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Thurgauer Klosterweg

79,5 Kilometer von Blumberg über den Randen an den Rhein und durch den Thurgau: sechs Klostergründungen zwischen 1049 und 1331, darunter die Kartause Ittingen und St. Katharinental — und am Ziel eine Johanniterkommende, die 581 Jahre Pilgerherberge und 162 Jahre Gefängnis war.

1. Juli 202617 Min. Lesezeit
Thurgauer Klosterweg
Inhalt

Auf einen Blick

  • Start / Ziel: Blumberg (Schwarzwald-Baar-Kreis, ca. 700 m) → Tobel-Tägerschen (Kanton Thurgau) — grenzüberschreitend von Deutschland in die Schweiz
  • Länge: 79,5 km
  • Höhenmeter: ↗ 1.510 m / ↘ 1.685 m — netto geht es 175 Meter bergab, aber fast der ganze Auf- und Abstieg steckt im ersten Tag über den Randen: Nicht die Klöster machen die Höhenmeter, sondern der Weg zwischen ihnen
  • Dauer: 4 Tage (4 Etappen); sportlich in 3, mit Kloster Fischingen in 5
  • Klöster am Weg: sechs — Allerheiligen (1049), Ittingen (1150), Tobel (1228), St. Katharinental (1242), Paradies (1257), Kalchrain (1324/31); kein einziges ist heute noch Kloster
  • Wegzeichen: kein durchgehendes eigenes Wegzeichen belegt — in der Schweiz gehst du auf Wanderwegweisern, auf deutscher Seite überlagern sich mehrere Fernwege; GPS-Track einplanen
  • Zubringer: mit der Bahn nach Blumberg-Zollhaus (Ringzug); zu Fuss im weiteren Umfeld der Oberschwäbische Jakobsweg nach Konstanz, wo der Schwabenweg beginnt
  • Anschluss: in Tobel trifft der Weg die alte Pilgerstrasse (Schwabenweg) von Konstanz nach Einsiedeln — dort übernimmt die Via Jacobi Richtung Genf
  • Charakter: kurzer, dichter Kulturweg: erst Kalkhochfläche, dann Rheinufer, dann Mostindien — sechs Klöster, aber nur ein einziges Klosterbett (Kartause Ittingen, Hotelpreis); Vorbuchen statt Herbergsromantik

Überblick

Der Thurgauer Klosterweg ist mit 79,5 Kilometern einer der kürzesten Wege unseres Portfolios — und einer der dichtesten. Du startest in Blumberg auf 700 Metern im Schwarzwald-Baar-Kreis, steigst über den Randen — dessen höchster Punkt mit 930 Metern auf Blumberger Gemarkung liegt — in die Schweiz hinüber und fällst fast fünfhundert Meter zum Rhein nach Schaffhausen ab. Dann geht es rheinaufwärts nach Diessenhofen und quer durch den Thurgau, bis du nach vier Tagen vor der Johanniterkommende Tobel stehst. Dazwischen liegen sechs Klostergründungen, deren Daten über fast drei Jahrhunderte streuen: Allerheiligen 1049, die Kartause Ittingen 1150, Tobel 1228, St. Katharinental 1242, Paradies 1257, Kalchrain zwischen 1324 und 1331. Auf 79,5 Kilometern ist das ein Kloster alle dreizehn Kilometer.

Was diesen Weg von anderen Klosterrouten unterscheidet, ist nicht die Zahl, sondern der Zustand: Kein einziges dieser sechs Häuser ist heute noch Kloster. Eines ist ein Museum, eines eine Rehaklinik, eines die Firmenbibliothek eines Giesserei-Konzerns, eines ein Massnahmenzentrum für straffällige junge Erwachsene, eines ein Hotel mit 68 Zimmern — und das Ziel deines Weges war von 1811 bis 1973 das kantonale Gefängnis. Der Thurgau hat seine Klöster nicht abgerissen — er hat sie in Dienst genommen. Und der Weg endet nicht in Tobel, er mündet: Hier kreuzt der Schwabenweg von Konstanz nach Einsiedeln, ab dort läuft die Via Jacobi weiter — 645 Kilometer bis Genf, dann Frankreich, dann Spanien. Vier Tage, und du stehst auf der Hauptachse.

