteil: „Maravillosamente solitario“. Dafür bekommst du auf 165 Kilometern mehr belegte Geschichte als anderswo auf 500: eine Kathedrale von 1077, eine Königsgruft mit drei Generationen Aragón, einen Bahnhof mit 365 Fenstern, das einzige romanisch-gotische Weltgericht des 12. Jahrhunderts am spanischen Camino und ein Achteck, über das seit 800 Jahren gestritten wird. Und du endest an dem Ort, den der Codex Calixtinus als Treffpunkt aller Wege bestimmt hat — mit einem Denkmal, das das seit 1965 bestätigt.
Ehrlich gesagt ist er aber nichts für dich, wenn du Struktur brauchst. Die Versorgung ist dünn: Nach Santa Cilia kommt tagelang kein Laden, Bargeld ziehst du in Jaca oder gar nicht, auf Etappe 5 liegen zwischen Sangüesa und Izco 15,8 Kilometer ohne verlässliche Einkehr — die Herberge in Izco ist dauerhaft zu —, es gibt weniger Trinkwasserbrunnen als auf anderen Wegen, und Bars öffnen nicht jeden Tag. Der Kritiker Antón Pombo nennt Teile der Trasse „tramos abandonados a su suerte“ — ihrem Schicksal überlassen. Solche Lücken plant man vorher weg, nicht unterwegs. Und wenn deine Knie ein Thema sind, nimm die Höhenmeterzeile ernst: 3.147 Meter Abstieg gegen 1.929 Meter Aufstieg. Dieser Weg verlangt keine Kondition für Berge — er verlangt Knie für Talfahrten.
Streckenverlauf & Landschaft
Du startest in Candanchú auf rund 1.560 Metern, zwischen Skiliften und den Grundmauern eines mittelalterlichen Hospitals, den Grenzpass direkt über dir. Die erste Etappe ist reines Hochgebirge und ein Abstieg von fast tausend Metern: durchs Tal des Río Aragón über Canfranc-Estación mit seinem überdimensionierten Bahnhof, das 1944 zu drei Vierteln abgebrannte Canfranc Pueblo, Villanúa mit Hexenhöhle und Dolmen, Castiello de Jaca — und hinein nach Jaca auf 815 Metern, wo die erste romanische Kathedrale Spaniens steht. Ab hier ändert sich alles: Die Berge treten zurück, du gehst in die Canal de Berdún, ein weites Längstal zwischen Vorpyrenäen und Sierras, über Santa Cilia und Puente la Reina de Jaca — den kleinen Ort in Huesca, nicht dein Ziel — hinauf zum Hügeldorf Arrés.
Der zweite Teil ist Weizen, Steineiche und Wasser. Zwischen Arrés und Ruesta liegt der einsamste Abschnitt des ganzen Weges, mit großen Abständen zwischen den Dörfern — und dann kommt der Yesa-Stausee: rund 2.000 Hektar Wasser über dem, was hier vor 1959 Ackerland, Römerstraße und drei Dörfer war. Ruesta liegt als verlassenes Dorf am Ufer, mit Burgrest und wiedereröffneter Herberge. Über Undués de Lerda, den letzten Ort Aragóns, wechselst du nach Navarra und steigst nach Sangüesa ab, zum Weltgerichtsportal von Santa María la Real. Danach geht es über Rocaforte und den Alto de Loiti in ein Land aus welligen Sierras; die letzte Etappe läuft in ständigem Auf und Ab über die Sierra de Aláiz, streift Santa María de Eunate — das Achteck liegt direkt an deiner Trasse — und endet auf der romanischen Brücke von Puente la Reina: 346 Meter über dem Meer, 1.218 Meter unter deinem Start.
Etappen, Gelände & Schwierigkeit
Der spanische Standardschnitt sind sechs Etappen, und der ist sportlich: Vier davon liegen über 27 Kilometern, und Möglichkeiten zum Teilen gibt es fast nur auf Etappe 1 und 6 — dazwischen bestimmt die Herbergskette den Tag, nicht deine Kondition. Das Gelände ist überwiegend Naturweg, Waldweg und Wirtschaftsstraße; schwierig ist nicht die Steigung — 1.929 Meter Aufstieg auf 165 Kilometer sind für ein Pyrenäenprofil erstaunlich wenig —, sondern die Etappenlänge und der Dauerabstieg. Am Somport können Schnee und Eis bis ins späte Frühjahr liegen. Die Kilometerangaben unten stammen aus den spanischen Etappenportalen und tragen deshalb „ca.“; maßgeblich ist die Trackmessung unserer Routendatenbank: 165,2 km — die spanische Etappenaddition kommt auf 165,4, zwei Zehntel Abweichung sind eine Bestätigung, kein Widerspruch. Markiert ist durchgehend mit gelben Pfeilen und Muscheln, in Aragón als GR 65.3; „perfectamente señalizado“, meldete ein Weggeher im Mai 2025.
