Via Francigena (Schweiz)
195 Kilometer und 8.200 Höhenmeter von der Grenze bei Ballaigues über Lausanne, die Weinterrassen des Lavaux und das Rhonetal hinauf zum Grossen Sankt Bernhard — mit 2.469 Metern der höchste Punkt der gesamten Via Francigena von Canterbury bis Rom. Sieben der Etappenorte stehen namentlich in der Liste, die Erzbischof Sigerich von Canterbury im Jahr 990 aufschrieb: Du gehst hier keine rekonstruierte Route, du gehst eine Handschrift ab.

- 01Auf einen Blick
- 02Überblick
- 03Sieben Namen in einer englischen Handschrift
- 04Andere Namen
- 05Für wen ideal – und für wen eher nicht
- 06Streckenverlauf & Landschaft
- 07Etappen, Gelände & Schwierigkeit
- 08Highlights am Weg
- 09Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
- 10Weiterpilgern?
- 11Vorbereitung & Praktisches
- 12Was dich der Weg kostet
- 13Anreise
Auf einen Blick
- Start / Ziel: Ballaigues (861 m, Grenze bei Jougne) → Col du Grand-Saint-Bernard (2.469 m) — der höchste Punkt der gesamten Via Francigena von Canterbury bis Rom
- Länge: 195,0 km
- Höhenmeter: ↗ 8.200 m / ↘ 6.614 m — 42 Höhenmeter pro Kilometer: Der Weg fällt erst zum Genfersee ab (tiefster Punkt Vevey, 383 m) und steigt dann über 2.000 Meter zum Pass
- Dauer: 10 Etappen, 10–12 Tage — die ersten sieben Etappen bleiben unter 500 Metern Höhe, die letzten drei heben dich um rund 2.000 Meter
- Beste Zeit: Ende Juni bis Mitte September — die Passstraße ist nur von Juni bis September offen, im Winter liegen oben bis zu zehn Meter Schnee
- Wegzeichen: ViaFrancigena, SchweizMobil-Route 70 (regionale Wanderland-Route, durchgehend signalisiert), dazu das Via-Francigena-Logo
- Pilgerdokumente: Credenziale der Association Suisse de la Via Francigena, CHF 8.00; das Testimonium gibt es erst in Rom — nicht auf dem Pass, und es ist kein Compostela
- Anschluss: in Ballaigues übergibt die Via Francigena (Frankreich), auf dem Pass übernimmt die Via Francigena (Italien); in Lausanne kreuzt die Via Jacobi Richtung Santiago
- Charakter: Rom-Weg, kein Jakobsweg — zehn Etappen, deren Ortsnamen seit 990 in einer englischen Handschrift stehen; kein Herbergsnetz, dafür ein Hospiz auf 2.469 Metern, das seit rund 1050 in Betrieb ist
Überblick
Die Via Francigena (Schweiz) ist das Alpenstück der großen Rom-Linie von Canterbury: 195,0 Kilometer von Ballaigues an der französischen Grenze über Orbe, Lausanne, die Weinterrassen des Lavaux und das Rhonetal hinauf zum Col du Grand-Saint-Bernard — mit 2.469 Metern der höchste Punkt der gesamten Strecke bis Rom. Dazwischen liegen 8.200 Höhenmeter im Aufstieg, 42 pro Kilometer, und sie verteilen sich mit Ansage unfair: Sieben Etappen tut der Weg so, als wäre er eine Genfersee-Wanderung, dann heben dich die letzten drei um rund 2.000 Meter. Und er hat etwas, das kaum ein anderer Weg unseres Bestands hat: Seine Ortskette steht seit über tausend Jahren schwarz auf weiß in einer englischen Handschrift. Erzbischof Sigerich von Canterbury notierte 990 auf dem Heimweg von Rom 80 Etappenorte — sieben davon liegen in der Schweiz, in genau der Reihenfolge, in der du sie abgehst. Du gehst nicht auf einer rekonstruierten Route. Du gehst eine Liste ab.