Der Kanton machte aus seinen Klöstern Anstalten

Fang beim Ziel an, denn dort steht die ganze Geschichte auf einem Grundstück. 1226 erschlug ein Diethelm von Toggenburg seinen Bruder Friedrich; zwischen 1226 und 1228 stifteten die Grafen von Toggenburg die Kommende Tobel — der Überlieferung nach als „Sühneakt … für den Brudermord auf der benachbarten Burg Rengerswil“. Ab 1228 sassen hier die Johanniter, und die Quelle sagt wörtlich, wozu das Haus da war: „Sie diente vor allem als Pilgerherberge.“ Warum ein Ritterorden in einem thurgauischen Dorf Fremde beherbergte, hatte sein erster Vorsteher, Bruder Gerhard, um 1120 in einen einzigen Satz gelegt: „Unsere Bruderschaft wird unvergänglich sein, weil der Boden, auf dem diese Pflanze wurzelt, das Elend der Welt ist.“ 581 Jahre lang hat das gehalten. Dann hob man die Kommende auf, der Kanton übernahm — und richtete 1811 in den Ordensgebäuden ein Zucht- und Arbeitshaus ein. Es blieb eines bis 1973. 581 Jahre Pilgerherberge, 162 Jahre Gefängnis — ein Grundstück.

Das ist keine Ausnahme, das ist das Muster dieses Weges. Kalchrain, 1848 aufgehoben, wurde 1849 zur kantonalen „Zwangsarbeitsanstalt“ und ist heute Massnahmenzentrum für straffällige junge Erwachsene. St. Katharinental, wo um 1280 hundertfünfzig Nonnen lebten und nach 1313 Meister Eckhart als Seelsorger wirkte, wurde 1869 Alters- und Pflegeheim und ist heute Rehaklinik — 1906 zogen die letzten dreizehn Schwestern aus. Das Klarissenkloster Paradies kaufte 1918 die Georg Fischer AG, um „der allgemeinen Lebensmittelknappheit im Ersten Weltkrieg“ zu entgehen: Ein Klarissenkloster namens Paradies hütet heute die Bibliothek des Eisens. Nur an einem Ort geht die Rechnung anders aus: Die Kartause Ittingen, 1848 nach rund 700 Jahren aufgehoben, wurde 1977 einer Stiftung übergeben und für 49 Millionen Franken restauriert — heute stehen in der strengsten Schweigeklausur des Abendlands 68 Hotelzimmer, eine Käserei, zehn Hektaren Reben und 89 Arbeits- und Wohnplätze für Menschen, die Unterstützung brauchen. Die Stille ist weg, der Dienst ist geblieben.

Und dieser Weg zeigt dir nicht nur, was aus den Klöstern wurde — er zeigt dir, wo es anfing. Am dritten Morgen gehst du durch Stammheim: Genau hier, in Ober- und Unterstammheim, zündete im Sommer 1524 der Bildersturm, der als Ittingersturm über die Kartause herfiel — die Aufständischen „zerstörten die Bilder, verbrannten die Bücher“. Du durchquerst den Zündort einen halben Tag, bevor du das Kloster erreichst, das er traf. Und Ostern 1525 untersagte ein Erlass in den reformierten Gebieten „jegliche Messen, Prozessionen und Wallfahrten“ — das ist der datierte Satz, mit dem das Pilgern auf dieser Trasse amtlich endete. Nur zwei Jahre später, keine sechzig Kilometer entfernt, entstanden westlich des Weges in Schleitheim die Schleitheimer Artikel von 1527, das älteste Glaubensbekenntnis der Täufer. Der Klosterweg führt mitten durch das Jahrzehnt, in dem seine Klöster ihr Ende fanden — wer hier geht, geht durch die Reformation, nicht an ihr vorbei.