- Candanchú → Jaca (ca. 30 km) — der große Abstieg durchs Aragón-Tal, über beide Canfrancs, Villanúa und Castiello de Jaca. Hochgebirgskulisse, fast 1.000 Höhenmeter bergab — und am Start die Ruinen von Santa Cristina.
- Jaca → Arrés (ca. 25 km) — hinaus in die Canal de Berdún, über Santa Cilia und Puente la Reina de Jaca (nicht das Ziel — ein anderer Ort!). Sanftes Wellenprofil, viel Feldweg; in Arrés warten 22 donativo-Betten und ein gemeinsames Abendessen.
- Arrés → Ruesta (ca. 28 km) — der einsamste Abschnitt des Weges, über Martes, Mianos und Artieda zum Yesa-Stausee und dem verlassenen Dorf Ruesta.
- Ruesta → Sangüesa (ca. 22 km) — die kürzeste Etappe, über Undués de Lerda, den letzten Ort Aragóns, nach Navarra hinein — am Ziel das Weltgerichtsportal.
- Sangüesa → Monreal (ca. 27 km) — über Rocaforte und den Alto de Loiti. Die kritische Etappe: 15,8 km ohne verlässliche Versorgung, die Herberge in Izco ist dauerhaft geschlossen — Verpflegung für den ganzen Tag mitnehmen.
- Monreal → Puente la Reina (ca. 31 km) — ständiges Auf und Ab über die Sierra de Aláiz, an Santa María de Eunate vorbei (direkt am Weg!), über Obanos — den formalen Zusammenfluss mit dem Camino Francés — die letzten 2,4 km zur Brücke von Puente la Reina.
Wer mehr will, nimmt die offizielle Bergvariante: Der Camino San Juan de la Peña (GR 65.3.2) führt von Jaca über Santa Cruz de la Serós und beide Klöster von San Juan de la Peña nach Arrés — 38,6 km mit 1.059 Metern Aufstieg statt 25 km, von den Wegportalen als „wirklich schwierig“ eingestuft und ausdrücklich zum Teilen auf zwei Tage empfohlen (Quartier in Santa Cruz de la Serós oder Santa Cilia, nicht allein gehen). Eine zweite Option führt durch die Schlucht Foz de Lumbier und verlängert Etappe 5 auf rund 35 Kilometer. Und ein Zeitwort zur Demut: Der Codex rechnete für die ganze Strecke „tres cortas etapas“ — drei kurze Etappen von Borce bis Puente la Reina. Kurz waren Etappen im 12. Jahrhundert allerdings nur für Reiter; zwei seiner drei Etappenziele, Jaca und Monreal, stehen trotzdem bis heute auf deiner Liste.
Highlights am Weg
- Ruinen des Hospital de Santa Cristina (Candanchú) — eine der „drei Säulen der Welt“ des Codex Calixtinus, neben Jerusalem und dem Großen Sankt Bernhard; erstmals 1100 durch König Pedro I. beurkundet, 1706 abgebrannt, 1835 aufgelöst, 1991 ausgegraben, seit 2006 geschützt. „Unum Tribus Mundi“ — und dein erster Kilometer.
- Estación Internacional de Canfranc — eröffnet am 18. Juli 1928 in Anwesenheit Alfons' XIII.: 241 Meter Fassade, 365 Fenster für 365 Tage. 1940–1943 schleuste hier der französische Zollchef Albert Le Lay, „el Schindler de Canfranc“, Flüchtende über die Grenze — belegt sind unter anderem Marc Chagall und Joséphine Baker; im September 1943 floh er selbst vor der Gestapo. Am 27. März 1970 riss ein entgleister Güterzug die Brücke von L'Estanguet ein und beendete den internationalen Bahnverkehr; seit Ende Januar 2023 ist der Bahnhof ein Fünf-Sterne-Hotel.