Das Finale hat die längste Vorgeschichte des Weges: Auf der Passhöhe stand ein Jupitertempel, in dem dem keltischen Gott Poeninus rund 50 Bronzetäfelchen geopfert wurden; seit etwa 1050 steht dort das Hospiz des Bernhard von Aosta, und die Augustiner-Chorherren betreiben es bis heute — bis 1940 kostete die Nacht nichts. Der Codex Calixtinus, der Pilgerführer nach Santiago, zählte es um 1135 zu den drei „Säulen der Welt“, neben Jerusalem und Santa Cristina am Somport. Und damit zur Ehrlichkeit, die dieser Weg verdient: Das hier ist kein Jakobsweg. Der Apostel am Ende der Linie heißt Petrus, das Dokument am Ziel Testimonium, nicht Compostela — 2025 wurden in Rom gut 12.000 davon ausgestellt, in Santiago im selben Jahr 530.987 Compostelas. Das ist ein Verhältnis von 44 zu 1, und es ist keine Warnung, sondern ein Angebot: Du wirst hier nicht anstehen.
Sieben Namen in einer englischen Handschrift
990 reiste Sigerich, Erzbischof von Canterbury, nach Rom, um von Papst Johannes XV. das Pallium zu empfangen. Aufgeschrieben ist nur der Rückweg: 80 Etappenorte, gut 1.700 Kilometer, festgehalten in einem Manuskript der British Library (Cotton Tiberius B.v), überschrieben mit „Iste sunt submansiones de Roma usque ad mare“ — dies sind die Etappenorte von Rom bis zum Meer. Sieben dieser submansiones liegen in der Schweiz, und sie stehen in der Reihenfolge, in der du sie abgehst: XLIX Petrescastel (Bourg-Saint-Pierre), L Ursiores (Orsières), LI sancte Maurici (Saint-Maurice), LII Burbulei (Versvey), LIII Uiuaec (Vevey), LIIII Losanna (Lausanne), LV Urba (Orbe). Bei LVI Antifern — heute Jougne — wechselt die Liste nach Frankreich: exakt die Grenze, an der die Via Francigena (Frankreich) den Weg an diesen Abschnitt übergibt und dein erster Tag beginnt. Diese Übergabe ist nicht verwaltungstechnisch, sie ist verbrieft — seit 990. Und die Namen sind gesprächig: Urba klingt nach urbs, nach Stadt — kommt aber vom keltischen orobis und heißt schlicht Fluss. Der Erzbischof notierte keine Stadt, sondern einen Fluss. Und Ursiores hieß um 972 noch Pons Ursarii, die Bärenbrücke.
Die Liste ist kein Nachruf auf etwas Verschwundenes — sie wurde bebaut, während ihr Autor noch lebte. In Romainmôtier, dem lohnendsten Halt der zweiten Etappe, steht eine Abteikirche nach Cluniazenser-Vorbild, erbaut zwischen 990 und 1028 — begonnen also im Jahr, in dem Sigerich die Schweiz durchquerte. Und in Bourg-Saint-Pierre, seinem Petrescastel, errichteten die Leute 1011 bis 1019 den Kirchturm, den die Gemeinde heute den ältesten des Wallis nennt. Der Weg wurde nicht rekonstruiert — er wurde bebaut, während der Erzbischof noch unterwegs war. Das älteste Haus am Weg ist sogar fünf Jahrhunderte älter: Am 22. September 515 gründete der Burgunderkönig Sigismund die Abtei Saint-Maurice an den Gräbern der thebäischen Legionäre — das älteste ohne Unterbrechung bestehende Kloster des Abendlandes. Die Legende dahinter erzählt Bischof Eucherius von Lyon um 430–440: 6.600 Soldaten verweigern dem Kaiser den Befehl, und ihre Antwort ist ein Loyalitätsbekenntnis mit Grenzziehung in einem Satz: „Als Soldaten gehören wir, Kaiser, Dir, sind aber auch Knechte, wie wir freimütig gestehen, Gottes.“ Moderne Althistoriker bestreiten, dass es diese Legion je gab — und genau darin liegt die Pointe: Ob die 6.600 Mann existierten, ist offen. Dass an diesem Ort seit 515 ohne Unterbrechung gebetet wird, ist keine Legende, sondern Institutionsgeschichte. Auch beim berühmten laus perennis, dem Tag und Nacht rotierenden Chorgesang, bleiben wir präzise: Er begann 522/523 und endete in seiner ursprünglichen Form im 9. Jahrhundert — ununterbrochen ist seither die Gebetstradition des Hauses, nicht der Vierundzwanzig-Stunden-Gesang. Die ehrliche Version ist ohnehin die stärkere.