Andere Namen

Der Name ist beschreibend, nicht historisch: Einen mittelalterlichen „Klosterweg“ durch den Thurgau gab es nie. Was es gibt, ist eine Klösterlandschaft, durch die dieser Weg eine Linie zieht — und ein Kanton, der seine eigene Gegend spöttisch Mostindien nennt, seit die humoristische Zeitschrift „Der Postheiri“ 1853 „Ost“ mit Obstbau und Birnenmost kurzschloss. Zwei Nachbarn solltest du nicht mit diesem Weg verwechseln: Der Schwabenweg ist die alte Pilgerstrasse von Konstanz nach Einsiedeln — sie trifft in Tobel auf deinen Weg und zieht über Kloster Fischingen weiter. Und die Via Jacobi ist die schweizerische Wanderroute Nr. 4, 645 Kilometer und 33 Etappen vom Bodensee nach Genf: Der Thurgauer Klosterweg ist ihr Zubringer aus dem Süddeutschen, kein Teilstück. Und weil es immer gefragt wird: Kloster Fischingen, das berühmteste Thurgauer Kloster mit dem Grab der heiligen Idda, liegt nicht an diesem Weg, sondern eine Etappe hinter dem Ziel — im Weiterpilgern-Kapitel steht, warum du trotzdem hin solltest.

Für wen ideal – und für wen eher nicht

Dieser Weg ist ideal, wenn du vier Tage hast und Substanz willst statt Kilometer. Er ist grenzüberschreitend, logistisch gutmütig — Start, Ziel und jeder Etappenort haben Bahnanschluss —, und er hat eine These, die du an sechs Gebäuden nachlaufen kannst. Wenn dich Baugeschichte, Reformation und Säkularisation interessieren, wenn du gern in einem Hotel schläfst, das einmal eine Kartause war, bist du hier richtig. Auch als allererster Pilgerweg funktioniert er, weil nur der erste Tag wirklich fordert.

Ehrlich gesagt ist er aber nichts für dich, wenn du Herbergsromantik suchst. Es gibt an diesem Weg genau eine Klosterübernachtung — und die kostet Hotelpreis; die Pilgerherberge in Tobel wurde 2007 wiedereröffnet und ist inzwischen wieder geschlossen. Sechs Klöster, ein einziges Bett. Es gibt keine belegte Muschel-Markierung, kein Jakobus-Patrozinium, keine Stempelkette — und ohne GPS-Track kannst du dich zwischen Randen und Seerücken gründlich verlaufen. Wer die Infrastruktur des Camino Francés erwartet, wird enttäuscht. Wer eine ganze Klösterlandschaft in vier Tagen lesen will, bekommt hier mehr als auf dreihundert spanischen Kilometern.

Streckenverlauf & Landschaft

Die ersten Kilometer haben mit dem Thurgau noch nichts zu tun. Du gehst in Blumberg auf 700 Metern los, kommst über Epfenhofen — wo die Sauschwänzlebahn auf ihrem Viadukt Schleifen in den Hang legt — zum Blumberger Ortsteil Randen und steigst auf den Höhenzug gleichen Namens: Der Hohe Randen, mit 930 Metern sein höchster Punkt, liegt noch auf Blumberger Gemarkung, die Grenze überschreitest du oben auf der Hochfläche ohne jede Zeremonie. Der Randen ist Weisser Jura, durch Erosionstäler so zerlegt, dass man von „sieben verschiedenen Randen“ spricht, und er liegt im Regenschatten des Schwarzwalds — mit 760 bis 800 Millimetern Jahresniederschlag gehört er zu den trockensten Gebieten der Schweiz. Das siehst du an Magerwiesen und Orchideen, und du merkst es an den Brunnen. Dann fällt der Weg fast fünfhundert Meter ab, und am Rhein auf 438 Metern empfängt dich Schaffhausen, die Erkerstadt mit dem grössten romanischen Sakralbau des Landes.