- Laboratorio Subterráneo de Canfranc — 800 Meter unter dem Fels zwischen Straßen- und altem Bahntunnel sucht ein Untergrundlabor nach dunkler Materie. Über dir der Pass aus dem Codex Calixtinus, unter dir die Teilchenphysik.
- Cueva y Dolmen de las Güixas (Villanúa) — Hexenhöhle und Dolmen, elf Kilometer vor der ersten romanischen Kathedrale Spaniens: Diese Etappe legt 4.000 Jahre Religionsgeschichte auf 30 Kilometer.
- Kathedrale San Pedro, Jaca — begonnen 1077 unter Sancho Ramírez, die erste romanische Kathedrale Spaniens; im selben Jahr gab der König der Stadt ihr Stadtrecht: „ego volo constituere civitatem in mea villa que dicitur Iacca“ — der Fuero de Jaca, Stadtrecht aus Pilgerverkehr. Am Bau läuft das Ajedrezado jaqués, das jaquesische Schachbrettband, das von hier aus die romanischen Kirchen des ganzen Camino erobert hat — du wirst es bis Santiago wiedererkennen. Seit dem 10. Juni 2026 hat Jaca auch seine Pilgerherberge zurück: ganzjährig, donativo.
- San Juan de la Peña & Santa Cruz de la Serós (Bergvariante) — das Kloster unter dem Felsüberhang, begonnen 920, ab 1071 erstes Kloster Spaniens mit römischem Ritus; im Panteón Real liegen Ramiro I., Sancho Ramírez und Pedro I. — Vater, Sohn und Enkel in derselben Felsnische. Und der Gral? Ob der Kelch, der heute als Santo Cáliz in Valencia steht, je hier war, ist urkundlich nicht zu klären; dass König Martín I. ihn 1399 von hier abholen ließ, gilt als überliefert. Die Legende endet nicht mit einem Verschwinden, sondern mit einer Adresse.
- Ruesta — 1965 mit 368 Einwohnern aufgegeben, weil der Stausee die Felder nahm; seit 1988 in Händen der Gewerkschaft CGT, die zwei Häuser als Herberge zurückgebaut hat. Der Betrieb hängt „en gran medida, del paso de peregrinos“ ab — hier ist Übernachten Ortserhalt.
- Yesa-Stausee — rund 2.000 Hektar Wasser über drei ausgelöschten Dörfern, einer Römerstraße und den heißen Bädern von Tiermas, die der Codex lobt: „con sus baños reales, que fluyen calientes constantemente“. Bei Niedrigwasser tauchen die römischen Thermen wieder auf.
- Santa María la Real, Sangüesa — 1131 von Alfonso I. el Batallador dem Johanniterorden geschenkt; am Südportal hat sich der burgundische Bildhauer Leodegarius mit Inschrift verewigt. Es gilt als die einzige romanisch-gotische Weltgerichtsdarstellung des 12. Jahrhunderts am spanischen Camino — mit Judas am Strick.
- Santa María de Eunate — achteckig, umgeben von 33 Arkadenbögen, der Name baskisch für „hundert Türen“. Die Templer-These, ehrlich: „no existe ningún documento que lo acredite“ — kein einziges Dokument. Was es gibt, sind Jakobsmuscheln in den Gräbern rund um die Kirche. Der Beweis für das Geheimnis fehlt; der Beweis für die Pilger liegt vor. Und das Beste: Eunate liegt direkt an der Trasse des Camino Aragonés — Francés-Pilger müssen dafür einen Abzweig gehen, du nicht einen Meter.
- Puente la Reina — die romanische Brücke aus dem 11. Jahrhundert, 110 Meter, sieben Bögen, gebaut von einer Königin, deren Name der Ort wurde. Und das Monumento al Peregrino von 1965 mit dem Satz, den der Codex 830 Jahre früher schrieb: „Y desde aquí, todos los caminos a Santiago se hacen uno solo.“
Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
Der natürlichste Zubringer ist die Via Tolosana — sie führt in 786,4 Kilometern von Arles über Toulouse und das Aspe-Tal auf den Somport und endet exakt in Candanchú, wo dieser Weg beginnt. Beide zusammen sind der Weg, den der Codex Calixtinus als ersten der vier aufführt: „El primero pasa por Saint-Gilles, Montpellier, Tolosa y Somport.“ Wer über den Pass kommt, wechselt nicht die Route — er wechselt das Land.