Und der Zielpunkt ist älter als jeder Name auf der Liste. Auf 2.469 Metern, dem höchsten Punkt der gesamten Via Francigena, stand ein Tempel von 7,4 auf 11,3 Metern für den keltischen Gott Poeninus, den die Römer mit Jupiter gleichsetzten — rund 50 Bronzetäfelchen wurden ihm geopfert, dazu keltische Münzen; die Funde liegen heute im Hospizmuseum, das Heiligtum wurde 394 zerstört, und der Pass hieß fortan Mons Iovis, Jupiterberg — französisch Mont-Joux. Um 1049/1050 gründete Bernhard von Aosta an derselben Stelle ein Hospiz, dessen Grundsatz überliefert ist: „Ihr Haus stand jedem offen, der über den Pass zog, ungeachtet seiner gesellschaftlichen Stellung.“ Es läuft heute noch. Der Codex Calixtinus zählte es um 1135 zu den drei Hospizen, die der Herr „als Säulen in dieser Welt eingesetzt“ habe, „die zum Unterhalt seiner Armen höchst notwendig sind“ — neben Jerusalem und Santa Cristina am Somport (Liber V, Kapitel IV). Der Reiseführer nach Santiago empfiehlt das Haus, in dem du auf dem Weg nach Rom schläfst. Und am anderen Ende, bei Ballaigues, liegen im Wald Römerstraßen-Reste und ein in den Fels gehauenes Karrengeleise für den Salztransport. Am ersten Tag gehst du in Wagenspuren, am letzten stehst du auf einem Opferplatz.
Andere Namen
Via Francigena heißt wörtlich „die Straße, die von den Franken herkommt“: Aus italienischer Sicht kam dieser Weg aus dem Frankenreich, und so wurde er benannt. Unser Seitenname Via Francigena (Schweiz) meint den Schweizer Abschnitt der großen Linie Canterbury–Rom; ältere deutsche Texte sagen auch Frankenweg oder schlicht Romweg — mit dem fränkischen Jakobsweg hat das nichts zu tun —, auf Französisch liest du Chemin des Francs. Im Schweizer Wanderwegnetz trägt der Abschnitt den Namen ViaFrancigena, Route 70 bei SchweizMobil: eine regionale Route (zweistellig — die nationalen Routen sind einstellig), aber durchgehend signalisiert, und genau das ist auf diesem Weg der entscheidende Praxisvorteil. Der Europarat erklärte die Via Francigena 1994 zum Kulturweg und 2004 zum Grand Itinéraire Culturel; das heutige Gesamtsystem misst 3.268 Kilometer von Canterbury bis Santa Maria di Leuca, koordiniert von der AEVF — deren Mitglied auch der Schweizer Trägerverein ist, die Association Suisse de la Via Francigena.
Für wen ideal – und für wen eher nicht
Dieser Weg ist etwas für dich, wenn du eine kurze, sehr dichte Fernwanderung mit einem echten Finale suchst: zehn Etappen, und jede hat ihr eigenes Thema — Jurastufe, Römervilla, Kathedrale, UNESCO-Weinberge, Rhonetal, das älteste Kloster des Abendlandes, eine Römerstadt, ein Alpental, ein Pass. Ideal auch, wenn du die ganze Via Francigena gehst und die Schweiz als Alpenglied dazwischenliegt — oder wenn du Geschichte belegt haben willst statt nur behauptet: Kaum ein Weg lässt sich so präzise auf eine Primärquelle zurückführen wie dieser auf Sigerichs Liste von 990. Und ideal, wenn du Ruhe magst: 2025 wurden auf der ganzen Via Francigena gut 12.000 Testimonium ausgestellt, in Santiago im selben Jahr 530.987 Compostelas. Auf zehn Etappen triffst du wahrscheinlich mehr Winzer als Pilger.