Der zweite Teil ist eine andere Welt. Von Schaffhausen bleibst du am linken Rheinufer, über Feuerthalen und Langwiesen — der Weg streift hier den Kanton Zürich — und am Klostergut Paradies vorbei nach Diessenhofen, an dessen Ortsrand St. Katharinental direkt am Fluss liegt. Danach steigt die Route über Stammheim in den Seerücken und ins Seebachtal, wo Hüttwilersee, Hasensee und Nussbaumersee seit 1966 Naturschutzgebiet sind, passiert Kalchrain und erreicht die Kartause Ittingen über Warth. Ab hier ist es Mostindien: Hochstamm-Obstgärten, Reben, Hopfen — die Kartause allein bewirtschaftet zehn Hektaren Weinberg. Hinter Frauenfeld führt der letzte Tag durch Stettfurt und Lommis ins Lauchetal, und die Ankunft in Tobel ist unspektakulär: ein Dorf mit 962 Einwohnern, eine Dreiflügelanlage von 1744, ein Bergfried, der heute Glockenturm ist. Dass hier fast sechs Jahrhunderte lang Pilger übernachtet haben, sieht man dem Ort nicht an. Erst Kalk und Trockenrasen, dann Apfel und Most.

Etappen, Gelände & Schwierigkeit

Vier Tage, und die Schwierigkeit ist extrem ungleich verteilt: Von den 1.510 Aufstiegsmetern stecken rund fünfhundert im ersten Tag, dazu achthundert Meter Abstieg zum Rhein — wer Etappe 1 hinter sich hat, hat den Weg gemacht. Untergrund: auf dem Randen Wald- und Wiesenwege, am Rhein Uferpfade und Kieswege, im Thurgau viel Flurweg und Hartbelag zwischen den Obstgärten. Feste Wanderschuhe genügen, Stöcke helfen nur am ersten Tag.

  1. Blumberg → Schaffhausen — ca. 27 km — Der einzige harte Tag: über Epfenhofen und den Ortsteil Randen auf den Randen-Kamm (bis ca. 900 m), Grenzübertritt auf der Hochfläche, dann der lange Abstieg zum Rhein auf 438 m. Trockene Kalkhochfläche — Wasser für den ganzen Tag mitnehmen. ↗ ca. 500 / ↘ ca. 800 m.
  2. Schaffhausen → Diessenhofen — ca. 14 km — Der leichte Tag am linken Rheinufer über Feuerthalen und Langwiesen: Kloster Allerheiligen zum Auftakt, das Klostergut Paradies auf halbem Weg, St. Katharinental am Ortsrand des Ziels. Fast flach.
  3. Diessenhofen → Frauenfeld — ca. 22 km — Der Klostertag: über Stammheim — den Zündort des Ittingersturms von 1524 — in den Seerücken und durch das Seebachtal (Naturschutzgebiet seit 1966), an Kalchrain vorbei zur Kartause Ittingen, dann hinunter nach Frauenfeld.
  4. Frauenfeld → Tobel-Tägerschen — ca. 16,5 km — Der Ausklang: durch Obstland und Molassehügel über Stettfurt und Lommis ins Lauchetal, Ankunft an der Komturei Tobel — dem Haus, das 581 Jahre Pilgerherberge war.

Sportliche schaffen den Weg in drei Tagen (ca. 27 / 32 / 20,5 km, Übernachtung in Schaffhausen und in der Kartause Ittingen) — aber der 32er führt an vier Klöstern vorbei, und wer alle vier anschauen will, kommt nicht durch: Die 3-Etappen-Variante ist eine Gehleistung, die 4-Etappen-Variante ist der Weg. Und wer den besseren Schluss will, hängt einen fünften Tag an: Tobel → Kloster Fischingen, ca. 15 km auf dem Schwabenweg — dann endet die Reise nicht an einem Gefängnisgebäude von 1811, sondern am Iddagrab von 1496, in einem Kloster, das wieder eine Pilgerherberge betreibt.