Ein zweiter Zulauf kommt aus dem französischen Vorland: Die Voie de Piemont kreuzt in Oloron-Sainte-Marie die Arles-Route, und ihr Trägerverein beschreibt die Weiche wörtlich — „La voie du Piémont coupe la voie d'Arles à Oloron-Sainte-Marie où l'on peut choisir de bifurquer vers Sarrance et Borce“: Wer dort ins Aspe-Tal einbiegt, landet über Borce am Somport, also hier. Wer ohne Fußzubringer anreist, hat es leichter als der Ruf des Weges vermuten lässt: Bahn nach Jaca oder Canfranc-Estación, dann Linienbus zur Passhöhe — oder von französischer Seite über Pau, Oloron und Bedous (Details unter Anreise). Deinen Pilgerausweis (Credencial) besorgst du am besten vorab; ausgeben kann ihn auch die Herberge in Jaca.
Weiterpilgern?
Formal endet dieser Weg zweieinhalb Kilometer vor dem Ziel: „En la plaza de Obanos finaliza el Camino Aragonés … y se funde con el Camino Francés“ — auf der Plaza von Obanos fließt er mit dem großen Weg zusammen. Gefeiert wird die Vereinigung aber in Puente la Reina, wo seit 1965 das Monumento al Peregrino den Codex-Satz trägt: „Y desde aquí, todos los caminos a Santiago se hacen uno solo.“ Ab hier trägt dich der Camino Francés die restlichen rund 670 Kilometer nach Santiago — über Estella, Logroño, Burgos und León.
Auf den Übergang solltest du vorbereitet sein, denn er ist ein Kulturschock: Nach Tagen mit acht Leuten in der Herberge stehst du auf einem Weg, den jährlich eine Viertelmillion Menschen gehen. Genau das ist der Sinn dieses Ortes — hier wird aus vier Wegen einer, seit 890 Jahren. Und wer die Stille der letzten Woche sofort vermisst, weiß jetzt aus erster Hand, warum die alte Trasse über den Somport erhalten bleiben muss.
Vorbereitung & Praktisches
Wann: Kernsaison ist April bis Oktober, ideal sind Mai, Juni und September. Am Somport können Schnee und Eis bis ins späte Frühjahr liegen — im Winter ist der Pass keine Option. Im März und November stehen mehrere Herbergen noch oder schon nicht offen: Arrés öffnet erst am 1. April, Ruesta und Monreal ab 1. März, Monreal schließt am 31. Oktober. Ruf im Zweifel vorher an — auf diesem Weg sind Öffnungszeiten kein Detail, sondern Etappenplanung.
Versorgung — der ehrlichste Punkt dieses Kapitels: Nach Santa Cilia kommt für mehrere Tage kein Laden, Bargeld ziehst du in Jaca — danach lange kein Automat, und donativo-Herbergen haben kein Kartenterminal. Auf Etappe 5 liegen zwischen Sangüesa und Izco 15,8 Kilometer ohne verlässliche Einkehr, die Herberge in Izco ist dauerhaft geschlossen — diese Etappe gehst du mit Verpflegung für den ganzen Tag. Es gibt weniger öffentliche Trinkwasserbrunnen als auf anderen Wegen; zwei Liter Wasser sind hier keine Übervorsicht. Bars öffnen nicht täglich und schließen an Feiertagen.
Credencial und Ausrüstung: Wie auf allen spanischen Wegen brauchst du den Pilgerausweis für die Herbergen und am Ende die Compostela — am besten vorab online bestellen; Stempel gibt es in den Herbergen, in der Kathedrale von Jaca und, schön gelegen, im Casa de Onat neben Eunate. Zur Ausrüstung sagt die Höhenmeterzeile alles: 3.147 Meter Abstieg. Nimm Stöcke und gedämpfte, gut eingelaufene Schuhe und plane die erste Etappe defensiv — dreißig Kilometer Gefälle am ersten Tag sind ein zuverlässiger Weg zu Knieproblemen am dritten. Für die Bergvariante über San Juan de la Peña gilt die Portal-Empfehlung: auf zwei Tage teilen, nicht allein gehen. Und plane deine Tagesetappen vorher durch, weil die Quartiere klein, weit auseinander und saisonabhängig offen sind — am einfachsten gelingt das direkt in der Camino Ninja App, in der du deine Etappen zusammenstellst und passende Unterkünfte gleich mit einplanst.