Ehrlich gesagt ist er aber nichts für dich, wenn dein Budget knapp ist — die Schweiz ist teuer, und ein Herbergsnetz wie in Spanien gibt es nicht: Du schläfst in Hotels, B&Bs und Jugendherbergen, punktuell in kirchlichen Quartieren. Nichts für dich ist er auch außerhalb des Sommers: Die Passstraße ist nur von Juni bis September offen, im Winter liegen oben bis zu zehn Meter Schnee, und die letzte Etappe ist alpines Gelände, kein Uferweg. Und nichts für dich, wenn du den Jakobsweg suchst — das hier führt nach Rom, das Ziel heißt Petrus, und am Ende gibt es kein Compostela, nur das Testimonium. Wer die Muschel will, biegt in Lausanne auf die Via Jacobi ab; wo das geht, steht unten.
Streckenverlauf & Landschaft
Der Weg beginnt bergab. Von Ballaigues auf 861 Metern — drei Kilometer von Vallorbe, unmittelbar an der Grenze bei Jougne — fällt er durch die Orbe-Schlucht mit ihren Wasserfällen hinunter nach Orbe auf 479 Meter, vorbei an der in den Fels gehauenen Salz-Karrenspur und an der größten römischen Gutshofanlage der Schweiz, deren Mosaiken bei Boscéaz an Ort und Stelle liegen. Dann Waadtländer Hügelland über Cossonay und den Jorat-Rücken hinab an den Genfersee nach Lausanne — von der Kathedralenterrasse siehst du zum ersten Mal, wohin es geht. Und dort kreuzen sich zwei Fernziele: Die Via Jacobi biegt westwärts Richtung Genf und Santiago, deine Route 70 ostwärts dem Seeufer nach Richtung Rom. Wer in Lausanne steht, entscheidet nicht über die nächste Etappe, sondern über den Apostel.
Ab Lausanne wird es spektakulär, ab Vevey konsequent bergauf. Erst das Lavaux: über 805 Hektar Weinterrassen über dem See, UNESCO-Welterbe seit 2007, angelegt seit dem 12. Jahrhundert — hier sammelst du unauffällig Höhenmeter, weil der Weg in den Rebmauern permanent auf und ab geht. Bei Vevey (383 m) ist der tiefste Punkt erreicht. Dann Rhoneebene und Chablais bis Aigle, die Talenge von Saint-Maurice mit der Abtei von 515, der scharfe Knick des Rhonetals beim römischen Martigny — und dann verlässt der Weg das Tal endgültig und steigt ins Val d'Entremont: Orsières, Bourg-Saint-Pierre auf 1.632 Metern und zuletzt, durch die Combe des Morts, der Col du Grand-Saint-Bernard auf 2.469 Metern. Von Vevey bis zum Pass sind es über 2.000 Höhenmeter netto. Der Name der letzten Mulde — die Mulde der Toten — ist übrigens kein Marketing.
Etappen, Gelände & Schwierigkeit
Hier musst du ausnahmsweise nichts selbst schneiden: Der Wegbetreiber gliedert den Schweizer Abschnitt in zehn Etappen, und genau so ist die Route 70 signalisiert — wer anders plant, kämpft gegen die Wegweiser und gegen die Unterkunftslage. 195,0 Kilometer machen im Schnitt 19,5 pro Tag, aber der Schnitt lügt: Die ersten sieben Etappen bleiben unter 500 Metern Höhe, die letzten drei heben dich um rund 2.000 Meter, und die Schlussetappe ist mit ca. 12 Kilometern die kürzeste und zugleich die härteste — 837 Höhenmeter am Stück, alpin, nur bei schneefreien Verhältnissen. Der Untergrund ist etwa zur Hälfte Naturweg, dazwischen Asphalt, vor allem im Rhonetal. Trainierte legen Etappe 1 und 2 zusammen (Ballaigues → Cossonay, ca. 36 km, überwiegend abwärts) — die oft empfohlene Alternative Aigle → Martigny in einem Tag kostet dich die Abtei Saint-Maurice, und das ist ein schlechter Tausch.
- Ballaigues → Orbe — ca. 16 km — Jurastufe abwärts von 861 auf 479 m, durch die Orbe-Schlucht mit Wasserfällen und Stromschnellen. Am Anfang die in den Fels gehauene Salz-Karrenspur, kurz vor Orbe die Mosaiken von Boscéaz.