Highlights am Weg

  • Hoher Randen (930 m) — höchster Punkt des ganzen Randen-Höhenzugs, auf Blumberger Gemarkung: Kalkhochfläche, Magerwiesen, Orchideen — und gleich dahinter einer der trockensten Landstriche der Schweiz.
  • Münster Allerheiligen, Schaffhausen — Kloster von 1049, ab 1090 gebaut: „der grösste romanische Sakralbau der Schweiz“, zwölf monolithische Säulen aus Rorschacher Sandstein; in den Klosterräumen das Museum zu Allerheiligen.
  • Die Schillerglocke von 1486 — „Vivos voco – Mortuos plango – Fulgura frango“: die Glocke, deren Inschrift Schillers „Lied von der Glocke“ das Motto gab. Du gehst am Original vorbei.
  • Klostergut Paradies, Schlatt — Klarissen ab 1257, seit 1918 im Besitz der Georg Fischer AG; heute Eisenbibliothek — die einzige Fachbibliothek der Schweiz zum Thema Eisenverarbeitung — samt Restaurant im Klostergut.
  • Diessenhofen — Stadtrecht 1178 für sechzig Höfe, gedeckte Rheinbrücke von 1816, Siegelturm mit astronomischen Uhrenscheiben; in seiner Burg lag das Diessenhofener Liederblatt von um 1400, der älteste erhaltene Nachweis eines mittelalterlichen Liedes.
  • Kloster St. Katharinental — 1242 von Beginen aus Winterthur gegründet, um 1280 schon 150 Nonnen, nach 1313 Wirkungsort Meister Eckharts; Barockkirche von 1732–1735, Klostermuseum. Das berühmte Graduale von um 1312 wurde 1958 für 368.000 Franken erworben — was du hier siehst, ist der Ort, nicht das Buch: Es liegt im Landesmuseum Zürich.
  • Stammheim — der Zündort: Hier begann im Sommer 1524 der Bildersturm, der als Ittingersturm die Kartause traf; Ostern 1525 folgte das Verbot „jeglicher Messen, Prozessionen und Wallfahrten“.
  • Seebachtal — Hüttwilersee, Hasensee und Nussbaumersee, Naturschutzgebiet seit 1966; von 1466 bis 1798 hielt die Kartause Ittingen hier die Gerichtsbarkeit — du läufst durch ihr Gericht.
  • Kartause Ittingen, Warth — 1150 Chorherrenstift, ab 1461 Kartäuser, 1848 aufgehoben; heute Kunstmuseum Thurgau, Ittinger Museum, Hotel mit 68 Zimmern, Käserei, Reben und Hopfen — das einzige Kloster am Weg, in dem du schlafen kannst.
  • Frauenfeld — „unserer lieben Frauen Feld“, benannt nach Maria als Patronin des Klosters Reichenau; Kantonshauptort mit rund vierzig Brücken und Stegen über die Murg.
  • Komturei Tobel — Johanniter ab 1228 am Ort, den man 762 als „Tegarascha“ zum ersten Mal aufschrieb; Dreiflügelanlage von Johann Caspar Bagnato (1744–1747), Bergfried als Glockenturm — und seit 2012 trägt das Gemeindewappen wieder das Johanniterkreuz.

Wie Pilger auf diesen Weg gelangen

Blumberg ist kein klassischer Pilgerknoten, und das ist gleich die erste Ehrlichkeit: Du kommst hier normalerweise mit der Bahn an, nicht zu Fuss. Wer trotzdem zu Fuss anschliessen will, findet die Anschlüsse im weiteren Umfeld: Aus Ulm führt der Oberschwäbische Jakobsweg in 159 Kilometern zum Konstanzer Münster — dorthin, wo der Schwabenweg beginnt, auf den dein Weg in Tobel trifft. Und zwischen Neckar und Bodensee liegt das Netz der Via Beuronensis mit sechs Routen, seit 2004 ausgeschildert und seit 2009 in Santiago anerkannt; ihr Hegauer Ast erschliesst die Gegend westlich des Bodensees.

Reine Wanderlogik führt ebenfalls nach Blumberg: Ostweg, Schluchtensteig und der Schwarzwald-Querweg Freiburg–Bodensee kommen hier zusammen — wer von einem dieser Fernwege umsteigen will, steht schon am Start. Und wer die Via Jacobi kennt und die Ostschweiz mag: Dieser Weg ist ihr Zubringer aus dem Süddeutschen, nicht ihr Teilstück. Die Verwandtschaft merkst du erst am letzten Tag, wenn du in Tobel auf die alte Pilgerstrasse triffst.

Weiterpilgern?