Was dich der Weg kostet
Rechne mit 30 bis 40 € pro Tag (Stand: August 2026), sparsam geht es ab etwa 25 € — die Herbergen sind erfreulich günstig, weil ein großer Teil auf donativo läuft: die wiedereröffnete Herberge in Jaca (36 Plätze) ebenso wie das Hospital de peregrinos in Arrés (22 Plätze), dort auch für das gemeinsame Abendessen. Wo Preise ausgeschildert sind, sind sie moderat: Monreal 10 € (43 Plätze), Ruesta 16 € im Schlafsaal (Doppelzimmer 58 €), die kommunale Herberge in Sangüesa liegt bei rund 5 €. Bei donativo gilt die ungeschriebene Regel, dass 8 bis 12 € fair sind — und auf einem Weg mit gut 500 Pilgern im Jahr entscheidet genau dieser Betrag mit, ob ein Haus im nächsten Frühjahr wieder aufmacht. Dazu kommen ein Menú del día für 12 bis 16 €, Frühstück für 3 bis 5 € und der Eintritt in Santa María de Eunate (2 €, für Pilger 1,50 €); Privatzimmer und Casas Rurales gibt es ab etwa 40 € im Einzel-, 57 € im Doppelzimmer. Weil die Läden dünn gesät sind, kaufst du in Jaca und Sangüesa vorausschauend ein statt täglich frisch — und das Wichtigste zum Schluss noch einmal: Bargeld in Jaca ziehen.
Anreise
Der bequemste Anmarsch führt über Zaragoza: Dreimal täglich fährt ein Regionalzug nach Jaca (ca. 3 Stunden 30, ab Huesca 2 Stunden 15), zwei davon weiter bis Canfranc-Estación — du kannst also mit dem Zug praktisch bis auf die zweite Etappe anreisen. Von Jaca bringt dich der gelbe Linienbus der Mancomunidad Alto Valle del Aragón in rund 35 Minuten hinauf nach Candanchú und zum Somport; er hält unterwegs in Castiello de Jaca, Villanúa und beiden Canfrancs, also an fast allen Orten der ersten Etappe. Aus Frankreich kommst du mit dem TER von Pau über Oloron-Sainte-Marie nach Bedous und von dort mit der grenzüberschreitenden Buslinie 550 über Urdos und den Somport bis Canfranc.
Die Rückreise ab Puente la Reina ist die einfachste des ganzen Weges: Busse fahren in rund 25 Minuten nach Pamplona (La Estellesa), wo Fernbusse, Züge und ein kleiner Flughafen warten; Bilbao und Zaragoza sind die nächsten großen Airports — und wer auf dem Camino Francés weitergeht, braucht gar keine Rückreise. Eine Anreise-Pointe hat dieser Weg außerdem: Über den Somport fährt seit dem 27. März 1970 kein Zug mehr, seit ein entgleister Güterzug die Brücke von L'Estanguet einriss. Die EU hat die Wiederherstellung der Linie Zaragoza–Canfranc–Pau zwar in ihre Prioritäten aufgenommen, aber ein Bericht vom 17. Juni 2026 notiert trocken: „El ritmo de ejecución actual genera inquietud sobre el cumplimiento de los plazos.“ Zu Fuß über den Pass bist du also auf absehbare Zeit schneller grenzüberschreitend unterwegs als die Bahn.
- Anreise zum Start: Renfe-Regionalzug Zaragoza/Huesca → Jaca (3 × täglich, zwei bis Canfranc-Estación), dann Linienbus Jaca → Candanchú/Somport (Mancomunidad Alto Valle del Aragón, ca. 5 Fahrten täglich, ca. 35 Minuten, 1,35–3,05 €); Busse von Alosa/Avanza verbinden Jaca mit Huesca, Zaragoza und Pamplona.
- Aus Frankreich: TER Pau → Oloron-Sainte-Marie → Bedous, weiter Buslinie 550 (Citram Pyrénées) über Urdos und den Somport bis Canfranc, 4–6 Fahrten täglich. ⚠️ Das Aspe-Tal ist rutschungsanfällig — die RN 134 war nach den Unwettern vom September 2024 monatelang gesperrt; aktuellen Stand vor der Reise prüfen.
- Rückreise: Puente la Reina → Pamplona per Bus (ca. 25 Minuten), dort Bahn, Fernbus und Flughafen; größere Airports: Bilbao und Zaragoza, auf französischer Seite Pau — oder gar keine Rückreise, sondern weiter auf dem Camino Francés.
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