- Orbe → Cossonay — ca. 20 km — Waadtländer Hügelland: über Croy zur Abteikirche Romainmôtier (erbaut 990–1028), dann via La Sarraz nach Cossonay — der lohnendste Ort des Weges liegt hier direkt an der Route.
- Cossonay → Lausanne — ca. 22 km — über den Jorat-Rücken hinab an den Genfersee. Ziel: Kathedrale Notre-Dame, geweiht 1275. Hier kreuzt die Via Jacobi.
- Lausanne → Vevey — ca. 24 km — die Schauetappe: Lavaux, UNESCO seit 2007, über 805 Hektar Terrassen über dem See, ständiges Auf und Ab in den Rebmauern. Tiefster Punkt des Weges: Vevey, 383 m.
- Vevey → Aigle — ca. 22 km — um das Seeende herum, dann Rhoneebene und Chablais. Ziel: Schloss Aigle (frühes 13. Jh., 1475 verbrannt), heute Weinmuseum.
- Aigle → Saint-Maurice — ca. 19 km — flach durchs Rhonetal zur Talenge. Ziel: die Abtei Saint-Maurice, seit 515 ohne Unterbrechung in Betrieb — Basilika, Katakomben, Schatzkammer. Der stärkste Halbtag des Weges.
- Saint-Maurice → Martigny — ca. 17 km — Rhonetal bis zum scharfen Talknick. Ziel: das römische Forum Claudii Vallensium — Amphitheater, Mithräum, dazu Barryland, das Museum der Bernhardiner.
- Martigny → Orsières — ca. 22 km — der Weg verlässt das Rhonetal und steigt ins Val d'Entremont, von ca. 471 auf ca. 900 m. Variante: die historische Höhenroute über Chemin-Dessus.
- Orsières → Bourg-Saint-Pierre — ca. 21 km — Bergdörfer im Entremont, stetig aufwärts auf 1.632 m. Ziel: Sigerichs Petrescastel mit dem ältesten Kirchturm des Wallis (1011–1019) und dem Konstantin-Meilenstein. Bett vorher buchen.
- Bourg-Saint-Pierre → Col du Grand-Saint-Bernard — ca. 12 km — Königsetappe: 837 Höhenmeter auf 2.469 m, das letzte Stück durch die Combe des Morts. Oben: Hospiz, Chorherren, Bernhardiner — und Italien.
Als offizielle Variante führt der Betreiber die Etappe 1bis ab Sainte-Croix nach Orbe (Bahnanschluss über Yverdon-les-Bains); Romainmôtier auf Etappe 2 ist dagegen kein Umweg — die Route läuft direkt an der Abteikirche vorbei. Auf Etappe 8 gibt es zusätzlich die alte Höhenroute über Chemin-Dessus. Und die wichtigste Planungsregel steht am Ende: Außerhalb von Juni bis September ist die Schlussetappe kein Wanderweg — dann gehst du bis Bourg-Saint-Pierre und nimmst den Bus durch den Tunnel (5,85 km, eröffnet 1964; zu Fuß ist er verboten). Das ist keine Schande, sondern die Regel.
Highlights am Weg
- Salz-Karrenspur bei Ballaigues — in den Fels gehauene Wagenspuren des historischen Salztransports, gleich am ersten Tag; im Wald daneben liegen erhaltene Römerstraßen-Reste.
- Mosaiken von Orbe-Boscéaz — neun Mosaiken an ihrem Originalstandort in einer Villa rustica von rund 170 n. Chr. auf 16 Hektar, das feinste Ensemble römischer Mosaiken nördlich der Alpen. Das Hauptstück (ca. 200–230 n. Chr.) zeigt die sieben Wochentagsgötter: Sieben Tage, sieben Götter — und du gehst über zehn Etappen an ihnen vorbei zu einem Apostelgrab.
- Abteikirche Romainmôtier (Etappe 2) — erbaut 990–1028, eines der ältesten romanischen Bauwerke der Schweiz, begonnen im Jahr von Sigerichs Durchreise; heute Kreuzungspunkt dreier Europarats-Kulturwege.