Tobel ist keine Sackgasse, sondern eine Kreuzung. Die Komturei liegt, wörtlich, „an der Pilgerstrasse (Schwabenweg) von Konstanz nach Einsiedeln“ — und diese Strasse geht weiter. Eine Tagesetappe hinter dem Ziel liegt Kloster Fischingen, 1138 vom Konstanzer Bischof gegründet, ausdrücklich um Pilgern zwischen Konstanz und Einsiedeln Unterkunft zu bieten — derselbe Auftrag wie in Tobel, nur benediktinisch statt johannitisch. Dort steht seit 1496 das monumentale Tischgrab der heiligen Idda von Toggenburg — jener Familie, die auch Tobel stiftete —, dort leben wieder zehn Benediktiner, und dort gibt es, was der ganze Weg nicht hat: eine Pilgerherberge, dazu eine Klosterbrauerei mit der Marke „Pilgrim“. Von den sechs Klöstern am Weg nimmt keines mehr Pilger auf; das erste, das es wieder tut, liegt fünfzehn Kilometer hinter dem Ziel. Häng sie an.

Danach führt der Schwabenweg über Rapperswil nach Einsiedeln, dem grössten Wallfahrtsort der Schweiz mit rund 800.000 Pilgern und Besuchern im Jahr — begründet durch die Engelweihe vom 14. September 948. Ab dort übernimmt die Via Jacobi als nationale Route 4: 645 Kilometer, 33 Etappen, vom Bodensee bis Genf. In Genf beginnt die Via Gebennensis, in Le Puy-en-Velay die Via Podiensis, und in den Pyrenäen der Camino Francés. Wer stattdessen die Ostschweiz weiter erwandern will, findet mit dem Appenzeller Weg die andere Zulaufroute auf Einsiedeln. Vier Tage bis Tobel — und dann hast du die Wahl zwischen einem Grab, einer Wallfahrt und 2.500 Kilometern.

Vorbereitung & Praktisches

Die wichtigste Vorbereitung ist der Track. Für diesen Korridor ist kein durchgehendes eigenes Wegzeichen belegt: In der Schweiz gehst du auf den gelben Wanderwegweisern, auf deutscher Seite überlagern sich Ostweg, Schluchtensteig und Querweg Freiburg–Bodensee. Lade dir die Camino Ninja App mit der kompletten Route, und plane die Übergänge Randen–Rheintal und Seerücken–Seebachtal vor dem Losgehen durch — solche Lücken plant man vorher weg, nicht unterwegs. Beste Zeit: April bis Oktober; Ende April zur Obstblüte ist Mostindien am schönsten.

Zwei Praxisdinge unterscheiden diesen Weg von anderen. Erstens das Wasser am ersten Tag: Der Randen gehört mit 760 bis 800 Millimetern Jahresniederschlag zu den trockensten Gebieten der Schweiz, die Hochfläche ist Kalk, und Kalk hält kein Wasser oben — zwei Liter mitnehmen, nicht einen. Zweitens die Öffnungszeiten: Von den sechs Klöstern ist eines Museum, eines Klinik, eines Firmenbibliothek, eines Massnahmenzentrum — du kommst nicht überall gleich weit hinein. Zeit einplanen solltest du für das Museum zu Allerheiligen, das Klostermuseum St. Katharinental sowie Kunstmuseum Thurgau und Ittinger Museum in der Kartause; für Kalchrain gilt: von aussen ansehen, nicht klingeln.

Unterkunft buchst du vorher, und zwar aus einem speziellen Grund: Das eine Klosterquartier am Weg, die Kartause Ittingen, ist zugleich ein Seminarhotel mit 68 Zimmern — an Tagungstagen ist es voll. In Tobel gibt es keine Pilgerherberge mehr (2007 wiedereröffnet, inzwischen wieder geschlossen), und die wenigen Betten im Ort sind schnell vergeben — plane den letzten Abend aktiv: Wil oder Weinfelden per Bahn, oder gleich weiter nach Fischingen. Grenzformalitäten gibt es keine, aber die Schweiz rechnet in Franken; Karten funktionieren fast überall, etwas Bargeld für Brunnenkassen und Hofläden ist trotzdem praktisch. Und plane deine Tagesetappen vorher durch, weil sich die Etappen nach den Betten richten müssen — am einfachsten gelingt das direkt in der Camino Ninja App, in der du deine Etappen zusammenstellst und passende Unterkünfte gleich mit einplanst.