- Kathedrale Notre-Dame de Lausanne — geweiht 1275 in Anwesenheit von Papst Gregor X. und König Rudolf von Habsburg; das Portail peint (um 1225–1235) trägt noch seine Farbfassung. Und seit 1405 ruft der Guet nachts vom Turm jede Stunde aus — bis heute, über der Weggabelung zwischen Rom und Santiago.
- Lavaux — über 805 Hektar Weinterrassen über dem Genfersee, UNESCO-Welterbe seit dem 28. Juni 2007, Terrassen seit dem 12. Jahrhundert, Rebsorte Chasselas.
- Schloss Aigle — frühes 13. Jahrhundert, 1475 von den Bernern verbrannt und wiederaufgebaut, Bezirksgefängnis bis 1972, heute Museum für Rebbau und Wein. Und der Ortsname ist eine 850 Jahre alte Falle: Aigle kommt nicht vom Adler, sondern vom Personennamen Agil — das Wappen zeigt trotzdem zwei Adler, ein redendes Wappen auf Grundlage einer Fehldeutung. Die Stadt ist selbst der Übersetzungsfehler.
- Abtei Saint-Maurice — gegründet am 22. September 515 von König Sigismund, das älteste ohne Unterbrechung bestehende Kloster des Abendlandes; Basilika, Katakomben, archäologische Stätte und einer der reichsten Kirchenschätze Europas, darunter Gefäße aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. und eine goldene Kanne, Geschenk Karls des Grossen.
- Martigny — das römische Forum Claudii Vallensium mit Amphitheater und Mithräum; der Vorgängerort Octodurus steht schon bei Caesar. Dazu Barryland, die heutige Zuchtstation der Bernhardiner.
- Bourg-Saint-Pierre — Sigerichs Petrescastel: ältester Kirchturm des Wallis (1011–1019), am Kirchenfuß ein römischer Meilenstein für Kaiser Konstantin, der 24 römische Meilen bis Martigny nennt. Und eine offene Rechnung: Am 20. Mai 1800 zog Napoleon mit rund 40.000 Mann über den Pass, das Dorf lieferte unter anderem 22.000 Flaschen Wein — Napoleon zahlte nicht, hinterließ aber einen Schuldschein über 40.000 Franken. 1805 zahlte Frankreich 18.000; den Rest forderte die Gemeinde 1983 samt Zinsen von Mitterrand. Im Mai 1984 kam statt Geld eine Gedenkmedaille von fast einem Meter Durchmesser — angenommen, Fall nach 184 Jahren geschlossen. Schuldschein, Medaille und Brief liegen bis heute im Dorf.
- Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard — 2.469 m, höchster Punkt der ganzen Via Francigena; gegründet um 1049/1050, seit 1125 als Haus der Augustiner-Chorherren bezeugt, im Codex Calixtinus eine der drei „Säulen der Welt“ neben Jerusalem und Santa Cristina am Somport. Hier entstand ab dem 17. Jahrhundert die Bernhardiner-Zucht — der berühmteste Hund, Barry, soll über vierzig Menschen gerettet haben. Übernachten geht bis heute, und es ist der beste letzte Abend, den dieser Weg zu bieten hat.
Wie Pilger auf diesen Weg gelangen
Die natürlichste Ankunft ist zu Fuß: Die Via Francigena (Frankreich) kommt vom Ärmelkanal über die Champagne und den französischen Jura nach Jougne — und dort, an der Grenze oberhalb von Vallorbe, übernimmt der Schweizer Abschnitt bei Ballaigues. Das ist keine Verwaltungsgrenze, sondern eine verbriefte: In Sigerichs Liste von 990 ist Jougne die submansio LVI (Antifern) und Orbe die LV (Urba) — der Weg wechselt hier seit über tausend Jahren das Land, und unsere beiden Seiten übergeben ihn einander am selben Punkt wie die Handschrift.
Wer nicht die ganze Linie geht, steigt per Bahn ein — und dafür ist dieser Weg gebaut: Vallorbe ist Grenzbahnhof mit TGV-Halt (Lyria Lausanne–Paris), von dort sind es drei Kilometer nach Ballaigues; Orbe, Cossonay, Lausanne, Vevey, Aigle, Saint-Maurice und Martigny liegen alle an der Bahn, der Weg folgt über weite Strecken der Simplonlinie. Und in Lausanne wartet die interessanteste Weiche der Schweiz: Dort kreuzt die Via Jacobi, die nationale Route 4 von Rorschach zur französischen Grenze. Wer auf der Kathedralenterrasse steht, entscheidet nicht über die nächste Etappe, sondern über den Apostel — ostwärts Rom, westwärts Santiago. Deine Credenziale bestellst du vorab beim Schweizer Verein, sie kostet CHF 8.00.
Weiterpilgern?
Auf der Passhöhe endet dieser Weg nicht — er wird übergeben. Hinter dem Hospiz beginnt die Via Francigena (Italien): über Saint-Rhémy — Sigerichs Sancte remei, submansio XLVIII — hinunter ins Aostatal und weiter über die Poebene und die Toskana bis zum Petersdom, noch rund 1.000 Kilometer, und den höchsten Punkt der ganzen Strecke hast du dann bereits hinter dir. Wer die Linie von der anderen Seite aufrollt, findet vor Ballaigues die Via Francigena (Frankreich) bis hinauf an den Ärmelkanal. Am Ende steht in Rom das Testimonium — es gibt es nur dort, nicht auf dem Pass.
Und wenn dein Fernziel doch Santiago heißt, ist der Umstieg schon unterwegs eingebaut: In Lausanne kreuzt die Via Jacobi, 446 Kilometer von Rorschach an die französische Grenze. Ab Genf geht es als Via Gebennensis weiter, dann als Via Podiensis über Le Puy-en-Velay bis Saint-Jean-Pied-de-Port, wo der Camino Francés beginnt. Zwei Apostel, eine Kathedralenterrasse — die Entscheidung fällt in Lausanne, nicht am Ziel.
Vorbereitung & Praktisches
Das Zeitfenster ist eng, und daran ist nicht zu rütteln. Die Passstraße zum Grossen Sankt Bernhard ist nur von Juni bis September offen; im Winter liegen oben bis zu zehn Meter Schnee, das Jahresmittel auf der Passhöhe beträgt 4,3 Grad. Realistisch ist Ende Juni bis Mitte September — und selbst dann kann ein Sommerschneefall die Combe des Morts unbegehbar machen. Wer außerhalb dieser Zeit unterwegs ist, geht bis Bourg-Saint-Pierre und nimmt den Bus durch den Tunnel; zu Fuß ist der Tunnel verboten.
Ausrüstung wie im Gebirge, nicht wie am See. Die ersten sieben Etappen sind Talwanderungen mit Asphaltanteilen, die letzten drei alpines Gelände mit rund 2.000 Höhenmetern: knöchelhohe Schuhe mit Profil, Regen- und Windschutz, eine warme Schicht für die Passhöhe — dort ist es im August nachts einstellig — und ausreichend Wasser für Etappe 10. Wenn du im Hospiz im Schlafsaal übernachtest, ist ein Schlafsack Pflicht (in den Zimmern nicht); Handtücher bringst du in beiden Fällen selbst mit. Und Reservierung ist auf den Etappen 9 und 10 kein Nice-to-have: Bourg-Saint-Pierre ist ein Dorf auf 1.632 Metern mit wenigen Betten, das Hospiz im Sommer regelmäßig voll — solche Lücken plant man vorher weg, nicht unterwegs.
Papiere und Stempel. Du brauchst eine Credenziale; die des Schweizer Vereins kostet CHF 8.00. Stempel bekommst du in Pfarrämtern, Tourismusbüros, der Abtei Saint-Maurice — die eine eigene Pilgeraufnahme betreibt — und im Hospiz. Am Ende der Gesamtstrecke steht in Rom das Testimonium, nicht die Compostela, und rechne unterwegs mit Erklärungsbedarf: Bei 12.000 Testimonium gegen 530.987 Compostelas im Jahr 2025 weiß nicht jeder Wirt zwischen Orbe und Orsières sofort, was du willst. Plane deine Tagesetappen vorher durch, weil die Quartiere ungleich verteilt und im Sommer schnell voll sind — am einfachsten gelingt das direkt in der Camino Ninja App, in der du deine Etappen zusammenstellst und passende Unterkünfte gleich mit einplanst.