Was dich der Weg kostet

Ehrliche Vorwarnung: Das ist ein Schweizer Weg ohne Pilgerherbergen — wer in Herbergspreisen denkt, rechnet hier falsch. Als Orientierung (Stand August 2026): Doppelzimmer in Gasthöfen und Stadthotels liegen meist bei 140 bis 220 CHF, Einzelzimmer bei 100 bis 170 CHF; das Klosterquartier in der Kartause Ittingen liegt im oberen Bereich dieser Spanne. Ein Tagesmenü kostet 20 bis 30 CHF, ein Abendessen 30 bis 50 CHF, ein Kaffee 4.50 bis 5.50 CHF; wer sich aus dem Supermarkt versorgt, kommt mit 15 bis 25 CHF am Tag durch die Verpflegung. Realistisch landest du bei 130 bis 180 CHF pro Tag im Doppelzimmer mit einer warmen Mahlzeit — auf vier Tage also etwa 520 bis 720 CHF pro Person plus Anreise; sparsam geht es ab etwa 100 CHF am Tag. Museumseintritte planst du mit 10 bis 20 CHF je Haus ein, die Anreise nach Blumberg rechnet in Euro, die Rückreise ab Tobel in Franken. Alle Angaben sind Schätzkorridore für die Budgetplanung, keine Tarife — prüfe vor der Buchung die aktuellen Preise.

Anreise

Die Anreise ist hier keine Pflichtübung, sondern die erste Attraktion: Start ist Blumberg-Zollhaus — derselbe Bahnhof, an dem die Sauschwänzlebahn abfährt, die Museumsbahn nach Weizen, die sich seit ihrem ersten Museumszug am 19. Mai 1977 mit Kehrschleifen und Tunneln durch den Hang windet. Wer einen halben Tag Puffer hat, fährt sie vor dem Losgehen. Regulär erreichst du Blumberg mit dem Ringzug ab Immendingen, Tuttlingen oder Rottweil (Haltepunkte u. a. Zollhaus, Epfenhofen und Riedöschingen); aus dem Fernverkehr steigst du in Singen oder Donaueschingen um — das gilt auch für die Anreise aus der Schweiz über Schaffhausen.

Vom Ziel weg ist es noch einfacher: Tobel-Tägerschen hat zwei eigene Bahnhöfe — Tobel-Affeltrangen und Tägerschen, beide an der Linie Weinfelden–Wil. Nach Süden bist du in Minuten in Wil SG am Fernverkehr Richtung Zürich und St. Gallen, nach Norden in Weinfelden mit Anschluss nach Kreuzlingen, Konstanz und Romanshorn. Der nächste Grossflughafen ist Zürich, rund eine Stunde von Wil; von deutscher Seite kommen Stuttgart, Basel und Friedrichshafen in Frage.

  • Bahn zum Start: Ringzug ab Immendingen / Tuttlingen / Rottweil bis Blumberg-Zollhaus; Fernverkehrsumstieg in Singen oder Donaueschingen (auch aus der Schweiz via Schaffhausen).
  • Bahn vom Ziel: Bahnhöfe Tobel-Affeltrangen und Tägerschen an der Linie Weinfelden–Wil; Anschluss in Wil SG (Zürich, St. Gallen) und Weinfelden (Konstanz, Romanshorn).
  • Flughäfen: Zürich (ca. 1 h bis Wil), Stuttgart, Basel, Friedrichshafen.
  • Ausstiegspunkte unterwegs: Epfenhofen (Ringzug), Schaffhausen (Bahnknoten), Diessenhofen (Bahnhof seit 1894), Frauenfeld (Bahn nach Zürich, Winterthur, St. Gallen).
  • Kuriosität für den Anreisetag: Sauschwänzlebahn Zollhaus–Weizen — Museumsbetrieb seit dem 19. Mai 1977, Abfahrt am Startbahnhof des Weges.
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