Was dich der Weg kostet
Die Schweiz ist teuer, und dieser Weg macht keine Ausnahme: Ein Herbergsnetz wie in Spanien gibt es nicht, du übernachtest überwiegend in Hotels, B&Bs, Gasthöfen und Jugendherbergen, punktuell in kirchlichen Quartieren. Rechne mit CHF 80–150 pro Tag (Stand: August 2026), Übernachtung mit Frühstück im Doppelzimmer gerechnet — wer allein reist, liegt am oberen Rand. Einzelposten als Anhaltspunkte: Jugendherberge CHF 40–70, einfaches Hotel oder B&B im Doppel CHF 100–170, Tagesmenü CHF 20–30, Kaffee CHF 4–5; rund um das Montreux Jazz Festival im Juli zieht die Riviera zwischen Lausanne und Vevey kräftig an — dort früh buchen. Sparen kannst du an drei Stellen: Selbstverpflegung aus Coop und Migros (der Weg läuft durch Städte, du kommst überall an Läden vorbei), kirchliche und einfache Pilgerquartiere deutlich unter Hotelniveau — und die Nacht im Hospiz auf dem Grossen Sankt Bernhard, Halbpension, deren aktuellen Preis du am besten direkt erfragst (+41 27 787 12 36); bis 1940 war die Bewirtung dort übrigens kostenlos. Die Credenziale kostet CHF 8.00, und wer mehrere Bahnfahrten plant — Anreise, Etappen-Ausstiege, Rückreise —, prüft das Halbtax-Abo oder den Swiss Travel Pass (alle Preise Erfahrungswerte, Stand: August 2026).
Anreise
Zum Start: Ballaigues liegt drei Kilometer nordöstlich von Vallorbe, und Vallorbe ist ein echter Bahnhof — Grenzbahnhof zwischen der Schweizer Linie aus Lausanne und der französischen Strecke nach Dijon, seit 1984 vom TGV Lausanne–Paris bedient (heute Lyria). Du fährst also nach Lausanne oder Genf, weiter nach Vallorbe und von dort mit dem Postauto nach Ballaigues. Wer über Frankreich anreist, kann auch in Jougne oder Pontarlier aussteigen und den letzten französischen Kilometer zur Grenze mitnehmen — dann beginnt dein Weg exakt an Sigerichs submansio LVI.
Vom Ziel zurück: Auf der Passhöhe stehst du auf 2.469 Metern an der italienischen Grenze, mit zwei Optionen. Nordwärts fährt in der Sommersaison der Bus hinunter nach Orsières, von dort die Bahn über Sembrancher nach Martigny (in Betrieb seit 1910) und weiter auf der Simplonlinie. Südwärts verbindet die internationale Buslinie Martigny–Aosta über den Pass; wer in Aosta aussteigt, steht direkt auf der Via Francigena (Italien) und hat Bahnanschluss Richtung Turin und Mailand. Wichtig: Die Passbusse fahren saisonal — Fahrplan vor der letzten Etappe prüfen, nicht danach.
- Anreise zum Start: Bahn nach Lausanne oder Genf, weiter nach Vallorbe (TGV Lyria aus Paris hält dort), dann Postauto nach Ballaigues (3 km); alternativ Etappe 1bis ab Sainte-Croix (Bahn über Yverdon-les-Bains).
- Zwischeneinstieg: Orbe, Cossonay, Lausanne, Vevey, Aigle, Saint-Maurice und Martigny liegen an der Bahn (Simplonlinie), Orsières erreichst du per Bahn ab Martigny via Sembrancher — der Weg lässt sich sauber in Wochenend-Stücke teilen.
- Rückreise vom Pass: nordwärts Bus nach Orsières, Bahn nach Martigny (nur Sommersaison) — südwärts Buslinie Martigny–Aosta, ab Aosta Bahn nach Turin/Mailand. Wenn der Pass zu ist: bis Bourg-Saint-Pierre gehen, dann Bus durch den Tunnel (zu Fuß gesperrt).
Hol dir deinen Pilgerausweis und die Muschel
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